Frühling in Amsterdam – Der ESC 2016 blüht auf!

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„Eurovision in Concert“ – was im Jahre 2009 als kleines Fan-Event begann, ist inzwischen ein fester Termin im ESC-Jahreskalender und so etwas wie das alljährliche Frühlingserwachen des Festivals. Am Samstag, 9. April, waren die Teilnehmer aus 26 Nationen angereist, um im Rahmen eines Konzerts in Amsterdam erstmals ihren Beitrag im direkten Vergleich mit vielen anderen Songs für Stockholm zu präsentieren.

Amsterdam grünt und blüht und viele Hundert Fans haben sich in der niederländischen Hauptstadt eingefunden, um viele der Teilnehmer für Stockholm auf ihre ESC-Tauglichkeit hin zu überprüfen. Im Rahmen eines ausgedehnten Clubkonzertes in der Amsterdamer Veranstaltungshalle Melkweg wurde erstmals Farbe bekannt.

Der Schwerpunkt dieser Veranstaltung liegt hauptsächlich auf den Songs, Kostüme, Choreographien, und Begleitpersonal tauchen nur ganz am Rande auf. Props, ausgeklügelte Licht- und Projektionseffekte gibt es auch nicht. Aber gesungen wird mit viel Leidenschaft und das dankt das Publikum mit viel Applaus.

Zackig und zügig geht es im Schweinsgalopp quer durch Europa, die Moderation ist gottseidank sehr zweckorientiert und hält sich nicht mit Unwesentlichem auf. In diesem Jahr führt der niederländische  Kommentator Cornald Maas bereits zum siebten Mal durch den Abend, an seiner Seite die isländische ESC-Sirene Hera Björk.

Den Auftakt macht die zypriotische Band Minus One mit ihrem Rockschlager „Alter Ego“. Ein passender Opener, der die sowieso schon gute Stimmung im Saal noch anheizt. Weil Gitarristen und Bassist „nicht in echt“ spielen müssen, ist viel Zeit für Schlager-Headbanging. Ein schnörkelloser Beginn.

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ManuElla aus Slowenien, nicht in blau und rot gekleidet, sondern in Glitzerschwarz, aber von diesen beiden Farben singend, versucht ein weiteres Mal, der Amerikanerin Taylor Swift Tribut zu zollen und scheitert leider schon wieder – vor allem stimmlich. Das Publikum beklatscht sie trotzdem höflich.

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Der Rumäne Ovidiu Anton hat überhaupt keine Probleme mit seiner Stimme, im Gegenteil, sein monströses Organ schafft es bis in die letzte Ecke des Saals. Auch wenn der Song vielleicht nicht jeden im Publikum anspricht, die gesangliche Kraft des Bären aus Bukarest überzeugt die Massen.

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Auch die Albanerin Eneda Tarifa, die anschließend die Bühne entert, singt sich die Seele aus dem Leib, aber überdeckt mit ihrer teilweise nicht weit vom Schrei entfernter Tongebung die eigentlich doch eher zarte Thematik ihres Songs. Wie eine Fee oder eine Elfe kommt sie nicht über die Bühne, eher wie eine böse Stiefmutter (und zwar mit Gouvernantendutt).

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Nach der Stiefmutter die beiden Söhnchen: „You’re not alone“ aus Großbritannien ist möglicherweise ein netter Popsong, Joe & Jake wirken aber gesangstechnisch eher wie die zwei Klassenmusikanten beim Realschulabschlussball. Aber sie können ja noch ein paar Wochen büffeln.

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Anschließend gibt sich Fräulein Rykka aus Kanada die Ehre und zwar für die Schweiz, wie wir alle wissen. Nein, noch ist sie keine Celine Dion, aber ihr Auftritt wirkt  insgesamt schon eine ganze Schippe sicherer, als bei früheren Liveauftritten. Der Song ist und bleibt moderat-moderner Pop.

