Niederlande

Last Exit Tuckerville – Der kurze Höhenflug der Common Linnets

Common Linnets - Tuckerville 2

Tatsächlich – die Ruhe nach dem Sturm ist eingekehrt. Conchitas Message scheint erst einmal abgehakt, der Bart hat auch schon einen kleinen Bart und die ESC-Siegerin wurde inzwischen von einer singenden Nonne bei „The Voice of Italy“ als musikalisches Boulevard-Kuriosum abgelöst. Und dennoch, ein kleines Stückchen ESC flattert immer noch durch Europa und das ist ein musikalisches: die Ruhe nach dem Sturm wird musikalisch begleitet von den Common Linnets, die sich als der eindeutige musikalische Sieger des 2014er Sängerwettstreits erwiesen haben. Aber auch hier scheinen bereits die Abendglocken zu läuten: am vergangenen Samstag gaben sie in Enschede eine Art Abschiedskonzert. (Foto: Common Linnets Facebook-page)

Ilse DeLange cover Miracle

Ilse DeLange gehört seit gut 15 Jahren zu den größeren Namen der niederländischen Popszene, aber bis vor einem Jahr schien für sie ein ESC-Auftritt jenseits aller Möglichkeiten. Erst Anouks Teilnahme im vergangenen Jahre habe sie animiert, das Podium auch für sich zu nutzen und europaweit auf sich aufmerksam zu machen.

Gesagt, getan. Parallel zu Ilses ESC-Plänen entstand die Idee, gemeinsam mit Waylon, alias Willem Bijkerk,  gemeinsame Sache zu machen. Die beiden mutierten zu den Common Linnets und kündigten ein Album an sowie das Versprechen, einen Song daraus beim ESC 2014 für die Niederlande vorzutragen. Und für den 21. Juni wurde dann noch ein Stadionkonzert in Enschede ausgerufen: „Tuckerville“. Dort würden sie als Headliner eine Riege unterschiedlicher Künstler aus den Niederlanden anführen, allesamt Singer-Songwriter mit einem Faible für Americana und Countryklänge.

Country – das scheint die Musikrichtung zu sein, über die Ilse und Waylon sich gefunden haben. Ilse rührte auf ihren Soloplatten immer wieder deutliche Countryklänge in ihre Popmusik, wie etwa hier in ihrem 2009er Hit „Miracle“

YouTube Preview ImageIlse mit ihrem ersten Nummer-1-Hit in den Niederlanden. Jetzt hat sie zwei.

Bei Waylon war die Sache nicht ganz so eindeutig. Er pendelte zwischen Rock’n’roll und schmutzigem Soul hin und her und schaffte es mit dieser durchaus nicht unprotzigen Mischung bei „Holland’s got talent 2008“ auf den zweiten Platz. Bereits drei Jahre zuvor hatte er es schon einmal beim ESC versucht – auch hier rotzig frech mit der schrägen Nummer „Leven als en beest“ schaffte er es mit Partnerin Rachel aber erfreulicherweise nicht ins europäische Finale.

YouTube Preview ImageOhne Ilse klingt das alles ganz anders…

Das Countrygen muss aber auch zur damaligen Zeit schon in Waylon geschlummert haben, immerhin entlieh er sich seinen Vornamen von US-Country-Legende Waylon Jennings. Der 2002 verstorbene Sänger ist aber nicht nur Namenspatron sondern auch musikalisches Idol des niederländischen Waylon, was dieser in Kopenhagen mit zuweilen feucht anmutenden Augen immer wieder betonte.

YouTube Preview ImageWaylon: „I do believe“ – von Waylon Jennings

Country also. Ilse und Waylon zogen aus in die Ardennen, um gemeinsam Songs zu schreiben und später nach Nashville, um die erarbeiteten Werke mit ortansässigen Musikern sowie ein paar Mitstreitern aus Ilses Umfeld aufzunehmen.

Das fertige Produkt war dann so sehr Country, wie nichts was die beiden bisher veröffentlicht hatten. Und damit fing der Ärger an, denn die beiden hatten nicht mit der niederländischen ESC-Polizei gerechnet: Country – und dann noch so umspektakulärer – sollte das Königreich nicht beim ESC vertreten. Und tatsächlich – bisher war dieses Genre, das in Europa auch verkaufsmäßig ein Nischendasein führt, beim ESC immer durchgereicht worden – man denke etwa nur an den tragischen 15. Platz des deutschen Sommerschlagers 2006, „No, no never“ von Texas Lighting.

