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Nicole beim ECG-Clubtreffen: „Meine mehrsprachige Reprise von ‚Ein bißchen Frieden‘ war ein Geniestreich“

Sie ist die erste deutsche ESC-Siegerin und gewann 1982 als 17-jährige Abiturientin mit „Ein bißchen Frieden“ den Grand Prix d’Eurovision. In den letzten Monaten trat Nicole auch wieder häufiger im ESC-Universum in Erscheinung z.B. als Jury-Mitglied oder mit einem Auftritt beim deutschen Vorentscheid. Ein aktuelles Album „12 Punkte“ hat sie ebenfalls am Start – vollgepackt mit deutschsprachigen Versionen bekannter ESC-Titel. Nun ist Nicole als Stargast beim ECG-Clubtreffen aufgetreten und nahm sich Zeit für ein Interview.

Das Interview mit Nicole entstand vor ihrem Auftritt beim ECG-Clubtreffen mit freundlicher Unterstützung von JP/Radio International.

Herzlich willkommen beim EC Germany Clubtreffen in Köln. Wie geht es Dir? Was hat Dich eigentlich inspiriert Sängerin zu werden?

Gut geht es mir, vielen Dank. Ich wollte immer schon Sängerin werden. Bereits mit 4 Jahren stand ich das erste Mal auf der Bühne. Gesungen habe ich damals übrigens „Ein Student aus Uppsalla“ (….fängt an zu singen). Danach war ich mir sicher: ich will auf die Bühne und und ich will eines Tages ein Star sein.

Hattest du damals ein Idol?

Als ich so 14 oder 15 Jahre alt war und Gitarre spielen lernte, da sang ich viele Lieder von Joan Baez. Ich liebte ihre Stimme. Der Klang der Gitarre und ihre Lieder harmonieren perfekt.

Haben Dich Deine Eltern unterstützt Sängerin zu werden oder haben Sie Dir davon abgeraten?

Sie haben mich sehr unterstützt – und zwar die ganze Familie. Mein Vater hat mich quasi als Taxifahrer zu den Shows chauffiert und als Ingenieur in technischen Angelegenheiten geholfen  z.B. mit dem Playback.

YouTube Preview Image1981 – Nicole „Flieg nicht so hoch mein kleiner Freund“

Wie und wann trat Ralph Siegel in Dein Leben?

Meine Single „Flieg nicht so hoch mein kleiner Freund“ aus dem Jahr 1981 stammt von Robert Jung, der wiederum ein Freund von Ralph Siegel ist. Robert Jung stellte mich dann Ralph Siegel vor und Ralph war sofort begeistert von meiner Stimme und meinte: Du musst im kommenden Jahr zur Eurovision.

Wie kam es dann zu Deiner Teilnahme am deutschen Vorentscheid 1982?

Ich wollte am Vorentscheid teilnehmen, aber ich hatte 2 Lieder. Gemäß damaliger Regularien musste ich mich für einen Titel entscheiden. Zur Auswahl standen „Nur ein Lied“ von Robert Jung und „Ein bißchen Frieden“ von Ralph Siegel. Da war ich in einer Zwickmühle. Ich habe mich für die Komposition von Ralph entschieden und der Rest ist Geschichte.

ESC 1982: Ralph Siegel und Nicole

ESC 1982: Ralph Siegel und Nicole

Was passierte mit „Nur ein Lied“?

Robert Jung war natürlich nicht begeistert von meiner Wahl, aber wenn ich mich richtig erinnere, dann hat Nana Mouskouri das Lied ein Jahr später aufgenommen.

Nach Deinem Sieg in Harrogate hat Du unzählige weitere Titel aufgenommen. Welchen Song, mal abgesehen von „Ein bißchen Frieden“ magst Du am liebsten?

Das ist für mich so, als wenn Du eine Mutter fragst, wer ihr Lieblingskind ist…. (überlegt). Die Ballade „So viele Lieder sind in mir“ von Ralph Siegel liegt mir sehr am Herzen.

YouTube Preview Image1983 Nicole – So viele Lieder sind in mir

2014 kamst Du zum Eurovision Song Contest nach Kopenhagen um Ralph Siegel zu überraschen. Wie kam es dazu? Steht ihr heute noch in Kontakt.

Ja, genau. Ich wurde nach Kopenhagen eingeladen und habe „Ein bißchen Frieden“ gesungen. Ralph saß am Klavier und war vollkommen überrascht, als ich plötzlich auftauchte. Früher wie heute verehre ich Ralph Siegel sehr – und ja, wir stehen in Kontakt. Ich habe seine Mobilnummer.

