Nächste Folge unserer Kaukasustour mit reichlich Musik: Knapp eine Woche nach dem Eurovision Song Contest in Baku erreichen Douze Points und OLiver nach langer Anreise Armenien. In Eriwan geraten die Prinz Blogger in ein riesiges Kindersingfestival und bestaunen den erhabenen Ausblick auf den heiligen Berg Ararat.
Es ist Freitag, der 1. Juni, und wir haben einen vollen Reisetag vor uns: mit der Marshrutka (Sammeltaxi) von Tiflis nach Eriwan. Nachdem wir ausgecheckt haben, schleppen wir unser nicht unbeträchtliches Gepäck zur nahegelegenen Metrostation. Dort weist nichts mehr auf das gestrige Drama mit Todesfolge hin. Wir fahren quer durch die Stadt zum Hautbahnhof. Man kann auch einen Zug in die armenische Hauptstadt nehmen, aber dieser braucht fast 20 Stunden und wir wollen heute schließlich noch bei Tageslicht ankommen.
Zum Glück haben wir uns schon am Vortag über die Abfahrt der Sammeltaxis erkundigt (je nach Ziel gibt es unterschiedlich über die Stadt verstreute Abfahrtsstellen). Es gibt täglich fünf Verbindungen und etwa 15 Personen finden Platz in dem Minibus. Wir finden die 11-Uhr-Marshrutka nach Eriwan (laut Aufschrift ein ehemals deutscher Lieferwagen) und haben noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt Zeit, daher husche ich eben noch in das nahegelegene Einkaufszentrum, um etwas Proviant zu besorgen.
Anders als bei unserer Fahrt von Ganja nach Tiflis sind es diesmal kaum Einheimische, sondern in erster Linie andere Touristen, die mitreisen. Etwa ein dänisches Pärchen, deren Nationalität Douzey sofort am gitte-artigen Akzent erkennt und ein kräftiger Niederländer mit einheimischen Wurzeln, der tatsächlich vor zwei Wochen auch in Baku und sogar auf dem Empfang von Joan Franka war. Während Douzey rasch ins Fachsimpeln über die niederländische Pleiteserie beim ESC und den Gründen dafür kommt, ziehe ich mich auf die hintere Bank der Marshrutka zurück, die ich neben unseren Koffern, die zu groß für den Kofferraum waren, für mich allein habe.
Um Punkt 11 geht’s los und in nicht mal einer halben Stunde (Tiflis liegt doch recht nahe an den Grenzen) haben wir Sadakhlo erreicht, die letzte Ortschaft in Georgien. Jetzt bin ich gespannt, wie kompliziert werden diesmal die Grenzformalitäten, werden wir durchleuchtet, abgetastet, befragt werden?
Zunächst mal müssen wir auf der georgischen Seite aussteigen und erhalten im Nullkommanix einen Ausreisestempel, unser Gepäck bleibt im Sammeltaxi, niemand interessiert sich dafür. Am Ausgang der georgischen Grenzstation erblicke ich einen Getränkeautomaten und begreife, dass dies die letzte Gelegenheit ist, das übriggebliebene georgische Kleingeld sinnvoll auszugeben. Sehr zur Belustigung von Douzey, der zum Aufbruch drängt, werfe ich wie ein Irrer Lari um Lari in den Automaten und wanke mit einem Arm voll Cola-Light-Flaschen aus dem Gebäude. „Das sieht jetzt so aus, als glaubtest Du, in Armenien gäb‘s kein Diät-Cola“, rügt Douzey kopfschüttelnd. „Wir fahren noch stundenlang, da brauche ich Flüssigkeit“, brumme ich zurück.
Wir laufen über den Grenzfluss nach Bagratashen, der armenischen Grenzstation. Dort zeigen wir an einer Baracke unseren Pass und müssen ein Visaformular ausfüllen. Deutsche Staatsbürger brauchen ein Visum, das bei Einreise ausgestellt wird. Und zwar recht problemlos, die mitgebrachten Passbilder brauchen wir nicht, weil einfach unser Pass mitkopiert wird. Dann wird das Visum ratz-fatz eingeklebt und wir müssen umgerechnet 7 Euro bezahlen. „Das ist ja ein Schnäppchen“, sage ich erfreut – zur Erinnerung: Aserbaidschan verlangt happige 70 Euro (und die Einreise im Morgengrauen am Flughafen dauerte in meinem Fall eine Stunde).
