EBU Inside: Vorstoß für ESC-Ausschluss

EBU-Logo auf einer Satellitenschüssel, Quelle: EBU

Es tut sich was bei der European Broadcasting Union: Eine Reihe von Mitgliedern der Rundfunkgemeinschaft will nicht länger hinnehmen, dass in manchen EBU-Ländern die Meinungs- und Pressefreiheit und demokratische Mindeststandards verletzt werden und die EBU nichts unternehmen kann. Neue Regeln sollen etwa die Möglichkeit erlauben, solchen Ländern die Teilnahme am Eurovision Song Contest zu verweigern. Ob das Reglement wirklich beschlossen wird? Bleibt abzuwarten.

Nach dem heiß umstrittenen Eurovision Song Contest 2012 in Aserbaidschan, bei dem sich die EBU zumindest öffentlich relativ handzahm zeigte und keine wirkliche Kritik am autokratisch-menschenrechtsfeindlichen Regime äußerte, wird man beim ESC-Ausrichter offenbar nun doch aktiv. Schon im Juni will die TV-Union über strengere Demokratie-Anforderungen für ihre Mitglieder zumindest mal beraten, berichten schwedische Medien (Links am Ende dieses Artikels).

Ziel sind härtere ethische Regeln, die die EBU-Mitglieder erfüllen sollen. Eva Hamilton, die Direktorin des schwedischen Senders SVT, sagte, Glaubwürdigkeit und Legitimität der EBU würden untergraben von mehreren EBU-Mitgliedern (Radio- und TV-Unternehmen), die von “zweifelhaften Regimes” kontrolliert würden. SVT ist eines von mehreren EBU-Mitgliedern, die sich jetzt für die Einführung von klaren Regeln einsetzen.

Es soll demzufolge möglich sein, Sanktionen gegen EBU-Mitgliedsender zu verhängen, die gegen Pressefreiheit und journalistische Ethik verstoßen. Zu letzterer zählen Meinungsfreiheit, Unabhängigkeit und Programmvielfalt (auch für Minderheiten). Betroffen wären laut der Zeitung Dagens Nyheter unter anderem der diesjährige ESC-Gastgeber, aber auch Ungarn – die neuen Mediengesetze der ungarischen Rechts-Regierung sind höchst umstritten. Ende Juni soll bei der nächsten EBU-Tagung in Straßburg der entsprechende Antrag für die neuen Regeln gestellt werden.

Der Vorstoß, der – abgesehen von Schweden – auch aus Dänemark, Norwegen und Finnland kommt, ist insofern bemerkenswert, als die EBU-Chefin Ingrid Deltenre vor nicht einmal einem Monat in einem Interview mit Stefan Niggemeier im Spiegel Sanktionen indirekt ausschloss. Auf Niggemeiers Frage nach Sanktionen gegen Mitglieder sagt Deltenre ausweichend: “Die Grundidee der EBU ist eine der Solidarität und nicht des Ausschlusses. Die EBU ist der Meinung, dass auf lange Sicht gesehen das ständige Arbeiten, der ständige Dialog zu einer Verbesserung führt.”

Laut Dagens Nyheter drängen auch die britische BBC und eine Reihe deutscher und österreichischer Radio- und TV-Stationen auf strengere ethische Regeln innerhalb der EBU. Ihrer Meinung nach sollte die EBU Mitglieder in Ländern, die gegen die ethischen und demokratischen EBU-Standards verstoßen, ganz ausschließen dürfen – oder zumindest gegen sie Sanktionen verhängen dürfen: beispielsweise ihnen die Teilnahme am ESC verweigern.

Die Regeln sollen natürlich auch für TV- und Radioanbieter gelten, die sich um Aufnahme in die EBU bewerben. Das ist insofern wichtig, als vor wenigen Jahren die EBU ihre Grenzen ausgeweitet hat und seither als aktive Mitglieder auch nationale TV- und Radiostationen von Ländern aufnimmt, die im Europarat sind. Zuvor konnten nur Länder der sogenannten European Broadcasting Area (EBA, Karte siehe hier) Mitglied der EBU werden – und die Kaukasus-Länder Georgien, Armenien und Aserbaidschan liegen außerhalb der EBA. Sollte etwa Kasachstan Europaratsmitglied werden, könnte der kasachische Sender K-1 EBU-Mitglied werden und am ESC teilnehmen.

