Hanse Grand Prix – Evolution einer Schnapsidee

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Am kommenden Freitag ist es wieder so weit. Bereits zum 17. Mal findet der Hanse Grand Prix statt – eine Fanidee, die im Jahre 1998  geboren wurde und sich schnell zu einer sehr beliebten, skurril-witzigen Veranstaltung mauserte. Die diesjährige Ausgabe findet statt am 14. Februar statt, in der Kneipe „Aalhaus“ in der Eggerstedtstr. 39, 22765 Hamburg, Nähe S-Bahn Holstenstraße in Altona. Ab 19 Uhr kann man kommen, um 20 Uhr sollte es losgehen. Wer dieses ganz spezielle ESC-Fan-Ereignis einmal live miterleben will, ist herzlich eingeladen! Wir können bestätigen: es lohnt sich!
And this is the story …

1997. Eine Zeit ohne Internet. Quasi. Anstatt sich in Online-Foren zu tummeln und sich dezidiert über litauische Vorentscheidungen oder spanische Hopefuls zu informieren und zu äußern, saßen ESC-Fans zuhause, durchwühlten alte Schallplatten, warfen ab und an eine Videocassette mit einer älteren Finalshow ein oder lasen die von den seit einigen Jahren existierenden Fanclubs von Zeit zu Zeit herausgegebenen (und jeweils heiß erwarteten) Fanzines.

Irgendwann schien das nicht mehr genug und so rotteten sich die Fans aus Hamburg und Umgebung vier Wochen nach Biancas Dublin-Pleite zusammen und begannen sich regelmäßig zu treffen und ihrem Hobby im Sozializing-Modus zu frönen.

Programm musste her und so wurde Anfang 1998 der Hanse-Grand-Prix erfunden. Jeder der mitmachen wollte, bekam ein Land zugelost und hatte nun die Aufgabe, einen Beitrag aus der ESC-Historie auszuwählen und mit diesem gegen die anderen auserwählten Songs in den Wettstreit zu ziehen.

Der erste Hanse-Grand-Prix fand dann statt im Restaurant „Kleiner Zinken“ in Hamburg Altona, später bekannt geworden durch eine TV-Show mit Starkoch Christian Rach. Auf einem kleinen tragbaren Fernseher schauten etwa 30 bis 35 Seelen fasziniert auf die 20+ Beiträge, die durch kleine Schnipsel aus einem Hamburg-Tourismus-Video unterbrochen waren. Anschließend gab es die erste Hanse-Grand-Prix-Wertung und die setzte gleich Maßstäbe. Nicht die großen Favoritensongs von Anabel Conde oder Edyta Gorniak machten das Rennen, sondern der Kult-Klassiker „Krøller eller ej“ aus dem Jahre 1981.

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Gewinner 1998: Tommy Seebach & Debbie Cameron: „Krøller eller ej“ (Dänemark 1981), eingereicht von Katrin

Auch im weiteren Tableau fanden sich in den höheren Rängen Songs, die beim ESC eher unter „Ferner sangen“ gelandet waren, beim HGP aber auftrumpften, Siegertitel und Superhits hatten es allerdings wesentlich schwerer. ABBA, Bucks Fizz oder Dschinghis Khan schafften in den ersten Jahren nicht einmal die Top 20.

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Gewinner 1999: Alice & Battiato: „I treni di Tozeur“ (Italien 1984), eingereicht von Wolfgang W.

