Direkt nach dem Eurovision Song Contest, wenn all die über Monate aufgebaute Vorfreude und Spannung plötzlich verpufft, fällt der ESC-Fan gewöhnlich in ein tiefes Loch. Die Prinz-Blogger Douze Points und OLiver versuchten in diesem Jahr der Post-ESC-Depression zu entgehen, indem sie einfach noch etwas länger in der Region blieben. Allerdings nicht in Baku, sondern auf einem rund 1.000 Kilometer langen Trip quer durch den Kaukasus. Teil 1 beschreibt den Weg von der aserbaidschanischen Hauptstadt bis in die Provinz nach Helenendorf (Göygöl).
Das Taxi stoppt, die Straße ist wegen einer Baustelle gesperrt. Hektisch zerren wir das Gepäck aus dem Kofferraum und laufen über allerlei Hindernisse wie Gräben und aufgeschichtetes Geröll über die Kreuzung. Wir haben noch 10 Minuten bis der Zug fährt. Zum Glück haben Douzey und ich Tural dabei, einen freundlichen Azeri, der uns (aus unerfindlichen Gründen mit einer portugiesischen Fan-Akkreditierung ausgestattet) während der Probenwochen immer wieder über den Weg lief und uns nun bei der Abreise aus Baku behilflich ist.
Die Blog-Kollegen Peter und Fotograf Volli sind bereits am Mittag zum Flughafen gefahren, Jan und DJ Ohrmeister werden erst am Montag unsere Blogger-WG auflösen und Baku per Flieger verlassen. Nur wir haben noch andere Pläne, eine kleine Kaukasus-Rundreise, nur recht rudimentär geplant. Doch nun droht uns schon der Start zu misslingen. Ich fluche über meinen 30-Kilo-Koffer – rund 10 Kilo an ESC-Material kamen erst in Baku hinzu, hätte ich doch vorher die Pressemappen ausgemistet, wer braucht schon ein Zeljko-Joksimovic-T-Shirt in Größe S? - und stolpere Tural und Douzey hinterher. Der Bahnhof, an dem wir am Vortag in einer Art Staatsakt mit Pass und der Mithilfe einer freundlichen englischsprachigen Zusatz-Servicekraft unsere Schlafwagentickets (je 21 Manat= 21 Euro) erstanden haben, kommt in Sicht.
Noch 5 Minuten. Wir hetzen außenherum gleich in Richtung der Gleise und erreichen den Zug. Der Schaffner weist uns den richtigen Waggon zu, wir verabschieden uns hektisch von Tural und verstauen unser Gepäck im Abteil. Geschafft! Aber moment mal, sieht ja aus wie ein 60er-Jahre-Liegewagen-Abteil, das Licht geht nicht und es sind vier Pritschen zu sehen. Das soll 1. Klasse sein? Und hatten wir nicht ein Zweierabteil? Hmmm, Douzey geht nochmal vor die Tür, Tural ist noch da und wir bitten den Schaffner, sich nochmal unsere Tickets anzuschauen. Offenbar hat er nur auf die Reservierung geblickt und nicht auf das Ziel. „Thats the wrong train, it goes to Qazax. The train to Tiflis is over there“ übersetzt Tural und deutet zwei Gleise weiter.
Panisch schleppen wir alles wieder auf den Bahnsteig und erreichen den Nachtzug nach Georgien buchstäblich in letzter Minute. Kaum sind wir drin, fährt der Zug pünktlich an. Diesmal geht das Licht, die Fenster lassen sich nicht öffnen, aber die Innenausstattung ist etwas freundlicher (70er statt 60er mit opulenten Vorhängen), wenn auch nicht geräumiger. Wir haben eine weibliche Bahnfachkraft, die sogleich die Tickets und die Pässe kontrolliert (ohne Pass kann man kein Ticket der aserbaidschanischen Staatsbahnen erwerben). Wollen wir Tee? Nein, ich möchte meinen Puls erst mal wieder in normale Bereiche bringen und liege völlig erschöpft auf den Polstern, während Douzey das Paket mit frischer Bettwäsche inspiziert und sich wohlwollend über Farb- und Motivauswahl äußert.
