Deutschland

Auf nach Lissabon! (10): Toksï


Wenn erklärte ESC-Experten das Stichwort HipHop hören, folgt dem spontanen Schüttelanfall meist der Kommentar „Das geht nicht!“. Doch was, wenn eine „jüngere blonde Frau“ mit den Jungs aus ihrer Combo die Hüften zu einem gehörigen Schuss fetter Beats oder souligem Pop kreisen lässt? Eine, die keinen verzweifelten „Wählt mich“-Stempel auf der Stirn trägt und die ohne schnulzige Texte auskommt? Vielleicht dieses Jahr einfach auf biederes Blech oder Katzengold beim ESC verzichten und den Basiskurs Goldschürfen bei Toksï buchen (Foto: Malte Goy)! Ein Beitrag von Gastblogger Jorge.

 

Die Fakten

Toksï ist Typ twentysomething, ihr kurioser Name stammt aus Kindertagen, sie hat Jazz-, Rock- und Pop-Gesang studiert, ist taufrisch beim Major Label Universal unter Vertrag und hat bisher nur eine 5-Lieder-EP „Märchen“, sowie einige TV-Auftritte bei Circus Halligalli, Inas Nacht oder dem ZDF-MoMa auf der Habenseite stehen. Sie macht keinen lupenreinen HipHop, nennt das selbst eher HipPop. Irgendwas aus Pop, HipHop, älteren Soulsamples und fetten Elektrobeats – in Label-Manager-Deutsch geschrieben. Sie schreibt ihre Stücke selbst, da steht also keine Ghetto-Crew und keine Barbie auf der Bühne.

YouTube Preview Image„Gold Digga“ – Wenn’s zum ESC nicht reicht, dann eines der Kids zum JESC schicken…

Der ESC-Bezug dürfte überschaubar ausfallen. Wenn man so will, ist ihr Song „blablabla“ die Antithese zum „Social Network Song“ und man fühlt sich optisch und thematisch etwas an Ace Wilder erinnert. Toksïs Themen sind Klischees, Beziehungszeugs und in moderne Sprache verpackter Lifestyle. Das darf sie im November schon als Support auf der Tour des schon vorgestellten Wincent Weiss praktizieren:

Toksï mit Wincent (Quelle: instagram/toksimusic)

 

Die Emotionen

Toksï fiel mir zuerst bei ihrem Auftritt in Inas Nacht auf, wo sie „Ich mag Dich nicht“ passenderweise vor Marteria darbrachte. Mir gefiel nicht speziell der Song, sondern die rotzigen Texte und die coole Selbstverständlichkeit, mit der sie vor der Kamera kokettierte:

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Bei ihren Auftritten bekommt man kein Mädchen-Klischee serviert. Für mich ist es ein wichtiger Punkt, keiner Erwartungshaltung hinterherlaufen zu wollen. Toksï kommt mit der „Ich mach einfach mal“-Haltung rüber. Sie ist unverstellt, entspannt, reflektiert, aber ohne antrainierte Moves & Gestik, trotzdem ist sie nicht verloren vor der Kamera. Etwas, das sie von den Bettelprinzessinnen beim ESC abheben könnte, welche sich hübsch verpackt und definiert dem Publikum präsentieren.

Live-Qualitäten sind jedenfalls vorhanden: In den ruhigen Songs kommt eine gebrochene Stimme durch und wenn’s im Refrain wie bei „Gold Digga“ lauter wird, klingt ihr Gesang nach. Viele ESC-Beiträge leiden hingegen darunter, nur in einer Lautstärke und einem Tempo abgearbeitet zu werden.

YouTube Preview ImageOne-Shot-Video, live eingesungen: „Märchen (Live im Nirgendwo)“

Muss es ein Newcomer sein? Mir persönlich ist das eher unwichtig. Die ESC-Gewinner der letzten Jahre waren allesamt schon eine (kleine) Nummer im Geschäft, die direkt dahinter Platzierten oft nicht. Wichtiger sind mir das eigene Profil der Künstler, eine Lockerheit, Persönlichkeit und eine Musik, die man auch mit 2017/18 in Verbindung bringen kann.

Also welche Sorte Song? Die Hook muss wie bei „Gold Digga“ brennen. Davon blieben ebenso Rhythmus und opulente Bläsern spontan in Erinnerung. „Feuervögel“ auf der EP ist etwas weniger überzeugend, aber ähnlich angelegt. „Märchen“ ist dagegen etwas raffinierter, mit einem schönen melancholischen und melodischen Sprachfluss, den auch internationales Publikum trotz Sprachbarriere nachvollziehen könnte. Für den ESC fehlt aber der knallende Refrain. Auch ihre ruhigen Songs verleiten zum Mitwippen.

