Malta

Claudia Faniello im Interview: „Ich schaue gern Dokus über Serienmörder“

Seit 2006 hat Claudia Faniello fast jedes Jahr am Maltesischen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest teilgenommen. In diesem Jahr gewann sie endlich – nur um in Kiew im Halbfinale hängen zu bleiben (mit keinem einzigen Punkt der TV-Zuschauer). Wie sie damit umgeht, welchen Beruf sie ergriffen hätte, wenn sie nicht Musikerin geworden wäre, und was sie in ihrer Freizeit so treibt, erzählte die 29-Jährige, die in der Schule Mathe-Hilfe von Kurt Calleja bekam, Marc und Douze Points im Interview beim Eurovision Weekend Berlin.

Prinz ESC Blog: Claudia, fallen wir mit der Tür ins Haus: Bist Du mit Dir nach Deinem Abschneiden beim ESC in Kiew wieder im Reinen?

Claudia Faniello: Ich kann es nicht erwarten, wieder am ESC teilzunehmen! Ich freue mich wirklich auf den Tag, an dem ich mein Land wieder dort vertreten kann. Es war eine großartige Erfahrung, auf die ich auch laaaange Jahre hingearbeitet habe. Daher habe ich wirklich jede Minute genossen. Und ich habe jede Menge guter Erinnerungen. Ich fühle mich gesegnet, dass ich die Erfahrung machen konnte – unabhängig vom Ergebnis. Das war, das muss ich zugeben, äußerst enttäuschend.

Wie haben die Menschen in Malta auf das Ergebnis reagiert?

Auch diesbezüglich war ich wirklich gesegnet. Es gab viel positives Feedback. Natürlich gib’s ein paar, die sagten, dass man vielleicht einen anderen Song oder anderen Künstler hätte schicken sollen. Aber die meisten sahen das anders. Sie haben gesehen, dass ich alles getan habe, was ich tun konnte. Auch die Maltesische Delegation sah, dass der eigentliche Auftritt gut war, auch wenn es nicht fürs Finale gereicht hat. Das werde ich in mir tragen – auch noch lange nach dem ESC.

Wann werden wir Dich wieder beim Maltesischen Vorentscheid sehen?

Es gibt die Regel, dass man als Sieger des Vorjahrs für das nächste Jahr gesperrt ist. Aber selbst wenn es die Regel nicht gäbe, würde ich etwas Zeit ins Land gehen lassen. Man muss sich selbst erholen und auch anderen die Chance geben. Dann werde ich es aber wieder versuchen, auch weil ich manche Dinge dann anders machen möchte. Vielleicht versuche ich es dann auch mit einem anderen Musikstil, mit anderen Komponisten. Wann das sein wird, weiß ich noch nicht. In jedem Fall muss der Song gut sein.

Hast Du mal überlegt, den nächsten Anlauf mit Mitgliedern Deiner Familie zu unternehmen?

Bevor ich gewonnen habe, haben wir das immer mal überlegt. Aber Fabrizio, der ja zweimal beim ESC war, hat immer gesagt, dass ich es für mich selbst machen und erleben solle. Seit Kiew haben wir nicht drüber gesprochen, es ist aber nicht völlig ausgeschlossen. Und unsere Mutter singt ja auch. Sie macht immer darüber Witze. Womöglich werdet Ihr noch überrascht werden, wer da alles auftritt…

Ist es im Hinblick auf den ESC ein Vor- oder ein Nachteil, aus so einer musikalischen Familie zu kommen? Hast Du deshalb besonderen Druck gespürt?

Wir sind eine sehr entspannte Familie. Wir sind so erzogen worden, dass wir selbst unsere Entscheidungen machen. Daher: nein, da ist wirklich kein Druck oder eine bestimmte Erwartungshaltung.

Wie nah stehst Du Fabrizio?

Sehr nah. Als ich den Vorentscheid gewonnen habe, ist er völlig durchgedreht. Und mir ging es genauso, als er das erste Mal gewonnen hatte. Da war ich ein zwölf-, dreizehnjähriger Teenager und ich war verrückt. Der größte Fan. Und jetzt war es das gleich für ihn. Er wusste, wie viel Zeit ich investiert hatte und was das für mich bedeutete. Den eizigen Rat, den er mir gab, war, dorthinzufahren und es zu genieißen.

Was war denn Deine beste Erfahrung in Kiew?

Ich habe es geliebt. Diese drei Minuten kann ich umgehend wieder wachrufen. Ich habe mir bewusst vor dem Auftritt gesagt: ‚Du hast nur diese drei Minuten. Du hast lange dafür gearbeitet. Du darfst es nicht versauen. Du kennst das Lied in- und auswendig. Du kannst es fühlen. Und jetzt geh auf die Bühne, gib Dein Bestes und genieß es!’ Und genau das habe ich getan. Obwohl ich es am liebsten noch zehnmal auf der Bühne gesungen hätte.