Aber halt, die Gebühr ist in armenischen Dram zu bezahlen, die wir natürlich noch nicht haben. Der Grenzbeamte, Typ freundlicher Bär, zeigt auf einen Automaten. Douzey stürmt vor und versucht, seine Kreditkarte in diverse Schlitze zu stecken – erfolglos. „Das ist kein Geldautomat“, erkenne ich. „Was denn sonst, etwa noch ein Cola-Automat?“, gibt er zurück. Dann lesen wir die mehrsprachigen Hinweise und begreifen, dass es sich um einen Geldwechselautomaten handelt, der allerdings keine georgischen Lari sondern ausschließlich Dollar und Euro nimmt.
Zwei Minuten später zeigen wir unser frisch geklebtes Visum einem weiteren Beamten auf dem Weg zum nahegelegenen Parkplatz, wo schon unser Sammeltaxi samt Gepäck (das auch hier niemanden interessiert) wartet. Der Beamte stutzt, als er mein direkt neben dem armenischen klebendes aserbaidschanisches Visum entdeckt, sagt aber nichts. Ein völlig problemloser Grenzübertritt, wer hätte das gedacht.
„Mann, das ging ja schnell“, ist Douzey begeistert, schaut sich dann aber etwas ratlos in der eher schmucklosen Umgebung um. „Hast Du erwartet, dass uns hier ESC-Fachkräfte mit einem Potpourri armenischer Beiträge erfreuen?“, frage ich und Douzey, der einen Hang zu billigem Happy-Pop nicht verleugnen kann, gibt zu verstehen, dass er nichts dagegen hätte, wenn wir von Emmi, Armeniens letztjähriger ESC-Pleite, begrüßt würden. „Aber nur, wenn sie nicht singt, sondern ein Tablett mit feuchten Tüchern reicht“, entgegne ich.
Aber eigentlich ist das eine tolle Idee! ESC-Stars, zum Beispiel Inga und Anush, singen für die Neuankömmlinge ein Willkommenslied, etwa so:
Inga & Anush: Im Anune Hayastan e
In der Realität stehen natürlich nicht die eurovisionserprobten Schwestern Arshakjan in wallenden Gewändern mit frischen Früchten an der staubigen Grenze, sondern es kratzt sich lediglich ein beleibter Lastwagenfahrer am Skrotum. Na ja, man kann nicht alles haben. Wir steigen ein und ich muss meinen bisher komfortablen Rücksitz mit einem hageren Soldaten in Uniform teilen, der kurz vor Weiterfahrt zu uns in die Marshrutka hüpft.
Nach nur zwei Kilometern ist die Straße gesperrt und wir fahren eine äußerst holprige Umleitung, die an ein ausgetrocknetes Bachbett erinnert. Ich kann kaum etwas aus dem Fenster erkennen, so sehr staubt es. Dazu kommt: Bei jeder Rechtskurve rutscht mir Douzeys Reisetasche ins Gesicht und bei jeder Linkskurve schmiegt sich der mittlerweile eingeschlafene Grenzsoldat an mich. Da fällt es schwer, mich auf meine Reiselektüre (The Hunger Games, Vol. 2) zu konzentrieren.
Nach einer Stunde staubiger Fahrt - ich kann kaum fassen, in welchem Zustand die Straße ist, schließlich ist das die Hauptroute nach Tiflis (es gibt überhaupt nur vier geöffnete Grenzübergänge, um auf dem Landweg einzureisen) – machen wir Pause an einem kleinen Café mitten in der Pampa. Wir vertreten uns etwas die Beine, bemerken einen reißenden Bach, einen angeketteten kläffenden Köter und eine rostige Eisenbahnbrücke.
Der Soldat steigt kurz danach an einer Straßenkreuzung aus und die Straßenqualität der zweispurigen Überlandstraße (keine Autobahn) wird langsam besser. Wir durchqueren eine Hochebene und sehen wesentlich höhere Berge als noch in Georgien. Gegen 17 Uhr erreichen wir die Outskirts von Eriwan, die von Hochhäusern im Sowjetplattenbaustil gesäumt werden. Kurze Zeit später hat die Marshrutka das Ziel erreicht, einen Bahnhof im südlichen Zentrum von Eriwan.
