Österreich

Christian Ude und Zoë im PrinzBlog-Interview: Ein Blick hinter die Kulissen der österreichischen Jury

50% des ESC-Endergebnisses wird per Juryvoting ermittelt. Die EBU ist hier um Transparenz bemüht und veröffentlicht die genauen Abstimmungsergebnisse der einzelnen Länder und Juroren. Aber wie läuft das Voting hinter den Kulissen genau ab? Christian Ude und Zoë Straub aus der österreichischen Jury standen PrinzBlogger Marc im Interview Rede und Antwort.

PrinzBlog: Herzlichen Glückwünsch Christian. Wie wird man als Jurymitglied berufen? Ist es ein Ehrenamt oder wird es vom ORF oder der EBU bezahlt?

Christian Ude: Es gibt gewisse Richtlinien, nach denen der ORF die fünf Jurymitglieder aussucht, die dann ja noch von der EBU genehmigt werden müssen. Es ist ein Ehrenamt und zwar ein schönes Ehrenamt!

Du bist Redakteur bei der zweitgrößten Tageszeitung Österreichs. Was für eine Beziehung hast Du denn zum ESC?

Christian: Ich war zum ersten Mal 1991 als Reporter beim Song Contest tätig, damals mit Thomas Forstner in Rom. Der Song Contest begleitet mich beruflich und privat also schon sehr lange! Im Vorjahr muss der ORF mit mir als Jurysprecher für die österreichischen Journalisten beim Vorentscheid offenbar zufrieden gewesen sein, daher hat man mich wohl gefragt. Einer meiner schönsten ESC-Wochen war der ESC in Riga, wo uns Journalisten und selbst den ORF Alf Poier täglich aufs Neue überraschte. Ich hatte damals das Hotelzimmer neben ihm und behalte diese Zeit in wunderbarer Erinnerung.

Alf Poier

Hattest du nicht auch bei Conchita und „Rise like a Phoenix“ Deine Finger im Spiel?

Christian: Ja, denn es mündete darin, dass mich der Manager von Conchita (René Berto, vorher eben Manager von Alf Poier) ins ehrenamtliche Beratungsteam für das Projekt ESC 2014 holte, ich an die 80 vorgeschlagenen Lieder mitanhören und mitbewerten durfte (übrigens inklusive des von Ralph Siegel angebotenen „Maybe“ und auch Angebote von Topleuten aus Schweden und Großbritannien, ehe „Rise Like A Phoenix“ Anfang Januar 2014 über den Musikverlag von Universal Music eintraf). Mein Lieblingssong neben „Phoenix“ ist bis dato übrigens nach wie vor unveröffentlicht: „Supernova“, mitgeschrieben von Conchita. Das könnte noch ein Hit werden!

2017 bist Du nun in die ESC Jury berufen worden. Wie gefällt Dir denn die Zusammensetzung der österreichischen Jury?

Christian: Sehr gut, denn es wurde wirklich auf eine schöne Bandbreite geachtet. Beruflich und vom Alter her. Der Mix ist ganz im Sinne des ESC. Andy Zahradnik, unser Vorsitzender, ist ja nicht zum ersten Mal in der nationalen Jury. Ich kenne ihn schon sehr lange, noch aus seiner Zeit bei CBS. Mit Zoe und Elly V. haben wir zwei junge Damen dabei, die uns mit ihrer Wertung überraschen könnten. Mit Sasha Saedi als A&R-Manager von Universal Music einen anderen Gegenpol (Anmerkung: A & R = Artist & Repertoire). Er hat ja den ESC auch schon einmal hinter den Kulissen erlebt, mit Natalia Kelly damals in Malmö.

Warum hat Österreich bzw. der ORF ein Jurymitglied nachnominiert und warum ist Conchita nicht in der Jury?

Christian: Conchita hat am Abend des Juryvotings, also am 12.Mai, die Wiener Festwochen mit einem großartigen Konzert auf dem Wiener Rathausplatz eröffnet. Sie hätte also gar nicht Jurorin sein können. Die Nachnominierung hat auch gar nichts mit ihr zu tun. Es wurde ein Jurymitglied aus dem Hause Universal ausgetauscht, was aber nur Gründe der Staatsbürgerschaft hatte! Als eine völlig unaufregende Geschichte …

Hast Du Vorgaben erhalten, was Du als Jurymitglied zur Vorbereitung zu tun hast?