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Der weißrussische Sänger Ivan hat vor einigen Wochen vergeblich versucht, bei der EBU durchzusetzen, in Stockholm splitterfasernackt, aber in Begleitung von Wölfen auftreten zu dürfen. In Amsterdam wäre vermutlich ersteres erlaubt gewesen, aber Ivan entscheidet sich, passend zu seiner strähnigen Haarpracht zu einem Christian-Anders-alias-Lanoo-Gedächtnisgewand im Predigerstil. Seinen Fliegersong bringt er souverän über die Rampe und anschließend klatschen die Menschen.

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Lidia Isac aus Moldau präsentiert ihren wenig aufregenden Song, wie viele es erwartet haben, gesanglich nicht ganz sicher und etwas unspektakulär. Dennoch geht der Saal bei dieser Nummer ordentlich mit.

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Als Letzte vor der ersten Pause ist es Zeit für Island. Greta Salomé setzt mit einer Extended Version von „I hear them calling“ einen besonderen Akzent. Sie eröffnet den Song mit einem formidabeln Geigensolo, tauscht dann die Fiedel mit dem Mikro aus und singt das Lied in mitreißender Art und Weise. Parallel dazu spielt sie große Teile ihrer Choreographie nach und heimst zurecht einen besonders starken Applaus ein.

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Beim Eröffnungstitel des zweiten Teils scheiden sich die Geister im Publikum. Während viele beim netten Boybandlook der montenegrinischen Band Highway sicher gerne ein bisschen näher hinschauen, werden gleichzeitig allerhand Ohren zugehalten. Die Reaktion nach Abschluss von „The real thing“ ist eher verhalten.

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Hovi Star aus Israel greift auch für Amsterdam schon in die Vollen. Das Fashionvictim, ganz in schwarz mit langem Schleppenmantel, einem gold-glitzernden Brustpanzer und viel Make Up sowie der bereits bekannten Haartolle, überzeugt gesanglich und erntet  viel Applaus. Das Lied selbst wirkt aber etwas fad. Wir sind gespannt auf visuelle Gimmicks, die da sicher noch kommen werden.

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Ganz auf ihre persönliche Ausstrahlung konnte sich Sanja Vučić aus Serbien verlassen. Die gerade mal 21jähirge hat sich ins kleine Goldene gehüllt und singt ihren Song über häusliche Gewalt absolut souverän. Zudem überzeugt sie mit einer Bühnenpräsenz, die den Saal sofort mitreißt und überhaupt nicht auf spezielle Effekte angewiesen ist. Ein sehr gelungener Auftritt, der anschließend stark bejubelt wird.

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Ebenfalls in Gold gewandet und mit ähnlicher Frisur wie die Serbin betritt danach Mihal Szpak aus Polen die Bühne und wirkt wie der diesjährige Zirkusdirektor. Auch er hat stimmlich keine Probleme und setzt nach Abschluss seines Songs unmittelbar zum „Audience participation part“ an. Wir alle singen mit ihm noch mal die „Oh-oh-oh-oh“-Hook seines Songs A-cappella mit und anschließend brandet großer Applaus auf. Ob der Saal das Lied aber als große Ballade mit Siegeschancen oder als humoristischen Schmachtfetzen auffasst, bleibt ungewiss.

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Und dann: Zoe. Die Österreicherin singt, wie üblich, niedlich und bezaubernd ihr eingängiges und hübsches Chanson mit viel rot am Körper und viel Lächeln im Gesicht. Der Auftritt läuft gut, das Publikum geht prima mit, aber mit der Reaktion danach hätte wohl kaum jemand gerechnet. Ein ohrenbetäubender, seeeeehr langanhaltender und an diesem Abend in seiner Stärke noch nicht dagewesener (und sich auch nicht wiederholender) Jubel lässt die Halle beben. Zoe selbst ist entzückt, gerührt und macht erstmal ein Selfie mit den Massen. Es scheint, als haben wir es bei „Loin d’ici“ mit dem ultimativen Fanfavoriten des Jahres zu tun. Wer hätte das vor ein paar Wochen gedacht?

