Aserbaidschan

Erneute Manipulations-vorwürfe – Treibt Aserbaidschan ein doppeltes Spiel?

Aserbaidschan Farid 2013 Probe

Unterschwellige Vermutungen gab es bereits in den Vorjahren – auch wir haben im vergangenen Jahr darüber berichtet (hier), doch jetzt ist ein Video des litauischen Internetportals 15min.lt aufgetaucht, das dem Verdacht der Televoting-Manipulation des aserischen Fernsehens neues Futter gibt.

In diesem Video sind angeblich litauische Undercover-Journalisten zu sehen, die sich mit vermeintlichen „Agenten“ aus Weißrussland – kann man der Übersetzung ins Englische trauen – über eine Manipulation des litauischen Televotingergebnisses zu Gunsten des Songs aus Aserbaidschan unterhalten.

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Den Journalisten wird dabei offenbar angeboten, gegen eine nicht unerhebliche Summe an Geld (wahlweise in Euro oder in der heimischen Währung) Gruppen zu bilden, die – ausgestattet mit entsprechenden SIM-Karten verschiedener Anbieter – en masse für Aserbaidschan abstimmen sollen.

Natürlich können wir den Wahrheitsgehalt dieser Aufnahme nicht nachprüfen (spricht einer unserer Leser russisch?), aber es ist und bleibt eine Tatsache, dass die Wertungen für die aserischen Beiträge Ungereimtheiten aufweisen, denen von offizieller Seite aus dringend nachgegangen werden sollte.

Werfen wir deshalb einen Blick darauf, von welchen Ländern Aserbaidschan in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich die meisten Punkte erhalten hat. Ergibt sich daraus möglicherweise ein auffälliges Muster?

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Selbstverständlich ist es auffällig, dass Nationen wie die Türkei, die Ukraine, Georgien, Russland und Weißrussland ausgesprochen freigiebig mit Punkten für die Interpreten aus Baku sind. Dies lässt sich allerdings – ebenso wie bei den ex-jugoslawischen Staaten sowie mit einer gewissen Einschränkung bei den skandinavischen Ländern, Finnland und Island – mit einem kulturellen und gesellschaftlichen Zusammengehörigkeitsgefühl erklären; die hohen Punktzahlen werden nur allzu gern ausgetauscht.

Was ist aber mit den anderen Ländern, die stark überdurchschnittlich für Aserbaidschan stimmen? Insbesondere Malta, Moldawien, Bulgarien, Zypern, Montenegro, Israel und Litauen fallen einem auf der Stelle ins Auge. Allesamt Länder, in denen nicht zu Zehntausenden abgestimmt wird und wo das Televotingergebnis somit verhältnismäßig leicht mit einer konzertierten Aktion mit mehreren Gruppen und mehreren SIM-Karten an verschiedenen Orten zu manipulieren wäre.

Vor allem die Liebe, die Malta seit 2010 mit einem Mal für die aserischen Künstler entdeckt hat, macht stutzig, auch vor dem Hintergrund, dass Aserbaidschan sich umgekehrt ebenso generös verhält (16 Punkte bei zwei maltesischen Finalteilnahmen in den letzten fünf Jahren). Zahlt sich hier einfach Bakus massive Werbung für den eigenen Künstler auf der Mittelmeerinsel aus oder ist da noch mehr im Spiel? Angeblich sollen entsprechende „Anwerber“ in ca. 10-15 Ländern europaweit ihr Unwesen treiben.

Größere Nationen mit einer erheblichen Anzahl an Televotingstimmen und entsprechend höheren Hürden für eine Manipulation finden wir nämlich hingegen eher am Ende der Tabelle, dort finden die aserischen Beiträge eher weniger Anklang:

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Großbritannien gab in 5 Jahren 5 Punkte an Aserbaidschan, Deutschland derer 4, Italien hat in drei Jahren sogar nicht einen einzigen Punkt an den späteren erst-, zweit- und viertplatzieren Song gegeben. Auch Spanien und Frankreich haben die Songs nur unwesentlich besser beurteilt.

Gegenüber der Fansite oikotimes.com, die übrigens erstaunlich unkritisch mit den Vorwürfen umgeht, hat die EBU zwischenzeitlich bereits erklärt, dass der Televotingverlauf und die entsprechenden Ergebnisse in enger Abstimmung mit Notaren in den jeweiligen Teilnehmerländern, PwC (Pricewaterhouse Coopers – eine weltweit operierende Unternehensberatungs- und Steuerprüfungsgesellschaft) und der Kölner Firma Digame beobachtet und ausgewertet wird. Sobald Ungereimtheiten festgestellt werden, werden die entsprechenden Stimmen nicht gewertet. Klingt gut und vermeintlich sicher, aber kann das wirklich innerhalb weniger Minuten während des Televotingfensters in der Live-Übertragung für ganz Europa geleistet werden? Ist dadurch tatsächlich jegliche Manipulation ausgeschlossen? Fragen, die man der EBU stellen sollte, was wir auch tun werden.

Während dessen dreht man in Aserbaidschan den Spieß offenbar um. Jamil Guliyev, Intendant des Staatssenders Ictimai, lässt in einem Statement zwischen den Zeilen den Verdacht aufkommen, dass das Jury- und Televotingergebnis Aserbaidschans von außen manipuliert worden sein könnte.

Jamil GuliyevNach seiner Darstellung hätte die russische Sängerin Dina Garipova im Televoting Platz 2 belegt. Auch die Jury hätte Russland hervorragend bewertet, so dass sich niemand erklären könne, weshalb es keinen einzigen Punkt aus Aserbaidschan für Russland gab. Ganz dramatisch fügt er noch hinzu, dass er hoffe, dass das gute brüderliche Verhältnis zwischen den beiden Ländern aufgrund dieses unerklärlichen „Vorfalls“ nicht leiden werde. Nun soll sich Präsident Aliyev höchstpersönlich darum kümmern, dass neu ausgezählt und das Resultat von Malmö berichtigt wird. Am Samstag habe man keinen Einfluss auf das Ergebnis gehabt, da das Gesamtergebnis aus Deutschland von Digame geliefert werde.

Die Tatsache, dass man sich aufwändig bei Russland für die 0 Punkte entschuldigt, gewährt natürlich einen tiefen Einblick in das Verständnis Aserbaidschans für einen musikalischen Wettbewerb. Dennoch stellt sich die Frage, ob das nur die sprichwörtliche Flucht nach vorn ist oder ob das Televotingverfahren doch fehleranfällig ist, wenn Stimmen vermeintlich einfach „unter der Tisch fallen“.

Wir bleiben an diesem Thema dran und werden berichten, wenn sich neue Sachverhalte ergeben.

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