Ein sehr wichtiges und spezielles Element des Hanse Grand Prix war und ist stets die Location. Nach der Eröffnungsveranstaltung fanden die nächsten drei Wettbewerbe in Hamburg-Eppendorf statt, dort aber nicht bei Cornelia Poletto, sondern in einer Art Pizza-Service mit Sitzgelegenheiten. Legendär der Satz eines Laufkunden: „Wat is dat denn hier, Friseusentreffen?“

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Gewinner 2000: Mary Roos: „Nur die Liebe lässt uns leben“ (Deutschland 1972), eingereicht von Karsten

Später gab es eine hippe Bar in den Grindelhochhäusern, einen verrauchten Partykeller in Eimsbüttel, eine „beste Adresse“ an der Elbe, einen In-Laden auf der Langen Reihe in St. Georg, einen Kultitaliener auf St. Pauli und einen styligen Barversuch im westlichen Zipfel von Altona. Fast alle Läden haben übrigens inzwischen zugemacht. Aber das gilt natürlich nicht für das Aalhaus. Dort sind wir bereits zum dritten Mal. Einmal noch und es gibt einen neuen Rekord. Also bitte nicht schließen!

YouTube Preview ImageHanse Grand-Prix-Gewinner 2001: Joy Fleming: „Ein Lied kann eine Brücke sein“ (Deutschland 1975), eingereicht von Hans-Peter

Nach dem Überraschungssieg des dänischen Granatenschlagers bei der ersten Ausgabe waren die nächsten drei Hanse-Grand-Prixs mit Favoritensiegen bestückt. In den oberen Regionen gab es aber immer wieder eine Überraschungen: so platzierten sich in diesen Jahren Songs wie „I’m never givin‘ up“ oder „Sev“ im Spitzenfeld.

2002 gab es dann aber gleich eine doppelten Knaller an der Spitze: Auf Platz 2 stürmte die Belgierin Ingeborg und die Spitzenposition konnte Ami Aspelund aus Finnland einnehmen, eingereicht von unserem bisherigen Rote-Laterne-Maskottchen Astrid. Der ganze Saal imitierte Amis Choreographie. Einer der absoluten Kultabende!

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Gewinner 2002: Ami Aspelund: „Fantasiaa“ (Finnland 1983), eingereicht von Astrid

Von Anfang an gelang es dem Hanse-Grand-Prix, nicht nur die Hardcore-Fans zu mobilisieren. Schon nach wenigen Jahren gab es eine Art Fanclub von besten Freunden und Kumpels, die die eigentlichen Teilnehmer zur Veranstaltung begleiten und jedes Jahr wiederkommen. Dort genießen sie es, einen Abend im Grand-Prix-Kitsch zu schwelgen und sich mit Songs und Choreographien zu beschäftigen, die sie nie für möglich gehalten hätten.

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Gewinner 2003: Edsilia: „Hemel en aarde“ (Niederlande 1998) – der erste Siegertitel, der jünger war, als der Hanse Grand Prix selbst, eingereicht von Joachim

Beim Hanse Grand Prix mussten alle ran. Und es durften fast von Beginn an nicht nur die eigentlichen Teilnehmer werten, sondern auch die Freunde und Begleiter. Meist gab es Herren- und Damenjuries, die durch ihre Wertung in vielen Jahren den Partywert der Veranstaltung deutlich machten und sich oft für die verrücktesten oder schmissigsten Beiträge entschieden. Für Gäste gab es immer mal wieder auch kleine Gewinnspiele mit Schätzspielen und anderen Lächerlichkeiten. Aber Spaß gemacht hat es allen.

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Sieger 2004: Silver Convention: „Telegram“ (Deutschland 1977), eingereicht von Frank

Interessanterweise gelang es fast immer, die Wirtsleute und das Personal in den Veranstaltungslocations auf unsere Seite zu bringen. Die Blicke auf die Leinwand wurden im Laufe des Abends oft immer interessierter und intensiver, gegen Ende wurde mit rotem Kopf mitgevotet und Bezugsquellen von Songs wurden erfragt.

