Georgien

Jenseits von Baku (3): Ausgesetzt, Zungensalat und Sowjetgemälde

Wir haben Aserbaidschan ohne Zwischenfälle hinter uns gelassen und treffen nun mit etwas Hindernissen in Tiflis ein. Teil 3 unseres Nach-Baku-Reisereports beschreibt die Erlebnisse von Douze Points (im Bild beim Verspeisen eines Zungenstücks) und OLiver in der georgischen Hauptstadt.

Es ist nicht weit von der aserbaidschanischen Grenze bis zu unserem Etappenziel Tiflis und tatsächlich haben wir schon nach einer Stunde Fahrt mit der Marshrutka die Außenbezirke der georgischen Hauptstadt erreicht. Dabei sollte es dann allerdings auch bleiben, den plötzlich hält das Sammeltaxi und der Fahrer bedeutet uns unmissverständlich auszusteigen.

Was denn, hier? Wir schauen uns verstört um, sieht aus wie eine Ausfallstraße mit nebenliegender Autobahnauffahrt. „Centar?“ frage ich etwas hilflos und eine der Mitreisenden schaltet sich ein, um uns zu helfen, aber zwecklos, das Sammeltaxi fährt nicht ins Zentrum und schmeißt uns hier zusammen mit einigen wenigen anderen Passagieren raus.

Und nun? Wir haben noch gar kein georgisches Geld und wissen noch nicht mal, wie die Währung überhaupt heißt (Lari). Mein GPS zeigt mir an, dass wir mindestens 12 Kilometer von unserem Hotel in einem der Innenstadtbezirke von Tiflis entfernt sind, im Prinzip müssten wir nur dem Fluss folgen…

Während sich Douzey nach einem Taxi umsieht, laufe ich beherzt über die sechsspurige Straße, gegenüber liegenden einige Läden. Dort habe ich etwas ausgemacht, was wie ein Geldautomat aussieht. Denkste, es handelt sich eher um eine Art elektronisches Bezahlsystem für die Stromrechnung und Parkgebühren. Ziemlich fortschrittlich, hilft uns aber nicht weiter. Dann sehe ich, dass Douzey vor einem Taxi steht und renne, einem Lastwagen ausweichend, zurück auf die andere Straßenseite.

Ich traue meinen Ohren nicht, Douzey ist in eine innige Konversation mit einem der Marshrutka-Passagiere vertieft – auf Schwedisch. „Das ist ein Azeri, der mal in Schweden gearbeitet hat und er denkt, ich bin Schwede“. Wie praktisch. Der Azeri versucht dem Taxifahrer nun auf Russisch klar zu machen, wo wir hinwollen und übersetzt dies dann auf Schwedisch für Douze, der mir wiederum auf Deutsch erklärt, wo der Haken ist: Der Taxifahrer hat noch nie von unserem Hotel gehört und will auch nicht auf eine Karte schauen. Am Ende nimmt der freundliche schwedophile Azeri das Taxi und wir stehen immer noch am Rand der Straße.

Und haben immer noch kein Geld, ich laufe also nochmal über die sechsspurige Magistrale und erkundige mich mit Händen und Füßen nach einem „ATM“. Jaja, meint das Mädchen im Laden, hier wäre einer, schlappe zwei Kilometer weiter STADTAUSWÄRTS. Das darf doch nicht wahr sein, ernüchtert blicke ich die Straße entlang. Wird es Nacht werden, bis wir ankommen?

Da gestikuliert Douzey erneut von der anderen Straßenseite, ich erwarte schon, dass er jetzt spontan Loreens Choreographie zu „Euphoria“ nachtanzt, aber er hat tatsächlich ein weiteres Taxi angehalten. Und diesmal klappt es: Der Fahrer versteht zwar kein Wort, aber er hat einen etwa 12-jährigen Sohn dabei, der für uns übersetzt. 20 Minuten später erreichen wir das Stadtzentrum und haben einen ersten grandiosen Blick auf das pittoresk in einem Flusstal gelegene Tiflis. Dann biegen wir über einen trägen, braunen Strom ab und erreichen Aglabari, das Viertel, in dem unser Hotel „ Amrazi Palace“ liegt.

Der Palast entpuppt sich als ein umgebautes Wohnhaus, umgeben von Gebäuden, die den Eindruck machen, kurz vor dem Einsturz zu stehen. Wir werden nett begrüßt von einer Hotelangestellten (offensichtlich der Tochter des Hauses), die uns am gestrigen Tag versucht hatte zu erreichen, weil sie wissen wollte wann wir ankommen (Na jetzt) und ob wir eines oder zwei Betten haben wollen (zwei).

