Georgien

Jenseits von Baku (5): Felsenklöster, Weinprobe und eine Leiche

Per Jeep cruisen die PRINZ-Blogger Douze Points und OLiver in der Woche nach dem ESC durch den georgischen Südosten, auf der Suche nach malerischen Gemäuern, schönen Landschaften und anderweitigen Genüssen. Dabei sehen sie neben reichlich Sakralbauten auch Dinge, die nachdenklich machen.

Wir haben in unserem Hotel eine Tagestour nach Kachetien, einer landschaftlich schönen Weingegend im südöstlichsten Zipfel Georgiens gebucht. Das Amrazi Palace Hotel ist ein Familienbetrieb, Mutti macht das Frühstück, die Tochter sitzt an der Rezeption und der Vater, der kein Englisch spricht, kutschiert Touristen herum. Recht geschäftstüchtig, die Herrschaften, uns wird noch ein Extra-Dolmetscher (kein Tourguide) angeboten, der uns begleiten könnte und der Ausflugspreis (in Euro ausgewiesen, aber in Lari zu bezahlen) wird erst einmal kräftig aufgerundet. Doch da wir den Wechselkurs kennen, kommen wir etwas günstiger davon.

Heute also kein Sammeltaxi, sondern ein bequemer, beinahe luxuriöser Jeep mit dem wir Tiflis gen Osten verlassen. Wir sind gut gelaunt und sehr gespannt auf die heutigen Highlights. Wir fahren gut eine Stunde nach Südosten, wobei die Straßen immer schmaler, die Ansiedlungen immer seltener und die immer wieder auf der Straße herumstehenden Schafherden immer zahlreicher werden.

Durchaus ein Erlebnis, wenn man im Schritttempo durch eine fröhlich mähende Schafherde fährt (sofern kein Paarhufer unter die Räder gerät). „Mach das Fenster zu, ich stehe nicht so auf Lammdünste“, brummt Douzey. Die Landschaft grün, weitläufig und fast ohne Bäume – überall sanfte Hügelketten, auf denen Rinder und gelegentlich auch Pferde stehen.  Nach fast 90 Minuten erreichen wir das letzte Dorf vor dem Klosterkomplex Davit Gareja, der direkt an der aserbaidschanischen Grenze liegt.

Zur Verdeutlichung hier eine Karte mit unseren Wegen in Georgien in dieser und in der letzten Folge (Weltkulturerbe in Mtskheta), sowie der Weiterfahrt Richtung armenische Frenze (kommende Folge):

Georgien Trip
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StepMap Georgien Trip

 

Da die Straße ein besserer Feldweg ist und alles nach Einsamkeit schreit, hoffe ich, dass wir so gut wie alleine das Kloster besichtigen können. Doch weit gefehlt. Als wir an dem Parkplatz ankommen, sind überall Pkw und Minibusse geparkt (offenbar gibt es noch eine andere Zufahrtstraße) und zahlreiche Andenkenstände ebenso wie Bettler säumen den Weg zum Eingang.

Wir schauen uns zunächst den Hauptkomplex, das Lavra-Kloster, an, das auf eine Gründung im 6. Jahrhundert durch Davit Gareja, einen aus Syrien nach Georgien zurückgekehrten Missionar zurückgeht. Die meisten Gebäude sind aus dem 18. Jahrhundert. Während der Sowjetperiode war das Kloster Militärgelände und nicht zugänglich. Seitlich in den Fels geschlagen sind Höhlen, in denen die Mönche wohnen. Im Innenhof findet gerade eine Messe mit gläubigen Georgiern statt.

Obwohl wir hie und da Englisch und Deutsch (sogar Schwäbisch) vernehmen, scheint die große Masse einheimisch zu sein. Offenbar findet im höher gelegenen Innenhof sogar eine Art Fest mit Grillfleisch statt, zu dem Touris aber keinen Zutritt haben. „Wir müssen auf den Berg“, sagt Douzey nach Lektüre unseres Guides, die Höhlenkapellen namens Udabno samt Fresken aus dem 11. Jahrhundert sind auf der anderen Seite.

