Schweden

Das App-Stimmungsproblem des Melodifestivalen

Zum ersten Mal seit vier Jahren siegte beim schwedischen ESC-Vorentscheid nicht der Favorit des Publikums. Stattdessen setzte sich der Jury-Favorit Robin Bengtsson durch, der bei den Zuschauern auf Platz 3 gelandet war – eine Steilvorlage für die Kritiker der Jurys. Das eigentliche Problem liegt jedoch woanders: bei der Abstimmungsmöglichkeit per App und der Umrechnung in die Wertungspunkte.

13,57 Mio. Stimmen gaben die Schweden während des Finales des diesjährigen Melodifestivalen ab, um ihren Favoriten zu küren. Bei offiziell gemessenen 3,79 Mio. Zuschauern sind das im Schnitt 3,6 abgegebene Stimmen pro Person. Der tatsächliche Wert liegt noch höher, da in die Zuschauerzahl auch die Personen eingerechnet werden, die die Show zeitversetzt im Internet sahen und gar nicht mehr abstimmen konnten.

13,57 Mio. Stimmen sind eine unglaubliche Steigerung der Abstimmungszahl im Vergleich zu 2015, dem letzten Jahr, in dem im Finale die Stimmen der App nicht gezählt wurden, weil es technische Probleme gab. Ganze 1,56 Mio. Anrufe bzw. SMS wurden damals gezählt. Übrigens bei einer vergleichbaren Zuschaueranzahl in Höhe von 3,74 Mio.

Überträgt man die Werte, lässt sich vermuten, dass heuer deutlich über 10 Mio. Stimmen über die App generiert wurden. Unwahrscheinlich ist das nicht, denn während des Finales wurden 3.765.963 Kronen für Radiohjälpen generiert. Da 8,90 Kronen pro Anruf bzw. SMS bei der teureren Nummer an die Hilfsorganisation gehen, waren das also 423.142 Stimmen. Mit anderen Worten: 3,1% aller abgegeben Votings. Die Differenz, immerhin über 3 Mio. Stimmen, unterstellen wir in diesem Fall für die günstigeren Nummern.

Maximal 5 Stimmen kann eine Person mit der App pro Beitrag vergeben. Das Ganze nennt sich dann hjärtrösta, Abstimmung mit dem Herzen, weil länger auf ein Herz gedrückt werden muss, bis eine Stimme zählt. Dennoch ist es ein Leichtes, einem Beitrag fünf Stimmen zukommen zu lassen. Außerdem ist diese Stimmabgabe kostenlos.

So schön praktisch das sein mag: Die Schweden voten mit der App nicht mehr für einen oder mehrere Favoriten, sondern sie schenken (fast) jedem Beitrag ein bis fünf Herzen. Sie bewerten also die Songs eher auf einer Skala von 0 bis 5. In der Folge erreichen Lieder, die bei der reinen bezahlten Abstimmung nur wenige Stimmen erhalten hätten, jetzt einen durchaus relevanten Anteil. Gleichzeitig fällt es dem Favoriten der großen Mehrheit umso schwerer, sich deutlich von den Wettbewerbern abzusetzen.

Die Zahlen der letzten Jahre belegen diesen Effekt eindrücklich: Während Loreen 2012 32,7% der Stimmen auf sich vereinen konnte und Måns 2015 35,1%, schaffte Frans 2016 nur noch 14,4% und Robin als Dritter bei den Zuschauern in diesem Jahr 10,6%. Der Publikumsliebling Nano kam auf 11,9%.

Welche Aussagekraft hat ein Publikumsvoting noch, wenn der Beitrag mit den wenigsten Stimmen (Lisa Ajax), immer noch auf einen Anteil von 6,2% kommt und der Beitrag mit den meisten lediglich auf 11,9%?!

Wieder der Vergleich: 2015 erhielten JTR als Letzte mickrige 0,9%, 2012 Lisa Miskovsky 3,8%. Mit anderen Worten: Die Abstimmung per App bildet nicht ab, wer der Favorit ist, sondern wie die Beiträge durchschnittlich bewertet werden. Und das machen die Zuschauer für alle zwölf Songs.

Die Jurys hingegen können nur sieben Titel mit Punkten versehen, fünf gehen immer leer aus. Gleichzeitig müssen die Juroren eine feste Rangreihe ihrer Favoriten benennen, die dann mit Punktunterschieden klar zu erkennen sind. So wie in diesem Jahr Robin bei ihnen deutlich vorn lag.

