Conchita im PRINZ-Blog-Interview: „Kandidaten nicht zuzulassen, entspricht nicht dem Spirit des ESC“

Am vergangenen Sonntag hatten wir während des Presse Meet&Greet zur London Eurovision Party auch die Gelegenheit, auf dem Balkon über dem Leicester Square mit Conchita zu sprechen, ehe sie am Abend einer der Gaststars bei der LEP war. Wir wollten natürlich wissen, was es mit dem Interview auf sich hat, in dem der Satz „Ich muss Conchita töten“ fiel – und was sie über den aktuellen politischen Streit um die Ukraine und Russland (Julia Samoylova) denkt.

PRINZ ESC Blog: Es gab zuletzt viel Wirbel um dich, weil du Mitte Februar in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ gesagt hast, du müsstest Conchita „töten“. In den letzten Tagen gab es aber Meldungen, die so klangen, als würdest du da wieder zurückrudern. Wie kam es zu dem Hü und Hott?

Conchita: Ich bin eigentlich nicht zurückgerudert. Das ist Quatsch. Ich werde tatsächlich über kurz oder lang mit Conchita aufhören. Mich hat nur gewundert, dass auch ein Qualitätsblatt wie die „Welt“ eine so reißerische Headline braucht, weil sie denkt, sonst wird dieser Artikel nicht gelesen. Das finde ich schade. Aber ich habe es definitiv so gesagt, wie es dort stand. Nur war das kurz bevor ich ein bisschen von meinem Schnitzel gegessen habe, und eigentlich war das mit dem „töten“ ein Witz. Aber es ist definitiv auch wahr. Ich entwickle mich weiter und werde nicht für den Rest meines Lebens mit falschen Wimpern und Perücke durch die Welt laufen. Ich habe in dem Interview aber nicht gesagt, dass ich es nächste Woche tun werde – und das habe ich auch nicht vor.

Was wäre für dich der richtige Zeitpunkt?

Ich weiß nicht, ob es dafür einen richtigen Zeitpunkt gibt. Aber es gibt definitiv noch Dinge, die ich machen möchte. Das zweite Album wird unter meinem Namen (Conchita) erscheinen, und wir haben 2019 den EuroPride in Wien, bei dem ich World Ambassador bin – da sollte ich auch besser dabei sein. Was darüber hinaus passiert, habe ich noch keine Pläne.

Hast du dir schon Gedanken gemacht, wie es mit Conchita zuende gehen wird?

Nein.

Vielleicht ein „last concert“?

Ja, ich denke schon, dass ich ein Farewell Concert geben möchte. Dafür bin ich auch zu dramatisch, dass ich das nicht wollen würde.

Du hast in dem „Welt“-Interview gesagt, dass deine männlichere Seite stärker wird: „Tom rebelliert“. Wie äußert sich das?

Ich weiß es nicht. Viele behaupten, dass ich männlicher aussehe, und wahrscheinlich stimmt das auch. Mein Bart ist länger, mein Makeup reduzierter. Die Kleidung ist legerer, nicht mehr die große Robe, sondern eher mal ein Anzug. Hoffentlich entwickeln wir uns alle weiter. Das wäre wahnsinnig schlimm, wenn wir alle stehenbleiben würden. Ich habe für mich diese Phase meines Lebens durchlebt, und ich merke gerade einfach, dass ich jetzt etwas anderes machen möchte, und das wird sich über die nächsten Jahre von ganz allein fügen.

Du wurdest optisch mit Bill Kaulitz von Tokio Hotel verglichen. Wie findest du die Vergleiche?

Die hatte ich immer schon, und das ist tatsächlich wahr. Wenn wir zu dritt – Bill, Tom und ich – nebeneinander stehen würden, dann könnte ich der verlorene Drilling sein. Die beiden haben die schönere Nase. Aber ich sehe die Ähnlichkeit.

Du hast in einem Interview 2014 gesagt, dass Tom Neuwirth nicht öffentlich in Erscheinung tritt und auch nicht öffentlich fotografiert werden darf. Ändert sich das jetzt?

Nein, nicht in näherer Zukunft. Ich habe im Zuge des „Welt“-Interviews wahnsinnig viele Angebote von namhaften Magazinen bekommen, Fotostrecken zu machen als Tom. Da dachte ich: Das ist wirklich sehr selbstbewusst von euch zu denken, dass ich überhaupt ungeschminkt in die Öffentlichkeit möchte, denn das habe ich nicht vor.

Siehst du ein Risiko, dass du mit einer neuen Persona oder als Tom wieder bei Null anfangen müsstest?