 

Das Argument

Man hätte bei Toksï die Chance auf einen Beitrag mit Identifikationspotenzial, der – so wie gesungen – auch gelebt wird. Für Fans aktueller Musik, für eine jüngere Altersgruppe, für Fans origineller deutscher Songtexte. Die Chance auf einen Beitrag, der nicht an seiner Konstruiertheit und seinem Kriterienkatalog krankt, mit dem man sich nur knietief ins Wasser traut. Klar: Entweder zieht der Song oder man geht damit wie zuvor auf Grund – kann passieren. Aber im Gegensatz zum Vorjahr passiert das dann im Schwimmerbecken, und die Konkurrenz in diesem Genre wird absehbar gering ausfallen. Lasst uns was trauen und ein fairytale mit einem catchy Popsong starten.

Toksï ist medial breit aufgestellt und hat neben Profilen bei Instagram, facebook und einem Youtube-Channel auch eine Online-Präsenz bei Universal Music.

 

Leser und Gastblogger Jorge ist waschechter Hamburger, hat dort auch studiert und lebt nun wieder in der Stadt. Wann er den ESC das erste Mal sah, das kann er nicht auf’s Jahr genau sagen, vermutlich war es ein Jahr mit einem Siegel-Beitrag. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist aus ihm (O-Ton) „kein ESC-Traditionalist“ geworden.

Ersten Kontakt zum PRINZ ESC Blog hatte Jorge während des Düsseldorf-ESC 2011, kommentiert aber erst seit Anfang 2013 munter mit. Zuvor war er in anderen ESC-Foren aktiv. Seit Wien 2015 kennt er fast alle Blogger, was für ihn den Wien-Trip doppelt interessant gemacht hat. Bis auf Marc und Salman hat er nun allen schonmal die Hand geschüttelt. :-)

Jorge (links unten) hier mit WM, Jan und Peter

 

Bisher in der Serie „Auf nach Lissabon!“ erschienen:

(1) Feuerherz (Matthias)
(2) Alvaro Soler (Marc)
(3) Wincent Weiss (Douze Points)
(4) Sarah Connor (OLiver)
(5) Franziska Wiese (DJ Ohrmeister)
(6) Claire (manuel d.)
(7) Maria Voskania (Ansgar)
(8) Laing (BennyBenny)
(9) Alle Farben (Marc)

Aktuell, ESC-Vorentscheid, Serien

17 Kommentare Kommentar schreiben

  1. BB

    08.10.2017 | 10:21

    So viele Gast Autoren hier, wenn kein Artikel über Ryk geplant ist, mache ich den sehr gerne ;)
    .
    Zu Toski: Gold Digger gefallt mir tatsächlich sehr gut! Doch ihre Stimme ist mir zu unscheinbar. Gut singen kann sie, so ist das nicht aber ist mir ein wenig zu dünn :/

  2. Matty

    08.10.2017 | 11:43

    Als ich den Namen der Künstlerin gelesen habe, dachte ich als erstes an Schluckauf.

  3. Frederik

    08.10.2017 | 12:30

    Ja, bitte! Einen Titel wie „Märchen“ fände ich perfekt!

  4. Jorge

    08.10.2017 | 14:35

    Wer mehr Lust auf toksï hat, hier wurde ihr cooler Song „blablabla“ reingeschnitten: https://www.youtube.com/watch?v=cNd4apbhZU4

  5. escfan05

    08.10.2017 | 14:36

    Naja, besser als nix.

  6. Little Imp

    08.10.2017 | 20:08

    Gold Digga gefällt mir ebenfalls gut. Etwas in dem Stil dürfen wir gerne schicken.

  7. Cedric Merino

    08.10.2017 | 20:50

    Naja...

    Naja…
    Nicht so abstoßend wie der gängige HipHop.
    Aber irgendwie auch nicht der Brüller.
    Sicher auch wenig Chancen im internationalen Vergleich.

  8. Tobiz

    08.10.2017 | 22:34

    Gold Digga klingt passend. Etwas in dieser Richtung ist ein Schritt in die richtige Richtung.
    Die restlichen hier vorgestellten Songs sind dann doch eher wieder zu unauffällig um sich 10 Minuten später noch dran zu erinnern.

  9. Max

    09.10.2017 | 09:40

    Wenn sie bauchfrei auftritt...

    … kann man sie ja mal zum Vorentscheid einladen. Ich schätze es gibt genug Leute die alleine deswegen für sie anrufen. Das ist aber leider das Einzige was mir wirklich aufgefallen ist. Songs und Stimme sind eher belanglos.

