“Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, abstimmen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich!” Mit diesen Worten war Anke Engelke eine der ganz wenigen Menschen, die sich im Rahmen des ESC 2012 politisch geäußtert haben. Viele fanden das bewundernswert. So oder so war es mutig! Was sagen die deutschen Journalisten dazu? Hier ein Meinungsbild aus deutschen Medien.
Aber vorher noch mal Ankes “Ansprache” - im Original:
Was ich in den ersten Tagen nach dem ESC so von Freunden mitbekommen habe, war vor allem Hochachtung gegenüber Anke Engelke. Die Art und Weise -und vor allem, dass sie was gesagt hat – freute die meisten.
Aber die Reaktionen kamen auch noch ganz woanders her. Ganze Zeitungsartikel beschäftigten sich am gestrigen Dienstag mit diesem einen Thema. Ich hatte aufgrund meiner Suche nach ESC Reportagen einige gekauft und stieß immer wieder auf Ankes Auftritt und die Reaktionen hierauf.
Der Tenor war fast durchgängig ganz klar: Anke Engelke rettet die Ehre des ESC!
Ob man sich nun gleich so weit aus dem Fenster lehnen muss, sei mal dahin gestellt. Aber zumindest hat Anke es geschafft, was sich die EBU in den ganzen letzten Monaten nicht getraut hat: Stellung zu beziehen, ohne Aserbaidschan zu brüskieren.
Im Grunde war es ein perfektes Feedback:
a) beginne mit Lob: “Thank you for your sweet performance”
b) gehe dann über in die konstruktive Kritik: siehe oben
c) und ende mit einem positiven Ausblick: “Good luck for your journey”
Sie hat in die 5 Sekunden alles rein gepackt, was ging.
Anke hat der vollständig durchinszenierten Show einen Überraschungsmoment geschenkt, der nicht vorherzusehen war. So dass auch keiner einschreiten hätte können.
Selbst die Dauergrinser vom Dienst mussten kurz schlucken, man kann es erahnen. Ich hab mal versucht es einzufangen:
Leyla schaut ein wenig “schockiert”…
Anyway – ich will nicht weiter abschweifen. Zurück den Zeitungsberichten:
Wie gesagt, die meisten Journalisten überhäufen Anke nur so mit Lob, so schreibt die Hamburger MoPo (Dienstag 29. Mai):
“Doch Anke Engelke (46) verzichtete auf Lobhudelei, nutzte die wenigen Sekunden für einen deutlichen Seitenhieb an das korrupte Land – und rette damit die Ehre des Grand Prix.”
Die FAZ (Dienstag, 29. Mai) hielt sich ein wenig bedeckter und berichtet nur neutral von Ankes Punktevergabe. Aber auch hier geht aus dem Gesamtkontext hervor, dass der Autor Ankes Ansprache befürwortet. Und die FAZ eine der wenigen Zeitungen, die auch über das Engagement von Loreen berichtet, die sich in Baku auch mit Oppositionellen getroffen hat:
“Die (Anm. des Autors: Präsidialverwaltung des Präsidenten Alijew) erhob sogar Einspruch bei der EBUm nachdem sich die 28jährige (Anm. des Autors: Loreen) mit mehreren Menschenrechtsaktivisten getroffen hatte. Die Regimekritiker hatten Loreen zwar auch zu überreden versucht, sich während ihres Auftritts für sie einzusetzen. Doch das unterließ die Sängerin lieber.”
Voll auf der Linie der Hamburger MoPo war die Lokalzeitung aus Esslingen (Dienstag 29. Mai):
“Der Musikwettbewerb diente dem Regime als wichtige Image-Veranstaltung, auf die kein Schatten fallen sollte. In der glanzvollen Show, die der Präsident mit seiner Familie (…) verfolgte, wurden die Probleme weggelächelt und weggetanzt. Kein Wörtchen zu Demokratie und Freiheit, keine Geste zu Menschenrechten sollte die perfekte Inszenierung stören – den Teilnehmern sind politische Botschaften ohnehin vom Veranstalter (…) verboten. Doch dann kam Anke Engelke…”
Spiegel online schrieb:
“Den Moderatoren blieb gar nichts anderes übrig, als diese kleine politische Demonstration einfach wegzulächeln.”
In der Twitter-Gemeinde, wird sie als die Siegerin der Herzen gefeiert.
Jedoch sind nicht alle überschäumend vor Begeisterung:
Ein Autor der Stuttgarter Zeitung, der sich ebenfalls am Dienstag über dieses Thema ausließ, gab Anke für ihren Auftritt lediglich einen von 12 Punkten:
“Ein Punkt geht an Anke Engelke, die deutsche Punktverlesefee. Sie war die Einzige aus den 42 Ländern, die sich bei der Durchgabe der Wertungen einen (…) erhobenen Zeigefinger nicht verkneifen konnte. Gute Ratschläge kann man als Deutsche ja gar nicht genug erteilen, und deshalb gibt es nur diesen einen Gnadenpunkt.”
