Ukraine

Rund um Kiew (1) – Auf dem Wege nach Odessa

Fast drei Wochen sind nun schon wieder vergangen seit dem ESC-Finale in Kiew. Zeit für eine kleine Serie, in der wir euch teilhaben lassen wollen an unseren Erlebnissen innerhalb und außerhalb der ESC-Bubble in der ukrainischen Hauptstadt. Wir beginnen die Serie heute mit einem Abstecher ans Schwarze Meer.

Erinnert Ihr Euch noch, dass im vergangenen Sommer eine Entscheidung zwischen der ukrainischen Hauptstadt Kiew und Odessa am Schwarzen Meer als ESC-Gastgeberstadt 2017 so auf des Messers Schneide stand, dass die Spannung mit bloßen Händen greifbar war? Grund genug, uns die Hafenstadt am Schwarzen Meer einmal näher anzuschauen. DJ Ohrmeister und ich waren bereits 2012 als Blogger-Vorhut nach Aserbaidschan gereist. Auch in diesem Jahr machten wir den Anfang und flogen vor unserem Kiew-Abenteuer zunächst in den Süden der Ukraine, um zu schauen, was der ESC-Gemeinde zumindest für dieses Jahr entgangen war.

Die Ankunft am späten Abend war schon eine Angelegenheit für sich. Wir wurden in das neue Flughafenterminal geschleust, in dem sich tatsächlich nur ein einziges Kofferband befand! Zudem war die Vorhalle – leer. Kein Geschäft, keine Information – gar nichts! Dafür aber diverse Taxifahrer auf der Suche nach Kundschaft. Der von uns auserwählte erzählte uns auf der Fahrt zu unserem Hotel von seiner Bewunderung für Deutschland – da klappe ja immer alles reibungslos und den Deutschen gehe es so hervorragend. Ukraine dagegen – Katastroffff!! Nur korrupte Politiker – durch die Bank weg. Selbst die im Westen halbwegs anerkannte Yulia Timoschenko kam nicht gut weg und wurde von ihm mit einer sehr engagierten Handbewegung als „Lady Zappzarapp“ tituliert. In ein Restaurant, das er unterwegs mit „Many, many beautiful Lady“ anpries, wollten wir (ausnahmsweise…) partout nicht, wir wollten nur noch schlafen.

In den nächsten zwei Tagen erkundeten wir die Stadt zu Fuß. Das Wetter war uns glücklicherweise halbwegs gewogen. Odessa ist im Moment noch eine Stadt voller Widersprüche. Einerseits heruntergekommene Häuser oder auch gleich ganze Ruinen, ist man doch offenbar bemüht, eine Menge zu tun. Baustellen prägen derzeit das Stadtbild. Straßen, Häuser, Parks – alles wird auf Vordermann gebracht. Man hätte auf die Idee kommen können, die Stadt werde für den ESC flottgemacht. Natürlich ist vieles noch nicht fertig, aber in fünf bis zehn Jahren wird man vermutlich sehen, wieviel Geld in die Stadt geflossen ist und wie aus einer etwas heruntergekommenen Hafenstadt ein modernes Seebad geworden ist.

Bestes Beispiel ist die an der Promenade Primorsky liegende „Potemkinsche Treppe“. Diese wirklich mondäne Prachttreppe, die die Oberstadt mit der Wasserlinie verbindet, wurde in den Zwanziger-Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt durch den Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“. Legendär ist die Szene, in der die Bevölkerung Odessas auf der Treppe gemeuchelt wird.

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Die Treppe bedurfte offenbar einer rigorosen Sanierung. Dass dies nun ausgerechnet in diesem Frühjahr passieren musste, war unser Pech – aber man konnte sie immerhin noch sehen. Die völlig desolaten Parkanlagen links und rechts davon werden derzeit übrigens auf Vordermann gebracht, mit Hilfe finanzieller Mittel aus der Türkei und Griechenland, wie den Baustellenschildern zu entnehmen war…

Der Primorsky-Boulevard ist übrigens eine recht lange Fußgänger-Flaniermeile von penibler Sauberkeit – alle drei Meter steht ein Papierkorb und viele emsige Händchen sammeln alles vom Boden auf, was dort nicht hingehört. Überhaupt ist Odessa eine sehr saubere Stadt. Die Mülleimerdichte ist schon bemerkenswert. Also nicht alles „Katastroff“ in der Ukraine! Am Abend lässt man dann die an den Bäumen angebrachten Lichterketten leuchten.

Eines unserer Hauptziele war aber natürlich das Stadion von Tschernomoretz Odessa, in dem die Stadt den ESC 2017 austragen wollte. Das Stadion liegt eingebettet inmitten einer riesigen Grünanlage und thront hoch oben auf einem Hügel über dem Schwarzen Meer. Die Entwicklung während des Vergabeprozesses im letzten Jahr lässt vermuten, dass das ukrainische Fernsehen sich für diese Location entscheiden wollte. Eine Pressekonferenz, um angeblich Odessa als Sieger zu verkünden, wurde dann ja aber wieder abgesagt – angeblich nach heftigen Protesten aus der Hauptstadt.

