Armenien-Zensur: Der schlanke Fuß der EBU

Die Zensur armenischer Eurovisions-Lieder im Euroclub (wir berichteten) hat am Samstag in Baku für ein wenig Unruhe gesorgt. Zumindest im Pressezentrum. Journalisten-Kollegen von dapd interessierten sich für die Story, und auch der Kollege Stefan Niggemeier hat den Vorfall aufgegriffen. Auch wir haben die EBU um ein Statement gebeten. Es ist ähnlich dürftig wie die Stellungnahme am Donnerstag nach dem Cyber-Angriff auf ESC-Websites.

Wie wir berichteten, bekam unser DJ Douze Points – nachdem er am Freitagabend im Euroclub in Baku, dem offiziellen Club des ESC, einen Remix von “Apricot Stone” (Armeniens ESC-Beitrag von 2010) aufgelegt hatte – kurze Zeit später die Ansage vom Chef des Clubs, er dürfe keine armenische Musik spielen.

Um das Verhältnis zwischen Armenien und Aserbaidschan steht es bekanntlich nicht gut. Die beiden Länder haben einen Waffenstillstand geschlossen, doch das ist eben kein dauerhafter Friede. Andererseits war Armenien zum ESC nach Baku eingeladen – von aserbaidschanischer Seite hieß es stets, die armenische Delegation sei herzlich willkommen.

Weniger willkommen sind aber anscheinend die ESC-Beiträge aus dem Nachbarland. Das widerspricht jedoch der Idee des ESC: Schließlich sind die Sender der teilnehmenden Länder verpflichtet, alle Lieder des Wettbewerbs auszustrahlen.

Und was sagt die EBU zu dem Zensur-Fall? Ich fragte bei Sietse Bakker, dem Event-Supervisor nach. Ich wollte wissen, ob die eben erwähnte Regel nicht auch für das Spielen der Lieder im Euroclub gelten solle, und ob die EBU nicht den Verantwortlichen sagen müsse, dass diese Art von Zensur nicht akzeptabel im Sinne der ESC-Idee ist.

Die knappe Antwort von Sietse Bakker, heute Nachmittag: “Uns ist dieses Verbot nicht bekannt. Wir würden es auch nicht unterstützen. Ich habe eben mit dem Manager des Euroclub gesprochen, und (er) bestätigte nochmals, dass alle Lieder des Eurovision Song Contest gespielt werden können.”

Ob sich die DJs darauf berufen können? (Der Kollege Niggemeier vermutet, der letzte Satz sei so zu verstehen, dass alle Lieder des diesjährigen ESC gespielt werden dürfen – und da ist Armenien ja nicht dabei.)

Am Abend jedenfalls haben die Verantwortlichen den Ablauf der offiziellen Eröffnungsfeier des ESC in Baku kurzfristig geändert. Unserem DJ Ohrmeister, der im Abschluss an den offiziellen Teil als DJ auflegen und Partystimmung verbreiten sollte, wurde in letzter Minute abgesagt, “obwohl es schon vor einer Woche vereinbart und heute früher am Abend bestätigt wurde”, wie er sagt.

Die Enttäuschungen in Baku werden größer. Über den Gastgeber Aserbaidschan, aber auch über die EBU. Aber wie war das noch gleich, Jan Ola Sand? “Die EBU sorgt auch dafür, dass der Contest frei von politischer Einflussnahme bleibt. Es ist ein musikalischer Wettbewerb, es geht um Kultur, um Freundschaft – er soll verbinden, nicht trennen.” (FAZ-Interview, hier nachzulesen)

Frei von politischer Einflussnahme?? - Ich würde in Lachen ausbrechen, wenn’s nicht zum Heulen wär.

ESC-News, Gastgeber Baku, Rückblick: 2012 Baku

10 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Klaus Berg

    19.05.2012 | 22:34

    Schlimme Geschichte. Nur mal interessehalber: Welche Konsequenzen droht der Chef des EuroClubs an, wenn ihr entgegen seiner Verbote – z.B. unter Hinweis auf Sietse Bakkers Aussage – dennoch armenische Beiträge spielt? Hausverbot? Entzug der Akkreditierung? Ausweisung?

  2. Mirjam

    19.05.2012 | 22:51

    Ich war, nach anfänglichem Unbehagen im letzten Jahr, während der vergangenen Monate ganz zuversichtlich, daß es doch ein guter ESC werden könnte. Alles dahin.