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Der estnische Beitrag „Play“ hat es danach ein wenig schwer. Dennoch macht Jüri Pootsman seine Sache außerordentlich gut. Er singt sicher, kraftvoll und dynamisch und ist genau der richtige Sänger für diese sehr gut komponierte Retronummer. Sein Applaus kann sich zwar nicht mit dem von Zoe messen, aber das Publikum erkennt sein Können auf jeden Fall.

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Jamala aus der Ukraine findet mit ihrem (positiv) aus dem Rahmen fallenden Lied „1944“, ihrer Bühnenpräsenz und ihren gesanglichen Fähigkeiten ebenfalls den Weg in die Herzen des Publikums. Auch ihr Auftritt wirkt extrem rund und souverän.

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Deen & Dalal feat. Ana Rucner und Rapper Jalal geben auf der Bühne alles. Der für meine Begriffe etwas überladene Song wird auch etwas überperformt. Fehler machen die Vier aber nicht, Das Publikum ist wieder mal begeistert, vielleicht auch, weil es einer der wenigen Beiträge in der Landessprache ist?!

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Als nächstes muss die Kroatin Nina Kraljc raus. Wie erwartet bewältigt sie ihr Lied „Lighthouse“ stimmlich grandios, die Performance konzentriert sich auf die Sängerin, die wie ein Leuchtturm am Platz steht und mit den Armen (und den schleppenartigen Ärmeln ihres dunklen Kleides) Signale aussendet. Der Applaus etwas verhalten, vielleicht aber auch, weil das Moderatorenpärchen sehr schnell zu Nina auf die Bühne kommt, um das Ende des zweiten Teils anzukündigen.

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In der Pause werden, wie vor der Veranstaltung und im ersten Break, flotte Mitsingsongs aus der ESC-Geschichte eingespielt. Diesmal beginnt es, und wir sind gerührt und ein bisschen betroffen, mit „Frauen regieren die Welt“ von Roger Cicero. Eine schöne, kleine Hommage des DJs, die der Saal dankbar und angemessen mitträgt.

Nach der Pause darf dann die gastgebende Nation ran. Der bühnenerfahrene Douwe Bob liefert mit drei Komplizen eine freundliche und souveräne Performance von „Slow down“ ab, die der Saal erwartungsgemäß mit frenetischem Beifall quittiert. Das Lied bleibt ein Außenseiter, aber ist in seiner Andersartigkeit und mit seiner (von manchen als repetitiv empfundenden) Eingängigkeit nicht zu unterschätzen.

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Danach kommt Malta: Ira Losco singt stimmsicher, stimmgewaltig, aber noch wenig stimmungsvoll ihren zweiten ESC-Song in diesem Jahr, „Walk on Water“. Auch wenn Ira dem komplizierten Song stimmlich absolut gewachsen ist, das Lied bleibt unübersichtlich. Ira ist viel in Bewegung und nutzt die gesamte Bühne aus, was besonders angesichts ihrer Super-High-Heels bewundert werden muss. Der Applaus ist gut, aber war bei anderen, weniger oder anders ambitionierten Songs aber schon stärker.

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Der Lette Justs ist mal wieder einer, bei dem man schon jetzt das Gefühl hat, dass da nichts fehlt. Sehr passioniert und mit viel Körpereinsatz gibt er casual in schwarzer Lederjacke gekleidet seinen Song „Heartbeat“ zum Besten und löst eine Welle des Jubels aus.

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Auch Poli Genova überzeugt anschließend. Ihr Song „If love was a crime“ fischt in ähnlichen Gewässern wie der maltesische Beitrag, wirkt aber in der Gesamtkonstruktion schlüssiger und runder. Stimmlich gibt sie sich ebenfalls keine Blöße und da Publikum darf auch hier noch mal a-cappella ran. Bereits jetzt deutet sich an, dass eine Finalteilnahme von Poli diesmal auf jeden Fall im Bereich des Möglichen liegt.

