Deutschland

Tourstart 2017: Helene Fischer als Crossover aus Kylie & Nadia Comăneci


Ach Du liebe Güte! Erst starten die PRINZ Blogger die neue Künstlerempfehlungs-Serie „Auf nach Lissabon“ mit einer Popschlager-Boyband und dann schreiben sie auch wieder über Helene Fischer. Hört das denn nie auf? (dramaturgische Pause) Nun, wir waren beim Eröffnungskonzert der umsatzstärksten Konzerttour, die es in Deutschland je gab, und möchten darüber berichten. Aber sehr persönlich.


Dies ist kein klassischer Konzertbericht. Damit sind die etablierten Medien seit heute geflutet, wir empfehlen mit Prio Eins die Konzertkritik eines guten Freundes bei stern.de, wo das Auftaktkonzert der Helene-Fischer-Tour 2017/2018 inhaltlich sehr (zu)treffend beschrieben wird. Statt einer (weiteren) Konzertreportage mag ich meine persönlichen Eindrücke vom Auftaktabend der 69 Konzerte umfassenden Megatour schildern – und selbstverständlich die Brücke zum ESC schlagen.


Für 19 der 69 Termine habe ich Tickets. Crazy, I know. Totally crazy. Eigentlich hatte ich nur für 17 Shows Karten gekauft (17 ist meine Glückszahl), aber dann hat Helene noch eine Stadiontour nachgeschoben und da habe ich dann noch zwei Gigs draufgelegt.


Eigentlich wollte ich mir ein T-Shirt basteln, so wie diese junge sympathische Dame. Aber dazu habe ich nicht die Zeit gefunden, da ich derzeit in einem der wichtigsten, spannendsten und anspruchsvollsten Projekte meines Berufslebens stecke. Just am Mittag des Tourpremieren-Konzerts haben wir eine erste wichtige Projektstufe abschließen können, diese Zäsur gab dem gestrigen Showabend in der TUI Arena in Hannover etwas zusätzlich Magisches.


Als ich die Tickets für 17 Shows vor anderthalb Jahren gekauft habe (bzw. hatte kaufen lassen, da der auf vier Tickets begrenzte AmEx-PreSale mich zwang, alle AmEx-Kartenbesitzer im Freundeskreis einzuspannen – Danke nochmal dafür auch an dieser Stelle, Jungs), war meine persönliche Helene-Popschlager-Leidenschaft am Anschlag.

Als jetzt das Konzert anstand, war sie deutlich abgekühlt. In der derzeitigen Gemütslage hätte ich mich vermutlich auf etwa vier Shows beschränkt. Als ich das Douze Points, der mich nach Hannover begleitete, bei zwei Drinks im SAS Radisson gegenüber der Halle (Schauplatz großer ESC Dramen, wir erinnern uns aber auch gerne an das Treffen mit Betty Dittrich an der gleichen Bar) erzählte, postete er das gleich in die PRINZ Blogger WhatsApp-Gruppe, so shocking muss ihm diese Ansage vorgekommen sein…


Meine unverändert vorhandene, aber abgekühlte Hinwendung zur Königin hat weniger damit zu tun, dass ich beruflich derzeit maximal beansprucht bin. Vielmehr haben mich zwei andere Erfahrungen etwas abgeturnt. Da ist zum einen das leichte Fremdeln mit dem Album. Die Songs gefallen mir großartig, aber das Ding ist überproduziert. Die 24 Titel (der deluxe Edition) sollen aus 1.200 verschiedenen „ausgesiebt“ worden sind, aber ich habe das Gefühl, die Produzenten haben hier zu sehr nach den Erfolgsformeln von „Farbenspiel“ geschielt und weniger Neues gewagt. Bei fast jedem Titel beschleicht mich so ein Gefühl wie „Ach so, das soll jetzt das neue Marathon, Te Quiero, Feuerwerk usw. sein.“

Das ist mehr ein Bauchgefühl. Aber als ich neulich auf einer Silberhochzeit meiner mir zuvor unbekannten Tischnachbarin – ebenfalls leidenschaftlicher Fan der Musik von Helene – dieses Gefühl schilderte, bestätigte sie mir exakt dieselbe Wahrnehmung, sogar fast identisch formuliert.


Und zweitens nervt mich die mit Helene einhergehende Polarisierung. Das DFB-Pokalfinale, wo Helene von respektlosen Ignoranten ausgepfiffen wurde, ist ein gutes Beispiel. Das Management von Helene war sicher naiv, dass sie dieses Risiko nicht gesehen haben – etwas mehr Feingefühl und die Lektüre von einschlägigen Fanforen hätten gereicht. Ich war über das eitle Pfeifkonzert echt geschockt und mir hat Helene wahnsinnig leid getan.

