Ukraine

Rund um Kiew (12) – DJs in Not: Und sie wollen doch nur spielen…


Man könnte manchmal meinen, ESC-Musik sei ansteckend. Nicht im positiven (Party-)Sinne, sondern als übertrage sie irgendwelche unangenehmen Krankheiten. Nur sehr widerwillig scheinen jahraus, jahrein manche lokale EuroClub-Verantwortliche Musik aus dem Contest selbst laufen lassen zu wollen. Hinter den Kulissen finden dann häufig in real-time schwierige Gespräche statt, damit die Partycrowd das Programm bekommt, was sie erwartet. Und die PRINZ-Blog-DJs müssen dann immer wieder selbst mit ran, den Karren aus dem Dreck zu ziehen…

„Wir können Euch hier diese sechs Slots anbieten“, murmelt ein offensichtlich schlecht gelaunter, smartphone-fixierter junger Mann mit ukrainischem Akzent im Englischen. Nennen wir ihn Jewgeni – seinen richtigen Namen habe ich nach meiner Rückkehr aus Kiew wieder schnell verdrängt. „Für die ganzen zwei Wochen? Wir haben mit Euch wochenlang einen Plan erarbeitet, welcher DJ an welchem Abend auflegen soll, und jetzt wird fast alles einfach so gekippt?“ Erik aus der Führungsriege des OGAE International muss sich ganz schön zusammenreißen.

Da sitzen wir also am Eröffnungsabend des EuroClub irgendwo in einem Seitenbereich des Gebäudes in einer Couchecke und versuchen, mit den Verantwortlichen des EuroClub in Kiew das wieder gradezubiegen, was sie uns soeben so mir nichts dir nichts über den Haufen geworfen haben – der Niederländer Erik und Laufey aus Island (beide gewählte Boardmitglieder des Fanclub-Netzwerks OGAE) und ich, DJ Ohrmeister, der am heutigen Abend eigentlich auf dem Programm steht. Uns gegenüber sitzen Jewgeni und Natascha (auch ihren Namen weiß ich nicht mehr), Youngsters ohne für uns klar ersichtlichen Verantwortungsbereich, starren nur auf ihre iPhones, raunen sich irgendwelche Dinge auf Ukrainisch zu und beachten uns kaum. Zwischendurch kommt noch jemand hinzu, dessen Aufgabe wir hier beim ESC-Rahmenprogramm auch nicht kennen. Prima Verhandlungsatmosphäre.

Noch sind wir optimistisch….

Oder doch nicht….?

Hallo! Erde an EuroClub! Haaaallo….! Ist da jemand?

Der vor Wochen erstellte Plan mit (in diesem Jahr sieben) OGAE-DJs, die im Wechsel mit Live-Programm für die Disco-Blöcke zuständig sein sollen, scheint die lokalen Vertreter nicht zu interessieren. Den zweiten Abend haben sie unter der Hand sowieso der Website Oikotimes versprochen, und am dritten Abend soll eine DJane aus Kiew eingesetzt werden – der Ohrmeister wird einfach wieder gestrichen. So kommt es dann auch, dass die glücklose Kollegin am übernächsten Abend mit stundenlanger monotoner Umptata-Musik den Dancefloor konstant leer hält, was einige der Fans zu einem EuroClub-Sitzstreik animiert (habe ich so auch noch nie erlebt), bevor alle Anwesenden auf einmal nach Hause gehen.

Sitzstreik genervter OGAE-Mitglieder

Doch Kiew ist da kein Einzelfall. In Moskau 2009 hatte man uns direkt vom ersten Tag gesagt, dass der zuvor per Mail vereinbarte Zeitplan komplett gestrichen sei, und wir in den 10 Tagen gar nicht gebraucht würden – da hatten wir kurzerhand einen eigenen kleinen EuroClub im Restaurantbereich des damaligen EuroFanCafé eingerichtet. In Baku hatten drei Minuten armenischer Aprikosen-Musik dazu geführt, dass die DJs auf einmal unerwünscht waren und wir uns den Rest der Zeit anderweitig vergnügten – und eine eigene OGAE-Party in der Nacht vorm Finale auf die Beine stellten. Selbst in Kopenhagen wurden unsere Spielzeiten an manchen Abenden massiv zusammengestrichen – zugunsten von A-capella-Musik nachts um drei oder den immergleichen Tanzperformances einer einschlägigen Fangruppe aus Israel.

Immerhin fruchtete unsere Hartnäckigkeit hinter den Kulissen in Kiew insoweit, dass ab dem Red-Carpet-Wochenende die Einsatzblöcke der ESC-DJs weitgehend erfüllt werden konnten, auch wenn hier und da mal ein paar Stunden kurzfristig wegfielen. Was aber ganz verständlich und erwartbar ist, wenn man spontane Live-Auftritte möglich machen will und auch das eher lockere Zeitgefühl der Ukrainer mit einrechnet. Muss ja auch nicht alles immer skandinavisch-deutsch getaktet sein. Hauptsache, alle haben Spaß!

