Deutschland

Düsseldorf war billig

 

Der hochwohlgeborene Herr Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, Dirk Elbers, hat nach einer ersten Berechnung sämtlicher Kosten, die im Zusammenhang mit dem Eurovision Song Contest in diesem Jahr aufgelaufen sind, festgestellt, dass das selbst gesetzte Limit von 10 Mio. EUR nicht erreicht wurde. Vielmehr blieb man mit insgesamt 9,3 Mio. EUR deutlich unter dieser Marke.

Das sei großartig, so hieß es weiter, da nun mit weniger Aufwand der in Aussicht gestellte Werbewert des ESC, geschätzte 170 Mio. EUR, umgesetzt werden könne.

Was mich in diesem Zusammenhang schon immer besonders interessiert hat, ist die Frage, wer diese Summe eigentlich erfunden und in die Welt posaunt hat. Gibt es Erfahrungswerte aus den Vorjahren? Lassen sich diese Erfahrungswerte angesichts der Unterschiedlichkeit der Austragungsorte miteinander vergleichen? Reicht es, drei Stunden lang immer wieder “Düsseldorf” oder “Dasseldorf” oder “Diesseldorf” zu sagen, um Tausende neuer Gäste oder andersgeartete Investitionen in die Stadt zu locken?

Ob sich dieser Betrag letztlich realisieren lässt, wird man erst am Ende des kommenden Jahres wissen, wenn die Einnahmen aus der kommunalen Gewerbesteuer hoffentlich stark angestiegen sein werden. Ich glaube jedoch, man muss da eher skeptisch sein. Und das liegt vor allen Dingen daran, dass das Event weder national noch international als Düsseldorfer Ereignis, sondern als deutsches Ereignis wahrgenommen wurde. Letztlich war Düsseldorf doch nur das, was man von Beginn an bereits ahnte: eine zufällige Ausrichterstadt, die ausschließlich aufgrund ihrer platzbietenden und somit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kostensparenden Arena den Zuschlag erhielt.

07/08 Tonhalle Bürgermeister EmpfangMir persönlich hat sich Düsseldorf im Mai nicht als das erschlossen, was von den Stadtoberen wohl beabsichtigt war – nämlich als pulsierende Metropole im Herzen von Europa. Zwar wurde hier und da geflaggt und es gab allerlei Plakate und Aufsteller. Aber eine Stadt ist nun einmal, was sie ist und kann sich durch ein einzelnes Event nicht plötzlich zu etwas ganz anderem machen. Wenn die Düsseldorfer es wirklich ernst meinen und sich ein modernes und weltoffenes Image geben möchten, müssten sie aus meiner Sicht erst einmal ihre gesammelten konservativen Attitüden über Bord werfen. Kaum eine der größeren Veranstaltungen aus dem offiziellen Programm hatte den notwendigen Esprit, der eine nachhaltige Strahlkraft hätte entwickeln können. So geriet denn auch der Bürgermeisterempfang (siehe oben) eher zu einer steifen Gala als zu einem entspannten Happening, wie man es aus den Vorjahren kannte. Mir bleibt übrigens nach wie vor rätselhaft, aus welchem Grunde es nicht möglich war, für den Empfang eine größere Location zu finden, um auch allen Delegationen inklusive der Presse den Zugang gewährleisten zu können. Stattdessen kam es leider zwangsweise zur Einteilung in zwei Klassen (drinnen und draußen), was an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten war!

02 Ungarn Kati Wolf probenZwei (wenn nicht sogar mehr) Klassen gab es auch bei der Unterbringung der Delegationen. Während die deutsche standesgemäß im Hyatt am Medienhafen abstieg, war für die arme Kati Wolf aus Ungarn angesichts der hausgemachten Unterbringungsmisere leider nur noch das Intercity-Hotel zwischen zwei Eros-Centern am Hauptbahnhof übrig. Der Titel ihres Songs “What about my dreams?” bekommt da auf einmal einen ganz anderen Zungenschlag. Nicht um einen Kerl scheint es zu gehen, sondern um Düsseldorfer Schlafumstände……. Keine Ahnung, wer den Delegationen wirklich so eine Bandbreite an Kontingenten anbietet!

