Ukraine

Rund um Kiew (16) – Gedenkstätte im Regen

Die israelische ESC-Delegation hat in Kiew nicht nur geprobt, sondern zwischendurch auch nördlich der Innenstadt Babyn Jar besucht, die Gedenkstätte für die im Zweiten Weltkrieg dort von den Deutschen ermordeten Juden. Matthias hat am verregneten Finalvormittag dem Gelände mit seinen berührenden Mahnmalen einen Besuch abgestattet.

Wer einmal „Alles ist erleuchtet“, den Roman von Jonathan Safran Foer, gelesen hat, der weiß ganz grob, was die deutschen Nationalsozialisten vor rund 75 Jahren in der Ukraine angerichtet haben. Judenverfolgung, Deportationen und Massentötungen gab es auch dort. Und darum wird auch dort ähnlich wie in Polen der vielen Menschen gedacht, die von den Nazis ermordet wurden.

Das zentrale Mahnmal dazu in Kiew heißt Babyn Jar (Бабин Яр). Das schlimmste Massaker aus jener Zeit geschah am 29./30. September 1941, als SS-Einheiten 33.771 Juden zusammentrieben und dort erschossen, wo heute die Gedenkstätte liegt. Die Juden wurden mit der Behauptung dorthin getrieben, sie würden umgesiedelt – tatsächlich wurden sie dort gezwungen, sich in Reihen aufzustellen, dann wurden sie niedergeschossen. Es gilt als das größte Einzelmassaker, das deutsche Einheiten während des Zweiten Weltkriegs an Juden begingen (zehn Tage zuvor hatte die Wehrmacht Kiew erobert). Auch später wurden dort weiter Menschen ermordet, darunter auch nichtjüdische Ukrainer, Roma, Kriegsgefangene, ukrainische Nationalisten. Die Rede ist von bis zu 200.000 Menschen. 

Babyn Jar, zu deutsch „Frauenschlucht“, ist eigentlich ein kleines Tal und liegt nur wenige Metrostationen vom Zentrum Kiews entfernt, nördlich der Innenstadt – das erschreckt einen erst recht. Ich beschließe, am Samstag, dem ESC-Finaltag, mir die Gedenkstätte anzuschauen. Das miese Wetter passt zum Ort. Mitte der Woche ist es (nach über einer Woche Sommer in Kiew) merklich kühler und unbeständiger geworden, was wir schon bei unserem Tagestrip nach Tschernobyl merken (hier OLivers Bericht). An jenem Samstagvormittag regnet es in Kiew.

Als ich von unserer Blogger-Wohnung am Chreschtschatyk aufbreche, ist es bewölkt und man ahnt, dass es wohl gleich nieseln könnte. Als ich an der Metrostation Dorohoschytschi aussteige und vor die Station trete, nieselt es schon deutlich. Die Metrostation liegt an einer recht großen Kreuzung, und dort steht eine Tafel, auf der die Karte der gesamten Gedenkstätte mit den Mahnmälern abgebildet ist. Eine recht große Fläche.

Ich ziehe mir meine Kapuze über den Kopf und gehe los. Das Gedenken verteilt sich auf beide Seiten der Straße, und das hat historische Gründe, die in der Geschichte der Sowjetunion liegen. Lange leugnete auch die sowjetische Führung die Ermordung der Juden, unter Stalin wurden sie in der Sowjetunion ebenfalls verfolgt, später ignorierte man ihr Schicksal. Es gab Pläne, über der „Frauenschlucht“ ein Sportstadion zu errichten, später wurde dort ein Damm errichtet und Wasser aufgestaut. Erst im Sommer 1976, fünfunddreißig Jahre nach dem Massaker, wurde ein Denkmal errichtet, aber lediglich zum Gedenken der gefallenen „sowjetischen Bürger und für die von den deutschen Faschisten erschossenen Kriegsgefangenen, Soldaten und Offiziere der Sowjetischen Armee“ – dass die große Mehrzahl Juden war, wurde nicht erwähnt. Erst 1991, also nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wurde in deren Gedenken ein zweites Denkmal errichtet. Es befindet sich auf der anderen Straßenseite. Der später errichtete Teil ist heute der größere des Komplexes – auf der Karte oben das Gelände nördlich der Straße.

Ich bin ganz allein, bei dem Wetter läuft außer mir wohl kaum jemand freiwillig länger als nötig durch die Gegend. Als erstes betrete ich den Bereich des Mahnmals von 1976. Man geht ein wenig durch ein parkähnliches Gelände, das erst mal gar nicht den Anschein erweckt, eine Gedenkstätte zu sein – bis man plötzlich vor einem riesigen Monument steht, eine Art Menschentraube, die sich über ein kleines Tal erhebt.

Das große Denkmal mit den ineinander verschlungenen Körpern wirkt bedrückend. Es hat teils die Wuchtigkeit sowjetischer Riesendenkmäler, doch zugleich wirkt er beklemmend. Was natürlich auch daran liegt, dass man weiß, wofür es hier steht. Ich wische ein paar Tropfen von meinem Smartphone-Display und mache Fotos.