Christian: Nein, ob man beim ersten Voting die Lieder auch wirklich zum ersten Mal hört oder sie schon von youtube, eurovision.tv etc. kennt, ist jedem selbst überlassen. Wir wurden aber vorab gebrieft, welche Punkte in unsere Entscheidungen einfließen sollen – von der Gesangsleistung über die Komposition bzw. Originalität des Songs bis zum Gesamzteindruck. Exakt heißt es, dass unser Fokus liegen muss auf:
– vocal capacity,
– the composition and originality of the song
– the performance on stage
– the overall impression by the act

So steht es in den Verträgen, die jeder von uns unterzeichnen musste.
Mit dem wichtigen Zusatz:
I guarantee that my judgment will be fair and based only upon my professional experience and personal taste. I will not allow any other circumstance or pressure from someone else have impact upon my decision.

Wo findet denn das österreichische Jury-Voting statt? Seid ihr in Österreich oder kommt ihr vor Ort nach Kiew?

Christian: In einem Raum im ORF-Zentrum, also in Wien. Eine Notarin ist anwesend. Und auch ein Techniker, falls es Übertragungsprobleme aus Kiew gegeben hätte. Und zwei ORF-Redakteurinnen, die ebenfalls kontrollieren, ob alles den Regeln entspricht und sich um unser Wohl kümmern.

Bekommt ihr einheitliche Stimmzettel gestellt und wie sehen diese aus?

Christian: Ja, bekommen wir! Bis auf den Namen des Jurors und seiner Nummer sehen die Stimmzettel (offizieller Name: Jurors Form) identisch aus. Wir ranken beim Finale jeder von 1 bis 25, Österreich bewerten wir ja nicht. Beim Halbfinale musste jeder die Lieder von Platz 1 bis Platz 17 reihen. Eben auch, weil wir Nathan Trent nicht platzieren. Dieses Ranking machen wir sorgfältig nach dem Ende aller Darbietungen. Jeder gibt persönlich sein unterschriebenes Blatt der Notarin. Hätte es bei zwei Liedern einen Punktegleichstand gegeben, hätten wir über diese beiden mit Handzeichen abgestimmt, wer also einen Platz weiter vorne liegen soll.

War Dir dieser Modus so vorher bekannt?

Christian: Ich habe mich natürlich über den Modus informiert. Ich persönlich kannte allerdings einen anderen Vorgang. Einmal schon war ich nämlich Mitglied der  Österreich-Jury beim ESC (1997), damals waren wir (ich erinnere mich an meinem Tisch u. a. an „Live is Life“-Komponist Ewald Pfleger von Opus) vom ORF aber nur als Backup-Juroren engagiert, weil es das erste Jahr des Televotings war. Österreich gehörte zu den wenigen Ländern, die es als Erste mit dem Televoting versuchten. Und wir werteten für den Fall, dass etwas beim Televoting schief geht . . . dann wäre unsere Wertung herangezogen worden. Es blieb damals bei unserer „Fleißaufgabe“. 1997 mussten wir jeden Beitrag sofort nach der Präsentation bewerten.

Schaut Ihr euch die ganze Show gemeinsam an und redet ihr währenddessen miteinander?

Christian: Ja, wir sitzen an einem langen Tisch nebeneinander und schauen uns gemeinsam die Show an. Auf einem großen Screen. Es ist aber nicht wie in der Schulklasse, dass der eine vom anderen abschreibt (lacht). Es ist aber nicht verboten, sich zwischen den Darbeitungen, also bei den Postcards etwa, sich kurz über gewisse Dinge auszutauschen. Wir sind ja keine Roboter, sondern Menschen.

Apropos Menschen: Ist gewährleistet, dass ihr alle Auftritte mitbekommt? Was passiert bei menschlichen Bedürfnissen zwischendurch?

Christian (lacht): Also Toiletten gab es gleich um die Ecke. Die wurden in den Pausen genutzt. Ich kann für uns Ö-Jury sagen, dass bei allen Darbietungen auch alle fünf Juroren auf ihren Plätzen saßen.

Quelle: Eurovision.tv

Wie findest Du die Gewichtung 50% Juryvoting / 50 % Televoting?

Christian: Ich denke, dass sie sich bewährt hat. 2016 gab es freilich einige Aufschreie über die großen Unterschiede, etwa beim polnischen Beitrag und auch bei unserer Zoe. Auch ich habe mich in der Vergangenheit immer wieder über Wertungen gewundert. Aber das ist doch Teil des ESC, was ihn bei allen Prognosen, Wettquoten etc. so reizvoll macht. Ich hoffe freilich, dass jeder Juror seine Aufgabe ernst nimmt! 2016 geisterte auch ein seltsames Video der russischen Jury durchs Netz. Das bringt den ESC leider in Verruf.

Hast Du Optimierungsvorschläge?