  10. Rainer1

    09.10.2017 | 13:45

    Sie ist so toll, sie kann sich sogar zwei i-punkte leisten. Immerhin ein alleinstellungsmerkmal.
    Immerhin würde sie für eine gewisse kontinuität deutschlands am esc sorgen…..

  11. vandyke

    09.10.2017 | 14:22

    @Rainer1 Aus Nummern wie Gold Digga könnte man was basteln. Aber keine Bange, unsere einmalige Serie wird fortgesetzt werden. Dafür sorgen Schreiber und Konsorten mit ihrer Blindheit schon ganz alleine…..

  12. manuel d.

    09.10.2017 | 14:46

    Spannend, da hatte ich von Jorge nun etwas ganz anderes als ein blondes Mädchen mit seichtem Pop erwartet (auch wenn Sie es Hip-Pop schimpft)…
    .
    Aber ich kann nachvollziehen wieso Jorge auf Sie aufmerksam wurde und Sie wäre meiner Meinung nach rein von der Produktion her definitiv auch ein Schritt in die richtige Richtung.
    Mir fehlt noch ein bisschen der Instant Appeal (wenn man mal nicht auf den Text achtet) und ein richtig gutes Lied. Das Instrumental in „Ich mag Dich nicht“ ist da allerdings schonmal ganz modern. Und auch eine Nummer wie „Gold Digga“ kann man sicher gut inszenieren und damit ein paar Punkte generieren. Alles in allem wirkt Sie auf mich aber wie eine Alexa Feser: nett, unaufgeregt – kein großer Wurf aber eine Qualität mit der wir uns wohlfühlen können. Bin gespannt wohin die Reise in Zukunft für Toksï hingeht.

  13. manuel d.

    09.10.2017 | 14:49

    PS: „Blablabla“ wär vielleiucht sogar eine ganz interessante Wahl merk ich grad. Da haucht ein bisschen Lorde durch, mag ich.

  14. Jorge

    09.10.2017 | 15:58

    Erstmal Danke für die Reaktionen.

    @BB: Ist das Projekt FOXOS ad acta gelegt oder wieso firmiert das/er jetzt unter Ryk?

    @manuel d.: Blablabla gefällt mir auch neben Gold Digga am besten, gab aber kein adequates Video. Zu den Motiven: Man hat eben nur einen Freischuss, schwer da den richtigen Akzent zu wählen, wenn man nicht auf ein Genre festgelegt ist. Ich mag Rock, Pop und Elektronisches in allen Schattierungen, also nicht nur Elektro, sondern auch TechHouse etc. . Nachdem Schlager dominant und Elektropop ja immerhin schon präsent war (daher Hundreds, Roosevelt, Vimes gestrichen) und ich mich gegen was Bekanntes (hätte Milky Chance oder AnnenMayKantereit genommen), gegen SingerSongwriter-Pop (Alex. Knappe) und zu abgefahrene Sachen (Warum sollte ich Ätna, Der Ringer, .. hier bringen?) entschieden hatte, lief es auf Bands (Bereich Indietronic wie Kytes, I Heart Sharks, etc.), auf DJ-Projekte von der Producerseite (Topic, Tujamo, Adana Twins, usw.) oder eben Newcomer hinaus. HipHop/Pop stellt absehbar hier keiner ausser mir vor, ich habe hier auch keine ekstatischen Reaktionen erwartet.
    Unabhängig vom Songargument, mag ich das Austauschbarkeitsargument hier nicht nachvollziehen. Insbesondere, wenn es sich am Phänotyp aufhängt, Toksi wird sicher keines der üblichen Pop-Püppchen.

  15. BB

    09.10.2017 | 19:06

    @Jorge
    Ja, Foxos gehen nun getrennte Wege. Ryk macht jetzt halt alleine weiter was der Musik meiner Meinung nach nicht weh tut

  16. Frederic

    10.10.2017 | 22:44

    Wirklich nicht schlecht, aber mit ihrem Portfolio sehe ich weder für eine interne Nominierung noch für einen Vorentscheid viel Land. Für letzteres wäre sie sicher eine Bereicherung, aber höchstwahrscheinlich würde da doch wieder irgendein Wohlfühl-Quark dabei sein, der dann kraft der Stimme des Volkes Lissabon feierlich in den Sand setzen darf…

  17. tomudu

    13.10.2017 | 14:57

    „Gold Digga“ ist ja mal eine richtig geile Nummer! Vielen Dank für’s Vorstellen :)

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