Mühsam erklimmen wir einen steilen Pfad und bleiben immer wieder stehen, um die Aussicht zu bewundern (Douzey) oder zu keuchen (ich). Es wird deutlich, dass mein Reisegefährte mit dem Gelände besser zurechtkommt, gemsenartig bewegt sich Douzey Richtung Hügelkamm, während ich mich frage, warum es hier denn – bei so viel Publikumsverkehr – keine Seilbahn oder wenigstens Miet-Esel gibt. Außerdem soll es hier laut Lonelyplanet “poisonous vipers” geben, vor allem in dieser Jahreszeit.

Nachdem uns zum dritten Mal eine Gruppe von Mönchen mit Plastiktüten entgegenkommt, erwarte ich immerhin auf der anderen Seite einen Discounter für Mönchsbedarf zu finden.

Auf dem Hügel steht eine Gruppe von Menschen und beobachtet uns – je näher wir kommen, desto klarer wird, dass sie Gewehre tragen und Uniformen. „Das sind Grenzsoldaten, kein Wunder“, meine ich, denn die Grenze zu Aserbaidschan verläuft direkt auf dem Hügelkamm. Die Höhlenkapellen auf der anderen Seite liegen also um etwa 30 Meter in Aserbaidschan. “Hier ist ja gar kein Schild ‘Welcome to Azerbaijan’”, wundert sich Douzey.

Etwa zehn Tage vor unserem Ausflug – unmittelbar vor dem ESC – kam es genau hier zu einem Eklat, als die sonst stets zugängliche Stelle plötzlich von aserbaidschanischen Soldaten abgeriegelt wurde. Es gab landesweit in Georgien Proteste, gar einen Protestmarsch von Tiflis zum abgelegenen Kloster und schließlich trafen sich die Präsidenten der eigentlich befreundeten Länder. Ergebnis: Die Höhlen bleiben weiterhin von georgischer Seite zugänglich, dafür gibt es  gemeinsame Grenzpatrouillen auf dem Hügelkamm und der bereits vor 20 Jahren von Georgien gemachte Vorschlag eines Gebietstausches (den Aserbaidschan nicht annehmen will, weil es keinen Präzendenzfall in der Karabach-Frage schaffen will) ist wieder auf dem Tisch.

Douzey erneuert seinen Sonnenschutz, läuft unerschrocken auf die Uniformträger zu und fragt, ob er sie fotografieren darf (Njet). Die Grenzer unterscheiden sich interessanterweise nicht nur in der Farbe der Uniform, sondern auch in Alter und Statur: Jung, sportlich, schneidig (Az) bzw. in den 50ern mit gemütlichem Bierbauch (Geo).

Während ich im Schatten einer kleinen Kapelle darnieder sinke und meine Wasserflasche leere, lasse ich das unglaubliche Wüsten-Panorama auf der anderen Seite auf mich wirken: Eine weite, völlig karge Ebene ohne Spuren irgendwelcher Besiedlung – Aserbaidschan. Mein I-Phone zeigt an, dass wir bereits auf der anderen Seite sind (und diesmal ganz ohne Visum).

Wir klettern einen abschüssigen völlig ungesicherten Pfad zu den Höhlen entlang – ein Schritt daneben und man kullert Hunderte von Metern in die Tiefe und landet in der aserbaidschanischen Marslandschaft (falls man nicht vorher von einem der Grenzer wegen unerlaubter Einreise erschossen wird).


Die Höhlenkapellen sind beeindruckend. In den Stein gehauen, mit gut erhaltenen Fresken aus dem 11. Jahrhundert, sind sie voller Menschen. An zwei Stellen wird gerade eine Messe gefeiert. Ich bin beeindruckt, dass so viele Ältere und teilweise Versehrte den absolut nicht einfachen Aufstieg gemacht haben, um hier den Segen zu empfangen.

Nach einem letzten Blick ins Nachbarland und einem dringend nötigen Austreten (unsere letzte Handlung in Aserbaidschan!) machen wir uns an den Abstieg. Reichlich schlapp erreichen wir den Parkplatz, wo unser Fahrer die Autotüren geöffnet hat, um die Bruthitze aus dem Auto zu vertreiben. Douzey läuft zu einem der Verkaufsstände mit Coca-Cola-Schirm, doch das Äußere täuscht: „Da werden nur Heiligenbildchen verkauft.”

