Zwei Tage nach dem Finale in den Straßen von Ganja, Aserbaidschan: eine Telefonkarte von Azercell, einem der Sponsoren des Eurovision Song Contests. Gefunden von den Prinz-Bloggern Douze Points und OLiver. Im zweiten Teil führt ihre nach dem ESC durchgeführte Kaukasus-Entdeckungsreise von Ganja bis nach Georgien.
Nach unserem Ausflug nach Göygöl auf den Spuren deutscher Siedler (zu Teil 1 des Reisereports) streifen wir am Montagnachmittag durch Ganja.
Wir überqueren eine Brücke über ein träges, nicht besonders sauberes Flüßchen, bemerken die unvermeidliche riesige Landesfahne (wenn auch nicht so riesig wie am Flaggenplatz in Baku) und erreichen schließlich den Hauptplatz der zweitgrößten aserbaidschanischen Stadt. Dort steht das mit riesigen Konterfeis der Aliyews geschmücke Rathaus, wir erkennen zudem eine Riesenleinwand – offenbar fand hier am Samstag ein Public Viewing des ESC-Finals statt. Das Aliyew-Museum zu Ehren des früheren und Vaters des derzeitigen Präsidenten ist leider geschlossen.
Douzey macht ein paar Vorne-hui-hinten-pfui-Fotos von pittoresken Fassaden und ihren traurigen Hinterhöfen (der Unterschied fällt indes nicht so krass aus wie in Baku). Ganja macht den Eindruck eines Provinzstädtchens, in dem alles geruhsam seinen Gang geht. Mein Reiseführer lotst uns zu einer der Hauptattraktionen der Stadt: dem Flaschenhaus. Ein pfiffiger Einwohner hat hier 50.000 Glasflaschen in seinem Haus verbaut.
Unterm Dach ist ein Portrait des Bruders des Hausherren aufgemalt, der nicht mehr aus dem Karabachkrieg heimkehrte. Von dem in unserem (zugegebenermaßen schon 4 Jahre alten) Guide erwähnten Verkauf von Süßigkeiten (zur Unterstützung der Instandhaltung) ist jedoch nichts zu sehen. Das Haus ist beeindruckend und ich überlege, wie oft ich mir den Gang zum Flaschencontainer ersparen könnte, bis 50.000 Flaschen zusammen wären. Ich komme auf 320 Jahre (ich bin mehr der Plastikflaschentyp).
Wir schlendern weiter durch die Stadt, in der Fußgängerzone gibt es ein paar Bronze-Skulpturen und im Schaufenster einer Boutique wird der aktuelle Modetrend der Frau von Ganja präsentiert, der verdächtig an die 80er Jahre erinnert.
Wir erreichen den (natürlich) nach Heydar Aliyew benannten Stadtpark, der voller Menschen ist. Über die Kombination dreier Verkehrsschilder am Parkeingang muss ich etwas nachdenken. Heißt das, Vorsicht vor rasenden Eichhörnchen? Oder ist der Gehweg für Eichhörnchen gesperrt? Oder werden die Straße querende Fußgänger bisweilen von den buschigen Nagern angefallen?
Plötzlich winkt uns aus einer Openair-Teestube jemand zu. Es ist der Hotelboy, der uns freundlich einlädt, sich zu ihm und seinem Freund zu setzen. Wir werden zum Minz-Tee eingeladen und unterhalten uns. Sein Englisch ist gar nicht schlecht, der leicht zottelige Freund hingegen versteht nichts.
Der Hotelboy ist gerade mal Anfang 20, stammt aus einem abgelegenen Dorf im Norden und studiert an der örtlichen Hochschule Agrarwissenschaften. Mit dem Hoteljob finanziert er sich das Studium. Douzey nutzt diese Chance, mehr über das Leben der örtlichen Jugend zu erfahren und fragt investigativ nach dem Studentenwohnheim, der Höhe der Miete, den Lebenshaltungskosten und den späteren Jobchancen. Ich interessiere mich hingegen mehr dafür, was ein junger Kerl denn so abends und am Wochenende in Ganja macht. „Wir sitzen im Park und trinken Tee“ ist die lapidare Antwort. Gibt es denn keine Diskothek? Nein, die sei geschlossen worden. Und Mädchen würde man hier auch nicht treffen können. Undenkbar, die wenigen jungen Frauen sind alle in Begleitung. Ich schaue mich um, in der Teestube sitzen ausschließlich Männer in Gruppen zusammen, spielen Backgammon und klönen.