Nach einer kleinen Ruhepause sind wir am frühen Nachmittag bereit für die Ersterkundung unserer Umgebung. Als wir jedoch aus dem Hotel treten wollen, bietet sich uns dieses Bild.

Apokalyptische Sturmfluten überspülen das Viertel, wir bummeln daher noch etwas im Aufenthaltsraum und sprechen über mögliche Ausflüge der nächsten Tage. Als es dann etwas besser wird, spazieren wir durch die nasse Stadt und sind auf Anhieb ziemlich begeistert.

Zwar sehen auch hier viele Gebäude so aus, als würden sie gleich zusammenbrechen und einige sehr bunte, hässliche Neubauten (zum Beispiel eine Spielhalle in bester Lage am Fluss) beleidigen das Auge, aber insgesamt ist der „malerische“ Charme unverkennbar.

Bemerkenswert auch die vielen Kontraste, zum Beispiel Stretchlimousine nebst Geröll:

Wir streifen durch die Altstadt, deren Straßen (wie in Göygol) großflächig aufgerissen sind, entdecken eine halb verfallene armenische Kirche und landen schließlich im „Cafe Kaka“, um mittels Wifi Mails auf dem Handy zu lesen und etwas zu Essen.

Beim Blick auf die Karte sehe ich allerdings erst mal nur zu lang gekochte Buchstabennudeln – so sieht das ungewohnte georgische Alphabet auf den ersten Blick aus.

„Umblättern, da stehts auch auf Englisch“, deutet Douzey auf die nächste Seite der Karte, um sich dann flugs in die Sektion mit georgischen Spezialitäten („Oh lecker, Innereien!“) zu vertiefen. Ich denke an unseren Liveblog des georgischen Finales und die darauffolgende Suche im Internet nach Pansen-Drinks, mit denen man in Georgien offensichtlich Katerstimmung vertreiben soll (in einer solchen waren wir nämlich nach Genuss der georgischen VE-Titel). Pansen gibt’s aber nicht auf der Karte, ich entscheide mich für einen landestypischen Tomaten-Hühnchen-Topf und Douzey freut sich auf einen leckeren Zungen-Salat.

Wir entdecken eine Tageszeitung, in der der amtierende Präsident Saakashwili auf heftigste angegriffen wird und staunen (sowas wäre in Aserbaidschan undenkbar). Letztlich ist dies aber auch eine Art von Propaganda: es stellt sich heraus, die Zeitung gehört einem oppositionellen Milliardär, der selbst Präsident werden möchte.

Wir streifen durch die Metropole, breite Boulevards, viel Sowjet-Architektur und eine – man kann es gar nicht oft genug betonen – wirklich wunderschöne Lage. Dann fängt es wieder an zu tröpfeln und wir betreten kurzerhand das nächste pompöse Gebäude – ein Museum. Warum nicht, etwas Kultur abseits von Anri Jokhadze kann ja nicht schaden.

Es ist 5 Uhr, die Gemäldegalerie hat noch eine Stunde geöffnet und wir sind die einzigen Besucher. Der Eintritt kostet nur ein paar Lari und hinter der Kasse begrüßt uns Helena Bonham Carter, beziehungswiese ein Wesen, dass genauso aussieht wie Helena in den 80ern bis hin zu den toupierten Haren und einer Schleife im Haar („Soll wohl künstlerisch wirken“, raunt mir Douzey zu). Wir geben unsere Rucksäcke ab und streifen durch die Galerie, die ausschließlich Werke einer einzigen (sowjetischen) Stilgattung aus einer Periode von 1910 bis 1950 umfasst.

Nun muss ich gestehen, ich gehe gerne in Museen, wenn sie einen historischen, städtebaulichen oder kartographischen Hintergrund haben. Reine Gemäldegalerien lassen mich jedoch rasch in eine Art katatonische Starre verfallen. Anders als Douzey, der sich für jedes Bild Zeit nimmt, husche ich daher recht schnell durch die Sammlung. Wir werden in respektablen Abstand verfolgt von Helena und ihrem Kollegen (einem dunkelhaarigen flirtenden Beau, der sie immer wieder zu mädchenhaftem Kichern verleitet). Nach einer Viertelstunde entdecke ich dann doch noch ein Bild, dessen klare Linienführung und plakative Symbolik mir gut gefällt:

„Dir ist schon klar, dass Du auf den Behälter für den Feuerlöscher starrst“, reißt mich Douzey unsanft aus meiner künstlerischen Andacht. Grummelnd flüchte ich ins Obergeschoss, wo ich dann doch noch etwas für meinen Geschmack entdecke – eine Fotowand, auf den Hunderten von Fotos begrüßt ein dicklicher Mann (Minister, Museumsdirektor, Künstler?) zahlreiche internationale Stars – da sind Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Jane Fonda – alle mit 60er-Jahre-Frisuren, die bei einem Besuch der Sowjetunion alle auch hier, in diesem Museum landeten.

„Das ist der Museumsgründer“, weiß Douzey, der sich anhand der herumliegenden Kataloge schlau gemacht hat. Soso. Wir verabschieden uns von Helena Bonham Carter, der Regen hat aufgehört und wir schlendern noch weiter durch die Stadt, die nicht an arm an schönen Plätzen ebenso wie heruntergekommenen (gut: malerischen) Ecken ist.

Einen TV-Turm gibt es auch, allerdings ist die Seilbahn, mit der man in den 90ern noch auf den Berg fahren konnte, nach einem dramatischen Unglück mit japanischen Touristen gesperrt worden. Später lese ich im Guide, dass es rund ein Dutzend Seil- und Zahnradbahnen im Stadtgebiet gibt und viele aufgrund mehr oder weniger dramatischer Unglücke derzeit außer Betrieb sind.

Zurück in unser malerisches Viertel nehmen wir die (äußerst moderne) Metro, noch ein paar Einkäufe im Supermarkt (Cola, Bier, Kekse) und dann ab in die Heia. Das Ausflugsprogramm für unsere beiden georgischen Tage steht auch schon fest. Am Mittwoch wollen wir per Sammeltaxi nach Mrskheta (der Vatikan Georgiens mit einer schönen Kathedrale), am Donnerstag machen wir einen von unserem Hotel organisierten Ausflug mit Fahrer nach David Gareja (Höhlenklöster) und in die “Toskana Georgiens” (schöne Landschaft, Weingegend).

Zu den anderen Teilen von “Jenseits von Baku”:
zu Teil 1: Bummelzüge, Paarhufer und Helene Fischer
zu Teil 2: Ein Haus aus Flaschen und ein banger Grenzübertritt

Im nächsten Teil: Mit Obst beworfen am Weltkulturerbe, ein Loreen-Moment und Schwitzen in der Schwefelquelle.

ESC-News, Rückblick: 2012 Baku, SERIEN

8 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Mirjam

    01.08.2012 | 12:27

    Aller guten Dinge sind drei: vielen Dank.

  2. deutscheland

    01.08.2012 | 19:23

    Innereien, Pansen-Brühe…
    War die georgische Küche nicht die beste in der ganzen UdSSR gewesen?

  3. OLiver

    01.08.2012 | 19:59

    Beste Küche? Kann durchaus sein, mein Tomatenhuhn war SEHR lecker und Douzey ist der Zungensalat auch auf der Zunge zergangen… im nächsten Teil gibts auch noch was zu Essen ;-)

  4. Patrick

    02.08.2012 | 09:48

    Etwa die Leiche in der Metro?

  5. Aufrechtgehn

    03.08.2012 | 11:26

    Wo bleibt Teil 4? Ihr könnt uns doch nicht erst mit diesen fabelhaften, unterhaltsamen, hochinteressanten und reich bebilderten Reiseberichten anfixen und dann eine mehrtägige Pause einlegen. Wir wollen wissen, wie’s weitergeht. JETZT! Bitte bitte!

  6. OLiver

    06.08.2012 | 14:00

    @Aufrechtgehn: Vielen Dank, Teil 4 ist JETZT online… wir wollen die Reiseberichte nicht zu schnell heraushauen, dauert auch immer etwas, bis aus den Tausenden Fotos die richtigen ausgewählt sind… aber keine Sorge, es kommen noch vier bis sechs Teile: Armenien und Karabach stehen auch noch auf dem Programm.

  7. Mirjam

    06.08.2012 | 22:58

    Das nenn ich mal das Sommerloch sinnvoll gefüllt.

  8. Bibione Ferienhaus

    29.03.2013 | 10:31

    Für Sie sicher, es ist ein wunderbares Land, mit schönen Traditionen. Es ist eine gute zur Wahl in den Urlaub fahren!

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