Aserbaidschan

Die Aserbaidschan-Öldollar-Promotour geht weiter: Nach dem ESC die ITB

“Good luck on your journey, Azerbaijan. Europe is watching you.” stellte Anke Engelke der Bekanntgabe der deutschen Punkte voran und bekommt viel Zustimmung. Aber irgendwie haben die Botschaftsempfänger in Baku Ankes Worte wohl anders verstanden, als sie gemeint waren. Sie nehmen “journey” wörtlich und sponsern die größte Tourismusmesse der Welt – im März 2013 in Berlin.

The Show Must Go On! Der ESC ist gerade einmal zwei Wochen vorüber, da empfiehlt sich Aserbaidschan auch jenseits großer Events “als reizvolles Ziel für Kulturtouristen und als eine erstklassige MICE-Destination,” wie die Messe Berlin in einer Presseinformation in dieser Woche vollmundig verkündet.

(Anmerkung zwischendurch: MICE ist ein Branchenfachbegriff für geschäftliche Tagungen und Incentivereisen. Mit einem solchen MICE-Trip nach Budapest hat kürzlich ein deutscher Versicherungskonzern ungewollt Schlagzeilen gemacht – nur mutierte in diesem Fall der Terminus MICE zum Begriff “Sex Orgie“.)

Öldollars machen viel möglich. Bislang präsentierte die Messe Berlin jeweils ein ausgewähltes Partnerland auf der ITB und 2013 soll das Indonesien sein, das wurde bereits im Oktober 2011 bekanntgegeben. Jetzt kommt Aserbaidschan als “Kongress- und Kulturpartner” hinzu. Was Öldollars halt so bewegen können. Wobei sich aus den bisherigen Veröffentlichungen nicht erschliesst, was eigentlich ein “Kongress- und Kulturpartner” überhaupt ist.

“Dieses Jahr haben wir durch den Eurovision Song Contest eine große Medienaufmerksamkeit erreicht und konnten der ganzen Welt ein modernes Bild unseres Landes zeigen. Das möchten wir als Partner der weltweit grössten Reisemesse vertiefen,” kündigt Abulfas Garayev, der Minister des Kultur- und Tourismusministeriums Aserbaidschans, das kostspielige Sponsoring-Engagement an. (im Bild oben bei der Vertragsunterzeichnung mit Dr. Christian Göde, Geschäftsführer der Messe Berlin).

„Jeder gute Kongress hat einen guten Partner“, schleimt ergänzend Prof. Roland Conrady, der wissenschaftliche Direktor des ITB Berlin Kongresses.  Guter Partner? Aus merkantiler Sicht ist Aserbaidschan das sicherlich, aber dass die ITB einem totalitären Regime eine Werbeplattform bietet, das geht geht selbst der überlicherweise eher wohlwollenden Touristik-Branchenpresse zu weit: “Terrorregime wirbt für Kultur: Und die Messe Berlin (…) stört die Menschenrechtssituation (…) herzlich wenig. Die Kasse stimmt und damit wird zugleich das vergleichsweise unattraktive Land mit seinen in Angst lebenden Bürgern hochgejubelt,” schreibt der Business Traveler.

Ob es sich bei Aserbaidschan um ein “vergleichsweise unattraktives Land” handelt, sei dahingestellt. Wir haben Baku trotz allem als faszinierende, gastfreundliche Großstadt erlebt und die schöngefärbten TV-Postkarten beim Finale – das zeigt das Feedback von Freunden und Bekannten, die vor dem TV-Geräten saßen – haben glänzend funktioniert, vielfältig wird Aserbaidschan jetzt als attraktives neues Reiseziel wahrgenommen. Und klar, der regierende Aliyev-Clan samt Entourage wird ein großes Interesse daran haben, dass auch nach dem ESC irgendjemand (mit Kaufkraft) die vielen im ESC-Jahr geschaffenen imposanten beleuchtenden futuristischen Gebäude und Fassaden in Baku bestaunt (und selbstverständlich nur von vorne photographiert.)