Vor 24 Stunden waren wir auf dem Weg in die Crystal Hall zum Finale des Eurovision Song Contests, jetzt ist der Contest vorbei und wir sind etwas ernüchtert. Wir nehmen ein frugales Abendmahl zu uns, das hauptsächlich aus Brotresten besteht, die wir aus einem Brotkorb einer überteuerten Karawanserei aus der Altstadt Bakus haben mitgehen lassen. Dort hatten wir ein portionsmäßig überschaubares Abschiedsessen, wurden beinahe um 10 Manat betrogen („Damit muss man in solchen Lokalen immer rechnen“, sagte Tural) und trafen zur Freude unserer Blogkollegen Pernilla Karlsson (mehrgängiges Festmahl mit der gesamten Delegation) und Lys Assia (nur Tee mit ihrer Begleitperson/Pflegerin).
Nach einer Stunde ist das Brot vertilgt und ich bemerke beim Blick auf die Karte in meinem Handy (ich liebe GPS), dass wir immer noch im Raum Baku sind. Kein Wunder, bei dem Tempo. Der Zug fährt mittlerweile mit etwa 20 Stundenkilometer. Sportliche Esel sind schneller. „Wir kommen morgen um halb 7 in Ganja an und das sind nur 375 Kilometer“, rechnet Douzey vor und mir fällt ein, das ich die Gleise der Linie nach Georgien ja bereits gesehen habe, bei einem Ausflug zu den Schlammvulkanen eine Stunde südlich von Baku und mich gewundert habe, wie bei diesem Zustand überhaupt noch etwas in der Spur bleiben kann.
Der Morgen graut. Ich linse aus dem trüben Fenster und sehe eine Prärielandschaft vorbeiziehen. Wir zockeln immer noch in der Geschwindigkeitsstufe „flotter Paarhufer“. Douzey ist heute morgen genauso zerknautscht wie seine Bettwäsche und hat schlecht geschlafen, wegen der stickigen Luft und weil der Zug immer wieder auf offener Strecke gehalten hat.
Wir haben offensichtlich Verspätung. Es geht schon auf 7 zu und die zweitgrößte Stadt Aserbaidschans ist noch nicht in Sicht. Wir leeren unsere letzten Getränkevorräte und beschließen uns, im vorgebuchten Hotel erst mal hinzulegen.
Aber erst mal hinkommen. Als wir um 8 endlich in Ganja ankommen, sind wir im Nu von Taxifahrern umringt, etwa 20 Taxis warten am Straßenrand. Dann wirds lustig. Der Fahrer hat offensichtlich noch nie von unserem (alternativen) Hotel gehört und will uns zum Ramada Hotel fahren. Hektisches Rumgewühle in unseren Unterlagen, bis uns einfällt, dass wir das Hotel online gebucht haben und gar keinen Ausdruck haben. Wo ist die Adresse?
Derweil brausen wir eine verlassene Ausfallstraße Richtung Zentrum entlang. Douzey hat nun endlich den Hotelnamen (“Hotel My Way – ich wusste doch, es war etwas mit Frank Sinatra”) und die Straße eruiert und versucht dem Taxifahrer klar zu machen, wo wir hin müssen, während ich fasziniert den Hauptplatz von Ganja mit einem riesigen Porträt der Alijews (Vater und Sohn) am Rathaus registriere.
Wenige Momente später hält das Taxi in einer staubigen Nebenstraße und wir betreten das Hotel My Way. Ein junger Hotelangestellter weist uns sofort ein angenehmes Zimmer im Erdgeschoss zu. Wir scheinen die einzigen Gäste zu sein (im Internet gab es auch nur zwei Hotels in dieser mit 310.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Aserbaidschans). Reichlich geschafft ruhen wir uns etwas auf den gar nicht so weichen Betten aus.