Sie war echt tapfer, auch später im TV-Studio, und die Souveranität, mit der sie das (vorhersehbare) Drama durchgezogen hat, hat sie mir näher denn je gebracht. Andererseits hat mich die Marketing-Maschine rund um die Album-Veröffentlichung überfordert – und das, obwohl neutrale Dritte mich sicher als Hardcorefan bezeichnen.

Normalerweise versuche ich die Auftritte und Shows und TV-Gigs von Helene alle zu sehen, aber hier fühlte ich mich gehetzt und überfordert und bin ausgestiegen. Ein erholsames Privatleben jenseits der Arbeit wäre gar nicht mehr möglich gewesen, hätte ich das alles, worin Helene involviert war (von Florian über die NDR Talkshow über Gottschalk bis Germanys Next Top Model etc. etc.) sehen wollen. Wie die Ärmste das durchgehalten hat, Kompliment!

Diese Polarisierung ist auch ein maßgeblicher Grund, warum hier auf dem Blog wenig über Helene zu lesen war, denn immer wenn ich eine Eloge verfasst hatte, setzte es bissige, zum Teil witzige, aber auch viele geschmacklose Kommentare und ich hatte prompt schlechte Laune.

ESC-kompatible Werbung in der TUI Arena.

Etwas abgeklärter als in meinen bisherigen Helene-Jahren 2006 ff. fuhr ich also nach Hannover! Und was soll ich sagen – das Konzert war SUPER, echt fantastisch, viiiiiiiel besser als die Farbenspiel-Hallentour. Und ein Must-See!


Das liegt vor allem daran, dass Look and Feel des Abends aus einem Guss sind und krude-kitschige Überzeichnungen wie die überfrachteten Jahreszeiten-Bühnenbilder oder dieser affige gigantische Vogel (namens Birdy) fehlen – mit einer Ausnahme, als Helene in einer Art albernen Petticoat aus Wasserfontänen auftritt, der einzige leicht peinliche Moment der Show.


Statt dem Farbenspiel-Deko-Schnickschnack und einem Pyro-Inferno lag der Schwerpunkt auf einer ausgefeilten fantastischen Choreo mit sehr viel artistischen Elementen. Aber viel moderner und designiger als die Ankündigung, dass Cirque du Soleil die Produktion macht, vermuten ließ. Tolles Licht, fantastische Tanzelemente! Artistisch ist Helene ein Wunderweib, das hat Fritz Wilhelm hier sehr pointiert notiert. Ihre Akrobatik ist Champions League, ganz großes Kino, Olympia-Gold Level, Nadia-Comăneci-esk.

Und dann sind die zwölf US Tänzer (darunter neun Jungs, zumeist shirtless on stage), die die Produktion rekrutiert hat, wirklich megagut – und supersexy anzusehen. Teilweise war die Show so camp, dass selbst Kylie blass geworden wäre. Es hat mich echt gewundert (und gefreut), dass das sehr bunt gemische Publikum (alle Altersgruppen, alle Schichten, alle Milieus etc.) bei einem Programm, dass so superschwul inszeniert ist, so abgegangen ist.

Nach den neun nackten Männern in den Tanzboxen bemühte sich Helene zu sagen: „Nachher kommt noch was für Männer…“ Well, dear…

Überhaupt hatte die Königin für jeden ein gutes Wort. Sie berichtete über eigene „Selbstzweifel“ und tröstete die anwesenden Mauerblümchen mit den Worten: „Jeder ist schön auf seine Art und Weise.“ Gute Gefühle sind also im happigen Ticketpreis completely included.


Jeder Cent hat sich gelohnt. Es gibt drei Mega-Highlights:
(1) Bei „Immer wieder“ gibts einen „Vogue (Madonna) goes Chicago“ Style Boxenturm – das ist sensationell (siehe auch Aufmacherbild).
(2) Nach der Pause gibt Helene auf einem Catwalk, der sich an die Hallendecke heben und in alle Richtungen manövrieren lässt, einen Gassenhauer nach dem anderen (100 Prozent, Du fängst mich auf, Von hier bis unendlich, Die Hölle morgen früh). So kommt JÜBLOF während des Medleys jedem im Publikum einmal recht nahe.
Und (3) das dynamischste und kraftvollste an Styling, Lichtkonzept, Songinterpreation und Artistik/Tanzeinlagen, was ich jemals bei einem A-List-Konzert gesehen habe, ist „Achterbahn“, seht selbst:

YouTube Preview Image

Wir haben uns viel umgehört, alle, die wir sprachen, waren hin und weg. Gut, das ist jetzt keine große Überraschung (die DFB-Pokalfinalzuschauer waren vermutlich nicht da), aber es ist unverändert faszinierend, wie es Frau Fischer gelingt, in allen Zielgruppen maximalen Impact zu erzielen.


