Großbritannien

Off Air – Britische Moderatorenlegende Terry Wogan gestorben

Terry Wogan Großbritannien BBC

Eigentlich ist die Überschrift zu diesem Artikel nur zur Hälfte korrekt. Denn ursprünglich war Sir Terry Wogan ein waschechter Ire, der erst vor wenigen Jahren auch die britische Staatsangehörigkeit angenommen hatte. Heute ist er nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 77 Jahren gestorben.

Dieser Mann hat wirklich Geschichte geschrieben und im Rahmen des Eurovision Song Contests Rekorde aufgestellt, die vermutlich für die Ewigkeit sind. Zwischen 1971 und 2008 hat er sage und schreibe 37 mal für die britischen Zuhörer und Zuschauer den ESC kommentiert. 32 mal im Fernsehen und 5 mal im Radio. Außerdem hat er zwischen 1977 und 2008 insgesamt 27 Vorentscheidungen moderiert und in vielen Jahren in der BBC auch die Previewsendungen präsentiert. Da müssten die Kollegen Urban, Schöneberger & Co. noch einige Jahre dran stricken, um Sir Terry zu überflügeln.

Eine Art Krönung dieses Gesamtwerks ereilte Wogan dann 1998, als er nicht nur den Eurovision Song Contest aus Birmingham an der Seite der brillianten Ulrika Jonsson co-moderierte, sondern nach der Begrüßung der TV-Zuschauer in seine Kommentatorenbox hinauf eilte und erst zur Siegerehrung wieder auf der Bühne erschien, um Dana International die Aufwartung zu machen. Mehr geht nicht…

Terry Wogan Ulrika Jonsson Großbritannien

Dabei darf man nicht unterschlagen, dass sich Terry Wogan wahrlich nicht nur Freunde gemacht hat mit seiner langjährigen ESC-Präsenz. Insbesondere britische Fans erlitten geradezu körperliche Schmerzen, wenn er Jahr für Jahr in die Lieder hineinquatschte und sich dabei gelegentlich auch mal einen “auf die Lampe goss”, um den Abend mental irgendwie zu überstehen. Passend dazu twitterte sein Kommentatoren-Nachfolger Graham Norton heute, dass er beim nächsten ESC während des neunten Songs ein Gläschen auf ihn trinken werde.

Terry Wogan Graham Norton Großbritannien

Und bei seinen Kommentaren war er gelegentlich wirklich alles andere als zimperlich. Als Veranstaltung zeitgemäßer Musik hat er den Wettbewerb nie richtig ernst genommen und daraus auch nie einen Hehl gemacht. Er hat sich eigentlich über (fast) alles lustig gemacht – über die Moderatoren, über die Dirigenten, über die Interpreten, über die Songs – und in zunehmendem Maße auch über die Wertungen. Manchmal schlug er dabei allerdings auch ein bisschen über die Stränge. 2001 zum Beispiel musste sich die BBC nach dem Contest beim dänischen TV entschuldigen, weil Wogan das Moderatorenduo von Kopenhagen als “Die Zahnfee und Dr. Tod” bezeichnet hatte.

Dem Grunde nach aber galt sein Spott der Ernsthaftigkeit, mit der viele Nationen an dem Wettbewerb teilnahmen. Eigentlich kann man Wogan an dieser Stelle sogar als eine Art Visionär betrachten, denn schon sehr früh hat er den ESC eher als eine gesamteuropäische Unterhaltungsshow wahrgenommen denn als nachhaltigen Songwettbewerb (“As a feast of fine European music – it doesn’t exist”). Allerdings hat er damit auch prägenden Einfluss auf die Wahrnehmung des Contests als Skurrilitätenkabinett in der britischen Öffentlichkeit genommen. Das könnte zumindest erklären, warum seit Jahrzehnten niemand von Rang und Namen in der nun wirklich florierenden britischen Musikszene eine Teilnahme auch nur in Erwägung gezogen hat – mit den entsprechenden niederschmetternden Ergebnissen.

In den letzten Jahren seines europäischen Wirkens mutierte er leider zunehmend zum verbitterten und frustrierten Kommentator, der die Ergebnisse aufgrund des osteuropäischen Wertungsverhaltens für zu vorhersagbar und westeuropäische Nationen für absolut chancenlos hielt. Als letzte Konsequenz zog er sich aus diesem Grund nach dem ESC 2008 in Belgrad von seinem Posten zurück. Es ist natürlich ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet im Jahr darauf Länder aus Westeuropa die Topplätze belegten und selbst Großbritannien auf Platz 5 landete…

YouTube Preview ImageSir Terry Wogan über den ESC (2008)

Nun ist es nicht so, dass Sir Terry außer dem ESC keine Beschäftigung hatte. Ganz im Gegenteil. Seit den frühen 60er Jahren war er zunächst beim irischen Sender RTE und später in der BBC als erfolgreicher Radio- und Fernsehmoderator tätig. Seine Frühstückssendung auf BBC Radio 2, die er mit einer Unterbrechung unglaubliche 29 Jahre moderierte, hatte beispielsweise bis zu 8 Millionen Zuhörer, selbst zu Zeiten, als es bereits private Sender gab. Bis Ende November vergangenen Jahres moderierte er zudem eine wöchentliche Radio-Live-Sendung am Sonntagmittag. Dann zog ihn die Krankheit aus dem Verkehr und nur wenige Wochen später hat er nun den Kampf gegen den Krebs verloren.

