Norwegen

Fjordaprikosen und ein öliger Tenor

Weltkulturerbe statt ESC: Bevor es in Oslo beim Eurovision Song Contest so richtig losgeht, lohnt ein Blick auf Norwegens außergewöhnliche Landschaft (im Bild, mit Teilen des Autors). Aber selbst auf einer Fahrt durch den weltberühmten Geirangerfjord lassen sich eurovisionäre Bezüge finden. Und wenn nicht, dann muss man eben etwas nachhelfen… 

Eigentlich bin ich kein Freund der nordischen Länder, soll heißen, bislang hat es mich immer mehr in Europas Süden (Spanien) und Osten (Ungarn) gezogen als in Gegenden, die noch schlechteres Wetter als Hamburg haben. Das könnte sich nach dieser Reise ändern. Schließlich sieht man nicht alle Tage diese idyllisch (ab)gelegenen Fjord-Kombinationen – Berg und Meer in einem.

Nach 4 Stunden Anfahrt aus Ålesund erreicht das Hurtigruten-Schiff Geiranger, ein kleines Dorf am Ende des gleichnamigen Fjords. Endlich reißt die Wolkendecke auf. Ich stehe dick verpackt und verzückt an der Reiling und lasse die beeindruckende Natur auf mich wirken.

Ein kraftstrotzender schwäbischer Reiseleiter erläutert gerade, dass die pittoresken Gehöfte, die an den Steilwänden kleben, mittlerweile alle verlassen sind und die ehemaligen Bauern nur im Sommer für ein paar Monate zurückkehren.

Als die Reisegruppe eine Diskussion (warum auch immer) um den Ausbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs beginnt, drehe ich meinen I-Pod lauter auf. Wie passend, wählt der Zufallsgenerator doch ausgerechnet Eva Rivas’ armenischen Beitrag “Apricot Stone” aus.

Eben wurde auf schwäbisch erklärt, dass manche Bauern früher hier am Geirangerfjord bis zu 100 Kilogramm Aprikosen ernten konnten, weil die Hänge so lange in der Sonne liegen. Ich stelle mir die glamouröse Eva mit Kopftuch und Korb bei der Aprikosenrente in diesem unwegsamen Gelände vor. Hmmm, vermutlich müsste sie Gummipömpel an den Füßen tragen…

Das Schiff dreht am Fjordende und fährt vier Stunden in herrlichstem Sonnenschein zurück. Schade, dass die vielen Teilnehmer und Begleiter des ESC diese überwältigende Natur nicht sehen können.

Aber vermutlich haben die norwegischen Organisatoren irgendetwas in petto, um auch die einmaligen touristischen Aspekte den Horden von Gästen näherzubringen. 1996, als der ESC zuletzt in Oslo stattfand, gab es immerhin einen Segeltörn im Meeresarm vor Oslo.

Zurück in Ålesund, genehmige ich mir ein Sonnenbad in einem Lokal mit Terrasse mitten in der Stadt. Dazu gibt es einen Rentierteller. Man lebt hier wirklich im Einklang mit Flora und Fauna. Kaum hat man den Tisch verlassen, erledigen gefiederte Seeungeheuer flink das Abräumen…

Noch schnell ein kleiner Verdauungsspaziergang in der Abendsonne. Bei der Abholung meines Gepäcks fragt mich der Hotelangestellte, was ich überhaupt hier mache. Als das Stichwort „Eurovision“ fällt, erfahre ich, dass er nicht so überzeugt von Norwegens Beitrag ist, „My heart is yours“ sei eben eine Hymne.

Ob ich schon wusste, dass Didrik Solli-Tangen und Alexander Rybak ihre Ausbildung gemeinsam absolviert hätten und sich daher gut kennen? Ja, davon habe ich gehört. Aber nun mache jedermann Witze über Alexanders, ähem, schlichtes Gemüt und Didrik würde sehr darauf achten, nicht mit seinem Ex-Kommilitonen zusammen gesehen zu werden, zum Beispiel in Talkshows. Nein, das wusste ich noch nicht…

Hinaus in die Nacht, denn mein Hurtigruten-Postschiff nach Bergen wartet. Moment mal, Nacht? Die Sonne ist eben erst um 22.15 Uhr ganz langsam untergegangen (Bild ist von 22 Uhr!) und ich könnte immer noch im Freien ein Buch lesen.

Als ich um 0.50 Uhr auf der „MS Nordnorge“ nach Bergen einchecke, ist immer noch ein Streifen Dämmerung am Horizont auszumachen. Daran muss man sich erstmal gewöhnen – würde ich hier leben, bräuchte ich eine Schlafmaske…

Zum Abschluss – weil eben die Rede von ihm war – noch eine Ansicht von Didrik Solli-Tangen (aus dem Magazin HENNE). Wirkt etwas ölig, ob er für die heimische Energielobby wirbt? Schon 1996 gab ESC-Comoderator Morten Harket im Rahmenprogramm ein Konzert im Hab-mich-derb-im-Dreck-gesuhlt-Look.

Bei Didrik sieht das allerdings eher so aus, als hätte man dem schmucken Tenor hie und da mit Pinsel vorsichtig ein paar aromatische Kürbiskernölspritzer aufgetragen…

Morgen mehr aus Bergen, der Gastgeberstadt des ESC 1986 („J’aime, j’aime la vie…). Und hier geht es zu den ersten beiden Teilen meines Norwegen-Entdeckungstrips: Ansichten aus Oslo und per Bahn nach Ålesund.

ESC-News

7 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Jan

    15.05.2010 | 15:32

    Super-Berichte, Oliver! Ich amüsiere mich königlich!

  2. Peter

    15.05.2010 | 19:19

    Charmant und brilliant!

    Hej Oli, kann mich Jan nur anschliessend: Tolle authentische Berichte und wunderbare Fotos und das Portrait von Didrik macht auch Krach!

  3. OLiver

    15.05.2010 | 19:49

    Strahlende Sonne in Westnorwegen...

    Danke Euch beiden für die Blumen. Ich hatte heute wirklich fantastisches Wetter in Bergen, während es in Oslo anscheinend in Strömen gießt… ;-)
    Mein Bergen-Bericht folgt demnächst…
    Dem restlichen Prinz-Blogger-Team wünsche ich gute Anreise!

Kommentar schreiben