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Als es für zwei Groschen Musik gab: Erinnerungen an Margot Hielscher

Als der Eurovision Song Contest in den fünfziger Jahren laufen lernte, stand Margot Hielscher als deutsche Vertreterin Pate und bereicherte mit ihrem Erfahrungsschatz den Concours. Mit ihrem Auftritt 1958 legte sie den Grundstein für die farbenfrohen und Accessoire reichen Darbietungen in der Geschichte des Wettbewerbs. Nun starb die Grande Dame der deutschen Unterhaltung im gesegneten Alter von 97 Jahren in München.

Geboren am 29. September 1919 in Berlin als Tochter eines Bankkaufmanns begann Margot Hielscher ihre berufliche Karriere mit einer Ausbildung zur Kostümbildnerin. Dadurch kam sie mit der Showwelt in Berührung und wurde für den Film „Das Herz einer Königin“ an der Seite von Zarah Leander, Willy Birgel und Axel von Ambesser entdeckt. Mit ihrem Schauspiel- und Gesangstalent empfahl sie sich für weitere Rollen.

Jedoch warfen die Kriegsjahre lange Schatten auf den beruflichen Werdegang der jungen Künstlerin. Auch wenn sie nicht dem Idealbild der deutschen Schauspielerin gemäß der nationalsozialistischen Gedankenwelt entsprach, konnte sie ihrer Passion für die Bühne folgen. Zudem bestritt sie Tourneen um die Truppen zu betreuen. Dabei blieb sie nicht vor der grausamen Realität des Krieges verschont. Sie erzählte in einem Interview, dass sie zu einem schwer verletzten Soldaten ins Lazarett gerufen wurde, der sich von ihr nochmals das Lied „Frauen sind keine Engel“ gewünscht hatte. In ihrer Gegenwart verstarb dieser junge Soldat.

YouTube Preview ImageMargot Hielscher – Frauen sind keine Engel

Ihr Leben in der Diktatur glich einem Drahtseilakt. Sie schaffte es, nicht in die Partei eintreten zu müssen. Unterstützt wurde sie durch so renommierte Stars wie Marianne Hoppe. Sympathien fand die hübsche Schauspielerin bei Künstlerkollegen wie Heinz Rühmann und Hans Albers.

Ihre Erfahrungen konnte Margot Hielscher Jahrzehnte später der Nachwelt in Dokumentationen wie „Hitlers nützliche Idole“ weitergeben.

Durch ihre gradlinige Haltung erhielt Margot Hielschers Karriere nach dem Krieg keinen Bruch und mit ihrem Gesangstalent brach sie nun die Herzen der amerikanischen Soldaten. Ihre Geschichte schrieb sie nieder und wurde in dem Streifen „Hallo Fräulein“ auf die Leinwand gebracht. Hierbei lernte sie ihren späteren Mann Friedrich Meyer kennen. 1959 heirateten die beiden und blieben sie zu Meyers Tod 1993 zusammen.

YouTube Preview ImageMargot Hielscher – Bei Dir war es immer so schön

Fast jedes Jahr war Margot Hielscher in einem neuen Film zu sehen. Zudem wurde das Fernsehen auf die Vielseitigkeit der Künstlerin aufmerksam. Sie erhielt eine eigene Talkshow unter dem Titel „Zu Gast bei Margot Hielscher“, wo sie hochkarätige Stars wie Romy Schneider, Gert Fröbe und Maurice Chevalier begrüßen durfte.

Ende der sechziger Jahre konnte dann auch die Serienwelt Margot Hielscher für sich gewinnen und sie trat in dem Klassiker „Salto Mortale“ in der Rolle der Gloria Strock auf.

Mit ihren 200 Fernsehproduktionen und 60 Spielfilme, zahllosen Untehaltungsshows- sowie Theater- und Musicalauftritten blieb sie über Jahrzehnte für den Zuschauer präsent. Hier sei unter anderem die Musicalproduktion „Follies“ von Stephen Sondheim in Berlin mit Eartha Kitt und Brigitte Mira genannt.

YouTube Preview ImageMargot Hielscher – Follies

Zu ihren letzten großen Serienhighlights gehörten die „Rivalen der Rennbahn“, welches im Stile vom Denver-Clan daherkam. Mit der Serie „Der Nelkenkönig“ verabschiedete sich Margot Hielscher 1994 von der Filmbühne, jedoch der Theaterwelt blieb sie erhalten.