Common Linnets Calm after the storm

Bei „Calm after the storm“  entwickelten sich die Dinge aber anders. Obwohl die Niederländer dem Stück als ESC-Beitrag eher kritisch gegenüber standen, stürmte das Lied in aller Ruhe die Charts und war vorm Festival an Amstel und Schelde bereits ein Riesenhit. Aber dabei sollte es nicht bleiben.

Nach einigen überzeugenden Probendurchläufen in Kopenhagen, gelang es den beiden nach einem überzeugenden Auftritt im ersten Semifinale, die Downloadcharts zu stürmen – und das europaweit.

YouTube Preview Image

Zum Zeitpunkt des Finales waren sie in zahlreichen Ländern top und in Nullkommanix stürmten sie auch in den Wettquoten nach oben. Zeitgleich erschien dann ihr Album, das ebenfalls in kürzester Zeit in vielen Ländern Spitzendownloadpositionen buchte. Der fabelhafte Finalauftritt und die noch fabelhaftere Platzierung, nur geschlagen von der Wurst, tat dann sein übriges. Wenn in den Tagen nach dem ESC nicht von Conchita gesprochen wurde, sprach man von den Common Linnets und die Niederländer wurden von der europaweiten Popularität geradzu überrollt. Ilse war sichtlich gerührt.

YouTube Preview Image

Kurze Zeit später wurden auch viele offizielle Verkaufscharts geentert, und was vorher nur durch die Luft schwebte, manifestierte sich in harten Zahlen: ein Top-10-Single Hit und eine Top-40-Albumplatzierung in Großbritannien gehörten ebenso dazu wie große und vor allem lang andauernde Verkaufserfolge in Österreich und Deutschland. Insbesondere in diesen Ländern haben sich die beiden nach nunmehr sechs Wochen von der ESC-PR emanzipiert und können ihren Erfolg auf Mund-zu-Mund-Propaganda und musikalische Akzeptanz zurückführen. Aktuell liegen sowohl Single als auch Album wieder auf Platz 18 der jeweiligen Charts in Deutschland, in Österreich werden sowohl Single als auch Album immer noch in den Top 10 geführt.

Worin mag dieser Erfolg begründet sein?

Nun, abgesehen davon, dass sie ihren Song beim ESC exzellent verkauft haben und damit paukenschlagmäßig Interesse für sich wecken konnten, sind es vor allem die musikalischen Qualitäten, die das Album in sich trägt und die die Menschen anzusprechen scheinen.

Common Linnets Album

Das Album „The Common Linnets“ besteht aus 13 Songs, die sich innerhalb des Countrygenres nicht festlegen, also Vielfalt unter Beweis stellen, und sich zuallererst durch kompositorische Qualität auszeichnen. Es gibt allerhand Countryballaden, aber auch Mid- und Uptempostücke. Mal weht ein Hauch Rock, mal ein Hauch Blues durch die Produktion, man hört aber auch ganz viel Pop und viele, nein, sehr viele seeeeeehr eingängige Melodien.

Dazu ist das Ganze wunderbar und sehr detailverliebt instrumentiert und produziert. Handmade-Music auf Gitarren, Keyboards und allerlei Countryinstrumentengedöns: man hört Mandolinen, Geigen, Banjos, Dobros und Lap- und Pedal-Steel-Gitarren.

Niederlande The Common Linnets Ilse deLange 2014 Meet & Greet

Und dann der Gesang der beiden: sanft-herb sie und rotzig-schmierig er singen sie sich mal solo, mal im Duett durch ihr Repertoire und das professionell-akzentfrei und mit sehr viel Wehmut und Verve.

Das alles ergibt dann ein wunderbares Musikpaket, das sich auch demjenigen erschließen mag, der eigentlich für sich entschieden hatte, dass ein Countryalbum so gar nicht seine Sache sei.

„The Common Linnets“ besticht durch Vielfalt  – mögen sie hier und da klingen wie Eymmlou Harris und einer ihrer zahlreichen Duettpartner, wie Waylon Jennings oder Lady Antebellum, sie sind doch immer sie selbst. Sie nutzen unterschiedliche Inspirationsquellen und basteln daraus ein abwechslungreiches Country-Potpourri. Diese Vielschichtigkeit ihrer Platte mag es sein, die ihnen einen weit größeren Verkaufserfolg beschert hat, als all diese genannten Künstler jemals in unserem Lande hatten.