Puh – das war jetzt echt ne Menge, ich hoffe, Ihr lebt noch… Aber bevor Ihr weiter klickt – was meint Ihr zu Anke, und ihrer Durchsage? Nill points – oder doch vielleicht douze points?



























31.05.2012 | 00:43
Voll auf die 12!
Ich war echt sprachlos (im positiven Sinne), als Anke ihre Ansprache beendet hatte. Dass sie es geschafft hat, die Kritik nicht als Vorwurf vorzubringen, sondern einen hoffnungsvollen Ton wählte, ist einfach großartig. Aserbaidschan wurde viel kritisiert, zurecht. Was aber auch in einigen Berichten zur Sprache kam, ist, dass sich dieses Land noch in einer Entwicklung befindet, zu der der ESC mit all den Medien im Gepäck hoffentlich beigetragen hat und noch weiter beitragen wird, damit diese nicht aufhört. Und dafür hat Anke genau die richtigen Worte gewählt.
“Good luck on your journey, Azerbaijan! Europe is watching you!”
31.05.2012 | 00:52
Ell findet Ankes Aktion gut.
danke für diese zusammenfassung, armen. kleine ergänzung zum thema dauergrinser:
ich hatte zufällig die gelegenheit nach der show mit dem moderator ell ein paar sätze zu wechseln. und auf meine frage, ob er von ankes aktion wusste meinte er: “nein, wusste ich nicht. aber sie hat das gut gemacht. ich mag es.”
fand ich insofern bemerkenswert, als dass er ja auch ohne (positive) wertung auf meine frage hätte antworten können.
31.05.2012 | 10:00
Man sollte auch den Artikel von Hans Hoff aus der SZ nicht überlesen. Jan Feddersen hat Auszüge gebracht und wie folgt kommentiert:
Den Höhepunkt vorurteilsgeladener Berichterstattung liefert der Kollege Hans Hoff, der für die Süddeutsche Zeitung tatsächlich an Ort und Stelle war und nicht, wie andere ästhetische und politische Urteile von gepolsterten deutschen Schreibtischen aus formulierten. Die SZ jedenfalls verlegte sich ins Allgemeine mit der Anfangsaussage “Die Karawane zieht weiter”, teilt aber auch mit, dass “Anke Engelkes Worte wirken wie Kabarett in der DDR. Andeutungen müssen reichen”. Ja, wollte er denn ein von einer Tribüne herausgegröltes Fanal? Eine Selbstverbrennung, eine Selbstentleibung, damit der Clan der Alijews endlich begreifen, wie sehr wir unter deren Verhältnissen litten und ja noch leiden? Und weil das alles so deutsch-inspiriert geschrieben und gedacht ist, glaubt Hoff auch noch: “Am 18. Mai 2013 wird somit ein ESC-Finale (in Schweden) stattfinden, in dem sich die Fans wieder konzentrieren können auf das wundersame Missverhältnis von großer technischer Brillanz in der Durchführung einer Show und allerdünnsten musikalischen Inhalt.” Man lese es so: Er mag die Musik ohnehin nicht, lässt nur die eigenen Vorlieben gelten und weiß schon jetzt, dass alles schlimm wird.
31.05.2012 | 11:32
Also ich muss schon sagen, dass ich die Aktion gut fand und finde.
Auch finde ich was Loreen gemacht hat voll ok und eine Ausschließung aus dem ESC wäre eine farce gewesen!
Auch noch anzumerken finde ich Tooji, der auch passiven Widerstand geleistet hat.
Dazu ist mir aufgefallen dass auch noch FINLANND und SCHWEDEN indirekt protestiert haben. Bei Scweden muss man den Sketch aus dem Melodifestivalen gesehen haben um das mit Azerbai…Azerbaij..Bakuuuu
zu verstehen..und bein Finalannd wechselten ja die Bilder schön im Hintergrund als Anspielung auf die Postkarten.
Nichtsdestotrotz denke ich dass man in zwei Wochen kaum noch nach Azerbaijan gucken wird. Die einzigen denen ich das zutraue sind Sendungen wie PlusMinus, ZAPP oder das Auslandsjournal.