Das heißt, Du kannst Dich genau an diese drei Minuten erinnern? Manchmal hört man da etwas ganz anderes von ESC-Teilnehmern.

Wir haben ja heute das Filmmaterial. Damit kann man auch den Moment erneut durchleben. Aber auch wenn ich die Augen schließe, kann ich das alles sehen und fühlen. Kurz bevor ich anfing zu singen, erkannte ich einige meiner engsten Freunde im Publikum und meine Mutter und konnte mit ihnen interagieren. Das war ein sehr besonderer Moment.

Was hast Du nach dem ESC gemacht? Hattest Du auch die Post Eurovision Depression (PED)?

Nachdem meine PED etwas nachgelassen hatte, ging ich wieder meinem Vollzeitjob nach. Ich arbeite als Lehrerassistent mit Kindern, die unterschiedliche intellektuelle und physische Schwierigkeiten haben. Und natürlich habe ich wieder mit meiner Band geprobt. Aber ja, der Moment als ich in Malta landete, war ein ziemlicher Antiklimax. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so traurig sein würde, wenn es vorbei ist. Es ist eine ziemliche Achterbahnfahrt von der Minute, in der Du den Vorentscheid gewinnst bis zu der Minute, wenn es vorbei ist. Da ist dann eine Leere, die Du füllen musst. Und das ist für einen Künstler mit die größte Herausforderungen, dann weiterzumachen.

Und das hat ja geklappt…

Ich bin zufrieden, wenn ich wieder beim ESC bin! Ich bin davon so überzeugt, weil ich es einfach geliebt habe.

Also hat Dich der Wettbewerbscharakter des ESC nicht gestört?

Ich habe das nicht als Wettbewerb gesehen. Ich habe es mehr als Konzert wahrgenommen. Beim Maltesischen Vorentscheid merkt man mehr, dass es sich um einen Wettbewerb handelt. Ich bin niemand, der sich gern einem Wettstreit stellt. Ich finde Musik ist wunderbar und sehr subjektiv. Ich kann nicht sagen, dass die Musik, die jemand macht, nicht gut ist. Aber jeder hat eine andere Meinung. Und obwohl ich kein Wettbewerbsmensch bin, nehme ich am Vorentscheid teil, weil wir in unserem Land nicht so viele andere Möglichkeiten haben. Dadurch, dass ich dann den ESC nicht als Wettbewerb gesehen habe, konnte ich auch ruhig bleiben und das mehr genießen.

Wie geht man eigentlich damit um, dass man tagsüber ein Lehrer ist und abends dann ein bekannter Künstler? Ist es schwer, den Schalter umzulegen?

Für uns auf Malta ist es sehr schwierig ein Vollzeit-Künstler zu sein. Man gewöhnt sich daran und alle machen es so. Das wissen auch alle Leute im Land. Und mein Job ist sehr erfüllend, denn ich kann mein Talent und meine Erfahrung nutzen und z. B. Musiktherapie machen. Meine Arbeit hat also einen unmittelbaren Effekt auf Menschen – so wie auch meine Auftritte als Künstlerin. Es ist also nicht besonders kompliziert, zwischen den Welten zu wechseln.

Wenn Du keine Sängerin geworden wärst, was wäre dann heute dein Hauptjob?

Ich wäre Psychologin. Oder Reise-Junkie. Aber im Ernst, wenn ich die Musik nicht hätte und mich mehr auf das Akademische konzentriert hätte, wäre ich definitiv Psychotherapeutin geworden.

Was würde die Psychologin Claudia zur Musikerin Claudia sagen? Welchen Rat würde sie Claudia geben?

Ich glaube, die beiden würden sehr gute Freunde werden. Denn das, was die eine hat, hat die andere nicht. Der Rat wäre wohl, das Leben friedlich zu leben, sich weniger Sorgen zu machen, mehr zu reisen, mehr zu lieben und abenteuerlustig zu sein.

A propos mehr reisen, bist Du das erste Mal in Berlin?

Ja, das ist es. Ich wollte schon lange mal herkommen – wie viele andere Malteser. Und ich habe viel Gutes gehört. Bisher gefällt es mir, auch wenn ich noch nicht viele Möglichkeiten hatte, mich umzuschauen. Aber bei unserem Spaziergang gestern haben wir uns sogar verlaufen. Deshalb liebe ich es zu reisen: an solche Erlebnisse erinnerst du dich ein Leben lang. Und hier beim Eurovision Weekend Berlin sehe ich natürlich auch viele vertraute Gesichter wieder.

Du sagtest auch, dass der Therapeut sagen würde, dass Du mehr lieben solltest. Gibt’s da gerade einen Mangel?