Bereits vor Ort kündigte sich die Tourismusoffensive an. Für den Luxusreisenden hat das heimische Hochglanzmagazin Boutique (besteht zu 80% aus Anzeigen von Dior, Chopard, Bulgari, Tiffany & Co.) einen eigenen englischsprachigen Travelguide produziert und während des ESC großzügig an das internationale Publikum verteilt.

Und wer das alles angucken will und Lust hat hinzufahren, der soll das gerne tun. Aber ist es vertretbar, dass die Messe Berlin Aserbaidschan “als spannendes Reiseziel für Kulturtouristen” hochjazzt und Menschenrechtsverstöße und Korruption im Land ausblendet? No way, meint auch die Hauptstadtpresse. “Die Messe Berlin muss aufpassen, dass sie sich nicht zum Komplizen von Unrechtsstaaten macht,” bilanziert etwa die BZ.

Mit “Europe is watching you” hat Anke Engelke jedenfalls sicher nicht gemeint, sich beispielsweise das neue gleichermaßen spektakuläre wie elitäre Shadag-Skigebiet anzusehen, dessen Fertigstellung die Messe Berlin “noch in diesem Jahr” ankündigt. Aber so einfach funktioniert die PR-Maschine dann doch nicht. Überschattet wird die unreflektierte Tourismus-Promotion von Meldungen über die Verhaftung von Mehman Huseynow, einem der exponiertesten Vertreter der “Sing for Democracy”-Bewegung. “Der Eurovisionsfrieden von Baku ist vorbei” konstatiert stern.de.

Mehman Huseynow droht bis zu einem Jahr Haft wegen “Rowdytum”, weil er eine Oppsitionellendemo mitten in der ESC-Finalwoche fotografisch/filmisch dokumentieren wollte. Er arbeitet für das IRFS (Institut für die Freiheit und Sicherheit von Reportern) in Baku und ”ist der Bruder von Emin Huseynov, dem Direktor des IRFS, der selbst im Jahre 2008 Opfer polizeilicher Misshandlung wurde.” (Weitere lesenswerte Details dazu gibt es von Martin Schmidtner bei vorwärts.de.)

Aktuell, ESC-News, Rückblick: 2012 Baku

7 Kommentare Kommentar schreiben

  1. armin

    13.06.2012 | 22:32

    Wie unnötig :D

  2. deutscheland

    14.06.2012 | 13:51

    Die Kanacken stecken ihre Nase wirklich überall rein…
    Aber dass Aserbaidschan trotz der ganzen Menschenrechtsprobleme riesengroß Werbung für sich selbst macht? Denn unattraktiver und unsympatischer kann das Land doch nicht mehr werden. Der Tiefpunkt ist erreicht.

  3. wendehals

    14.06.2012 | 19:56

    Wo ist das Problem?

    Habt euch nicht so, ihr seid bestimmt auch schon irgendwo im Urlaub gewesen ohne euch genaue Gedanken über die politische Situation im Lande zu machen. Vielleicht ja auch in Ägypten, Tunesien, China, Berlusconi-Italien, Pleite-Griechenland oder gar in Putin-Russland?
    Als Tourismusziel ist Baku bestimmt super solange man nicht den Fehler macht an der falschen Stelle zu fotografieren. ;-)

  4. deutscheland

    14.06.2012 | 21:23

    Aber Menschenrechte hin oder her, Baku zieht mich trotzdem nicht. Aserbaidschan gefällt mir irgendwie nicht und… ich kann das Land allgemein nicht leiden. Und ist Baku nicht irgendwie teuer oder so?
    Und die Aseri wollen ja, dass man einen um Erlaubnis bittet, wenn man nach Bergkarabach fahren will. Sonst kann man Baku knicken.

  5. Nousetta

    17.06.2012 | 16:13

    Wie gesagt, ich bin froh, dass der ESC nächstes Jahr in Schweden stattfinden wird… :)

  6. sven

    18.06.2012 | 10:36

    Menschenrechte

    Wer auch nach dem ESC was für die Menschenrechte tun möchte:
    https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-168-2012/aktivist-angeklagt

  7. Zoom

    28.06.2012 | 13:52

    Eurovision: Im Reich der Öldiktatur

    Sehenswert – Tom Littlewood war für Vice vor Ort:
    http://www.vice.com/de/vbs/eurovision-im-reich-der-oeldiktatur-full-length

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