Douzey verzichtet klugerweise darauf, das Thema Gelegenheitshomosexualität anzusprechen und führt stattdessen seine sozialwissenschaftliche Befragung weiter. Er ist nicht beeindruckt von den Anfangsgehältern beim Staat. Ich habe den Eindruck, die beiden Jungs freuen sich über etwas Abwechslung, auch wenn wir altersmäßig ihre Onkel sein könnten. Wir bedanken uns und ziehen weiter durch den Park, in dem diverse Kunstgegenstände zweifelhafter Provenienz ausgestellt sind. „Sieht aus wie der bosnische Beitrag“, deute ich auf eine Art Heckenskulptur einer Frau am Klavier. Für manche wirkte “Korake ti znam” ja auch irgendwie bemoost-verwittert.
Douzey will jetzt zur Post, um ein paar Karten aufzugeben, schließlich ist das unser letzter Tag in Az. Er spricht auf dem Hauptplatz einen Polizisten an, der noch zwei hilfsbereite Kollegen herbeiruft. Zu dritt einigen sie sich auf eine Richtung, mittlerweile habe ich das Postsymbol auch in unserem Stadtplan entdeckt. Danach tun wir uns schwer, ein Restaurant zu finden, die Grillstube am Fluss entpuppt sich ebenfalls als Teestube ohne Essen. Dafür entdecken wir einen vernachlässigten Bau, den wir für eine alte armenische Kirche halten. Schließlich landen wir in einem Schnellimbiss in der Fußgängerzone (ganz links im Bild unten) und mampfen einen Döner.
Danach überfällt uns eine lähmende Müdigkeit und wir kehren ins My-Way-Hotel zurück (das Nachtleben Ganjas darf man wohl guten Gewissens auslassen). Zuvor statten wir dem gegenüberliegenden Tante-Emma-Laden noch einen Besuch ab und kaufen bei der humorvollen Besitzerin mit den vielen Goldzähnen Schokolade und Kekse. Und Douze greift hocherfreut zu aserbaidschanischem Bier zweier Marken, die es in Baku nicht zu kaufen gab.
Wir sind tiefenentspannt. Während Douzey Bier verkostend, auf dem Bett lümmelnd in unserem Lonely Planet Kaukasus blättert, um schon Ideen für die Unternehmungen der nächsten Tage zu sammeln, relaxe ich bei einer Diskussionssendung des turkmenischen Fernsehen. „Worum geht es denn?“, will Douzey mit Blick auf die Dame mit dem schwarzen Kopftuch wissen und ich schätze kurzerhand: „Um was Kulturelles, Politik wird dort nämlich bestimmt nicht diskutiert. Der Präsident hat alles mögliche verboten – Hunde in der Hauptstadt, Make-Up im Fernsehen, Opernhäuser, lange Haare bei Männern…“ Gegen Turkmenistan, das auf der anderen Seite des Kaspischen Meeres liegt mit seinem bizarren Personenkult um den Präsidenten ist Aserbaidschan geradezu ein demokratisches Paradies. „Gibt es da auch eine Familiendynastie?“, will Douzey wissen. „Irgendwie schon, nach dem Tod des ersten Präsidenten ist aber nicht sein Sohn, sondern sein Zahnarzt zum Nachfolger ernannt worden“, rufe ich aus meinem Speicher für abstruses Wissen ab. “Hört sich an wie eine schlecht geschriebene Soap”, brummt mein Reisegefährte.
Nun ja, zum Glück ist Turkmenistan nicht in der EBU (genausowenig wie Kasachstan, das allerdings zu einem Neuntel in Europa liegt und durchaus Anspruch auf eine Mitgliedschaft hätte), wir werden also kaum in die Verlegenheit kommen, wegen eines ESC nach Ashgabad zu reisen.