Nein. Es gibt jede Menge Liebe. Ich bin in einer Beziehung. Und ich bin meiner Familie sehr nah. Ich habe zwei Hunde und liebe sie. Aber ganz allgemein liebe ich die Menschheit. Ich sollte vielleicht mehr lieben, weil man manchmal enttäuscht wird, wenn man liebt. Nicht nur in Beziehungen, sondern auch mit Freunden oder bei der Arbeit. Aber wenn man mehr liebt, ist man mitfühlender und kann auch mal über etwas hinwegsehen und so friedvoller leben.

Welche der Songs, die du heute Abend singen wirst, sind dir besonders wichtig? 

Ich werde heute Abend ein paar eigene Lieder singen und ein paar Covers. Wenn es um ESC-Lieder geht, fühle ich mich wohl, wenn ich eine Ballade singe. Ich weiß auch nicht warum das so ist, denn eigentlich liebe ich Uptempo-Songs. Mit meiner Band spiele ich sehr viel schnelle Lieder. Aber beim ESC wird dieser Knopf gedrückt… Ich erlebe viele Gefühle, wenn ich „Breathlessly“ singe. Und ich habe es eine Million Mal gesungen, glaub mir! Aber ich habe beim Singen trotzdem Schmetterlinge im Bauch. Ähnlich geht es mir mit „Pure“, mit dem ich 2012 Zweite wurde. Das sind sehr emotionale Lieder, mit emotionalen Texten. Und das passt zu mir, auch wenn ich sonst einfach lustig sein kann. Diese Lieder geben mir beim Singen etwas mehr als Uptempo-Songs. Und ich mag auch, dass sie stimmlich fordernder sind.

Wenn Du nicht gerade hier in Berlin oder sonstwo auf der Bühe stehst, probst oder arbeitest: was machst Du dann in Deiner Freizeit am liebsten?

Ich bin gern unter Leuten, aber ich bin auch sehr gern zu Hause. Ich lese viel und schaue gern Dokumentarfilme … über Serienmörder (lacht). Aber es gibt auch viele andere Themen. Ich wollte früher auch mal Archäologin werden… Also wirklich, Dokumentarfilme aus allen Bereichen. So lange es nicht politisch wird. Das interessiert mich dann nicht so. Außerdem bin ich ein Wein-Freak. Wir haben auch eigenen Wein in Malta, der wegen des Wetters übrigens sehr gut ist. Ansonsten chille ich gern am Pool oder gehe mit Freunden ans Meer.

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5 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Ruhrpottler

    02.08.2017 | 20:10

    Hallo.
    Kurz Offtopic: Weiß einer, was es mit den Gerüchten über die Teilnahme der Türkei am ESC 2018 zu bedeuten hat? Ist das jetzt 100% richtig oder handelt es sich nur um reine Spekulation? Kommt dazu ein eigener Beitrag? Deutschsprachig habe ich dazu nichts gelesen. Ich kann weder englisch noch türkisch ;-)

  2. Nick

    02.08.2017 | 21:26

    @Ruhrpottler: Gerüchte über Rückkehr der Türkei gibt es jedes Jahr seit ihrem Austritt und ich würde sie auch dieses Jahr nicht zu ernst nehmen. Allerdings haben sich diesmal bereits mehrere türkische ESC-Teilnehmer für eine Rückkehr des Landes ausgesprochen.

    Und zu Claudia: Ich fand ihren Auftritt beim ESC ja schön gemacht, aber wer nach so vielen Anläufen beim Vorentscheid, mit einem knappen Sieg endlich zum ESC darf und dort im Zuschauervoting keinen Punkt erhält, sollte es vielleicht bei dem einmaligen Abenteuer belassen.

  3. Frederic

    02.08.2017 | 22:46

    Wenn man sich anguckt, unter welch minimalen Erfolgsaussichten noch so manch anderer nicht aufgibt, kann man nur zum Schluss kommen, dass eben auch hier Dabeisein alles ist. Die Vergangenheit zeigt doch, dass sich ein enttäuschendes Ergebnis und kultische Verehrung weissgott nicht ausschließen.

  4. Jorge

    03.08.2017 | 09:24

    Aus irgendwelchen fanokkulten Gründen werden Wiederholungstäter immer wieder ihrer Standhaftigkeit wegen gewürdigt. Obwohl es nichts weiter als ein Resultat des viel besseren Chance-Risiko-Verhältnisses in diesen Ländern ist, auf dem Weg etwas über die begrenzten, lokalen Musikszenen hinaus zu erreichen. Der Song bleibt nun mal worthlessly und wenn ich sie schon nicht inspirierend finde, teile ich mit ihr wenigstens den Hang zu Archäologie & Dokumentationen.

  5. Bandido

    04.08.2017 | 13:03

    Durfte sie live in Kiew erleben – eine wirklich starke Stimme, die leider an eine fade, altbackene Komposition verschwendet wurde. Verdientes Aus im Halbfinale. So blieben mir in erster Linie Claudias prächtige Mammae in Erinnerung, die während dem Auftritt larger than life auf den Bühnenhintergrund projeziert wurden…

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