Der Vorstoß der Nordländer wurde wohl vor allem vom norwegischen Sender NRK angeregt. Hintergrund: Ein NRK-Team war während der ESC-Wochen in Baku und drehte satirische Filme über den Contest und über Aserbaidschan. Das Team sei von der aserbaidschanischen Polizei gestoppt und schikaniert worden, heißt es in Medienberichten. Ein Komiker sei gezwungen worden, sich für eine Personenkontrolle komplett auszuziehen.

NRK und das norwegische Außenministerium protestierten gegen diese Behandlung – schließlich habe Aserbaidschan als ESC-Gastgeber Pressefreiheit zugesichert. Der Sache wird offenbar noch nachgegangen. (Offenbar erwog NRK kurzzeitig, wegen der Geschichte sogar seinen Beitrag “Stay” von Tooji vom Wettbewerb zurückzuziehen.)

Links:
http://www.dn.se/kultur-noje/musik/demokratikrav-pa-nasta-schlager-em
http://www.dn.se/kultur-noje/musik/diktaturerna-ska-ut-ur-schlager-em

Die Geschichte rund ums NRK-Team:
http://www.newsinenglish.no/2012/05/27/beate-in-baku-and-threatened-too/

ESC-News, Rückblick: 2012 Baku

15 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Jan

    31.05.2012 | 23:38

    Schwierig…..
    Ich denke, die EBU sollte davon absehen, sich selbst in das politische Geschehen einzumischen. Vielmehr sollte man in Genf deutlich Stellung beziehen. Aber daran hat es ja zuletzt gemangelt.
    Wer soll denn letztlich bestimmen, ob ein Land die ethischen Regeln einhält? Und müsste man dann nicht halb Osteuropa aus dem Contest kicken? Ich denke da auch z.B. an Russland oder die Ukraine.
    Ich glaube, es ist trotz aller berechtigter Kritik an der EBU gut gewesen, dass der ESC in Baku Station gemacht hat. Nicht aus Fansicht, aber sicher aus einem politischen Blickwinkel. Denn das, was Familie Aliyev sich vorgenommen hatte, dürfte als deutlich gescheitert zu betrachten sein. Aserbaidschan und die dortigen Zustände sind in aller Munde.
    Was man machen könnte, wäre beispielsweise, Ländern, in denen es keine freien Wahlen gibt, klipp und klar zu machen, dass sie sich im Fall eines Sieges die Ausrichtung abschminken können.
    Aber sich beispielsweise in die ungarische Innenpolitik einzumischen, die von einer demokratisch legitimierten Regierung betrieben wird, halte ich für problematisch!

  2. Matthias

    31.05.2012 | 23:41

    “Ich denke, die EBU sollte davon absehen, sich selbst in das politische Geschehen einzumischen. Vielmehr sollte man in Genf deutlich Stellung beziehen.”
    Das ist ja schon ein Widerspruch.

    Und: Einem Sender die Teilnahme am ESC zu verbieten, ist ja keine wirkliche Einmischung in politisches Geschehen. Es ist einfach nur Ausdruck einer Grundhaltung, die der EBU gut zu Gesicht stünde.

  3. Klaus Berg

    31.05.2012 | 23:42

    Meine uneingeschränkte Unterstützung. Einen ESC wie den aus Baku möchte ich nicht noch einmal erleben. Hoffentlich folgen nun auch Taten. Die Skandinavier waren schon in der Vergangenheit konsequent, wenn es um fällige Regeländerungen ging – ich erinnere an den Boykott 1970 wegen des Punktesystems – und haben hoffentlich als Gastgeber 2013 ausreichend Einfluss.

  4. Armin Hamzic

    31.05.2012 | 23:42

    Welche länder weren Lalle betroffen.und finds doof und doch gut..

  5. Jan

    31.05.2012 | 23:54

    @ Matthias

    Ich meinte damit eigentlich, dass die EBU nicht selbst Politik betreiben sollte. Vielmehr hätte die EBU zu diversen Punkten in Baku deutliche Worte an die Gastgeber richten sollen und müssen. Das hätte sie sehr empfindlich getroffen, glaube ich.
    Mit Brachialmethoden verändert man m.E. gar nichts. Länder wie Aserbaidschan würden sich dann beleidigt in die Isolation zurückziehen – und dann wäre für die Menschen dort gar nichts gewonnen.