31.05.2012 | 12:19
Was mir auffällt ist, dass seit einigen Jahren (ich würde sagen seit Oslo) die Punkte entgegennehmenden Moderatoren nicht mehr mündlich auf die Statements der Punktevergeber reagieren, sondern nur noch still in die Karmera lächeln oder mit dem Kopf nicken. Wahrscheinlich sind sie dazu angehalten, um die Lobarien nicht noch mehr künstlich zu verlängern. Aber ich habe den Eindruck, dass diesmal viel weniger von “very good job” und “beautiful show” gesülzt wurde, nur die aserbaidschanische Tante kreischte was von “best show ever”. Ob diese teilweise auch nervenden Showeinlagen (Mr. Lordi etc.) nur gelungene Kabinettstückchen sind oder nicht, ist Ansichtssache. Anke Engelke fand genau den richtigen Ton und die richtigen Worte, die nach dem reichlich ekligen Intervall-Act mit patriotischem Fahnenküssen und Falkenträger im Nazi-Stil einen charmanten Fußtritt setzten. Bravo, Anke !
31.05.2012 | 12:24
sorry, meinte Fackelträger nicht Falkenträger
31.05.2012 | 12:46
Es gab durchaus auch Kritik an Anke. Die einen kritisierten das “Europe is watching you”, weil sie dabei an den Roman bzw. Film “1984″ dachten (“Big Brother is watching you!”); andere monierten, dass Anke Engelke sich sonst ja auch keine Ungerechtigkeiten anprangern würde (z.B. Neonazis in Deutschland, Verfolgung sonstwo in der Welt). Außerdem gab es grundsätzliche Kritik im Sinne von “Müssen die Deutschen wieder die Ober-Mahner der Welt spielen…”
Nicht meine Meinung, aber ich gebe hier mal die Kritik wieder, die es eben auch gab – neben den vielen positiven Statements.
31.05.2012 | 12:52
Mir gefällt insbesondere der vorsichtige Optimismus, der in “good luck on your journey” zum Ausdruck kommt… anstatt nur auf die problematische Gegenwart hinzuweisen, deutet Anke an, dass sich in Zukunft vieles zum Positiven ändern kann. Eigentlich befinden sich ja viele Staaten noch auf der langen “Reise” in Richtung Demokratie, nicht nur Azerbaidschan.
31.05.2012 | 12:59
Anke = hero
31.05.2012 | 14:11
Gut gemacht! :) “Danke, Anke!”
31.05.2012 | 14:37
@Frank D.
Vögel symbolisieren Freiheit, und Falkenträger finde ich für Schweden 2013 eine schöne Idee. ( Hi hi…)
Mir hat gut getan, daß Anke auf charmante Weise was gesagt hat. Sie war zum Glück überhaupt nicht oberlehrerhaft.
Ich habe gelesen, daß der britische Kommentator (wie heißt der doch gleich?) sich anerkennend zu Ankes Statement geäußert hat.
Mich würde interessieren, wie die Presse in den anderen Ländern den ESC begleitet hat, auch kritisch?
Auch wüßte ich gerne, wie Ankes Worte in Europa angekommen sind.
31.05.2012 | 18:44
Danke Anke !
Danke Anke !
Muss man wirklich mehr dazu sagen !?
Es war mutig, wahr und bemerkenswert !
Es is schon putzig das nichtmal Peter Urban was dazu gesagt hat… hat er überhaupt zugehört was Anke gesagt hat!?
Leides ist es insgesamt etwas untergegangen, da Schweden schon als Sieger feststand, aber das Echo jetzt – bemerkenswert !
01.06.2012 | 13:10
Der Vorwurf des ach so “deutschen” Zeigefingers an Anke und die damit verbundene intellektuelle Selbstgeisselung des Autors der Stuttgarter Zeitgung ist wiederum in sich schon wieder der typisch deutsche Zeigefinger und eine Besserwisserei und eine Arroganz gegenüber dem richtigen Anliegen. Alle dürften so was sagen, aber eine Deutsche halt nicht, dann ist es nicht mutig und couragiert sondern deutsche Oberlehrerhaftigkeit. Die ovrauseilende wiederum typisch deutsche intellektuelle Selbstzerfleischung kotzt mich ehrlich gesagt tierisch an.
01.06.2012 | 19:56
12 Punkte – auf jeden Fall.
03.06.2012 | 16:05
@ Karsten
Peter Urban hat sehr wohl Ankes Worte sofort gelobt. Er ist dann nicht weiter darauf rumgeritten, aber er hat es lobend erwähnt.
Auch ich finde, dass Anke nicht nur genau den richtigen Ton und die richtigen Worte fand (bis auf das ‘Europe is watching you’ vielleicht), sondern es eine Wohltat war, dass Sie diese Worte überhaupt sagte. Die anderen Punkteansager hielten sich ja wirklich sehr zurück – allerdings in der Tat auch mit lobenden Worten zur Show, was mir auch auffiel…