Aber nicht allzulange, denn schließlich sind wir hier, um noch etwas Aserbaidschan jenseits von den Glitzertürmen Bakus zu erfahren. Und für den Rest des Tages hatten wir uns vorgenommen, auf den Spuren der deutschen Siedler zu wandeln. Unser Ziel: Das ehemalige Helenendorf, ca. 15 Kilometer südlich von Ganja. Dank der Erklärung des hilfsbereiten Hotelboys haben wir den Abfahrtsplatz der Busse und Sammeltaxis schnell gefunden.
Dann gehts los: Zunächst erkundigt sich Douzey – wie praktisch, als Ossi verfügt er über rudimentäre Russischkenntnisse – am Schalter, wann und wo das Sammeltaxi am nächsten Tag nach Tiflis abfährt. Wir kapieren, hier und um 9 Uhr morgens. Und das Sammeltaxi nach Göygöl – so heißt Helenendorf (später Xanlar) nämlich heute – steht auch schon bereit. 20 Minuten später sind wir in dem Ort, der 1819 von deutschen Siedlern gegründet wurde und heute 19.000 Einwohner hat.
Wir wandeln durch die Gässchen, die praktisch überall großflächig aufgerissen sind. Bauarbeiten am Montagmittag? An der Kirche werden wir von einigen älteren Herren umringt. Ich bin skeptisch und schrecke zurück – mir steckt noch unser unfreiwilliger Ausflug in den Polizeigewahrsam in Sumgait in den Knochen, der ebenfalls damit begann, dass wir als auffällige Ausländer umringt wurden. Aber hier ist die Situation anders, die Kirche (heute ein Museum) ist geschlossen und die freundlichen Opis wollen uns etwas mitteilen. Einer malt 1850 in den Straßenstaub. Die Öffnungszeiten? Nein, wohl eher das Datum der Erbauung.
Wir schlendern weiter, besichtigen das Haus des letzten deutschstämmigen Einwohners (er ist erst vor ein paar Jahren gestorben) von außen und entdecken einige sauber geputzte Schilder mit deutschen Inschriften an den Häusern, überall kleine Spuren, dass hier mal ein deutsches Dorf war.
Dazu passt ein offenbar ausgemusterter deutscher Lieferwagen, der mitten auf der Hauptstraße parkt:
Dem schlag(er)fertigen Leser müssen wir an dieser Stelle die Illusion nehmen, dass Helenendorf etwas mit Helene Fischer, Deutschlands derzeit größtem Schlagerstar, zu tun hat. “Hätte doch sein können, dass man einen Ort nach ihr benennt, schließlich kommt sie aus dem tiefen Osten. Ein Helenen-Denkmal wäre da durchaus angemessen”, meint Douzey. Aber La Fischer stammt bekanntermaßen nicht aus dem Kaukasus, sondern aus Sibirien (das Denkmal müsste folglich in Krasnojarsk stehen) und ist auch noch keine 100 Jahre alt. Die deutschen Siedler wurden nämlich schon 1941 unter Stalin vertrieben. Danach wurden Armenier angesiedelt. Deren Spuren sind naturgemäß nicht mehr zu sehen.
Sonstige Touristen gibt es nicht, wir durchqueren das Dörfchen und erreichen die Ausfallstraße zum Friedhof. Hier könnte es weitere deutsche Spuren geben.
Und tatsächlich finden wir im alten (abgesperrten und aufgegebenen) Teil des spektakulär auf einem Hügel mit toller Aussicht gelegenen Friedhofs einige übriggebliebene Grabsteine mit deutscher Inschrift und sogar doch noch einen armenischen (!) Khachkar.
Auf dem Rückweg begegnet uns eine Herde wollener Paarhufer, die zwanglos auf dem Friedhofsgelände herumstromert.