Das zweite Problem, bei dem die Wertung des schwedischen Publikums im Gegensatz zu den Jurys an Gewicht verliert, ist die Tatsache, dass ihre durchschnittliche Bewertung pro Beitrag auch noch relativ auf die zu vergebenen Punkte umgerechnet wird. Bis 2010 war das anders. Damals erhielt der Publikumsfavorit immer 132 von 473 Punkten, also 27,9% der zu vergebenen Punkte. Im letzten Jahr, in dem dieses Verfahren angewendet wurde, profitierte davon Anna Bergendahl, die eigentlich nur 20,7% der abgegebenen Zuschauerstimmen erhalten hatte. Sie wurde also aufgewertet. Ola Svensson, der 4,2% der Zuschauerstimmen bekommen hatte, wurde abgewertet und erhielt keinen einzigen Punkt.

Es zeigt sich, dass die Veränderungen bei der Abstimmung im Melodifestivalen den Einfluss des Publikums systematisch geschmälert haben. Der Einfluss der Jurys – früher der nationalen, später der internationalen – ist nominell gleichgeblieben, relativ hat er sich aber deutlich verstärkt. Hier muss dringend gehandelt werden, will das schwedische Fernsehen die Zuschauer nicht (dauerhaft) verprellen.

Dass ausgerechnet das deutsche System die Lösung sein soll, wie es Irving Wolther vorschlägt, scheint allerdings etwas gewagt. Bei Unser Song 2017 wurde erstmals die App Eurovision Vibes eingesetzt. Hierüber hatten internationale Fans die Möglichkeit, die Videos von den Proben zu bewerten. Die – für die Abstimmung nicht relevanten – Ergebnisse wurden dann vereinzelt in der Live-Show präsentiert, ohne jedoch besonders aussagekräftig zu sein. Schließlich stand es einmal tatsächlich 50:50. (Der Prinz ESC-Blog hat zu den Voting-Ergebnissen von Eurovision Vibes eine Anfrage beim NDR platziert.)

Warum Wolther glaubt, diese App, die sich laut Eurovison.de bewusst an die „internationale Community“ (ESC-Community, Anm. d. Red.) richtet, sei besser geeignet ein objektives Bild zu zeichnen, als die Jurys, „die tendenziell näher am Geschmack der Eurovision-Kernfangemeinde (… sind …)  als an den „normalen“ Zuschauern“, bleibt dabei sein Geheimnis.

Wenn die Jurys zwar etwas zu sagen haben sollen, jedoch der endgültige Gewinner von den nationalen Zuschauern allein gekürt werden soll, bietet sich eher das Verfahren an, das in diesem Jahr in Norwegen zum Einsatz kam (Liveblog hier). Die internationalen Jurys, unter ihnen auch Deutschland mit der Sprecherin Carola Conze (ihres Zeichens deutsche Head of Delegation), voteten in der ersten Abstimmungsrunde über alle zehn Beiträge vollumfänglich mit, gaben aber den Zuschauern nur ihren Favoriten bekannt. Im Gold-Finale der letzten vier Beiträge waren dann ausschließlich die heimischen Zuschauer dran. Das wäre doch glatt auch was für den deutschen Vorentscheid 2018.

ESC-News

18 Kommentare Kommentar schreiben

  1. benne

    18.03.2017 | 08:42

    War die Abstimmung per App eigentlich kostenlos?

  2. Manboy

    18.03.2017 | 08:54

    Am besten die Abstimmung per App kostenpflichtig machen und dann sind alle Abstimmungsmöglichkeiten gleichgestellt.

  3. Merlin

    18.03.2017 | 09:32

    Eine gelungene Zusammenfassung des Problems „hjärtrösta“. Mein Lösungsvorschlag: Entweder das Voten mit der App wird kostenpflichtig und/ oder weiter eingeschränkt, z.B. 3 votes für jede Votingrunde.

  4. Matty

    18.03.2017 | 10:17

    „Die Jurys hingegen können nur acht Titel mit Punkten versehen, vier gehen immer leer aus.“

    Lieber Douze Points, die Aussage ist falsch. Richtig muß es heißen:

    „Die Jurys hingegen können nur sieben Titel mit Punkten versehen, fünf gehen immer leer aus.“ Es werden 1,2, 4, 6, 8, 10 und 12 Punkte von den Juries vergeben.