YouTube Preview ImageEmmylou lässt grüßen – Ilse und Wayon lassen sich inspirieren.

Die Themen auf „The Common Linnets“ sind typisch country: es geht um kleine Sehnsüchte und Alltagshoffnungen, um Träume und Emotionen. „Ein Gefühl und drei Akkorde – mehr braucht es nicht für einen guten Countrysong“ hat Ilse in Kopenhagen verkündet. Auf diesem Album wird sie diesem Anspruch umfassend und variantenreich gerecht.

EiC Amsterdam Top Looking Ilse deLange signs WATERLOO Vinyl ABBA

Kompositionstechnisch ist besonders Ilse auf „The Common Linnets“ vertreten. Bei elf Stücken hat sie ihr Händchen im Spiel, Waylon hat an sechs Liedern mitgearbeitet. Weitere Musik- und Textbeiträge gibt es unter anderem von Jake Etheridge und J.B. Meyers, zwei Herren, die schon länger mit Ilse DeLange zusammen arbeiten.

Bei einigen Stücken wird Waylon prominent gefeatured und lässt bei „Arms of Salvation“  oder „Time has no mercy“ das Rampensaulasso raus. Das etwas mystische „When Love was king“ erinnert ein wenig an „Highwayman“, einen Song den auch die Country-Supergroup Highwaymen vor einigen Jahrzehnten intoniert hat. Bei dieser Gruppe dabei: Waylon Jennings. Aha.

Der Countryheuler „Where do I go with me” hat dann noch mehr Jennings. Dieser Schmachtfetzen (positiv gemeint!) ist Dutch-Waylons eindeutige Hommage an sein großes Idol, die einzige Komposition, die er komplett allein für das Album verfasst hat und sicher sein persönlicher Höhepunkt.

YouTube Preview ImageWaylon: „Where do I go with me“ – Sein Auftritt bei „Tuckerville“

Auch gesanglich steht Ilse noch ein wenig häufiger im Mittelpunkt. Betörend schön: “Before complete surrender”, eine Art Country-Easy-Listening-Song, den man sich in seiner Fragilität auch gerne von jemandem wie Karen Carpenter angehört hätte.

Ilses unangefochtenes Highlight befindet sich ganz am Ende der Platte. Auf dem komplett von ihr geschriebenen „Life goes on“ beschäftigt sie sich mit dem Tod ihres Vaters und findet in diesem Lied reife und sehr anrührende Worte. Großartig.

YouTube Preview Image

Auch bei den Duetten spielt Ilse gesanglich die erste Geige. Nicht nur bei „Calm after the storm“, auch bei „Hungry Hands“ (fast ein Ilse-Solo und fast ein Fleetwood-Mac-Song),, dem druckvollen „Give me the reason“  oder dem schönen, bluegrassigen „Still loving after you“ singt sie die Leadstimme. Waylon liefert dazu aber die besten Harmonien seit Bert zu Cindy oder sagen wir lieber Don Williams zu Emmylou Harris. Insbesondere „Still loving after you“ sticht dabei heraus und entwickelte sich in den Niederlanden zu einem kleinen Nebenhit.

YouTube Preview Image

Ein richtiges „Duett“ der beiden gibt es auch noch auf „The Common Linnets“. Bei „Broken but home“ darf Waylon die Strophen singen und Ilse übernimmt im Refrain die erste Stimme. Kooperation par excellence.

YouTube Preview Image„Broken but home“ – Wackelbild von Tuckerville

Rundum ist „The Common Linnets“ ein wunderbares Album, das alle, die sich darauf einlassen können, mit seinem Abwechslungsreichtum unterhält und das mit schönen Meldodien und tollem Gesang musikalisch überzeugt. Trotz Ilses leichter Dominanz ist es ein Album von zwei eigenständigen Musikern, die gemeinsam besonders gut funktionieren. Mit diesem großartigen Werk unterstreichen die beiden, dass sie musikalisch wirklich zur Championsleague im ESC-Zirkus gehören.

Niederlande 2014 The Common Linnets 1

Dass die Common Linnets als Duo gedacht sind (oder waren?), zeigt auch das Booklet der CD, das die beiden grundsätzlich zu zweit auf mehreren, die Countrythematik aufgreifenden Schwarzweißfotos zeigt.

Also – Album da, ESC fast gewonnen, große Charterfolge in vielen Ländern – so sieht der Beginn einer wunderbaren Karriere aus. Das könnte man denken, aber irgendwie scheint schon es doch ganz anders zu sein.