YouTube Preview ImageHanse- Grand-Prix-Sieger 2005: Mia Martini: Rapsodia (Italien 1992), eingereicht von Harald

Sehr oft wurde der Hanse-Grand-Prix erst in der finalen Wertungsphase entschieden. So knapp wie 2006 war es nie. Mit gleicher Punktzahl lagen am Ende zwei Songs gleichauf: „Stop“ von Omar Naber und „De Mallemolen“ von Heddy Lester, eingereicht vom Autor dieses Beitrages. Durch eine bis heute umstrittene Juryentscheidung wurde er jedoch auf den zweiten Rang gesetzt. Aber WMs niederländische Stunde sollte noch kommen…

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Sieger 2006: Omar Naber: „Stop“ (Slowenien 2005), eingereicht von Martin (Martin lebt in Großbritannien und lässt sich alljährlich extra für den HGP einfliegen!)

Deutschland erwies sich als besonderer Favorit: Vier Siege stehen für deutsche Beiträge zu Buche, der letzte bisher im Jahre 2007. Damals setzte sich Wencke Myhre u.a. gegen vier ESC-Siegertitel durch und verwies den griechischen Beitrag „Mathema Solfege“ auf den zweiten Platz.

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Sieger 2007: Wencke Myhre: „Ein Hoch der Liebe“ (Deutschland 1968 – der älteste HGP-Siegersong überhaupt), eingereicht von Daniele

Der kleine tragbare Fernseher der ersten Veranstaltung hatte übrigens schnell ausgedient. Bereits ab der dritten Veranstaltung im Jahre 2000 wurde per Beamer geguckt. Und auch die Touristenvideos, die die ersten zwei HGPs als Zwischenfilmchen geziert hatten, wurden duch anständige Postkarten oder Moderationspausen ersetzt. Seit vielen Jahren schneidet OGAE-Videoservicemann Stefan Leidner unseren Hanse Grand Prix. Dafür an dieser Stelle mal ein ganz flottes Dankeschön!

Und ein netter Frank B. aus Berlin, ein technisch versierter Freund von PrinzBlogger OLiver, bastelt uns alljährlich eine digitale Anzeigentafel, auf der die Punkte nur so hin und herfliegen! (Auch ihm ein herzliches Dankeschön!)

Die Wertungsphase war aber nicht immer digital. In den Anfangsjahren behalfen wir uns mit Post-Its, die an eine vorbereitete Papptafel geheftet und bei jedem Punktezuwachs durch ein neues Post-It mit der dann aktuellen Zahl ersetzt wurden. Herrliche Zeiten.

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Sieger 2008: Maxine & Franklin Brown: „De eerste keer“ (Niederlande 1996), eingereicht von WM

Mit den Jahren wurde die Hanse-Grand-Prix-Moderation ein fester Bestandteil der Veranstaltung. Dabei wurde immer auf viel Audience Participation wert gelegt: über mehrere Jahre musste der ganze Saal beispielsweise einen Sprechkanon skandieren: „20 Zwerge machten eine Handstand, 10 am Sandstrand, 10 im Wandschrank!“. Ein spezieller Höhepunkt war die Veranstaltung im Jahre 2009, bei der die Songpaten von insgesamt 26 verschiedenen Handpuppen begrüßt und interviewt wurden. Nach so viel Trubel konnte nur ein sehr ruhiges Lied gewinnen:

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Gewinner 2009: Lisa Andreas: „Stronger every minute“ (Zypern 2004), eingereicht von Christian

Der Hanse Grand Prix hat über die 16 Jahre seiner Existenz viele Teilnehmer vorüberziehen sehen, einige davon waren aber extrem kontinuierlich, manche sogar immer dabei, darunter immerhin sechs Prinz-Blogger (Jan, OLiver, Tjabe, Peter, WM, Armen), seit dem legendären Handpuppen-HGP ist auch Douze Points der Veranstaltung verfallen und vor ein paar Jahren kam auch noch Malte dazu.
Im Jahre 2010, dem Jahr, in dem drei Monate nach dem HGP, Deutschland seinen zweiten ESC-Sieg einfahren sollte, gelang es einem Teilnehmer erstmals, den Wettbewerb zum zweiten Mal für sich zu entscheiden. Frank, der sechs Jahre vorher mit „Telegram“ erfolgreich gewesen war, siegte diesmal mit der Bühneballade schlechthin:

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Gewinner 2010: Shiri Maimon: „Hasheket shenish’ar“ (Israel 2005), eingereicht von Frank

In fast jedem Jahr dasselbe Theater – die Technik. Bei vielen, sehr vielen Hanse-Grand-Prix‘ gab es Probleme mit den Beamern, dem Voting-Programm, mit den Mikrofonen oder der Musiklautstärke. Hochdramatisch verlief der HGP 2013, der aufgrund technischer Probleme erst mit mehr als 90-minütiger Verspätung beginnen konnte. Aber gottseidank hatten wir unseren Sprechkanon drauf und konnten zudem noch einen Schlachtruf aus dem am Abend zuvor zum deutschen ESC-Beitrag gewählten „Glorious“ basteln.

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Sieger 2011: Kuunkuiskaajat: „Työlki ellää“ (Finnland 2010), eingereicht von Peter

Insgesamt wurden bisher 24 ESC-Siegertitel eigereicht, von denen aber keiner auch nur in die Nähe eines Sieges beim Hanse Grand Prix kam. Gute Plätze werden oft mit recht aktuellen Titeln erzielt, aber auch das ist keine Garantie. Kein ESC-Interpret war bisher mit mehr als einem seiner ESC-Beiträge siegreich, Ilanit beispielsweise floppte mit ihrem ESC-Erfolg von 1973 beim HGP 2001, 11 Jahre später gewann Tjabe den HGP mit ihrem „Ferner-Liefen-Titel“ vom ESC 1977:

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Gewinner 2012: Ilanit: „Ahava Hi Shir Lishnayim“ (Israel 1977), eingereicht von Tjabe

Wie beim echten ESC haben auch beim HGP die Solistinnen die beste Erfolgsausbeute. 10 mal gewannen Damen, einmal siegte ein Mann, einmal ein Trio und viermal ein Duo, größere Gruppen haben bisher noch nie einen Sieg eingefahren – auch das irgendwie speziell.

YouTube Preview ImageHanse-Grand-Prix-Gewinner 2013: Pastora Soler: „Quedate conmigo“ (Spanien 2012), eingereicht von Tom

Mit dem Sieg von „Quedate conmigo“ gab es im Jahre 2013 mal wieder einen echten Fanfavoritengewinner, dem im Jahr zuvor in Baku auch die vereinigten europäischen Fanheerscharen zu Füßen gelegen hatten. Bei dieser Ausgabe des Hanse-Grand-Prix konnte Loreen übrigens keinen Blumentopf gewinnen.

Man kann sagen was man will, man mag es für eine Schnapsidee verspielter Erwachsener halten, der Hanse Grand Prix erfreut sich seit mehr als anderthalb Jahrzehnten großer Beliebtheit und ein Ende ist nicht abzusehen. Erfreulicherweise gibt es inzwischen schon mindestens eine weitere Veranstaltung dieser Art, den „Grand Prix sur le Main“, der letztes Jahr in Frankfurt ins Leben gerufen wurde. Und auch Berlin plant wohl schon, wie man hört.

Und jetzt steht die 17. Ausgabe an. Die Gemeinde und ihr Gefolge sind schon sehr gespannt, wer diesmal das Rennen macht und alle freuen sich uns schon sehr auf Freitag: Eiskunstlauf-Kür der Herren in Sotschi und der Hanse Grand Prix. Wr beides will, programmiert ab 19 Uhr den Rekorder und gesellt sich dann zu uns! Die Sofas im Aalhaus stehen für euch bereit!

Hanse Grand Prix Aalhaus 2

Die Startliste zum Hanse Grand Prix 2014 findet sich übrigens hier.

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