Wir verabschieden uns von unseren Mitreisenden und halten ein Taxi an, unser vorab gebuchtes Hotel in der Innenstadt kann eigentlich nicht weit entfernt sein, aber keiner von uns hat nun Lust auf Schnitzeljagd mit Koffern. Leider stellt sich schnell heraus, dass der Taxifahrer mit einem äußerst begrenzten Englischwortschatz lieber mit uns über Sexpraktiken sprechen will, als unser Hotel zu finden. Angemessen befremdet weisen wir ihm schließlich dank eines Stadtplans den Weg zum „Hotel Europa“.
Dort angekommen sind wir mit unserer Wahl sehr zufrieden, super zentral und sehr sauber das Zimmer. Wir erfrischen uns – dringend nötig nach einem Tag im Sammeltaxi. Kurze Zeit später wollen wir die Abendstunden noch etwas durch Eriwan bummeln und kommen zunächst am großen Zentralplatz vorbei.
Um die Ecke beginnt die Fußgängerzone, die von offensichtlich frisch errichteten, weitgehend leerstehenden Appartmentgebäuden eingerahmt wird und in der so etwas wie ein Riesenfest stattzufinden scheint. Überall sind Bühnen aufgebaut, die ganze Stadt ist auf den Beinen und überall so weit das Auge reicht – Kinder mit Ballons, Kinder mit tröpfelnden Eistüten, Kinder in farbenfrohen Kostümen. Und: Singende Kinder. Douzey gleicht die hiesigen Geschehnisse und das Kalenderdatum mit seiner DDR-Vergangenheit ab und findet die einzig logische Erklärung: ”Heute ein internationaler Kinderfeiertag. Also im Ostblock.”
Wir hören uns höflich einige der Darbietungen (darunter etwa „Felicita“) an, sind aber schnell genervt von dem Massenauflauf. „Mein Alptraum, wir sind gefangen in einem Junior Eurovision Song Contest“, röchele ich panisch und Douzey schlägt mit dem Blick eines erfahrenen Guerilleros vor: „Wir müssen es schaffen, uns nach Norden zur Oper durchzuschlagen, da sollten wir sicher sein“.
Gesagt getan, vorbei an Lego-Ständen (wohl ein Sponsor) erreichen wir im Gedränge den großen Platz vor der Staatsoper, wo uns allerdings eine weitere, noch größere Bühne mit singenden und tanzenden Kindern erwartet. Hinzu kommen auf dem Platz marodierende Trickfiguren, die sich gerne auf Fotos drängen. Auch das noch.
Die Bilder geben das Ambiente nur unvollständig wieder, daher empfehle ich den geneigten Lesern das mehrfache GLEICHZEITIGE Abspielen folgender drei Siegertitel des Junior Eurovision Song Contest, um einen ungefähren Eindruck zu erhalten.
Armenien JESC 2010: Vladimir Arzmanyan – Mama
Georgien JESC 2011: Candy – Candy Music
Russland JESC 2006: Tolmachevy Twins – Vesenyi Jazz
Ich war noch nie ein Fan von singenden Minderjährigen, schon gar nicht wenn sie so massiert auftreten und gebe Douzey recht drastisch zu verstehen, dass wir SOFORT hier weg müssen. Wir schlagen uns weiter nach Norden durch und erreichen den Fuß der Kaskade, einer Art Spanischen Treppe, die einen Hügel hinaufführt und einen wunderbaren Blick über die Stadt bieten soll. Vor der Treppe erspähen wir eine weitere Bühne mit singenden kostümierten Kiddies.
„Unglaublich, müssen die nicht irgendwann mal ins Bett, die Sonne geht bald unter“, meint Douzey, während ich etwas blass werde beim Anblick der endlosen Marmor-Stufen.
„Müssen wir da etwa ganz rauf?“
„Ja, nur so entkommen wir dem Gesang“
„Warum frage ich überhaupt, wenn ich die Antwort eh schon kenne“, seufze ich und beginne den Aufstieg.
Die Kaskade genannte Treppe wurde von einem armenischen Millionär aus der Diaspora gestiftet und wird gleichzeitig (es gibt im Inneren auf jeder Ebene unterirdische Räume) als Museum genutzt, während die diversen Terrassen offensichtlich als bevorzugter Rückzugsort für frisch verliebte, ausschließlich gemischt-geschlechtliche Paare dient. Nach einer gefühlten Ewigkeit, während der die musikalische Lärmkulisse spürbar nachlässt, sind wir oben angekommen und erkennen, dass die Treppe im Nichts endet.