Ja, aber das stört mich nicht. Ich werde auch oft gefragt, ob ich nicht eine gewisse Verantwortung meinen Fans gegenüber verspüre und ob man die nicht ein Stück weit hinters Licht führt, wenn man nicht mehr ist, was man mal war. Da sage ich an alle, die mich auf meiner Reise begleiten möchten: darüber freue ich mich sehr. Und alle, für die das dann nichts mehr ist, lade ich herzlich ein, mich zu de-frienden oder mir nicht mehr zu folgen. Ich bin da relativ entspannt, denn ich lebe dieses Leben für mich und für niemanden anderen.

Und spürst du eine Verantwortung gegenüber der Figur Conchita?

Nein. Ich habe nur eine Verantwortung meinem Leben gegenüber. Conchita ist eine Bühnenfigur, die ich erschaffen habe und die genauso schnell wieder weg sein kann.

Würde die neue Persona oder Tom nochmal am Eurovision Song Contest teilnehmen?

Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht. Es heißt ja, sag niemals nie, aber ich glaube nicht.

Oder könnte es sein, dass die neue Persona vielleicht gar keine Musik mehr macht? Du hattest ja auch dein Interesse an der Schauspielerei bekundet.

Das ist wahrscheinlicher, denke ich. Ich könnte tatsächlich eine Pause von der Musik per se einlegen, um etwas anderes zu machen, was ich gern ausprobieren möchte. Ich weiß nicht, ob ich im Schauspiel so wahnsinnig erfolgreich wäre. Ich glaube nicht, und so viele Rollen kann ich auch nicht spielen. Ich habe vieles, was ich gern machen möchte, aber keine konkrete Planung.

Du hast ab und zu gesagt: „Ich kann von allem so ein bisschen…“

„… aber nichts richtig.“

Ist das nicht Koketterie – mit nur „ein bisschen“ würde man nicht den ESC gewinnen?

Es ist natürlich schön, wenn man das als Koketterie sieht. Ich sehe das, ehrlich gesagt, durchaus ernst. Ich bin sehr, sehr streng mit mir. Ich bin nicht mein größter Fan. Ich kann wahrscheinlich besser singen als der Durchschnittsmensch, aber ich kann nicht so gut singen wie… Jennifer Hudson.

Das heißt, du schaust dir deine Auftritte an und hörst deine Aufnahmen und denkst „Das hätte man noch wesentlich besser machen können“?

Ich bin sehr, sehr kritisch, vor allem was meine Person anbelangt. Wenn ich mir nach Auftritten die auf Video anschaue, dann denke ich wohl zu 80 Prozent: Da hat das Timing nicht gestimmt, da warst du flat, da warst du sharp. Ich bin sehr gut darin, mich auseinanderzunehmen.

Das neue Album kommt erst 2018. Kannst du schon sagen, was wir erwarten können?

Es ist natürlich noch nicht der letzte Stand, aber es wird definitiv organischer sein als das erste Album. Es wird ein bisschen düsterer sein, und man kann auch die eine oder andere Tremolo-Gitarre vermuten.

Du hast beim ESC 2015 als Co-Moderatorin klar Stellung bezogen, fair mit allen Kandidaten umzugehen – inklusive der russischen Sängerin. Wie nimmst du den aktuellen Konflikt zwischen Russland, der Ukraine und der European Broadcasting Union wahr?

Ich weiß nicht, worum es in diesem Streit geht.

Du hast das gar nicht verfolgt?

Nein.

Die Ukraine will die russische Sängerin für den ESC 2017 nicht einreisen lassen, weil sie über Russland auf die Krim gereist ist und dort aufgetreten ist…

Das ist Schwachsinn.

Damit verbunden ist ja die stets geäußerte Behauptung, der ESC sei unpolitisch oder habe unpolitisch zu sein…

Das geht nicht! Wir sind alle Künstler, und wir leben alle gemeinsam auf diesem Planeten. Natürlich reflektieren wir, was um uns geschieht. Wir leben in sehr, sehr schwierigen Zeiten, mit Trump, mit Brexit, mit all den Furchtbarkeiten, die sich abspielen. Wie kann sich das nicht in der Kunst reflektieren! Deswegen können wir noch so laut behaupten, dass der Eurovision Song Contest nicht politisch ist. Natürlich ist er nicht politisch per se, aber wir sind alle motivierte, interessierte Menschen, und deswegen geht das manchmal eben in gewisse Richtungen. Dass Kandidaten ausgeladen oder nicht zugelassen werden aufgrund irgendwelcher Tatsachen, finde ich schwachsinnig und entspricht definitiv nicht dem Spirit, den dieses Fest verbreiten möchte. Es ist nämlich eine Bühne, die alles erlaubt und die weltoffen ist. Darum sollte es gehen. Und wer sich daran nicht hält, hat meines Erachtens einiges nicht verstanden.

