Conchita spricht über ihre HIV-Infektion

Ihr Auftritt und Siegeszug bei ESC in Kopenhagen 2014 markiert nicht nur einen Meilenstein der Eurovisionsgeschichte, die Botschaften von Conchita haben europaweit auch die Akzeptanz der LGBT Bewegung stärker vorangetrieben als viele politischen Initiativen, letztendlich war und ist ihr Auftritt während und nach dem ESC politisch („We are unstoppable.“) Am Wochenende ist Conchita nun mit einer sehr privaten Botschaft an die Öffentlichkeit gegangen.

Auslöser für den folgenden Text, den Conchita auf Instagram veröffentlicht hat, ist ein Expressungsversuch eines „Ex-Freundes“, mit dem sich Tom Neuwirth konfrontiert sah.

„Heute ist der Tag gekommen, mich für den Rest meines Lebens von einem Damoklesschwert zu befreien: ich bin seit vielen Jahren hiv-positiv. Das ist für die Öffentlichkeit eigentlich irrelevant, aber ein Ex-Freund droht mir, mit dieser privaten Information an die Öffentlichkeit zu gehen, und ich gebe auch in Zukunft niemandem das Recht, mir Angst zu machen und mein Leben derart zu beeinflussen.

Seit ich die Diagnose erhalten habe, bin ich in medizinischer Behandlung, und seit vielen Jahren unterbrechungsfrei unter der Nachweisgrenze, damit also nicht in der Lage, den Virus weiter zu geben.

Ich wollte aus mehreren Gründen bisher nicht damit an die Öffentlichkeit gehen, nur zwei davon will ich hier nennen: der wichtigste war mir meine Familie, die seit dem ersten Tag Bescheid weiss und mich bedingungslos unterstützt hat. Ihnen hätte ich die Aufmerksamkeit für den HIV-Status ihres Sohnes, Enkels und Bruders gerne erspart. Genauso wissen meine Freunde seit geraumer Zeit Bescheid und gehen in einer Unbefangenheit damit um, die ich jeder und jedem Betroffenen wünschen würde.

Zweitens ist es eine Information, die meiner Meinung nach hauptsächlich für diejenigen Menschen von Relevanz ist, mit denen sexueller Kontakt infrage kommt.

Coming out ist besser als von dritten geoutet zu werden. Ich hoffe, Mut zu machen und einen weiteren Schritt zu setzen gegen die Stigmatisierung von Menschen, die sich durch ihr eigenes Verhalten oder aber unverschuldet mit HIV infiziert haben.

An meine Fans: die Information über meinen HIV-Status mag neu für euch sein – mein Status ist es nicht! Es geht mir gesundheitlich gut, und ich bin stärker, motivierter und befreiter denn je. Danke für Eure Unterstützung!“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Es ist jedem Menschen, der mit einer Erkrankung oder einem anderen nachhaltigem Lebenseinschnitt zurechtzukommen hat, zu wünschen, dass er die Unterstützung in der Familie und/oder im Freundeskreis erhält, die Conchita erfährt und von der Conchita auf Instagram berichtet. Insofern sei (auch) an dieser Stelle Conchitas privatem Umfeld größter Respekt gezollt. Wir freuen uns sehr, dass Conchita auch auf diese Art und Weise „aufgefangen“ wird.

Es ist traurig und ärgerlich zugleich, dass eine Erkrankung, über die man offen und unbelastet sprechen können sollte wie über jede andere, tatsächlich noch Gegenstand eines Expressungsversuches sein kann.

Und es ist zu hoffen, dass Conchita durch ihre Offenheit auch diese gesellschaftliche Diskussion produktiv befördert und zu der Enttabuisierung von Menschen mit HIV beiträgt oder – wie sie es selbst treffend schreibt – einer „Stigmatisierung“ entgegenwirkt.

Conchita hat zuletzt vor einem Jahr anläßlich der London Eurovision Party mit dem PRINZ Blog gesprochen. Das Interview mit Co-Blogger Matthias ist immer noch aktuell und weiter lesenswert.

Conchita ist in diesem Sommer und Herbst zu Gast bei verschiedenen Musikevents in Europa und gibt auch Konzerte, alle Termine und Ticketinfos finden sich hier.

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22 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Alkibernd

    16.04.2018 | 16:20

    Jungs,

    nehmt immer Kondome und vögelt nicht so bedenkenlos in der Gegend
    herum !