Bereits kurz nach dem ESC war Waylon plötzlich weg, ja, weg. Ilse machte gute Miene zu diesem Verwirrspiel und griff auf Jake Etheridge und J.B. Meyers zurück , um auf Promoanfragen aus verschiedenen Ländern zu reagieren. Auch bei uns traten die Changed Linnets im Morgenmagazin auf.

YouTube Preview Image

Die Harmonie, die die beiden auf ihrem Album und beim ESC vermittelt haben, scheint passé. Im Laufe der nächsten Wochen definierten beide das Projekt Common Linnets einfach um. Es sei eine Plattform für Menschen, die diese Art von Musik machen möchten, aber keine feste Band. Es war nie mehr geplant als ein Album und zwei große Auftritte. Waylon gibt sich geschäftig und nutzt die Gunst der Stunde, um schon mal auf sein im September erscheinendes Album hinzuweisen und Ilse macht immer noch gute Miene – und schreibt schon an neuen Songs – für welches Projekt auch immer.

Das alles ist ein bisschen schade, die Chance war und ist es noch, die Common Linnets auch längerfristig in Teilen Europas zu etablieren, aber möglicherweise war die Harmonie auf persönlicher Ebene der musikalischen um Einiges unterlegen.

So fanden die Common Linnets as we know them beim bereits erwähnten Tuckerville-Festival am vergangenen Samstag ihren krönenden Abschluss.

Common Linnets - Tuckerville 3

Noch einmal standen  Waylon und Ilse dort gemeinsam auf der Bühne. Er wieder mit Hut und Lederhose,  sie wieder im leicht konservativen Minkleidchen und zackigen High Heels. Er mit seiner rauhbeinige Art und sie mit entwaffnendem Lächeln. Und noch ein letztes Mal  „Calm after the storm“. (Foto: Common Linnets Facebook-page)

YouTube Preview Image„Calm after the storm“ – Sie schauen sich wieder an!

Wir wissen nicht, ob es den beiden gelingt, auch ohne den anderen über die niederländischen Landesgrenzen hinaus musikalisch auf sich aufmerksam zu machen. Ilse sicherlich, aber vielleicht auch Waylon ist das zuzutrauen. Dennoch ist es schade, dass der Höhenflug, der gerade erst begonnen hat, bereits wieder vorbei scheint und wir nichts Neues mehr von ihnen als Common Linnets erwarten können.

Also: Nehmen wir das, was wir haben. In den kommenden Monaten wird „The Common Linnets“ sicher in den Auslaufphasen vieler Grillpartys abgespielt werden, „Calm after the storm“ wird bestimmt noch eine ganze Weile die Radioplaylists bei uns und anderswo bereichern und vielen ESC-Fans wird ihr Auftritt vom 10. Mai sowieso noch über viele Jahre als ein ganz großer ESC-Moment in Erinnerung bleiben. Kurz war’s, aber sehr, sehr schön.

ESC 2014 Semi1 Common Linnets Niederlande

Aktuell, Charts & Rankings, ESC-News, Videoclips

3 Kommentare Kommentar schreiben

  1. deutscheland

    28.06.2014 | 11:58

    Ein ESC in Kopenhagen und ein beim Wettbewerb erfolgreiches Duo, das schnell wieder zerbricht. Das gab es schon 2001, als Tanel Padar und Dave Benton für Estland gewannen. Da war die „Partytime“ ein paar Wochen später wieder vorbei, als es wegen einem Plattenvertrag Streit gab.
    Anders als der Soulman aus der Karibik und sein estnischer Praktikant hatten die „Common Linnets“ aber wenigstens mit ihrem Lied Charterfolge und hören auf, wenn es am Schönsten ist. Auch wenn es schade ist.

  2. Peter Philipp

    29.06.2014 | 00:27

    Ja, The Common Linnets sind die Sieger des ESC 14 und Conchita hat jetzt schon verloren, raus aus allen Charts in Europa. Im eigenen Land noch auf der 21. Ja der Bart ist ab…

  3. ESCFrank

    02.07.2014 | 11:56

    ….und vielen ESC-Fans wird ihr Auftritt vom 10. Mai sowieso noch über viele Jahre als ein ganz großer ESC-Moment in Erinnerung bleiben.

    Dem ist nichts hinzuzufügen. Ein großartiger Moment und ohne den 2. großartigen Auftritt, dem der Conchita, hätten sie das Ding im Handstreich gewonnen.

Kommentar schreiben