© Arno Bachert / www.pixelio.de
© Arno Bachert / www.pixelio.de

Ein weiteres Fiasko war die Altstadt am Finalabend des Eurovision Song Contest. Gegen das, was sich dort abspielte, macht sich der gesamte Hamburger Kiez rund um die Reeperbahn herum wie ein Kindergeburtstag aus. Es war – nicht zuletzt auch wegen der gleichzeitig stattfindenden Messe sowie dem gewöhnlichen Samstagspublikum - so dermaßen voll, dass man um seine Unversehrtheit fürchten musste. Für mich ergab sich, wie übrigens an den Wochenenden davor auch, schnell der Eindruck eines Flatrate-Saufquartiers, die Stimmung nach dem fulminanten Finale war ziemlich schnell dahin. Nach Hause kam man jedoch auch nicht so ohne Weiteres, da die durchaus zahlreich vorhandenen Taxifahrer von Düsseldorf offenbar zu den Snobs ihrer Branche zählen. Ich weiß nicht, ob es an jedem Wochenende so abläuft, aber am Taxistand am Heinrich-Heine-Platz herrschten kriegsähnliche Zustände. Kein ordentliches Anstehen am Straßenrand, sondern nur das Recht des Stärkeren, das auch schon mal mit körperlichem Einsatz heraufbeschworen werden musste, berechtigte einen zu einer Taxifahrt. Allerdings bestimmte der Taxifahrer, ob die gewünschte Strecke lukrativ genug war, lamentierte sich einen Wolf und konnte nur durch massive Beschwerdeandrohungen bewegt werden, seiner Beförderungspflicht nachzukommen. Das sind natürlich nur subjektive Eindrücke, die mir von Anderen aber so oder ähnlich teilweise auch bestätigt wurden.

Herr Elbers soll übrigens, so wird kolportiert, genervt gewesen sein von den vielen Postkartenfilmchen aus Berlin. Dass die einzige Postkarte, die der NDR für Düsseldorf reserviert hatte, nur ungefähr für 2,5 Sekunden den Medienhafen und die Arena von außen einblendete, sich aber ansonsten ausschließlich mit den Vorbereitungen zur Show befasste, spricht Bände über die Wertschätzung der “Gastgeberstadt” durch den ausrichtenenden Sender. Bei jedem  gesprochenen “Düsseldorf” sei ihm allerdings das Herz aufgegangen. Dass er das zugibt, ehrt ihn zwar, zeigt aber auch auf fast befremdliche Weise das städtische (und vielleicht auch persönliche) Bedürfnis nach Anerkennung und Wahrnehmung im Konzert ”der Großen”.

Ich bin nicht sicher, ob die isländische Wäscherin oder der slowenische Polizist beim nächsten Deutschland-Trip Düsseldorf einplant und somit zu den angeblichen 170 Mio. EUR zusätzlicher Einnahme sorgen wird. Oder ob es für diese Zielgruppe nicht doch sehr viel attraktivere Ziele in unserem Land gibt, wie es das schöne Postkartenpotpourri des NDR hervorragend veranschaulicht.

YouTube Preview Image Postkarten Semifinale 1

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ESC-News, Gastgeber Düsseldorf, Rückblick: 2011 Düsseldorf

10 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Flo

    07.07.2011 | 14:21

    Achtung: Meckerfritzen-Alarm!

