Ukraine

Die Ukraine beim Eurovision Song Contest (8): 2010 – Wer hat noch nicht, wer will noch mal?

Alyosha Ukraine 2010

Was wäre ein ESC-Jahrgang ohne Aufreger? DER Vorentscheidungs-skandal des Jahres, wenn nicht gar des Jahrzehnts, fand im Lena-Jahr im Ausrichterland des nächsten Eurovision Song Contest statt. Eine Geschichte, die auch in der über 60-jährigen Historie dieses Wettbewerbs ihres Gleichen sucht…

Alles fing ganz harmlos an. Wir schreiben den 6. März. In einem Fernsehstudio in Kiew singt der vorher vom ukrainischen Staatssender direkt nominierte Vasyl Lazarovich fünf Titel, aus denen das Publikum sowie eine Fachjury einmütig die Ballade „I love you“ für Oslo auswählte. Eine Superschnulze vor dem Herrn, die sich allerdings sogleich ohrwurmartig in unsere Gehörgänge bohrte und bis heute in Bloggerkreisen den Kultstatus-Erlangungs-Geschwindigkeitsrekord hält!

Mit diesem Song sollte Vasyl also zum ESC nach Oslo fahren:

YouTube Preview ImageVasyl Lazarovich – I love you – Ukraine 2010

Wie wir alle wissen, kam es nicht dazu. Denn seit dem 25. Februar 2010 regierte in Kiew mit Viktor Janukovytsch ein neuer Staatspräsident. Er hatte in den Wahlen seine Konkurrenten Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko, die noch fünf Jahre vorher beim ESC 2005 in Kiew als Staatspräsident und Premierministerin auf der Ehrentribüne saßen, vom Platz gefegt. Juschtschenko überreichte der damaligen Siegerin Helena Paparizou sogar die Siegertrophäe und nun schickte sich auch sein Nachfolger an, in die ESC-Geschichtsbücher zu gelangen.

Der neue Präsident besetzte nach seinem Amtsantritt erst einmal ein paar Schlüsselpositionen neu – darunter auch die des Generaldirektors des Staatssenders NTU. Und der neue Direktor entschied relativ zügig, dass es ja wohl nicht angehen könne, dass man einen Sänger direkt für den ESC nominiert. Der soll zudem auch noch ein guter Bekannter des Ex-Fernsehchefs gewesen sein – Vetternwirtschaft lässt grüßen! Also wurde die „I-love-you-Entscheidung“ nach nur zehn Tagen annulliert und eine neue Vorentscheidung anberaumt, die wiederum nur drei Tage später stattfinden sollte. Die zeitliche Enge war unausweichlich, um die Deadline der EBU am 22. März noch erreichen zu können.

Aber was dann folgte, war purer Irrsinn. Am 20. März trafen sich 20 Konkurrenten, die erneut um das Ticket nach Oslo singen sollten. Vasyl Lazarovich war explizit eingeladen worden, sich mit seinem Siegersong noch einmal dem Publikum zu stellen. Nach einigem Zögern trat er auch tatsächlich an! Und so lief das Ganze ab: Am 18. März fanden Auditions in Kiew statt, die aufgezeichnet und einen Tag später im TV ausgestrahlt wurden. Per Televoting konnten die Zuschauer dann die zwanzig Acts bestimmen, die wiederum einen Tag später in einem eiligst zusammengeklöppelten Studio zur Vorentscheidung 2.0 antraten. Die fand dann auch statt und am Ende hatte man endlich eine Siegerin und einen Song für Oslo gefunden. Mit „To be free“ konnte sich die damals 23-jährige Alyosha (bürgerlich Olena Kucher) gegen alle Konkurrenten durchsetzen. „Liebes-Vasyl“ landete übrigens immerhin noch auf Platz 7!

YouTube Preview ImageAlyosha – To be free – Ukraine 2010

Tja, aber leider befand man sich ja bereits in Internet-Zeiten. Und so dauert es kaum ein paar Stunden, bis die ersten Plagiatsvorwürfe das Licht der Welt erblickten. Und die waren sehr gerechtfertigt, denn „To be free“ ist über weite Teile eine 1:1-Kopie des Songs „Knock me out“ der US-Rocksängerin und Top-Produzentin Linda Perry. Außerdem stellte man fest, dass Alyosha den Song bereits zwei Jahre vorher veröffentlicht hatte. Und so sah es schnell danach aus, dass die Ukraine am Ende gar nicht mehr in Oslo teilnehmen würde. Am 22. März, also genau zur Deadline, wurde „To be free“ von NTU wieder einkassiert. Aber die EBU ließ eine letzte Hintertür offen. Gegen Zahlung einer nennenswerten Strafe wollte man bis zum 30. März beide Augen fest zudrücken und Kiew eine allerletzte Chance geben, einen regelkonformen Song zu finden.