Durstig fahren wir weiter. Nächster Stopp eine Stunde später ist das Konvent in Bodbe. Außer einer restaurierten Kirche, einem idyllischen Friedhof (mit malerisch herumstehenden Rindviechern) gibt es allerdings nicht viel zu sehen.

Den Weg zu einer Quelle brechen wir ab. Douzey deutet auf den bergab weisenden Wegweiser: „Da steht nicht 50 Meter oder 5 Minuten, vermutlich müssen wir den ganzen Hügel hinunterlaufen“, konstatiert er und ich lausche, ob es plätschert, höre aber nur das Blut in meinen Ohren rauschen. Kein Wunder, wir stehen nahe vor der Dehydrierung. Im nebenliegenden Klostershop genehmigen wir uns ein paar Erfrischungsgetränke. Während ich drei Dosen Cola-Light (jetzt bloß keine Experimente) in mich hineinschütte, entscheidet sich Douzey für ein lokales Erfrischungsprodukt, eine Limonade.

„Bist Du verrückt, weißt Du denn nicht mehr, womit wir im Pressezentrum in Baku traktiert wurden?“, merke ich kritisch an. Dort gab es neben Wasser kostenlose Limonade der Marke Gülüstan (offenbar ein Sponsor der ESC) in den extrem farbenfrohen Geschmacksrichtungen Bremsflüssigkeit, Moder, Waldmeister und Flüssigklebstoff. Und siehe da, auch die georgische Nonnenbirnenlimo ist extrem süß und klebrig und alles andere als nach Douzeys Geschmack. Urgh.

Letzter Programmpunkt ist die nahe gelegene Stadt Sighnaghi – „die Stadt der Liebenden“, wie unsere Hotelrezeptionistin bei unserer Tourbuchung dramatisch aufseufzte. Soso. Sighnaghi liegt auf einem Hügelkamm in einer sanft geschwungenen Landschaft voller Zypressen. Weingüter umranken den Ort. „Sieht tatsächlich aus wie in der Toskana“, ist Douzey begeistert. Unser Fahrer lässt uns im Ortszentrum bei einem Lokal heraus, dass sich als Weinkellerei entpuppt.

„Aha, jetzt kommt die eingebaute Verkaufsveranstaltung“, zische ich und befürchte das Schlimmste. Selbst in Istanbul auf dem Weg nach Baku schleppte mich mein exklusiver Tourguide in einen Teppichladen, dem ich nachdem drei Dutzend Teppiche vor mir ausgeschüttelt wurden nur durch einen vorgetäuschten Asthmaanfall entkam (natürlich hatten sie dort auch Seidenteppiche für Stauballergiker).

Doch weit gefehlt – der Pächter ist ein Amerikaner georgischer Abstammung und erklärt uns bei einer kleinen Führung durch den Weinkeller Herstellung und Lagerung der hier gekelterten Weine. Douzey stellt jede Menge fachkundiger Fragen nach Trauben, Öxlegrad und Reifeprozessen. Mein Beitrag beschränkt sich darauf zu erwähnen, dass Russland die Einfuhr georgischer Produkte wegen mangelnder Qualität untersagt hat. Es stellt sich heraus, dass es dabei um das extrem mineralhaltige (schauderhafte) Borjomi-Mineralwasser ging und Georgien ohnehin – spätestens nach dem jüngsten Krieg um Südossetien (ESC-Stichwort: We don’t wanna put in) – keinen Wein nach Russland mehr exportiert.

Wir sitzen an einem gedeckten Tisch im Innenhof des Weinguts und bekommen neben gerösteten Brotstreifen vier verschiedene Weine (zwei weiße, zwei rote) zum Probieren. Der Wein schmeckt nochmal so gut, als sich ein junger Amerikaner mit imposantem Brustkorb zu uns gesellt, der hier eine Art Langzeit-Praktikum macht und sich von Douzey bereitwillig ausquetschen lässt.


Wir erzählen von unserer Tour und der Zeit in Baku – die beiden haben weder vom ESC noch vom georgischen Glittermops Anri Jokhadze jemals etwas gehört – und erhalten eine idyllische Schilderung vom Leben im Sighnaghi. Natürlich ist der Ort sehr touristisch und das angeschlossene geräumige Restaurant lässt erahnen, dass hier häufig Busladungen von Amerikanern (offenbar die Touristengruppe Nummer Eins) verköstigt werden.