  3. Braudel

    19.05.2012 | 22:54

    Offensichtlich haben die Azerbaidschanischen Organisatoren schon an diese Möglichkeit gedacht und DJ Ohrmeister ausgeladen.- und das auf dem Hintergrund des EBU Statements. – Honi soit qui mal y pense –
    Vielleicht macht das jetzt ein azerbaidjanischer Offizieller : ich muß gerade an den Polka liebenden Lieutenant aus “Good morning Vietnam” denken. LOL

  4. Matthias

    19.05.2012 | 23:31

    Die Kollegen vom Vorwärts-Blog haben auch über den Vorfall berichtet: http://blog.vorwaerts.de/blogs/was-nun-herr-jon-ola-sand

  5. Matthias

    20.05.2012 | 00:31

    Und noch was zur Eröffnungsfeier, die heute Abend in Baku stattfand: Die Kollegen von Aftonbladet in Schweden haben vorhin gebloggt, es sei ein “Fiasko” gewesen
    http://blogg.aftonbladet.se/schlagerblogg/2012/05/valkomstfesten-i-azerbajdzjan-blev-ett-fiasko

    Das Fest sollte um 19 Uhr beginnen, aber da war der rote Teppich noch gar nicht fertig ausgerollt, und es dauerte noch eine Dreiviertelstunde, bis das soweit war und solange mussten die Delegationen in ihren Bussen ausharren. Danach sollten die Delegationen nach dem Alphabet nach und nach über den roten Teppich in den Euroclub einmarschieren. Manche, so schreibt Tobbe Ek von Aftonbladet, hätten – weil sie im Alphabet weit hinten kommen – dadurch bis zu 3 Stunden im Bus sitzen müssen,

    Kaum waren die letzten Delegationen drin, sollten sie schon wieder nach draußen, um ein Feuerwerk zu bewundern, dass – laut Tobbe Ek – eineinhalb Minuten dauerte. Essen gab’s irgendwie auch nicht richtig… bzw. die Delegationen mussten fürs Essen bezahlen!! Es gab auch nur 4 Sitzplätze pro Delegation (was haben die russischen Babushki da nur gemacht??)

    Da Tobbe Ek fürs schwedische Publikum schreibt, warf er natürlich seinen Blick hauptsächlich auf die schwedische Delegation. Deren Leiter Christer Björkman war angesichts der miesen Party sauer: “So darf das nächstes Jahr nicht ablaufen”, zitiert ihn Tobbe Ek. “Das hier werde ich beim nächsten Treffen ansprechen.” (Björkman meint vermutlich das nächste EBU-Meeting)

    Nun ja, nächstes Jahr kann Christer beweisen, wie man eine Eröffnungsparty schmeißt. ;-) Juuuuuuforia! ;-)

  6. mxxl

    20.05.2012 | 01:07

    Nur als Idee: Inkriminiert wurde ja wohl »Apricot tree«. Nun könnte es ja durchaus sein, dass so einige Journalisten, Künstler (?) und Besucher bei öffentlichen Auftritten äussersten Appetit auf Aprikosen bekommen, und diese höchstöffentlich verspeisen…Da kann ja wohl weder die EBU noch irgendwelche aserischen Westentaschenpotentaten was dagegen haben, oder ?

  7. Jan

    20.05.2012 | 09:09

    Habe mir soeben aus Protest im Supermarkt ein Aprikosen-Duschgel gekauft :-)

  8. Matthias

    20.05.2012 | 11:22

    Die Kollegen Martin Schmidtner und Marc Schulte schreiben auf dem Vorwärts-Blog über den Vorfall (sie bekamen von der EBU auch nur eine ausweichende Antwort auf die Frage nach der Reaktion der EBU auf die Armenien-Zensur):
    “Einen unpolitischen Contest will die EBU, verbietet laut Reglement Künstlerinnen und Künstlern politische Beiträge im Zusammenhang mit ihrem Auftritt, lässt aber die lokalen Veranstalter hemmungslos den Song Contest für ihre Politik missbrauchen.”
    So isses!

    Übrigens weisen die beiden Vorwärts-Blogger drauf hin, dass heute Abend in Baku die Aktion “Sing for Democracy” eine Party veranstaltet. Für alle Baku-Reisenden, die nicht nur den Stars hinterherhecheln wollen, sondern “hinter die Fassaden blicken” (das behaupteten ja zumindest viele, als sie begründeten, warum sie hinfahren…)

    “Die Kamoagne hat stattdessen für den morgigen Sonntagabend, dem geplanten Termin des Konzertes, zu einer Party der Kampagne geladen – in angemieteten Räumlichkeiten.
    Die sind der Marshall’s Pub, 12 Zeynalabdin Taghiyev Street, Sabayil (Karte) – das ist sehr zentral in der Nähe des Boulevards und der Altstadt gelegen. Die ursprünglich für das Konzert geplante Zeit war 19 Uhr – dies dürfte auch weiterhin so gelten; sollte es zu Verschiebungen kommen, geben wir dies hier und auf unserem Profil in einem großen sozialen Netzwerk, wie wir mit Blick auf San Marino am besten sagen sollten, bekannt.”

    Hier nachzulesen:
    http://blog.vorwaerts.de/blogs/lange-schatten-und-ein-hoffnungsschimmer-ueber-baku

  9. OLiver

    20.05.2012 | 11:32

    Sehr gut, dass ist das Nachbarhaus unserer Wohnung ;-)) Wir gehen hin!

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