Der nächste Morgen, Dienstag, sehr früh, schließlich wollen wir um 8 beim Busbahnhof sein, entdecken wir einen noch schlafenden Hotelboy im Restaurant. Wir sind die einzigen, die um diese Zeit Frühstück wollen (vermutlich auch die einzigen Hotelgäste). Er reibt sich die Augen und fährt dann Teller mit Käse, Wurst und Brot auf. Wir hauen rein, schließlich wissen wir nicht, wie lange die Weiterreise, insbesondere der Grenzübertritt nach Georgien dauern wird.
Ich weigere mich den 30-Kilo-Koffer die rund 1.000 Meter zum Busbahnhof zu schleppen und wir nehmen ein Taxi. Dank Douzeys rudimentärem Russisch sind die Tickets für die Maschrutka (Sammeltaxi) nach Tiflis schnell gekauft und wir haben nun noch reichlich Zeit, uns auf dem am frühen Dienstagmorgen doch schon reichlich überlaufenen Busbahnhof umzuschauen.
Alle halbe Stunde fährt ein Bus nach Baku, kaum ist einer abgefahren, rückt schon der nächste nach. Und zwar recht große vermutlich klimatisierte Busse. Unser Gefährt entpuppt sich indes als unklimatisierter Minibus mit Platz für etwa ein Dutzend Passagiere. Da wir so früh da sind, können wir uns Plätze am Gang aussuchen, was sich empfiehlt – wer über 1,90 Meter ist, hat ansonsten Probleme im öffentlichen Verkehrsmitteln des Kaukasus.
An dieser Stelle eine Übersicht unseres Tourstarts:
Um 9 geht’s los, das Sammeltaxi ist nicht ganz voll, außer uns sind etwa 8 Personen Passagiere, das Gefährt hat ein georgisches Nummernschild und der Fahrer ist offensichtlich auch aus dem Nachbarland. Wir brausen durch die von Bergen schön eingerahmte Landschaft nach Nordwesten. Die Straße ist prima ausgebaut und ich bemerke einen ESC-Delegationsbus mit dem „Light your fire“-Logo. Und dann noch einen. Und noch einen. Wir überholen rund 20 dieser Busse, die alle Richtung georgische Grenze fahren. Was ist hier los? „Klar, die braucht man jetzt nicht mehr und jetzt werden sie ins Ausland verkloppt“, meint Douzey, für den Nahverkehr in Baku sind sie schlließlich ungeeignet. Kommt mir trotzdem komisch vor.
Wir hätten natürlich auch mit dem Zug über die Grenze fahren können, aber davor wurden wir gewarnt. Es soll länger dauern, die Zöllner würden Ausländer extrem aufwändig prüfen und das wollen wir nach 2 Wochen Aserbaidschan nicht riskieren. Schließlich ist Douzey DER renitente DJ, der im Euroclub ein armenisches Lied (Eva Rivas) gespielt hat und daraufhin einen Skandal ausgelöst hat und ich bin polizeilich registriert worden, weil ich mit einem Kollegen vor einer Fabrik in Sumgait einen Strandspaziergang mit gut sichtbarer Kamera unternommen hatte.
Als wir der Grenze näher kommen, spüren wir den Mulm, der sich in Ganja schon beinahe aufgelöst hatte, wieder. Insbesondere als ein uniformierter Beamter beim letzten Toiletten- und Tankstopp vor der Grenze zu uns steigt. Mir bricht der Schweiß aus, werden wir doch noch Probleme bei der Ausreise bekommen? Wir sind weit weg von Baku und der ESC ist bereits Geschichte. Unsere Blogkollegen sind mittlerweile alle sicher zu Hause angekommen. Ich erinnere mich wieder an den norwegischen Komiker, der sich vor der Ausreise ausziehen musste und von den Grenzern „humiliated“ wurde. (Exkurs: Es gibt noch eine andere Geschichte, die eines südafrikanischen OGAE-Fans, der aufgehalten wurde, weil sein Visum falsch ausgestellt und somit bei der Ausreise bereits abgelaufen war. Nach vielem Hin und her mit rund 20 Beamten drohte er entnervt damit, sich vor einen Flughafenbus zu werfen, wenn er das Flugzeug, das die Behörden netterweise warten ließen, nicht besteigen dürfe.