Seit 1942 lebte sie in München. Zunächst allein, später mit ihrem Mann Friedrich Meyer und ihren Hunden.

Friedrich Meyer zeichnete sich auch verantwortlich für Margot Hielschers Versuche den Eurovision Song Contest für Deutschland zu gewinnen. 1957 setzte sie sich mit 36 Punkte gegen drei Konkurrenten, unter anderem Paul Kuhn, national durch und holte im Großen Sendesaal der Hessischen Rundfunks beim internationalen Wettbewerb am 3. März Platz 4 mit 8 Punkten. Den Text zu diesem Lied lieferte der Vater von Ralph Siegel, nämlich Ralph Maria Siegel.

YouTube Preview ImageMargot Hielscher – Telefon, Telefon

Ein Jahr später trat sie national gegen neun Konkurrenten an. Ihre größte Gegnerin war die Braut der sieben Meere Lale Andersen. International lief es dann in den AVRO-Studios in Hilversum am 12. März nicht so gut. Nur 5 Punkte auf Platz 7 gab es für den Auftritt von „Für zwei Groschen Musik“, zu welchem Fred Rauch und Walter Brandin den Text verfassten. Jedoch legte Margot Hielscher mit ihrer Darbietung, wo sie mit einer Scherpe um die Schulter und einer Single in der Hand auf der Bühne stand, den Grundstein für den typischen Charakter des Eurovision Song Contests. Ein einfaches Lied reicht nicht immer aus, man will auch was fürs Auge haben.

YouTube Preview ImageMargot Hielscher – Für zwei Groschen Musik

1985 holte man zur Feier von 30 Jahre Eurovision Song Contest Margot Hielscher nochmals auf die Bühne. Mit 11 weiteren deutschen Teilnehmern präsentierte sie die hoffnungsvollen Talente in „Ein Lied für Göteborg“ und war Patin von Danny Fischer, der mit „Kinder der Erde“ von Joe Pöhlmann und Robert Jung auf Platz 7 mit 3220 Punkten landete. Den sogenannten Interval-Act bestritten die 12 Ehemaligen in einem grandiosen Medley aller deutscher Beiträge bis einschließlich 1984.

YouTube Preview ImageEin Lied für Göteborg Margot Hielscher bei Minute 24

Margot Hielscher hat mit ihrem Schaffen Film-und Fernsehgeschichte geschrieben. Sie war eine beeindruckende Künstlerin, die auch im hohen Alter noch klar ihre Standpunkte vertrat und mit ihrem Charme und Humor begeistern konnte. Sie repräsentierte musikalisch würdevoll und mit Klasse Deutschland in einem Europa, dessen Wunden noch längst nicht verheilt waren. Auch wenn es den Groschen schon nicht mehr gibt, „für zwei Groschen Musik“ wird den Fans in Erinnerung bleiben.

YouTube Preview ImageMargot Hielscher – Rumbadi-Bumbadi-Cha-Cha-Cha

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5 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Mariposa

    23.08.2017 | 08:44

    So wünscht es sich wohl jeder, von dieser Erde gehen zu dürfen, in gesegnetem Alter friedlich einzuschlafen. Frau Hielscher war eine sehr angenehme und elegante Erscheinung, selbst mit über 80 Jahren noch attraktiv.

  2. Ansgar

    23.08.2017 | 12:25

    Vielen Dank für den schönen Artikel!
    Ich empfehle die sehr interessante WDR-Dokumentation „Herr Alsmann trifft Frau Hielscher“. Schade, dass diese nirgendwo mehr online ist. Müsste man eigentlich anlässlich des Todes kurzfristig ins Programm aufnehmen.

  3. Frederic

    23.08.2017 | 15:10

    Schöner Nachruf auch. Toll auch mal „Ein Song für Göteborg“ zu sehen. Muss ich wohl verpasst haben – alles in allem eine ziemlich sehenswerte Show (auch wenn Hielschers Text ein wenig konfus geriet). Macht gleich doppelt wehmütig, wenn man sieht, wieviele von den Beteiligten Margot Hielscher bereits überlebt hat …

  4. MoleL

    23.08.2017 | 19:06

    Toller Beitrag!
    Und dabei gehört „Für zwei Groschen Musik“ für mich zu den wirklich liebsten deutschen Beiträgen.

  5. Meikel

    25.08.2017 | 15:54

    Die Dokumentation „Herr Alsmann trifft Frau Hielscher“ läuft heute, den 25.8.2017, auf WDR um 23.25 Uhr.

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