Jetzt ist es an der Zeit in das Jahr 1982 zurück zu blicken. Du hast in sehr jungen Jahren den Vorentscheid in Deutschland gewonnen. Hast Du damals viel Druck verspürt?

Nein, ich war 17 und blutjung. Da war kein Druck, ich war einfach nur stolz. Es war schon immer mein großer Traum gewesen einmal mein Heimatland beim Grand Prix d’Eurovision zu vertreten.

Erinnerst Du Dich an diesen 24. April in Harrogate?

Ich weiß noch, wie ich auf die Bühne lief und mich auf den hohen Stuhl setzte. Dann stand für mich die Welt für drei Minuten still. Außerdem erinnere ich mich noch, dass es sehr viel Applaus gab.

Wie hast Du damals das Voting erlebt? Was war Dein emotionalster Moment?

Ganz klar die 12 Punkte aus Israel. Jeder kennt die deutsche Geschichte und dann kommt da ein junges Mädchen aus Deutschland und singt über Frieden. Das hat mich sehr berührt und ich bekam im selben Jahr im August auch eine Einladung nach Tel Aviv. Ich habe dort vor Soldaten mein Lied gesungen. Sie legten ihre Waffen nieder und hörten mir zu. Ich bekomme heute noch feuchte Augen, wenn ich an diesen Moment zurück denke.

Hast Du denn noch Kontakt zu anderen Teilnehmern Deines ESC Jahrgangs?

Leider nein. Ich war letztes Jahr zu einem Videodreh in Israel und da war ein Treffen mit dem Zweitplatzierten Avi Toledano („Hora“) geplant. Leider musste er kurzfristig krankheitsbedingt absagen.

2017 Nicole beim ECG Clubtreffen in Köln

Beim ECG Clubtreffen tritt ja auch Anne-Marie David auf, die nach ihrem Sieg 1973 dann sechs Jahre später nochmal beim ESC angetreten ist. Wäre ein zweiter ESC Auftritt auch für Dich eine Option?

Ich denke nein. Einen ersten Platz kann man ja nicht mehr toppen. Außerdem treten heute ja viel mehr Titel beim ESC an, da ist es noch schwieriger zu gewinnen. „Ein bißchen Frieden“ war einmalig und magisch und seine Botschaft ist heute noch aktueller denn je. Es war die Zeit des kalten Krieges und die Menschen sehnten sich einfach nach Frieden. Ich bemerke, wie heutzutage durch die vielen negativen Schlagzeilen und den Terror diese Gefühle von damals wieder zurückkehren.

Von 1982 bis heute hat sich der Song Contest sehr verändert. Wie denkst Du darüber?

Für mich sind es zu viele Teilnehmer. Dadurch dauert die Show einfach zu lange. 1982 gab es 18 Länder. Heute sind es über 40 und der Sieger steht erst nach 1 Uhr in der Früh fest. Auch vermisse ich das Live-Orchester.

2017 Nicole beim ECG Clubtreffen Köln

Nach Deinem Sieg hast Du alle überrascht, in dem Du in der Reprise Deinen Titel in vier Sprachen gesungen hast. Kam Dir die Idee damals spontan?

Es war nicht ganz spontan, aber fast. Niemand wusste davon. Da ich die letzte Startnummer hatte, spielte ich zum Zeitvertreib Karten mit meinen Betreuern. Während des Kartenspiels sang ich das Lied in den vier Sprachen so vor mich hin. Die Betreuer meinten: „Wow. Das klingt großartig. That’s a big thing“. Als ich tatsächlich gewonnen hatte und mein Lied noch einmal singen durfte, da kamen mir während der Strophe die Worte der Betreuer in den Sinn und ich schwenkte spontan zum Refrain um auf Englisch. Im Video kannst Du erkennen wie meine 2 Backgroundsänger mit der Gitarre sich in diesem Moment total überrascht anschauen, schließlich kannten sie nur den deutschen Text. Auch Ralph Siegel war völlig überrascht.

YouTube Preview Image1982 Harrogate – Nicole „Ein bißchen Frieden“ – Reprise mehrsprachig

War Ralph Siegel sauer?

Nein, auf gar keinen Fall. Das war doch ein Geniestreich von mir. Mein Siegerlied kletterte daraufhin in vielen europäischen Hitparaden auf Platz 1. Besonders stolz machte mich die Nr. 1 in England, denn ich konnte Paul McCartney und Stevie Wonder auf Platz 2 verdrängen.

In wie vielen Sprachen hast Du „Ein bißchen Frieden“ denn insgesamt aufgenommen?

