Eurovision goes classic – Das Königl.-Hamburgische Hoforchester verjüngt die Grandezza des alten Grand Prix

Das waren noch Zeiten: Hervorragende Stimmen, große Gesten und prächtige Roben – die gute alte Zeit des Grand Prix Eurovision, als das Live-Orchester noch der entscheidende Faktor war. Diese gloriose Epoche wurde am Freitag auf geniale Weise vom Königlich-Hamburgischen Hoforchester wiederbelebt. Mit dabei waren die PRINZ-Blogger Peter (Bild) und OLiver (Text).

Die rund 2.000 Plätze fassende Laeiszhalle, vor der schon Oscar Loya (wer war das doch gleich?) kurz vor seinem Abflug nach Moskau anno 2009 live in der Oprah-Winfrey-Show aufgetrat, war gut gefüllt. Viele Freunde und Verwandte der mehr als achtzig Musiker und rund zwei Dutzend Sänger freuten sich auf einen Abend mit abwechslungsreichem Programm.

Bereits vor zwei Jahren gelang den jungen Symphonikern mit einem ähnlichen Oeuvre ein schöner Erfolg (hier unsere Kritik). Im Vorfeld der Lena-Titelverteidigung in Düsseldorf wollte man daran anknüpfen und hatte etliche neue Stücke ins das 24 Titel umfassende Programm aufgenommen. So kam auch Hamburg noch zu einem echten “Grand Prix”.

Unter der musikalischen Leitung von  Jan Angermüller (Bild) und moderiert von Torsten Brand lag der musikalische Schwerpunkt bei den großen Festival-Beiträgen aus den 60er und 70er-Jahren, die in teilweise neuen Orchesterarrangements von jungen Sängern aus der Hansestadt dargeboten wurden.

Klassiker wie “Save your kisses for me” (im Bild: Kathi Mohr, Thomas Schmidt, Ute Athen), “Tu te reconnaitras” (Anke Fischer), “Apres toi” (Kirstin Mohr) und “Un jour un enfant” (großartig: Anja Buhrow) wechselten mit Gassenhausern wie “Dschinghis Khan” oder “Puppet on a string”.

Darunter auch Titel, die man von der Kirmes kennt und die auch dem Nicht-Grand-Prix-Fan ein Begriff sind und sofort zum Mitwippen und -klatschen animierten.

Die Stimmung, zu Beginn noch etwas verhalten, steigerte sich im Laufe des Abends und animierte das Publikum zu mehreren “La ola”-Wellen.

Man muss wissen: Der gemeine ESC-Fan hat Titel wie “Ne partez pas sans moi” oder “Merci cherie” bereits mehrere Zehntausend mal gehört – auf den üblichen Clubconventions rufen derartige Titel meist nur noch müdes Gähnen und plötzlichen Harndrang hervor.

ABER mit einem Live-Orchester und einem talentierten Sänger wie Julian Hecker (im schicken weißen Anzug) kam auch das abgegriffene “Hold me now” noch anrührend und gefühlvoll rüber. Wir waren berührt…

…und hatten viel Spaß mit den motivierten und talentierten Protagonisten wie der rassigen Stefanie Heider.

Der ganze Abend machte nachdrücklich deutlich, was im Vergleich zur damaligen Zeit dem heutigen Eurovision Song Contest mit der Musik aus der Konserve und den vielen Spezialeffekten abgeht: Authentizität und Intensität.

Schön, dass das Konzept sich nicht auf die oben genannten typischen Grand-Prix-Nummern beschränkte und auch ein paar echte Schmuckstücke bot, die der breiten Masse kaum bekannt sein dürften, aber das Herz eines echten Grand-Prix-Liebhabers zum Glühen bringen. Etwa Jean Vallee’s “La amour ca fait chante la vie” (Belgien 1978), von Philipp Lang einfühlsam interpretiert, war ein solches Kleinod.

Ebenso “Due grosse lacrime bianche”, Iva Zanicchis italienischer Beitrag von 1969, schlichtweg hervorragend interpertiert von Jasmin Antic. Die junge Sängerin orientierte sich zwar am Original, drückte der Nummer aber einen individuellen persönlichen Stempel auf und hielt gar den Schlusston mindestens vier mal so lange wie die dreimalige Sanremosiegerin vor 42 Jahren in Madrid.

Überhaupt: Jasmin Antic ist eine Entdeckung. Äußerst anrührend gelang ihr auch die sphärische Balkan-Ballade “Leila” von Hari Mata Hari aus Bosnien, die das Publikum spürbar positiv verblüffte und verzückte.

Auch unsere Freundin aus dem Vorjahr zeigte sich ebenfalls in großer Form: “Ein Lied kann eine Brücke sein”, der Knaller von Steffi Heider diesmal strategisch geschickt am Ende des Programms platziert, riss zu Begeisterungsstürmen hin.

Unser persönlicher Höhepunkt, das nach Aussage eines Orchestermitgliedes “schwierigste” Stück des Abends: Mary Christies “Toi, la musique e moi”, mit Verve von einer perfekt besetzten Kathi Mohr intoniert.

Einzig die bemühte Comedynummer mit den ESC-Siegerinnern Nicole und Lena als Dragqueens, die sich am Ende im Catfight am Boden wälzten, hätte man sich sparen können.

Schöne Idee: Überall im Saal waren die Fähnchen der Nationen verteilt, die mit einem Lied geehrt wurden. Die norwegischen Standarten kamen etwa beim mitreissenden Auftritt der Bobbysocks (Anja Buhrow und Jasmin Antic) zum Einsatz:

Der zeitweilig zu ausufernden, gelegentlich nur leidlich witzigen Conferencen neigende Moderator forderte die jeweiligen Fangruppen immer wieder zur Unterstützung “ihres” Beitrages auf und dozierte ausführlich über das hohe Verwechslungspotenzial etwa bei Irland und Italien, Monaco und Polen, den Niederlanden und Luxemburg.

Echte Luxemburger waren indes nicht im Saal, denn diese hätten sofort darauf hingewiesen, dass die als Luxemburger Fahne ausgelegte Standarte spiegelverkehrt und mit einem zu dunklen Blau versehen war: das waren stattdessen die Farben des heute nicht mehr existenten Staates Serbien-Montenegro.

Aber das waren nur amüsante Kleinigkeiten, die ein Fan des Eurovision Song Contest angesichts der gebotenen herausragenden Qualiät von Gesang und Live-Musik (im Bild: Steffi Heider bei “Ne partez pas sans moi”) augenzwinkernd wegsteckt, ebenso wie die exorbitanten Preise der Getränke in der Pause: dreiteilige Erfrischung (siehe Bild) für 33 Euro (ohne Tipp) – ganz wie in Oslo…

Fazit: Wir verbrachten einen äußerst kurzweiligen und unterhaltsamen Abend und hoffen auf ein Revival mit den jungen Damen und Herren im nächsten Mai! Und ein paar Vorschläge zur Repertoire-Erweiterung hätten wir auch schon…

Mehr zum Konzept: www.bestofgrandprix.de

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