An der Grenze in einem Flusstal sehen wir die berühmte rote Brücke (Krasny most) und müssen zu Fuß mit unserem Gepäck durch die Zollstation. Das Gepäck wird durchleuchtet, der Pass genauestens geprüft. Bei mir funktioniert das Lesegerät nicht, weswegen der Beamte umständlich meine Passnummer von Hand eingibt und ich versuche ruhig zu bleiben und möglichst harmlos auszusehen, was vermutlich erst recht verdächtig wirkt. Doch dann gibt’s einen Stempel und ich darf passieren. Douzey wartet auf mich. Wir müssen rund 100 Meter zu Fuß zwischen den beiden Grenzstationen laufen, ich drehe mich nochmal um und die extrem wuchtige Grenzstation mit diversen Parolen in roten Lettern– der erste Eindruck von AZ, wenn man über Land einreist – kommt mir wie eine abgeschottete Festung vor.
Auf der anderen Seite wartet eine aparte rothaarige Grenzerin, sie lächelt freundlich und drückt mir einen Stempel in den Pass. Ein Visum brauchen wir nicht. Der Eintritt nach Georgien ist kostenlos (AZ verlangt happige 70 Euro). Auch hier wird das Gepäck durchleuchtet, aber niemand scheint das wirklich zu kümmern. „Wir haben es geschafft“, denke ich und mir fällt dann doch ein Stein vom Herzen.
In der Mashrutka bemerke ich die veränderte Landschaft (keine Steppe mehr) und fange spontan an zu singen „Sailing through my story – Sharing my history“. Douzey und einige umsitzende Passagiere starren mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Nun ja, mein letzter Karaoke-Auftritt auf einem Clubtreffen liegt nun schon 18 Jahre zurück… „Na, hier sieht es genau so aus, wie im Preview-Video von ‘Visionary Dream’, des ersten georgischen ESC-Beitrags, siehst Du das denn nicht“, erkläre ich einem verdutzten Douzey. Sanfte satte grüne Hügel. Nur dass statt muskulöser Tänzer muntere Schafe über die Weiden tollen.
Georgien 2007: Sopho – Visionary Dream (Preview)
Im nächsten Teil der Kaukasus-Serie: Am Stadtrand ausgesetzt, in den Trümmern von Tiflis und etwas alte Sowjetkultur.
zu Teil 1 der Serie “Jenseits von Baku”: Bummelzüge, Paarhufer und Helene Fischer











































28.07.2012 | 17:02
Ich liebe diesen “Visionary Dream”, klasse, es nach 3 Tagen Pause (Ich hab die 2007-DVD) endlich wieder zu hören. Auch interessant ist der Grenzübergang. Mensch, gehts uns hier in Deutschland gut…
28.07.2012 | 21:09
Güle Güle Azerbaycan.
Nun sind wir an der Stelle angelangt, in der unsere Prinzen Georgien betreten.
Schon wieder konnte der Leser erfahren, dass man nicht unbeschwert in ein Land wie Aserbaidschan fahren kann. Ich hoffe nicht, dass Turkmenistan tatsächlich auf die Idee kommt, beim ESC mitzumachen. Der Präsident Turkmenistans, Gurbanguly Berdimuhamedow, hat ja mal, wenn ich mich in seinem Wikipedia-Artikel nicht verlesen habe, einen Orden geschaffen, den er sich selbst verliehen hat.
29.07.2012 | 02:35
Ich mag es, im Sommer mental mitzureisen. … Und mich danach in mein Bettchen zu legen…
01.08.2012 | 11:25
Super interessanter Bericht. Krass, was ihr alles da unten erlebt hat. Auf der einen Seite etwas erschreckend, auf der anderen Seite könnt ihr froh sein, dass ihr so viel mitnehmen könnt. Von diesen Extremerfahrungen erzählt man meiner Meinung nach ein ganzes Leben.
Natürlich muss jeder für sich entscheiden, ob so eine Reise etwas für jemanden ist, aber ich weiß aus eigener Erfahung, dass die erlebten Szenen für ein ganzes Leben prägen.
Liebe Grüße
Günni