Seit 2005 war Terry Wogan auch britischer Staatsbürger und wurde im gleichen Jahr von der Queen zum Ritter geschlagen. Er war so dermaßen populär, dass auch der britische Premierminister David Cameron heute Wogans Tod öffentlich betrauerte. Auch über die Grenzen seiner Länder hinaus kannte man ihn, europaweit haben heute Zeitungen und Newsportale seinen Tod vermeldet.

Schließen wir mit einem Zitat, dass Wogans Sicht auf den ESC gut zusammenfasst: “Ich liebe den Eurovision Song Contest, sonst hätte ich das gar nicht so lange durchgehalten. Er wird noch lange laufen, wenn es mich schon nicht mehr gibt. Aber verlangen Sie bitte nicht von mir, dass ich ihn ernst nehme”.

Möge der Eurovisionsgott seiner Seele gnädig sein…

Aktuell, ESC-News, Grand-Prix-Historie

10 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Patrick Schneider

    31.01.2016 | 20:54

    Das ist ein wirklich herausragend guter Artikel. RIP, du ESC-Versteher!

  2. togravus

    31.01.2016 | 22:46

    Dies ist der beste Nachruf, den ich gelesen habe.

  3. Tamara

    31.01.2016 | 22:53

    Danke für alles, Terry. Und danke für den schönen Nachruf, Jan!

  4. dade

    01.02.2016 | 10:26

    Ich mochte seinen Kommentar. Bissig, manchmal frech, aber nie gelogen, muss man halt sagen. ich habe ihn seit 2009 vermisst, jetzt erst recht… RIP

  5. Manboy

    01.02.2016 | 10:43

    Eine ESC-Legende hat uns verlassen

    Bin sehr traurig. Er hat den ESC mit seinen teilweise bissigen Kommentare sehr bereichert.
    Als meine ESC Euphorie 2003 ausbrach, hatte ich mir einige Jahre später die DVD’s der Jahrgänge seit 1980 gekauft und schnell gemerkt, dass mir seine Kommentare bisweilen besser gefielen als die Deutschen oder österreichischen. Vielleicht auch weil mir die Meinung anderer Nationen wichtig ist. Seine Stimme hatte eine schöne Klangfarbe, die man sofort erkannte. Und er hatte eine unheimliche Gäbe nie den Gewinner richtig vorherzusagen.

    Terry Wogan Goodbye!!! Danke Jan für den Bericht und das schöne Aufmacherbild.

  6. Jorge

    01.02.2016 | 11:06

    Jans Nachruf bringt es super auf den Punkt. Ein Mensch, der viele Aspekte des ESC verkörpert hatte. Er hat jede Gelegenheit genutzt, skurrile Bezüge aufzuzeigen – in dem war er mir irgendwie nah. Er ist aus dieser Sichtweise aber auch nicht mehr herausgekommen, wenn es um Qualität, moderne Genres oder kontinental-kulturell Eigenständiges ging. Ich hoffe, mit mehr Abstand hat auch er seinen Frieden damit machen können. RIP

  7. Braudel

    01.02.2016 | 14:15

    @Jan,
    ein schöner Nachruf, gerade weil er Wogan nicht nur als scharfzüngigen , mit manchmal fast Wilde’schem Humor gesegneten, Moderator präsentiert.

  8. Manboy

    01.02.2016 | 17:27

    Nur singen konnte er nicht besonders. Hier der Beweis:

    https://m.youtube.com/watch?v=T3Y4HufJ1oE

  9. Manboy

    01.02.2016 | 17:30

    Und hier kann man sehen was mit moderner Technik und Übung möglich ist:
    https://m.youtube.com/watch?list=PLqbMHBJ3Nf3B2f5QL7xuFs0RPG9H1ZfLb&v=Psuc1B2cPfc

  10. OLiver

    01.02.2016 | 17:31

    Ich fand es herrlich, wie er damals auf seinen “Wardrobe Malfunction” Skandal und die Beschwerden mancher BBC-Zuschauer reagiert hat:
    http://www.dailymail.co.uk/news/article-487777/Tight-trousered-Terrys-wardrobe-malfunction-sparks-BBC-complaints.html

Kommentar schreiben