    Für Conchita (und alle anderen) wünsche ich, dass es bald den völligen Durchbruch der Medizin gibt, sie doppelt so alt wird wie die Lys und somit beim ESC 2163 (mit einem Lied eines Ralf Siegel-Künstliche Intelligenz-Nachbaus) auftritt.

  2. miramax09

    16.04.2018 | 16:57

    So beeindruckend und auch befremdlich. Mein vollster Respekt an Tom. Stay safe, know your status and be respectful! Hab irgendwie gerade das Bedürfnis, alle zu umarmen :)

  3. 4porcelli

    16.04.2018 | 17:27

    Schändliches Verhalten seines EX, der wesentlich kranker – im Kopf – ist als Tom. Bravo, dass Tom/Conchita die Herausforderung so mutig angenommen hat und dadurch hoffentlich dazu beitragt´en kann, dass man out, proud & poz sein kann. Letzteres ist bei den meisten Schwulen inzwischen zwar akzeptiert, aber ansonsten sind meiner Erfahrung nach immer noch viele Leute auf dem mitt-90er Wissensstand, dass HIV = AIDS = Todesurteil. Vielleicht ist Conchitas mutiges selbst-Outing (wenn auch unter schäbigen Umständen) hoffentlich ein Schritt zu größerer gesellschaftlicher Akzeptanz.

  4. Tamara

    16.04.2018 | 18:35

    Um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: Conchita, you are unstoppable. Tiefen Respekt für diesen mutigen Schritt, ansonsten ist Peters Worten nichts hinzuzufügen.

  5. Tobiz

    16.04.2018 | 18:36

    Mir war neu, dass HIV gesellschaftlich nicht wirklich akzeptiert ist. In der Schule lernt man den Mist schließlich.

  6. Lorena

    16.04.2018 | 19:06

    Ich finde, wir sollten über das Thema gar nicht weiter reden. Conchita hat ihre Erkrankung ja nicht öffentlich gemacht, weil sie unbedingt will, dass die gesamte Menschheit davon weiß, sondern einfach um zu verhindern, dass jemand anderes vor ihr davon erzählt. So ein Verhalten ist natürlich unmöglich!

  7. Trakol

    16.04.2018 | 19:34

    Ihr habt ihn oben Alex genannt, heißt aber Tom

  8. Hinz und Kunz

    16.04.2018 | 19:45

    Ich konnte dem Phänomen Conchita Wurst nie viel abgewinnen, aber in dieser Sache hat sie meinen vollsten Respekt. Es ist einfach erschreckend dass eine HIV Infektion im Jahr 2018 noch immer Gegenstand einer versuchten Erpressung ist. Hut ab vor dieser mutigen und einzig richtigen Reaktion.

  9. Thomas2000

    16.04.2018 | 20:38

    Ein toller Künstler. Ein großartiger Mensch. Respekt.

  10. Gaby

    16.04.2018 | 20:58

    Meinen Respekt an Conchita Wurst und alles Gute.

  11. Chupacabra

    16.04.2018 | 21:32

    Die Schande ist, dass – wie von vielen gesagt- HIV immer noch ein Erpressungsgrund sein kann. Danke Conchita, dass dem durch dein Outing ein Riegel vorgeschoben wurde. Es ist in der Tat irrelevant. Für alle anderen: KNOW YOUR STATUS! Viruslast unter Nachweisgrenze halten, da somit 99,9% nicht infektiös. PrEP ließ die Neuinfektionsraten auch sinken.

  12. Alkibernd

    16.04.2018 | 21:35

    „Know your status“ ist höchstens die halbe Miete. Know what safer sex is, die wesentliche Präventitionsstrategie.

  13. melodifestivalenfan

    16.04.2018 | 21:37

    „Das gefällt mir so an Conchita, sie/er selbst ist die treibende Kraft in ihrem, seinem Leben und nicht irgendwelche Berater, selbstbewusst und unbeirrt.“
    Das ist ein Zwischensatz von mir im Kommentar zum erwähnten Interview von @Matthias vom 9.4.2017.
    .
    Tom ist eine sehr starke Persönlichkeit und nicht erpressbar. Was für ein vorbildlicher Charakter! Sein Maßstab ist der eigene Anspruch und der entwickelt sich unaufhörlich weiter. Ich bin stolz auf Dich. Schön, das es Dich gibt, Tom. 😃😘

  14. Jorge

    16.04.2018 | 21:51

    Conchita hat ja klargemacht, nicht püppchenhaft oder mit Mitleid behandelt werden zu wollen. Daran werde ich mich halten. Alles Gute Tom. Was gibt’s sonst Neues?