  5. Jorge

    18.03.2017 | 10:25

    Weitere Infos unter: blog.prinz.de/melodifestivalen

  6. melodifestivalenfan

    18.03.2017 | 10:32

    Das Problem mit den „hjärtrösta“ ist tatsächlich, wie ihr beschrieben habt, das man eigentlich jeden Song auf einer Skala von 0 bis 5 bewertet. Da es nichts kostet, klimmern die Voter munter drauf los. Wenn einem mehrere Songs und Auftritte gefallen, schöpfen auch die Voter die Bandbreite für alle aus. Das würde keiner tun, wenn die Abstimmung kostenpflichtig wäre.
    Deshalb ist auch „Statements“ ein Opfer dieser Methode aus meiner Sicht geworden. Aber das ist Spekulation.
    Jedenfalls haben die internationalen Jurys aufgrund dieses Verfahrens ein zu hohes Gewicht. 2018 sollte man das Verfahren modifizieren.
    Trotzdem, es kamen für mich 4 Songs für den Sieg in Frage und Robin ist ein würdiger Vertreter des Mello in Kiew, auch wenn er nicht mein Favorit war.
    So irrelevant ist das übrigens auch mit den 5 Sternchenbewertungen bei eurovisionworld.com und hier im Leser ESC-Barometer. Aus diesem Verfahren lässt sich gleich gar keine Tendenz für die Siegwahrscheinlichkeit eines Songs ablesen. Aber es ist auch nur ein Stimmungsbild und deshalb okay so.

  7. melodifestivalenfan

    18.03.2017 | 10:47

    @Jorge
    ich kann dich gut verstehen. Mich würden jetzt auch andere Hintergrundberichte mehr interessieren. Das Mello ist für dieses Jahr erledigt. Der Fokus sollte nun auf den ESC 2017 gelegt werden mit den vielen hochinteressanten anderen Beiträgen der Saison.
    Soll nur eine Anregung sein, liebe Blogger.

  8. interrobang

    18.03.2017 | 10:59

    Danke für diesen Artikel, sehr schön zusammengestellt!
    .
    Ein Problem der ganzen schwedischen Methode ist, dass bei den Jurystimmen das Raster grobmaschiger ist — zwischen Platz 1 und Platz 2 einer jeden Jury liegen immer zwei Punkte. Um das wettzumachen, muss ein Beitrag in der „Volksabstimmung“ fast 0,5 Prozent mehr Stimmen bekommen, das sind Zehntausende von Anrufen, SMS und Herzchen. Und da die Herzchen, wie im Artikel gesagt, eher eine Bewertung auf einer Skala von 0 bis 5 sind, kann so was kaum aufgeholt werden, wenn das Feld (wie in diesem Jahr) ohnehin keinen haushohen Favoriten à la Måns 2015 hat.
    .
    In Schweden kam es gar nicht gut an, dass unser schicker Robin nur Dritter „beim Volk“ war und trotzdem die ganze Chose gewann. „Die Jury muss weg“, war dann die Hauptmeinung. Interessanterweise wurde ein ziemlich großer Wirbel darum gemacht, dass Robin nur Dritter war. Man scheint also für den „Zieleinlauf“ eher die Rangliste als die Abstände zwischen den Teilnehmern wahrzunehmen. Das spricht eigentlich für die „alte“ Art der Punktevergabe der Volkspunkte, wo der Gewinner im Volke immer 132 Punkte bekam, egal mit welchem relativen Stimmenanteil. Würde zumindest besser zum Raster der Jury-Punkte passen, das ja auch eine Rangliste darstellt, die in festen Punkten abgebildet wird.
    .
    Na ja, die perfekte Lösung gibt es ohnehin nicht. Und der Zorn über die Jury wird dann verrauchen, wenn Robin in Kiew gut abschneidet oder wenn nächstes Jahr das Mello wieder losgeht. Vielleicht gibt es aber tatsächlich eine Regeländerung?!
    .