Die Blöße einer dritten Vorentscheidung mit unsicherem Ausgang wollte man sich nicht geben, deshalb wählte man die naheliegendste Lösung: Alyosha sollte einen neuen Song schreiben, der zumindest stilistisch an „To be free“ angelehnt ist, denn so etwas wollte das heimische Publikum schließlich nach Oslo schicken. Gesagt, getan! Nur wenige Tage später wurde „Sweet People“ aus dem Hut gezaubert. Stilistisch tatsächlich ähnlich dem Siegertitel der Vorentscheidung – aber mit viel mehr „Wumms“ und Dramatik als das Original:

YouTube Preview Image Alyosha – Sweet People – Ukraine 2010 (Preview)

Ein eindringliches Video, aufgenommen in der Geisterstadt Prypjat, aus der 1986 nach dem Atomreaktorunglück von Tschernobyl alle 50.000 Einwohner evakuiert wurden. Und ein klitzekleiner Vorgeschmack auf das, was uns in Oslo erwarten sollte. Denn dort lief die ukrainische Delegation von morgens bis abends mit dem erhobenen Umwelt-Zeigefinger durch die Gegend. Egal, wo man hinkam – Alyosha war schon da und verteilte Sticker…

Ukraine Alyosha Plakat oslo Pressezentrumangela_und_co Alyosha Ukraine

Hoch gehandelt wurde „Sweet People“ übrigens nicht – zu weit entfernt von gängiger ESC-Musik schien diese depressiv-dramatische Rockballade zu sein. Allerdings konnte sich Alyosha im Laufe der Semi-Proben doch zu einer Kandidatin für das Finale „emporsingen“. Und so gelang ihr der Einzug auch wirklich – von fast allen Ländern mit Punkten bedacht, rutschte sie als Siebtplatzierte mit 77 Punkten in das Finale. Dort erreichte sie (ohne Punkte aus Deutschland und der Schweiz) einen mehr als respektablen 10. Platz mit 108 Punkten. Eigentlich kein Wunder, der Auftritt hatte alles, was man braucht: Drama, fleisch- und blutfarbene Klamotten, Wind, eine Mörder-Lichtshow und eine fantastische Stimme!

YouTube Preview ImageAlyosha – Sweet People – Finalauftritt

In Deutschland konnte sich „Sweet People“ im Anschluss sogar in den Charts platzieren – 3 Wochen lang und mit einer Höchstnotierung auf Platz 73 – immerhin! In der Schweiz ging es sogar noch höher, und zwar auf Platz 5 (!)! Und so ging ein weiteres denkwürdiges ESC-Jahr für die Ukraine zu Ende. Aber keine Sorge, weitere sollten folgen…

Was macht Alyosha heute? 2012 hat sie den Rocksänger Taras Topolya geheiratet, seit 2013 sind die beiden auch Eltern. Damals wurd der Sohn Roman geboren, 2015 legten die beiden mit einem weiteren Jungen (Mark) nach.

Alyosha Taras Topolya Ukraine 2010Alyosha Ukraine 2010 TopolyaSweet People

Nach einer kurzen Familienpause legte sie auch musikalisch wieder los. 2013 und 2014 veröffentlichte sie einige Singles und 2015 wurde das Album „Tochka na karte“ (Ein Punkt auf der Landkarte) hinterhergeschoben.

Aus dem Frühjahr 2016 stammt ihr aktuellster Song „Kaply“ (Tropfen):

YouTube Preview ImageAlyosha – Kaply

Ganz offenbar erfreut sie sich auch weiterhin einer gewissen Beliebtheit in der Ukraine – immerhin wurde dieses Video nahezu 1 Million mal angeklickt.

Wer mehr über Alyosha wissen möchte, kann sich im Internet umschauen, entweder auf Alyoshas Youtube-Kanal, bei Facebook, auf Instagram oder natürlich auf ihrer Homepage (allerdings nicht in Englisch). Auch bei Soundcloud kann man sich ein paar ihrer Songs anhören.

 

Ukraine 2010: "Sweet People"...

  • ist ganz ausgezeichnet (31%, 37 Stimmen)
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  • gefällt mir weniger (12%, 13 Stimmen)

Wähler gesamt: 119

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Vorschau: Die nächste Folge dieser Ukraine-Serie verläuft im Sande…

 

Bisherige Folgen:

(1) 2003 – Der nette Gaukler
(2) 2004 – Die unermüdliche Kämpferin
(3) 2005 – Gemeinsam sind wir viele!
(4) 2006 – Vom Tanzmariechen zur Talentsucherin
(5) 2007 – Schrill, schriller, Verka!
(6) 2008 – Die ukrainische Helene Fischer
(7) 2009 – Wenn’s kriselt…

 

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