Zurück am Sammeltaxi-Platz entdeckt Douzey eine Art Backstube und unser Hunger meldet sich. Wir kaufen für 1 Manat ein frisches, noch dampfendes Brot und werden freundlich eingeladen, uns die Backstube samt Backkräften anzuschauen. Toll!
Dann hätte es eigentlich noch zum weitere 15 km südlich gelegenen Göygöl-See gehen sollen – einen der landschaftlich schönsten Orte Aserbaidschans. Doch die Taxifahrer (die uns wieder mal umringen) schütteln energisch den Kopf und kreuzen die Arme. Verboten! Warum, etwa weil die Waffenstillstandslinie zum aus aserbaidschanischer Sicht von Armeniern besetzen Karabach nur wenige Kilometer südlich liegt? Nein, kann nicht sein, denn diese Linie verläuft auf mehr als 3.000 Meter Höhe im Gebirge, das von hier aus bereits gut zu sehen ist.
Der Grund ist ein anderer: “President” sagt der Taxifahrer und mir fällt wieder ein, dass wir in Baku schon gehört haben, dass der komplette See jemand aus dem Umfeld der Präsidentenfamilie gehört. Offenbar sind Besucher unerwünscht und so kann man nur noch in den nächsten Ort, Caykend, fahren. Dann ist die Straße gesperrt. “Ein hübscher Kurort, mittlerweile allerdings voll mit Flüchtlingen aus Karabakh”, lese ich im Guide über Caykend.
Hmmm, es ist schon 14 Uhr. Wir haben von der Präsidentensippe (der man bildlich auch im verträumten Göygöl nicht entgeht) die Nase voll und wollen ja noch etwas von Ganja sehen und nehmen das Taxi zurück. Leider erwischen wir einen selbsternannten Formel-1-Möchtegern-Piloten, der die Ortsausfahrt derart rasant nimmt, dass wir um ein Haar in eine die Straße querende Rinderherde rasen. Vollbremsung! Mehrere Kühe stürzen vor Schreck und ich lande mit der Nase im Vordersitz. Natürlich gibt es keine Sicherheitsgurte auf der Rückbank. Tief durchatmen, die Rinder (übrigens auch Paarhufer) rappeln sich wieder auf und weiter gehts. Der vorn sitzende Douzey schaut sich mit einem War-was?-Blick um und kaut ungerührt auf dem immer noch warmen Brot herum.
Im zweiten Teil: Viele Flaschen in Ganja und der Grenzübertritt nach Georgien.











































25.07.2012 | 17:12
Sehr schön geschrieben, das ganze. Endlich wieder ein paar Artikel in der Sommerpause, und noch dazu einer zum oft verhassten Aserbaidschan. Sehr wichtig ist auch, dass ein Land nicht nur aus der Hauptstadt besteht, ich sage nur MALMÖ. Eine Frage noch an die Blogger: Könntet ihr, wie viele englische Seiten, vielleicht auch mal einen Rückblick zu diversen Jahrgängen machen?
26.07.2012 | 00:59
Danke für die Berichte, lese ich sehr gerne.
09.12.2012 | 19:44
Helenendorf
Hallo OLiver,
habe grad erfahren, dass mein Opa auf dem Kriegsgräberfriedhof in Helenendorf begraben ist. Weisst Du, ob die Gräber dort mit namen beschriftet sind?
Danke für eine antwort!
Gruß aus Detmold
Thomas
09.12.2012 | 20:32
Hallo Thomas, es sieht so aus, als wäre der Friedhof seit mehr als 30 Jahren abgesperrt. Wir konnten nur vom Zaun aus ein paar Bilder machen. Allerdings kann man wohl auch rüberklettern, der Ort ist sehr verlassen. Es stehen nur noch vereinzelt Grabsteine und die Inschriften sind zwar noch vorhanden, aber schon reichlich verwittert.