Apropos Spaß. Den hatten alle – bis auf die Security-Angestellten. Da hatte man oft das Gefühl, ihnen sei das bunte Treiben um sie herum nicht wirklich geheuer. Was wohl nicht so sehr an der Musik lag (die übrigens auch den Go-Go-Tänzern zuweilen etwas Kopfzerbrechen bereitete), sondern eher am statistisch etwas überproportionalen regenbogenfarbenen Publikum. Und so hörten wir denn auch von Volunteers, die der Landessprache mächtig waren, dass da auch mal ganz schön krasse Sprüche zwischen den Sicherheitsleuten gefallen sein müssen. Es war manchmal schon gruselig, in die grimmigen Gesichter der Securitys zu blicken, die an den breiten Säulen mit den ESC-Logos lehnten. Und das ausgerechnet unter den riesigen „CELEBRATE DIVERSITY“– Schriftzügen…

Dazu kam noch, dass sie ihre Aufgabe besonders ernst nahmen, und die (DJ-)Bühne vollkommen absicherten, was manchmal zu rabiatem Gezerre führte, wenn ein Fan sich uns näherte, um sich den nächsten Partysong zu wünschen (ähnlich wie in Baku übrigens!). Wie am Abend, als DJ Douze Points und ich für das Programm nach dem Juryfinale eingeteilt waren, irgendein Verantwortlicher uns aber bereits gegen Mitternacht mitteilte, dass um drei für uns Schluss sei. Dann würde wieder ein (nicht-ESC-affiner) Landsmann die turntables übernehmen. Britney und Guetta in der Nacht vorm Finale im EuroClub? Au Backe…

Natürlich waren weder Jewgeni noch Natascha noch sonstwer aufzutreiben mitten in dem Gewühl (nicht mal über ihre mit ihnen verwachsenen iPhones), und so sahen wir nur den Ausweg einer – zugegeben etwas dreisten – List. Wir würden die Übergabe von DouzePoints an mich zeitlich etwas vorziehen, und dann würden wir es drauf ankommen lassen zu sehen, wie sie den ESC-Partyblock ohne großen Aufruhr beenden wollten.

Während der EuroClub nach einem fulminanten DJ-Set von Douze Points bereits fast am Siedepunkt angelangt war, tippte man mir Punkt drei Uhr auf die Schulter, der dritte DJ sei jetzt da. Ich drehte mich um, bedankte mich artig und verwies auf die schriftliche Bestätigung unseres heutigen PRINZ-Doppel-DJ-Sets. Drehte mich wieder der Crowd zu und warf „Occidentali’s Karma“ ein. „Augen zu und durch, hoffentlich gibt’s jetzt keinen Ärger“, dachte ich so bei mir. Doch nichts von alledem – ich sah zwar noch, wie ein paar Meter hinter mir neben der Bühne wild gestikuliert wurde, doch nach wenigen Minuten zog man ab und ließ mich gewähren. So retteten wir auch die vorletzte Nacht im Club noch sicher ins Ziel.

Ja, es ist tatsächlich manchmal etwas stressig, als OGAEler mitzuhelfen, dass das Programm im EuroClub nicht vollkommen in die falsche Richtung läuft. Und natürlich sind wir nur ein Teil des Programms und nicht hauptverantwortlich. Eine gute Mischung aus Live-Programm von aktuellen ESC-Teilnehmern und lokalen ESC-affinen Acts – die durchaus auch eigenes Repertoire spielen sollten – und ESC-Mucke aus der Konserve ist da wohl die ideale Lösung. Aber jedes Jahr sind natürlich andere Leute vor Ort zuständig, und jeder bringt da so seine eigenen Vorstellungen mit für ein gelungenes internationales Festivalprogramm. Schade ist es nur, wenn es den Leuten, mit denen man dort zu tun hat, ganz offensichtlich vollkommen egal ist, was da läuft. Übrigens auch völlig egal, ob es nur einen Ausschank für Bier gibt und überhaupt keine Garderobe. Und viel andere Kleinigkeiten mehr, die den EuroClub zu einem echten Erfolg machen würden.

In Sachen Musikprogramm und DJ-Orga habe ich Wien und Stockholm als am unkompliziertesten empfunden – auch wenn ich 2015 stundenlang hinter einer Wand stehend hätte spielen sollen. Aber auch das haben wir damals gemeinsam gelöst. In diesem Sinne – auf ein Neues in 2018 in Portugal! Mit etwas weniger Backstage-Diskussionen und dafür mehr friedlichem Karma. Ommmmmmm!

Wir freuen uns auf Portugal. Und auf weniger Stress hinter den Kulissen…

 

 

Vorschau: In der nächsten Folge berichtet Salman von „Stadtführungen mit Olga“. Ich frage mich – wer ist bloß diese ominöse Person?

Bisher in „Rund um Kiew“ erschienen:
(1) Auf dem Wege nach Odessa (Jan)
(2) Im Golden Circle und in der Fan Zone (Marc und BennyBenny)
(3) Network ESC, Teil 1 (diverse Blogger)
(4) Deutsche Delegation Deluxe (BennyBenny)
(5) Die Transen im Lift (Douze Points)
(6) Hetzjagd durch die Hauptstadt (OLiver und Peter)
(7) Überleben zu kleinen Preisen in Kiew (Tjabe)
(8) Die Qual der Wahl im Bloggerleben (Salman)
(9) Reise nach Tschernobyl (OLiver)
(10) Network ESC, Teil 2 (diverse Blogger)
(11) Hinter den Kulissen der PRINZ-Blog-Social-Media (BennyBenny)

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