Wir sind schon ziemlich angeschickert und das strahlende Lächeln des schnuffeligen Jungweinbauers bringt uns dazu, gleich mehrere Flaschen Wein für insgesamt knapp 80 Euro zu kaufen (dabei trinke ich nie welchen), die Verkostung wird natürlich auch berechnet. Wir verabschieden uns leicht schwankend und treten auf die Straße - das heißt, ich trete auf die Straße, Douzey stößt sich seinen Kopf an der niedrigen Türkante und fällt wie ein Stein zu Boden. Zum Glück ist er nicht bewusstlos, allerdings nimmt die Aufschlagstelle am Kopf rasch die Farbe des eben gekosteten Weines an.


Vorsichtig marschieren wir durch den Ort, der geradezu herausgeputzt und abseits des Zentrum etwas ausgestorben wirkt. Am Hauptplatz hat sich die örtliche Jugend versammelt und klönt rauchend oder fährt Skateboard oder Mountainbike. Unser Fahrzeug steht vor dem Rathaus, vom Fahrer indes keine Spur. Wir finden ihn im Schatten eines Baumes neben einer kleinen Parkanlage tief im Gespräch mit einer Kioskbesitzerin vertieft. Wir gesellen uns dazu und werden zu einem Getränk eingeladen. Die Kioskfrau greift zu einer der hinter ihr hängenden Würste.

„Did you ever try Churkchela?“ Wir schütteln den Kopf. Sie bricht die Wurst, die ich für Salami halte, mit bloßen Händen entzwei und bietet uns die Stücke an. Wir schnüffeln etwas entgeistert. „That is Snickers from Georgia“, lacht sie herzhaft und schlägt sich auf die Schenkel.

Faszinierend, von wegen Wurst, Churkchela ist ein leicht gummiartiger Selfmade-Süssriegel aus geliertem Traubensaft, Nüssen und Früchten. Wir kauen andächtig und kaufen natürlich auch von dieser Spezialität einige Exemplare.

Es ist schon nach 18 Uhr, die zwei Stunden Rückreise verbringen wir überwiegend dösend im Auto, während Douzeys Kopfnuss immer dunkler schimmert. Als wir Tiflis erreichen, werden wir wieder munter. Wir fahren direkt an dem Zentrum unseres Viertels Aglabari vorbei, als wir auf eine merkwürdige Szene aufmerksam werden.

Keine 10 Meter neben der Straße, direkt vor dem Metroeingang hat sich eine Menschenmasse versammelt, die schweigend herumsteht. Ich erkenne zwei Polizisten, die ein gelbes Absperrband entrollen und sehe mit Grausen, dass in der Mitte der von dem Band umschlossenen Fläche ein menschlicher Körper unter einer Decke liegt. Hier ist offenbar gerade eben jemand zu Tode gekommen. Vermutlich ermordet, bei einem Herzinfarkt würde man doch nicht den Tatort sichern? Douzey und ich sind platt, wir sind schon mehrfach an dieser Stelle in die Metro gestiegen und haben kürzlich hier erst Geld getauscht. Was mag hier passiert sein, es ist noch helllichter Tag, eine Messerstecherei, ein tödlicher Schuss?

Wir sind geschockt und steigen zwei Minuten später schweigend aus dem Jeep, als wir vor unserem Hotel angelangt sind. Eigentlich wollten wir noch zu dem genau vor dem Tatort gelegenen Supermarkt, aber keiner von uns mag zurücklaufen. Wir haben nicht mehr erfahren, was dort passiert ist. Ein schockierendes Ende eines schönen Urlaubstages.

Zu den anderen Teilen von “Jenseits von Baku”:

zu Teil 1: Bummelzüge, Paarhufer und Helene Fischer
zu Teil 2: Ein Haus aus Flaschen und ein banger Grenzübertritt
zu Teil 3: Ausgesetzt, Zungensalat und Sowjetgemälde
zu Teil 4: Weltkulturerbe, Minzmilch und Schwefelbäder

Im nächsten Teil: Endlich Armenien! All about Yerevan, endlose Treppe mit Aussicht und gefangen im Junior-Eurovision Song Contest.

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