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Anders als Power-Poli, die auch vor den Randbereichen der Bühne keine Scheu gezeigt hat, steht Francesca Michelin aus Italien als nächste den gesamten Song über in Sanremo-Manier vor ihrem Mikrofonständer. Sie singt die zweisprachige Version ihres Liedes, „No degree of separation“ engagiert und sicher, allerdings ist der Ton bei diesem (und auch bei anderen Songs) nicht optimal, so dass alles etwas übersteuert klingt. Das werden die Tontechniker in Schweden aber sicher noch hinkriegen.

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Nach dem etwas introvertierten Auftritt der Italienerin kommt nun einer der Topfavoriten auf den ESC-Sieg an die Reihe. Amir, für Frankreich startend, ist in den letzten Wochen kontinuierlich die Wettquotenlisten hinaufgeklettert und zeigt mit seiner direkten und dynamischen Präsentation von „J’ai cherché“ woran das liegen mag. Der lockere Franzose hat einfach einen supereingängigen Song, den er unkompliziert über die Rampe bringt und dadurch das das Amsterdamer Publikum im Sturm auf seine Seite bringt. Das von vielen als unwiderstehlich wahrgenommene „Youououou“ tut sein übriges. Nach diesem Auftritt wird er in den Wettquoten sicher nicht nach unten rutschen.

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Kaliopi ist als Nächste dran und sie zeigt, wie man einen Mikrofonständerauftritt zelebrieren kann. Ganz in schwarz, mit schwarzer Mähne donnert sie ihr „Dona“ in den Saal und bewegt sich dabei schlangen- und wurmartig, dass es nur so eine Freude ist. Die Höhepunkte: ihre Version der „Biellmann-Piourette“ und der „Matzerath-Schrei“ am Ende. Der Song mag beim ersten Hören etwas gewöhnlich gewirkt haben, hier in Amsterdam macht der Fanliebling des ESC 2012 deutlich, dass mit ihr wieder zu rechnen ist. Das Publikum sieht das genauso.

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Zum guten Schluss kommt dann noch die Fanfavoritin der Early days. Barei, die für Spanien antritt, sieht gut aus, hat eine hübsche Frisur und trägt was Vernünftiges, der Rest ist geblieben. Sie singt „Sy Yeah“ immer noch mit einer außerordentlichen Energie und nutzt weiterhin die Kurt Calleja-Gedächtnis-Tanzschritte. Bereits während des Songs geht der gesamte Saal mit und auch sie erhält am Ende Tonnen von Applaus.

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Damit endet die Parade der 26 ESC-Hopefuls und wir können konstatieren: Premiere gelungen, der Frühling ist da. Die Knospen öffnen sich langsam oder stehen schon in voller Blüte. In Stockholm beginnt dann der ESC-Sommer und alle können (und sollten) mit voller Kraft erstrahlen, um reif zu sein, wenn dann in der ESC-Woche die Ernte eingefahren wird. Genug der Bildsprache: es war ein toller Abend in Amsterdam, der uns viel Grund zur Vorfreude gibt.

Nachtrag: Die Show im Melkweg ist nach Bareis Auftritt aber noch nicht zu Ende, denn Moderatorin Hera Björk darf natürlich auch noch zum Mikro greifen. Sie singt gleich drei Titel: neben „Someday“ und „Je ne sais quoi“ den Titelsong ihrer Personality-Live-Show „The f***g queen of everything“. Diese Show wird am 7. Mai auch in Stockholm zu sehen sein, daher ist die gute Hera auch so etwas wie eine ESC-Teilnehmerin 2016.

(Fotos: © Dennis Stachel/www.atmospheria.com)

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