  2. nestbeschmutzer

    07.07.2011 | 17:05

    Keine Angst

    Um die Finanzielle Situation von Düsseldorf muss man sich nun wirklich keine Sorgen machen.
    Ich weiß auch nicht aus welchem Hut die 170 gezaubert wurde, aber die 9,3 Millionen werden sie dicke wieder rein bekommen. Im Ausland war die Stadt bisher vollkommen unbekannt. Das hat sich jetzt geändert. Vor allem die Azeris werden den Namen in bleibender guter Erinnerung behalten.
    Und wenn ich bisher Düsseldorf gehört habe dann dachte ich an
    - liegt in der Nähe von Köln
    - Schickimicki
    - Längste Theke der Welt
    - da ist nur einmal im Jahr was los (Karneval)
    - zweitklassiger Fußballverein mit überdimensioniertem Stadion
    Habe ich noch irgendetwas wichtiges Vergessen?

    Da ist der ESC als weiterer Punkt doch wirklich das mit Abstand positivste in meiner Liste, oder?

  3. Marc

    07.07.2011 | 21:34

    Die 2 Seiten der Medaille

    Das Hauptaugenmerk lag auf dem Finale:
    viele MILLIONEN Menschen, die das ESC-Finale live im TV verfolgt haben, ziehen wahrscheinlich ein positive Bilanz, denn die Show inkl. Moderatoren war unterhaltsam und keinesfalls spießig. Viele Zuschauer waren hier bestimmt positiv überrascht von “Deutschland”! Dass ein Zuschauer denkt, die Finalshow war nur deshalb so erfolgreich, weil sie in Düsseldorf stattfand, wage ich aber zu bezweifeln.

    Gemeinsames internationales Feiern in Düsseldorf???
    Viele HUNDERTE (oder tausende) Delegierte der 43 Teilnehmerländer und sogenannte Hardcore-Fans, die mehrere Tage in Düsseldorf verbracht haben, ziehen wahrscheinlich ein durchwachsenes Fazit. Der Medienhafen ist überraschend schön und das Pressezentrum hat beeindruckt. Ich selbst habe mich in Düsseldorf aber nicht wirklich willkommen gefühlt. Wer kein Super-VIP, Politiker oder Sponsorenmanager war, der wurde immer wieder ausgegrenzt. Peinlicherweise wurde mir dieser Eindruck auch von vielen Delegierten anderer Nationen bestätigt (Spanien, Portugal, Griechenland, Türkei, England etc).

    Insofern hat es Düsseldorf geschafft mit dem 9 Mio-Billig-ESC eine maximale Anzahl an Menschen vor dem TV von Deutschland zu begeistern. Gratulation!

    Ich selbst bin vom Heim-ESC aber enttäuscht: 15 Tage lang jeden Abend live die Zweiklassengesellschaft zu erleben, war nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig!

    Da hatten die anderen anderen Gastgeberstädte (Oslo, Helsinki etc) mit höherem Budget auch entsprechend deutlich mehr zu bieten!

  4. Matthias

    07.07.2011 | 23:07

    Schuld und Sühne

    @ Marc:
    Das mit der Zweiklassengesellschaft mag ja stimmen — aber: lag das an der Stadt Düsseldorf? Nein, eher an NDR/ARD. Die Stadtverwaltung am Düsseldorfer Marktplatz konnte vermutlich am wenigsten was dafür (außer bei dem von Jan erwähnten Bürgermeisterempfang), dass manche reinkamen und andere nicht.
    Aber natürlich wird es so sein, dass der Eindruck der Zweiklassenges. negativ auf das Bild abfärbt, das sich der eine oder andere Fan von der Stadt insgesamt macht. Da kann dann zwar die Stadt nix für, die müsste sich eher noch beim NDR darüber beschweren, dass aufgrund dieser Dinge das Stadtimage leidet.