Danke für dieses Gespräch, Conchita!

 

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9 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Matty

    09.04.2017 | 14:29

    Ein tolles Interview mit Conchita und ich freue mich schon auf ihre neuen Songs!

  2. melodifestivalenfan

    09.04.2017 | 14:41

    Conchita, eine Kunstfigur im Interview? Nein, da ist eigentlich nur noch wenig von „ihr“ zu spüren. Es war dann doch mehr der Tom, der aus ihr sprach. Geht ja auch gar nicht anders, wenn man gerade eine weitere Metamorphose gestaltet. Oder hat man sich einfach nur schon so an eine bärtige Dragqueen gewöhnt. Das gefällt mir so an Conchita, sie/er selbst ist die treibende Kraft in ihrem, seinem Leben und nicht irgendwelche Berater, selbstbewusst und unbeirrt.
    Auch habe ich es ihr damals in Wien hoch angerechnet, den Buhrufern sehr energisch Respekt gegenüber allen Künstlern abzufordern.

  3. cars10

    09.04.2017 | 15:26

    Na, da hätte man der lieben Conchita ja alles erklären müssen, becor man ihr eine Antwort abnötigt, aus der man eine Zeile aus dem Zusammenhang gerissen als Schlagzeile nimmt.
    So bleibt der tendenziöse Beigeschmack der halben Wahrheiten – und die liebe Conchita hatte schon wieder nicht die Möglichkeit, ihre Aussage ins rechte Licht zu rücken.

  4. DerMoment1608

    09.04.2017 | 15:59

    Sehe ich ähnlich wie cars – da habt Ihr Conchita eine Antwort auf Grundlage nur eines Teiles der Informationen geben lassen (der Teil mit der Gesetzeslage in der Ukraine fehlt vollkommen – und macht meiner Ansicht nach einen entscheidenden Unterschied in der Bewertung der gesamten Situation) und dann auch noch eine recht reißerische Überschrift draus gemacht.

  5. Ansgar

    09.04.2017 | 19:10

    Sehr schönes Foto von euch Dreien!

  6. Ruhrpottler

    09.04.2017 | 22:23

    Hach. Ich finde Conchita einfach wunderbar und großartig! Sie ist so ein wahnsinnig toller kluger Mensch. Es macht so viel Freude ihr zuzuhören bei Interviews oder diese zu lesen. Ich würde sie auch weiterhin verfolgen, wenn sie nicht mehr Conchita ist. Ganz besonders würde ich mich über einen Rock-Album von Tom Neuwirth freuen und ich denke, dass das zu ihr passen würde.

  7. Frederic

    09.04.2017 | 23:34

    Die Schlagzeile geht doch völlig in Ordnung („Dass die Ukraine die russische Sängerin für den ESC 2017 nicht einreisen lassen will, ist Schwachsinn“ wäre z.B. wesentlich reißerischer).
    Klar ist die Konfliktsituation sehr kurz zusammengefasst, insgesamt aber schon zutreffend und auch nur bedingt tendenziös. Ich verstehe, wenn die Ukraine nur begrenzt Möglichkeiten hat, gegen die Annektierung anzugehen, aber dieses Gesetz dürfte nur wenig Nutzen haben (zumal immer noch unklar ist, mit welcher Konsequenz es sonst überhaupt angewandt wird).

  8. Jorge

    10.04.2017 | 09:12

    Gut dass andere schon auf die Headline Bezug nahmen, das Thema nimmt den kleinsten Teil des Interviews ein und zudem sah Conchita sich darin nicht gerade involviert. Das Thema „De-Conchitarizing“ hätte mit zwei Fragen erschöpft sein können, die Antworten sind nicht umsonst recht einsilbig ausgefallen. Hätte da mehr Fragen zu damit einhergehenden Problemen (musikalische Richtung, Glaubwürdigkeit in anderem Genre/Rolle, Konflikt zur Charity- und Communitybotschafterrolle .. ) oder einer evtl. Neuorientierung in TV-Medien naheliegend gefunden.

  9. escfan05

    13.04.2017 | 06:59

    Conchita sollte sich lieber über ihr Liedschatten oder die Auswahl ihrer Kleider Gedanken machen. Wer so wenig Hirn in der Rübe hat, sollte sich über andere Dinge nicht äußern. Außerdem ist es sehr enttäuschend das Conchita ein Land verteidigt, das so homophobe Gesetze hat wie Russland. Mit der großen Karriere ist ja trotzdem nix geworden. Gut so.

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