Christian: Es wird angeblich ja darüber nachgedacht, die Jury künftig auf zehn Köpfe zu vergrößern. Ein wesentlicher Punkt, den man beim allfälligen Gemecker über die Wertungen nicht vergessen darf: Wir sind doch alle nur Menschen! Die Künstler und die Juroren. Daher muss man auch einem Mitglied der Expertenjury eingestehen, dass er an Tag X womöglich für einen Song empfänglicher ist als vielleicht zwei Tage zuvor. Nicht, dass sich dadurch eine Platzierung gravierend ändert. Musik bleibt aber stets auch eine emotionale Sache. Ob bei so genannten Experten, die sich eben durch ihren Beruf tagtäglich mit Musik und künstlerischen Performances auseinandersetzen, oder bei Fans.

So gibt es neben den immens wichtigen Kriterien wie der Gesangssicherheit oder der glaubwürdigen Umsetzung auf der Bühne einen Faktor, der fachlich nicht 100 % fassbar ist. Das macht doch auch den ESC aus. Durchaus vorstellbar also, dass ein Lied oder ein Text oder ein Ausdruck in der Stimme oder die Ausstrahlung (eben durch die Magie des Moments der Performance) ein oder zwei oder drei Plätze nach oben oder unten in Wertung eines Jurors rückt, auch wenn sich in den Augen oder Ohren von vielen, vielen anderen Zuschauern nichts zwischen Semifinale und Grand Final geändert hat.

Bei jeder Live-Performance werden die Karten eben neu gemischt. Wir lieben eben keinen Playback- oder Video-Contest, sondern den ESC! Ich kann abschließend sagen: Wir fünf haben uns die Aufgabe beim Juryvoting nicht leicht gemacht! Ein Ranking von 1 bis 25 brachte mich und auch Zoe, die neben mir saß, richtig in Stress, auch wenn uns die Notarin nicht drängte. Wir wollten eben unser Bestes geben!

Zoë, vielen Dank, dass Du Dir auch noch kurz Zeit für uns nimmst. Wie hast du Dich denn auf Deine Aufgabe als Jurymitglied vorbereitet?

Zoë Straub: Ich habe natürlich im vorhinein in alle Songs hineingehört, aber habe versucht, mich nicht zu intensiv mit einzelnen Liedern zu beschäftigen. Der Grund dafür war, dass ich relativ offen bleiben wollte und diese drei Minuten unvoreingenommen genießen und bewerten wollte.

Was ist Dir bei Deiner Bewertung besonders wichtig? 

Zoë (Foto oben: S.Tauber/M.Prammer): Ich achte besonders auf die stimmliche Leistung und die Stimme im Allgemeinen. Ich persönlich finde es am wichtigsten, wenn die Stimme und Musik eine Einheit sind. Der Sänger muss die Musik fühlen und in dem Song aufgehen. Ich als Zuhörerin möchte einfach mitgerissen werden und alles um mich herum vergessen. Das bedeutet natürlich, dass der Song ins Ohr geht und originell ist. Ich will vor allem aber sehen, dass der Künstler sich wohl auf der Bühne und mit der Musik fühlt, den Augenblick genießt und sich nicht verkrampft.

Womit beschäftigst Du Dich im Moment? Gibt es aktuelle Projekte? Und welche Pläne hast Du für die Zukunft?

Zoë: Ich arbeite seit Anfang der Jahres an Songs für ein neues Album. Meine neue Single „Dangerous Affair“, diesmal auf Englisch, wird am 19. Mai 2017 veröffentlicht.

YouTube Preview ImageZoë – Dangerous Affair (Snippet)

Anmerkung: Die Video-Präsentation „Dangerous Affair“ & Zoë live mit Band findet am Mittwoch, 31. Mai 2017 statt (Metropol, Hernalser Hauptstrasse 55, 1170 Wien, Beginn 20:00 Uhr).

Wie kam es dazu und singst Du künftig nur noch auf Englisch?

Zoë: Es ist, glaube ich, an der Zeit neues auszuprobieren. Ich bin ja auch gerade erst dabei mich in meinem Beruf weiter zu entwickeln. Auf Englisch zu schreiben und zu singen macht mir auch sehr viel Spaß, aber so ganz möchte ich das Französische nie aufgeben. Auf dem Album, was voraussichtlich im Spätherbst 2017 erscheinen wird, habe ich vor auf Englisch, Französisch und Deutsch zu singen. Celebrate diversity ;)

Liebe Zoë, lieber Christian. Ein ganz herzliches Dankeschön dafür, dass ihr uns einen Einblick in die Arbeit der österreichischen Jury gegeben habt.

Die österreichische Jury 2017: Zoë, Elly, Christian, Andreas und Sasha
Zur Information: Das Interview wurde bereits VOR dem Grand Final geführt.
Hier geht’s zur Detail-Ansicht des österreichischen Jury-Votings.

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