In 7 Sprachen: deutsch, französisch, englisch, italienisch, spanisch, dänisch und holländisch.

Der Grand Prix Sieg ist wahrscheinlich einer der größten Momente in Deinem Leben. Gibt es irgendetwas , was dies noch toppen könnte?

Nein, solch einen Moment hast Du nur einmal im Leben. Mein Kindheitstraum wurde wahr und ich bin die erste deutsche Siegerin. Alles passte zusammen und traurigerweise brach am selben Tag der Falkland-Krieg aus und ich trat an mit einem Friedenslied.

YouTube Preview Image60th Anniversary of ESC London – Nicole „Ein bißchen Frieden“

Du bist bei der Jubliäumsshow in London anlässlich des 60. Geburtstag des ESC aufgetreten. Wie fühlte sich das für Dich an?  

Das fühlte sich groß an – wie nach Hause kommen. Ich wurde so herzlich aufgenommen.

Aktuell hast Du ein Album mit dem Titel „12 Punkte“ am Start. Es enthält deutscher Versionen von ESC Sieger-Titeln. Wie kamst Du auf die Idee und wie hast Du die Titel ausgewählt?

Von der Presse werde ich immer wieder gefragt, ob ich denn nochmal für Deutschland beim ESC antreten werde. Da ich meinen Erfolg ja nicht toppen kann, antwortete ich: ja, aber nur gemeinsam mit anderen ESC Siegern als Eurovision Allstars.

Nun ja, alle gemeinsam auf die Bühne zu bringen wird schwierig und manche großartige Sieger sind ja leider schon verstorben. Da meinte der Journalist, dass ich es eben alleine versuchen sollte. So kam mir die Idee mit den Siegertiteln.

Ausgewählt habe ich dann Lieblingssongs von mir und Publikumsfavoriten wie z.B. What’s another year, Hold me now, Fly on the wings of love oder Ding-a-Dong. Bei Insieme habe ich sogar einen besonderen Duett-Partner: Hape Kerkeling.

YouTube Preview Image2017 Nicole – Medley – ESC-Siegertitel

Was sind Deine nächsten Pläne?

Ich genieße meine Auftritte, vor allem hier in Köln. Das Publikum ist hier immer sehr ESC-affin. Da ich ja mit „12 Punkte“ gerade erst ein neues Album veröffentlicht habe, wird das nächste Album bestimmt nicht vor 2019 erscheinen.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für Deine weitere Karriere.

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7 Kommentare Kommentar schreiben

  1. flo

    01.12.2017 | 10:02

    Was wäre wohl aus Nicole geworden, wenn sie sich 1982 nicht für EbF entschieden hätte sondern für den Robert-Jung-Schlager, den sie erwähnt in dem Interview?
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    https://www.youtube.com/watch?v=gpUX1PUWSoc

  2. Ansgar

    01.12.2017 | 12:12

    #funfact

    Das von Nicole abgelehnte „Nur ein Lied“ nahm trotzdem an der Vorentscheidung 1982 teil. Nur nicht gesungen von Nicole, sondern von Melanie Sanders. Flog zwar in der Radio-Vorauswahl raus, ist aber auf Platte erschienen. Komponiert übrigens nicht von Robert Jung, sondern von Qualitätsgarant Rainer Pietsch. Robert Jung schrieb nur den Text.
    Nana Mouskouri coverte es dann 13 Jahre später.

  3. Marc

    01.12.2017 | 12:30

    @Ansgar
    Herzlichen Dank für die interessanten Zusatzinfos

  4. flo

    01.12.2017 | 12:42

    aaaah

  5. BennyBenny

    01.12.2017 | 14:01

    Ansgar, the Schlager-Brain! ;)

  6. Blueshirt

    01.12.2017 | 19:39

    Nicoles ESC-Album hört sich ganz unterhaltsam an. Aber wer hat denn bitte dieses schreckliche Cover designt? Hat man am Konzept der „12“ festgehalten – für 12 Euro in 12 Minuten erstellt? Schriften und Logo wie an einer nahezu bankrotten Eisdiele und die Sängerin in einem hässlichen schwarzen Outfit (Entschuldigung, aber ist doch so). Nicole sieht aus, als ob sie Angst hätte. Das geht doch gar nicht! Kein Pep, wirkt total spaßbefreit – schade. Bestimmt hätten Fans bessere Entwürfe vorschlagen können.

  7. flo

    03.12.2017 | 12:25

    Sie ist halt ein biederes Überbleibsel der Kohl-Ära, die sie mit ihrem Liedchen 1982 eingeläutet hatte…

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