  9. interrobang

    18.03.2017 | 11:05

    Und was dieses Eurovision Vibes für den deutschen Vorentscheid angeht (um mal nicht nur übers Mello zu reden): Das war Grütze. Man konnte aus dem Ausland nämlich nur die Probenvideos bewerten, und zwar alle davon (die Hälfte der möglichen Lied-/Interpreten-Kombinationen kamen ja bekanntermaßen gar nicht zur Aufführung). Man konnte auch nur einmal abstimmen und die Stimme nicht anpassen. Der ganze Witz des mehrstufigen Verfahrens mit Verengung des Kandidatenfeldes wurde in der App überhaupt nicht abgebildet, und die App fragte zum Beispiel nicht in der letzten Runde: „Bist Du jetzt für Levina mit Wildlife oder Levina mit Perfect Fire?“.
    .
    Mich würde auch mal interessieren, wie beliebt das ganze Eurovision-Weibs-Zeuch eigentlich im Ausland war und wie viele Leute ohne Bezug zu Deutschland da mitgemacht haben. Vermutlich nicht furchtbar viele. Vielleicht ist das in der Sendung gezeigte 50:50-Ergebnis ja durch insgesamt zwei Stimmen zustande gekommen. ;-)

  10. Jorge

    18.03.2017 | 11:19

    @melodifestivalenfan: Danke, weiss das zu schätzen. :-) Mit solchen Artikeln bekommt der Blog sicher seine Wunschleserschaft und sich selbst bestärkende MF-Fans. So eine App zu beleuchten, wäre für sich gesehen ja nicht uninteressant. Nur: Es gab eben noch andere VEs mit Apps und „verzerrten“ Ergebnissen. Und dann ist im Subtext ja wieder eine spezielle Botschaft (mehr oder weniger direkt) versteckt. Aus meiner Sicht dann eine im Ergebnis völlig wertlose Diskussion..

  11. interrobang

    18.03.2017 | 11:55

    Ich hoffe ja nur, Christer Björkman kommt nicht auf die Idee, europa- und australienweit die Herzchen-App einzuführen …

  12. Douze Points

    18.03.2017 | 13:00

    @Benny und Matty: Vielen Dank für die Hinweise. Ich habe in den Artikel eingebaut, dass die Stimmen per App kostenlos sind und die Jurys nur sieben Beiträge mit Punkte versehen können.

  13. melodifestivalenfan

    18.03.2017 | 13:26

    @Douze Points
    Dann solltest du auch die vier in „fünf gehen immer leer aus“ ändern.
    .
    Übrigens „Inför Eurovision“ wird es in diesem Jahr bei svt nicht geben. Das ist dann ein kontroverser Artikel hier im Blog weniger. ;o)

  14. kaspar

    18.03.2017 | 13:34

    Schade, dass es über das schon zwanzig Mal erklärte Abstimmungsverfahren beim Mello den xten Artikel gibt, aber die hohen Jurypunkte in Island immer noch keiner verstanden hat.

  15. Cali

    18.03.2017 | 13:39

    Eine Jury in einem VE zu haben, allerdings nicht wollen, dass der Juryfavorit gewinnt, ist einfach unsinnig. Entweder man akzeptiert das Ergebnis dann oder man sägt die Jury ab.

  16. interrobang

    18.03.2017 | 14:04

    @kaspar: Stimmt, das mit den isländischen Jurypunkten ist mir auch rätselhaft.
    Vielleicht gibt es ja mal einen Artikel, in dem alle Abstimmungsverfahren bei Vorentscheiden vorgestellt und einander gegenübergestellt werden? Und dann eine Abstimmung darüber, welches am besten ist? Womöglich mit einer Herzchen-App? ;-)

  17. Little Imp

    18.03.2017 | 15:10

    Die Jury-Punkte in Island sind wahrscheinlich das umgekehrte Pendant zu den Televoting-Punkten im Mello. Im Mello werden X-Tausend Anrufe in Y Punkte umgewandelt und in Island wird von X Punkten hochgerechnet auf Y-Tausend Anrufe. So würde ich mir das erklären.

  18. biobanane

    19.03.2017 | 08:26

    Es wäre schon mal interessant allgemein über die verschiedenen Bewertungsmechanismen zu diskutieren. Beispielsweise ob die internationalen Juroren nicht doch immer die gleichen sind und ein ganz bestimmtes Wunschbild von einem ESC-Song haben- Das würde aber viel Recherche bedeuten (Wolther hat ja da schon angefangen) da ist es schon einfacher über einer Herzchen-App zu schimpfen, was mir aber letztlich egal ist. Wobei es das nicht sein dürfte, denn wie wir gesehen haben, wird irgendwann jeder schwedische Mist beim ESC eingeführt. Und noch ein Tipp, wenn man über Allgemeines diskutieren will, dann bitte nicht mit „Melodifestivalen“ im Titel, ich habe den Artikel nur zufällig aus Langeweile gelesen.

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