Hier ist soviel Platz um das Stadion herum, dass man wirklich einen ESC der kurzen Wege hätte haben können, Euroclub und Eurovillage inklusive.  Nun ja, es hat nicht sollen sein. Vielleicht ja beim nächsten Mal, wenn die Ukraine den ESC austragen darf.

Unterhalb des Stadions liegt der Strand von Odessa. Im Sommer ist hier, in den Hotels und an der Promenade die Hölle los – insbesondere feierwütige Russen bestimmen dann die Szenerie. Jetzt Ende April war es dann doch übersichtlich – off season eben. Eigentlich viel angenehmer!

Ein weiteres Highlight einer Sightseeing-Tour ist natürlich die im Stile des Klassizismus gebaute Oper aus dem Jahre 1809. Und dort konnten wir weiteren ESC-Bezug feststellen. Nicht nur, dass die diesjährige griechische ESC-Vertreterin Demy die Videos zu ihren drei Vorentscheidungssongs hier drehte. Auch Il Volo, die vor zwei Jahren kurz davor waren, den ESC-Titel nach Italien zu holen, werden hier noch ein Konzert geben, für das während einer anderen Veranstaltung bereits fleißig geworben wurde.

Hier stand Demy… das Griechenherz in Ohrmeisters Brust hüpft!

Und in einem Café neben der Oper ging es dann weiter. Bei Kaffee und Kuchen schweifte mein Blick über die Bilder an der Wand und ich dachte, ich sehe nicht richtig – dort hing ein beschriebenes Notenblatt mit der Unterschrift von Ralph Maria Siegel – Vater von ESC-Dino Ralph Siegel und selbst einmal ESC-Komponist (Telefon, Telefon 1957)! Sachen gibt’s! Warum immer das dort auch hing, der ESC ist eben überall gegenwärtig…

Wer mal eine Reise in diese Stadt plant, sollte das unbedingt in die Tat umsetzen. Eine sehr interessante Stadt, die in den kommenden Jahren wohl noch um einiges an Attraktivität hinzugewinnen wird. Hier noch ein paar weitere kurze Impressionen aus der Stadt:

She is everywhere…

Frauen, die nachts auf Pferden durch die Straßen reiten und Werbezettel verteilen…

Am kommenden Montag geht es weiter. Marc und BennyBenny werden dann ihre Eindrücke aus dem Golden Circle im Fanbereich während der ESC-Shows schildern. Stay tuned!

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6 Kommentare Kommentar schreiben

  1. melodifestivalenfan

    02.06.2017 | 05:56

    @Jan
    Ich bitte dich um ein bisschen mehr historische Genauigkeit, sonst wird dieser Teil des Beitrages zur schlichten Lüge. Der Film „Panzerkreuzer Potemkin“ ist ein sowjetisches, propagandistisches Auftragswerk von 1925 an Sergej Eisenstein, der auf die Ursachen von Volksaufständen bezugnehmend, durch zahlreiche revolutionäre Montagetechniken in die Filmgeschichte einging. Dieses Massaker auf der Potemkinschen Treppe hat in Wirklichkeit aber nie stattgefunden, das ist tatsächlich nur künstlerische Freiheit.
    Historisch ist das Geschehen aber in das Jahr 1905 einzuordnen, nach dem russisch-japanischen Krieg. Da gab es noch gar keine sowjetische Armee, die da die Bevölkerung gemeuchelt hat, wie du schreibst.
    In dem Film war es die zaristische Soldateska des kaiserlichen Russlands, in der die Ukraine selbstverständlicher Bestandteil war.
    Mich ärgern solche Ungenauigkeiten, weil gerade in Zusammenhang mit den heutigen Ereignissen in der Ukraine so viel Unwahres berichtet wird.

  2. melodifestivalenfan

    02.06.2017 | 05:58

    Trotzdem, ich mag eure Reiseberichte sehr. 😎

  3. Jan

    02.06.2017 | 06:33

    @ melodifestivalenfan

    Diese Zusammenhänge sind mir in der Tat nicht bewusst gewesen. Ich habe den entsprechenden Passus „entschärft“. Danke für den Hinweis.

  4. Matty

    02.06.2017 | 10:15

    Helene Fischer auf einem ukrainischen Werbeplakat – wie geil ist das?

  5. Ansgar

    07.06.2017 | 12:13

    Ein ESC 2017 in Odessa wäre so perfekt gewesen…

  6. Patrick Schneider

    07.06.2017 | 14:59

    Ich war 2011 schonmal in Odessa, damals fuhr AIDA noch im Schwarzen Meer herum. Eine wirklich sehenswerte Stadt, die dennoch ein Kulturschock sein kann, wenn etwa zwei junge Männer mit Kalaschnikov im Anschlag einfach so wie der Normalbürger ein Café in der Innenstadt betreten.

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