  15. Alkibernd

    16.04.2018 | 21:56

    Ihr merkt, dass so ein bisschen knötterig bin.. Mutig war das vor 30 Jahren und die die damals so mutig waren, haben die AIDS-Hilfen gegründet, um unter anderem einigermaßen in Würde sterben zu können

    Jetzt ist es natürlich noch kein leichter Schritt. Ich hätte mir aber ein bisschen Reflexion von prominenter Stelle auch dazu gewünscht, wieso es dann dazu kommt, dass man sich als junger schwuhler Mann heutzutage mit HIV infiziert.

    Wir brauchen eine neue Diskussionskultur über unseren Umgang mit uns in der Szene und den eventuellen etwas leichtfertigen Griff zum Ausweg lebenslange Medikation eventuell als präventive Partydroge. Das hätte bestimmt von prominenter Stelle einen Impuls erhalten.

  16. Jorge

    16.04.2018 | 22:00

    @alkibernd 21:56h: Top Kommentar!

  17. 4porcelli

    16.04.2018 | 23:59

    @Alkibernd – ich finde, wir sollten Tom erst einmal Zeit zum Verarbeiten des ganzen geben, bevor wir von ihm erwarten, dass er zum Aktivisten wird. Das kann und wird – fast schon zwangsläufig – so kommen, aber er jetzt ist nicht der Moment, ihn aufs Podium zu schieben. Erst einmal viel Glück und Stärke, Tom xx.

  18. Tamara

    17.04.2018 | 00:39

    Alki, ich möchte Dir da gern mal was entgegenhalten:
    .
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/statement-von-conchita-wurst-hiv-ist-der-schrecken-genommen-nicht-aber-das-stigma-1.3946092

  19. Frédéric

    17.04.2018 | 08:14

    Hmm. Gestern hatte ich mich privat noch darüber beklagt, dass Conchita Wurst mit diesem Thema in diversen Medien erscheint, die sich mit ihrem sonstigen Schaffen mutmaßlich seit 2014 nicht mehr befasst haben. Aber ich sehe ein, dass der Sachverhalt über die Kunstfigur und ihre Musik hinausgeht.

  20. manuel d.

    17.04.2018 | 17:42

    Hmm… ich bin grad etwas zwiegespalten…
    .
    Natürlich ist dies ein ESC-Blog und es wird über alles mögliche berichtet, was es bei „den Stars der Bubble“ neues gibt.
    Andererseits erreicht der Erpresser ja grad genau das was er wollte: Jede Seite oder Zeitung greift das Thema auf, so dass möglichst auch alle von Conchitas Infektion erfahren. Bei einem komplett eigenem Outing meinetwegen, bei einem erzwungenen finde ich allein den Artikel kontraproduktiv, auch wenn er sehr gut recherchiert und geschrieben ist.
    .
    Deshalb zitiere ich gerne einen Vorredner an dieser Stelle (anstatt nun nachzubohren und die Wege der Infektion zu ergründen, die sollte ja nun wirklich jeder heutzutage kennen):
    „Alles Gute Tom. Was gibt’s sonst Neues?“

  21. 4porcelli

    17.04.2018 | 17:49

    @manuel d. – Tom reißt dem Erpresser hiermit meiner Meinung nach die Initiative aus der Hand: Er etabliert quasi ownership über den Begriff „poz“ (was die meisten von uns im Berufsleben noch vermeiden) ähnlich wie „queer“ in der gay community und „n….r“ in der Black community inzwischen als empowerment-Beschreibungen den Neandertalern entrissen und so umdefiniert wurden. Der letzte Satz, da stimme ich Dir und @jorge zu, ist das Wichtige.

  22. Bonello

    18.04.2018 | 21:22

    Trotz der fortscheitenden Medizin sollte man bei alldem nicht vergessen

    HIV ist nur therapierbar und NICHT heilbar
    HIV führt ohne ärztliche Betreuung zu AIDS und kann tötlich sein

    und wenn die meisten gays „aufgeklärt“ sind, sollte man Schutzfunktionen bzw auch das Risiko kennen… und ob nun 10 Minuten Spaß es wert waren täglich Medikamente zu schlucken und jeden Tag an seine Krankheit erinnert werden will, muss letztendlich jeder selber wissen

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