Das letzte Stück fehlt. Ein Riesenloch klafft bis zur Bergspitze, wo ein Sowjetdenkmal thront. „Da ist wohl das Geld ausgegangen“, konstatiert Douzey lapidar und macht sich an das Fotografieren des Panoramas. Und das ist wirklich einmalig, weil der Sonnenuntergang unmittelbar bevorsteht und die zu unseren Füßen liegende armenische Kapitale in warmes Licht taucht.
Am Horizont schimmert der mehr als 5.000 Meter hohe Ararat, heiliger Berg der Armenier, majestätisch. Diesem erhabenen Anblick kann man sich nicht entziehen. Wir sind ergriffen und genießen. Gleichzeitig erkennen wir einige markante Orte wie etwa das Völkermord-Museum auf einem Hügel rechts von uns, das Parlamentsgebäude, einige imposante Kirchen und das mitten in einer Erdbebenzone erschreckend nah an der Stadt liegende Kernkraftwerk Metsamor, ein Uralt-Rektor aus Sowjetzeiten, auf den das energiearme Armenien allerdings angewiesen ist.
Die Schatten werden nun länger und bald ist die Stadt in Lichter getaucht, während der Ararat langsam in der Dämmerung verschwindet. Leicht benommen betreten wir nun das Innere der Kaskade und mich trifft fast der Schlag: „Rolltreppen!“, brülle ich empört, „hätten wir das nicht vorher wissen können?“ Gemse Douzey schmunzelt und zuckt mit den Achseln: „Ich wusste das.“ Zur Strafe jage ich ihn drei Stockwerke über die Rolltreppen nach unten, bevor wir von ein paar herumstehenden progressiven Kunstgegenständen und einem streng blickenden Wachmann abgelenkt werden.
Der Rückweg durch die Innenstadt ist entspannender, da nicht mehr ganz so viel getobt und gesungen wird wie noch vor wenigen Stunden. Wir wollen noch etwas essen, das ungarische Spezialitätenrestaurant gegenüber unserem Hotel ist jedoch verdächtig leer und in die nahegelegene Pizzeria platzt aus allen Nähten. Dann eben nicht.
Während ich mich schon ins Hotel zurückziehe, geht Douzey im Supermarkt Bier & Kekse besorgen und wird danach von einer Prostituierten angesprochen (“Hello Sexy”). Ähnliche Erfahrungen haben wir auch schon in Baku gemacht, als Bloggerkollege Jan bevorzugter Ansprechpartner sowohl von Bordsteinschwalben (“I show you Azeri Lady”) als auch von in der Fußgängerzone herumlungernden bedürftigen Veteranen des Karabachkrieges war.
Douzey verzichtet in diesem Fall auf weitere soziologische Studien und genießt stattdessen lieber sein armenisches Bier im Hotelzimmer, während wir noch etwas TV schauen. Danach fallen wir erschöpft ins Hotelbett, nicht ohne zuvor noch ein Besichtigungsprogramm für den nächsten Tag abgesprochen zu haben.
Zu den anderen Teilen von “Jenseits von Baku”:
zu Teil 1: Bummelzüge, Paarhufer und Helene Fischer
zu Teil 2: Ein Haus aus Flaschen und ein banger Grenzübertritt
zu Teil 3: Ausgesetzt, Zungensalat und Sowjetgemälde
zu Teil 4: Weltkulturerbe, Minzmilch und Schwefelbäder
zu Teil 5: Felsenklöster, Weinprobe und eine Leiche
In der nächsten Folge: Grenzerfahrung, Völkermordmuseum und ein Fest im Vatikan Armeniens





















































12.08.2012 | 12:20
Der gute Herr Arzumanyan hat aber 2010 gewonnen :)
Dass ihr “Endlich Armenien!” schreibt, kann ich sehr gut verstehen. Eriwan ist dem Anschein nach wohl kaum eine falsche Märchenwelt wie Baku.
14.08.2012 | 22:19
Die Frau neben Pooh sieht aber nicht sehr glücklich aus.
PS: Super Bericht! :)
Freu mich schon auf Malmö 2013.
Seit Ihr eigentlich auch beim JESC in Amsterdam dabei (01.12.2012)?
15.08.2012 | 01:15
@Kevin: Amsterdam haben wir noch nicht entschieden, da das Leserinteresse am JESC bislang recht gering ist. Könnte aber klappen, wir halten Euch auf dem laufenden ;-)