  6. Matthias

    01.06.2012 | 00:18

    Es geht ja nicht allein um den ESC. Das aserbaidschanische TV hat sicherlich eine Reihe von Vorteilen, EBU-Mitglied zu sein (Programmaustausch, etwa bei internat. Veranstaltungen wie Fußball-EM u.ä.). Diese Vorteile will man vermutlich auch nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

  7. Matthias

    01.06.2012 | 00:23

    Die grundlegende Frage unserer Debatte ist halt:
    Als was betrachtet sich die EBU bzw. als was sollte sie sich betrachten? Als reine TV-Union für Programmaustausch und ESC-Ausrichtung? Oder soll sie auch gewisse Werte vertreten (die sie dann auch durchsetzen können muss, wenn sie kein reiner Papiertiger sein will)?

  8. Matthias

    01.06.2012 | 00:26

    Die grundlegende Frage

    Die grundlegende Frage unserer Debatte ist halt:
    Als was betrachtet sich die EBU bzw. als was sollte sie sich betrachten? Als reine TV-Union für Programmaustausch und ESC-Ausrichtung? Oder soll sie auch gewisse Werte vertreten (die sie dann auch durchsetzen können muss, wenn sie kein reiner Papiertiger sein will)?

  9. Mirjam

    01.06.2012 | 04:05

    Hab´s gerade auf esctoday gelesen…EBU under pressure…das wird auch Zeit.
    Schauen wir mal, erst wird beraten werden…
    Jedenfalls kann der Zwischenfall mit dem norwegischen TV Team nicht mehr weginterpretiert werden.

  10. Gabi

    01.06.2012 | 10:19

    Ich sehe das ganze ein bischen anders.
    Wer soll den bitte schön entscheiden, was geächtet und verdammenswert ist? Wir? Wir zeigen permanent auf andere Länder und kanzeln dort die Verletzung der Menschenrechte an. Als ob bei uns hier alles in Butter ist.
    Ich erinnere freundlich an Frankfurt/Main und die Demonstrationen.
    Verbote und Boykotte habe noch nie den tatsächlich Betroffenen geholfen.

  11. ESCFrank

    01.06.2012 | 13:16

    Gute Anregung und wenn man den Vorfall des NRK oder die Vorgaben an die Euroclub-DJ’s nimmt, kann man auf Teilnehmer wie den Asers, Russland, Belarus gut verzichten.

  12. Nousetta

    01.06.2012 | 14:09

    Aber mal ehrlich… Manchmal frage ich mich:
    ◘ Ist das ein Eurovision Song Contest ???
    ◘ Oder ist das ein Eurovision Political/Popularst-Country Contest ???

  13. Matthias

    01.06.2012 | 17:25

    Die EBU ist mehr als der ESC. Der ESC: 3 Tage im Jahr. Die anderen 362 Tage existiert die EBU auch – und befasst sich mit vielen Dingen.

  14. Peter

    01.06.2012 | 19:46

    Die EBU hat massiven Selbstreflexionsbedarf. Wenn einige der maßgeblichen ESC Websites von homophoben Radikalen gehackt und lahmgelegt werden und der EBU dazu als erstes einfällt, der ESC sei keine “Gayparade”, dann ist das nur noch armselig. Was bitte hat esctoday.com z.B. mit einer “Gayparade” zu tun? Naja, mal abgesehen davon, dass das Pressezentrum erschütternd leer wäre (und das Presseecho entsprechend bescheiden), wenn nicht die treue Unterstützung des Contests durch die Community erfolgen würde.

    Und wenn sich die EBU in Sachen Euroclub-Zensur darauf zurückzieht, dass sie keine “ban” ausgesprochen habe und dann abtaucht, de facto jedoch jeden Abend im Euroclub die OGAE DJs nicht auflegen dürfen (und darüber hinaus drangsaliert werden), obwohl sie gebucht sind, also ein “ban” zwar nicht formuliert aber faktisch exekutiert wird, und die EBU zuckt dazu nur mit den Schultern (obwohl die Verantwortl. am Folgetag jeweils informiert wurden), dann ist das ebenfalls armselig.

  15. Aufrechtgehn

    04.06.2012 | 01:55

    Die EBU hat schon eilends darauf hingewiesen, dass sie zurzeit zwar an einer Art Wertekanon arbeiten, Verstöße dagegen aber “keine Konsequenzen” haben werden. Keine Senderausschlüsse, kein Eurovisionsverbot. Es bleibt also alles beim alten.
    http://www.rferl.org/content/ebu-eurovision-poor-human-rights-records/24599413.html

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