Apropos Publikumsumfrage, unser Couple Of The Nite waren Anne und Magnus, die im gleichen Block in unserer Nähe ebenfalls sichtbar begeistert von Helene waren. Und wir gratulieren Anne nochmal herzlich zum Geburtstag, sie wurde am Tag des Königinnen-Geburtags Lucky 22 und die Karte gab’s deshalb von Magnus. Also, Anne, alles Gute zum neuen Lebensjahr (und zum BF auch)!


Es war ganz groß und ich bin jetzt wieder superfroh, dass es noch 18 Begegnungen mit der Musik von Helene in den nächsten elf Monaten gibt. Nächste Woche in HH geht’s weiter. Gut, dass ich so viele Tickets geordnet habe (bzw. mich so supernette und freundliche Menschen eingeladen haben, denn Einladungen sind auch darunter).

Um den bislang überschaubaren Newswert dieser Reportage dramatisch zu steigern, gibt es hier noch die Tracklist der Hallentour. Es gab diesmal keine Cover, das Konzertkonzept ist auch diesbezüglich deutlich entstaubt worden. Und viele ältere Titel wie „Immer wieder“ oder „Phänomen“ waren exzellent modern neu inszeniert, überhaupt ist das Intro mit zwei neuen Titeln und einem gesandwichten Evergreen das stärkste, was Helene jemals hatte:

NUR MIT DIR
PHÄNOMEN (mitreißend neu arrangiert)
DAS VOLLE PROGRAMM
SCHMETTERLING
WEIL LIEBE NIE ZERBRICHT
MIT KEINEM ANDEREN
IMMER WIEDER DIESES FIEBER SPÜR’N
IST DOCH SOWIESO SCHON KLAR
DIE SCHÖNSTE REISE
ICH WOLLTE MICH NIE MEHR VERLIEBEN
VIVA LA VIDA
WENN DU LACHST (wird vermurkst von Jedward-Style-Wasserfontänen-Petticoat)

Pause (etwa 20 Min)

Medley:
HUNDERT PROZENT
DU FÄNGST MICH AUF UND LÄSST MICH FLIEGEN
VON HIER BIS UNENDLICH
DIE HÖLLE MORGEN FRÜH

LIEB MICH DANN
DU HAST MICH STARK GEMACHT
KEIN WEG ZU WEIT
HERZBEBEN (inszeniert a la All The Lovers von Kylie)
DEIN BLICK
DIE SONNE STEHT SO HOCH WIE NIE
WIR ZWEI
FEHLERFREI
ACHTERBAHN (Eins Plus, fantastisch)
WIR BRECHEN DAS SCHWEIGEN
SO LOSGELÖST FREI FREI FREI / MIT DEM WIND
DAS IST UNSER TAG, DER PERFEKTE TAG

Zugabe:
ATEMLOS

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7 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Matty

    13.09.2017 | 19:58

    Ich sage nur „Woooooow““

  2. Ansgar

    14.09.2017 | 00:39

    Schöne Reportage! Auf diesen Bericht hab ich schon gewartet :) Aber Nadia Comăneci, AmEx, A-List und BF musste ich erstmal googlen. Shame on me (um im Sprech zu bleiben). ;)

  3. Matty

    14.09.2017 | 23:42

    @Ansgar

    AmEx = American Express (Kreditkartendienstleister)

  4. Harald H.

    15.09.2017 | 13:45

    Zu welchem Titel gehört denn das Titelbild?

  5. Patsch

    15.09.2017 | 14:11

    @Harald
    Das war „Ich will immer wieder dieses Fieber spüren“

    Ich war am Mittwoch auch live dabei und kann nur sagen, dass man es kaum besser machen konnte. Helene hat sich von ganz vielen Seiten (und in ganz vielen Kleidungsstilen) gezeigt. Alles war perfekt, vor allem der Klang in der Halle. Und ich bin ja ganz neidisch auf Peter. Ich MUSS mir auch noch eine Konzertkarte kaufen. Das muss ich noch mal sehen :D Einfach überragend. Jeder, der am Abend nicht „helenisiert“ war, hat geschlafen oder war auf dem Klo.

  6. Mariposa

    18.09.2017 | 13:10

    Bitte verschont mich mit dieser Nervensäge……

  7. Branko

    22.09.2017 | 14:20

    Zitat „Es hat mich echt gewundert (und gefreut), dass das sehr bunt gemische Publikum (alle Altersgruppen, alle Schichten, alle Milieus etc.) bei einem Programm, dass so superschwul inszeniert ist, so abgegangen ist.“

    Was war denn daran bitte superschwul inszeniert? Da habt ihr wohl ein anderes Konzert gesehen als wir hier… hahaha

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