    Was das Image der Stadt bei den TV-Zuschauern betrifft: da würd ich sagen “Null Einfluss”. Klar, jetzt kennen viel mehr Europäer “Düsseldorf” oder “Diesseldorf” – aber da man in den TV-Shows ja kaum was von der Stadt gesehen hat, verbinden die Leute mit dem Namen der Stadt dann trotzdem nichts: “Ja, die Stadt gibt es, das weiß ich. Aber außer der Existenz weiß ich nichts über Düsseldorf.” Geht mir bei früheren ESCs teilweise auch so. Über Birmingham weiß ich auch nix, außer dass der ESC 1998 dort war… :)
    Und dass der positive Eindruck der TV-Shows eine starke Strahlkraft auf die Stadt hat, glaub ich auch nicht…

  5. Frank

    12.07.2011 | 15:47

    Die 170 Mio. wurden genannt als die Summe, die man für Werbung circa hätte aufwenden müssen, um den gleichen internationalen Werbeeffekt zu erzielen, wie ihn der ESC der Stadt gebracht hat.

    Es war also nie die Rede von Einnahmen in dieser Höhe. Es war stets eine fiktive Zahl, die nur die große Bedeutung des ESC für Düsseldorf und die Richtigkeit der Entscheidung, 10 Mio. bereitzustellen untermauern sollte.

  6. J.Lo

    18.07.2011 | 15:10

    Sendung war gut

    Hallo ich habe die Sendung im TV verfolgt ob wohl ich aus Düsseldorf komme und ich fand es sehr gelungen. Sicherlich zieht Düsseldorf jetzt eine positive Bilanz aus diesen Ereignis wobei ja der Vergleich wirklich fehlt, hin und wieder trifft es auch mal eine Stadt die dann davon profitiert.

  7. Sugarbaker

    17.08.2011 | 13:50

    Sommerloch? Oder wie darf ich diesen Bericht verstehen?

    Man muss natürlich wissen, dass dieser Bericht die Sicht eines Kölners über ein ungeliebtes Düsseldorf widerspiegelt.
    Es war mit Sicherheit nicht alles Gold was glänzte, aber bei allem Respekt über die vielen interessanten Eurovision-Artikel des Herrn Gebauers… es war auch nicht so schlimm wie von ihm dargestellt.

    Natürlich fehlte dem städtischen Rahmenprogramm der Mut mehr zu sein, als schnell in Vergessenheit zu geratene kleine VHS-Veranstaltungen. Aber mal ganz ehrlich, die so kritisierte Zweiklassengesellschaft haben wir zu einem großen Teil dem NDR zu verdanken, der zwar eine perfekte Show abgeliefert hat, aber ansonsten gern zwischen wichtigen und weniger wichtigen Personen unterschieden hat.

    Und ist es denn so tragisch, wenn ein als Journalist getarnter Fan einmal keinen Zugang zu einer Veranstaltung bekommt? Klar hätte man auch das besser organisieren können, aber die Provinzkeule abermals aus dem Hut zu zaubern ist genauso altbacken wie einfallslos.

    Vieles hätte besser gemacht werden können. Luft nach oben war genügend da. Dennoch waren es tolle Tage in Düsseldorf. Und das sage ich gern… als ganz normaler ESC-Fan ;)

  8. Jan

    17.08.2011 | 19:49

    Verwechslung?

    Ganz sicher sogar Verwechslung. Ich bin nicht Herr Gebauer und komme nicht aus Köln – der ist woanders tätig!
    Ich komme aus Hamburg, was es dann aber wohl für den Zuckerbäcker auch nicht viel besser macht :-)

  9. Matthias

    17.08.2011 | 20:39

    Ergänzend sollte man sagen, dass man Fan UND zugleich Journalist sein kann. Aber auch dann bekam man nicht immer so leicht Zugang zu manchen Veranstaltungen.

  10. Sugarbaker

    18.08.2011 | 13:43

    Tatsache! Auf dem kleinen Bild gibt es eine gewisse Ähnlichkeit, wobei mein Köln versus Düsseldorf Bezug nun natürlich völlig sinnfrei ist ;).

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