Man kann um das Mahnmal herumgehen und dann die schräg nach oben auf das eigentliche Denkmal zulaufende Fläche betreten, wo am Ende drei Gedenktafeln an das Massaker erinnern, darunter mittlerweile auch eine auf Hebräisch.

Ich laufe den Rundgang durch den kleinen Park, überquere die Straße und bin dann im Hauptteil von Babyn Jar. Das erste, was einem dort begegnet, ist ein Mahnmal zum Gedenken der dort getöteten Kinder. Beim Massaker Ende September 1941 wurden Babys lebendig in die Schlucht geworfen, Mütter mit Kindern zusammen erschossen. Zu den Opfern zählten vor allem Frauen und Kinder.

Das Denkmal ist noch relativ jung, es stammt von 2001. Erst sieht man vor allem das stehende Kind, mit ausdruckslosem Gesicht. Daneben eine Harlekin-Puppe, die den Kopf hängen lässt. Hinter dem Mädchen sitzt wohl noch eine Figur, die die Arme in die Luft reckt. Erst beim Herumgehen um das Denkmal wird man mit dem Schockierenden konfrontiert:

Es handelt sich offenbar um eine Puppe, deren Kopf vom Rumpf fast abgetrennt wurde. Sinnbild für eine zerstörte Kindheit.

Das Mahnmal steht am Anfang einer langen, schnurgeraden und mit Pappeln gesäumten Allee, der sogenannten Allee der Märtyrer. Es ist irgendwie bedrückend, diesen Weg schweigend entlang zu gehen mit dem Wissen, was hier vor 75 Jahren geschehen ist.

Wendet man sich am Ende der Allee nach rechts, stößt man nach wenigen Metern auf ein Denkmal in Form eines Schindelwagens (Vardo), wie ihn die Roma benutzten. Ein Mahnmal in Gedenken an die von den Nazis ermordeten Roma in Babyn Jar. In die Kette an der Wagenseite sind Blumen gesteckt. Der Wagen muss ziemlich neu sein, denn im englischen Wikipedia-Eintrag zu den Babyn-Jar-Mahnmalen ist bis heute nur von dem Plan die Rede, ein solches Mahnmal zu errichten.

Vom Vardo führt der Weg weiter zum Menora-Denkmal, dem eigentlichen Mahnmal für die in Babyn Jar ermordeten Juden. Ein großer siebenarmiger Leuchter (Menora) aus Bronze, der genau am 29. September 1991 hier errichtet wurde, 50 Jahre nach dem Massaker.

Es ist der zentrale Ort des Gedenkens der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Besucher in Kiew. Auch die israelische Eurovision-Delegation ist gekommen und hat Blumen niedergelegt, in den Landesfarben weiß und blau.

Inzwischen ist der Regen stärker geworden, ich komme mir trotz meiner Regenjacke langsam durchnässt vor. Außerdem bläst ein kalter Wind durchs Gelände, und meine Jacke ist recht dünn. Zwar gäbe es auf dem Gelände noch weitere Mahnmale zu sehen, etwa ein Holzkreuz in Gedenken an die von den Nazis getöteten ukrainischen Nationalisten, darunter die Schriftstellerin Olena Teliha, die im Februar 1942 mit ihrem Ehemann in Babyn Jar erschossen wurde. Ein weiteres Kreuz erinnert an zwei ukrainische orthodoxe Christen, die im November 1941 wegen „antideutscher Agitation“ hingerichtet wurden. Und schließlich wurde für die Opfer der Schlammlawine vom März 1961 ein Mahnmal errichtet (damals brach nach schweren Regenfällen der oben erwähnte Damm, 145 Menschen kamen ums Leben). Unweit des Menora-Denkmals stehen auch einige jüdische Grabsteine des früheren jüdischen Friedhofs.

Doch ich beschließe, meine Runde über das Gelände abzukürzen. Vom Menora-Denkmal führt ein weiterer schnurgerader Weg (die „Straße des Kummers“) Richtung Süden wieder zur Querstraße, die mich zurück zur Metrostation führt. Jetzt will ich nur noch zurück ins Warme, und mein Körper sehnt sich nach einem heißen Kaffee. Aber es hat sich gelohnt, die nur kurze U-Bahn-Fahrt hierher zu machen und der schrecklichen Gräueltaten zu gedenken, die hier vor nur 75 Jahren geschahen. Nur wenige Stunden später sitze ich im ESC-Pressezentrum und erlebe eine große Show, die die Menschen in Europa verbindet. Es ist gut zu wissen, dass es das gibt. Dass ich als Deutscher über den ESC befreundete israelische ESC-Fans kenne. Eine Generation nach Babyn Jar.

 

Vorschau: In der nächsten Folge berichtet Douze Points vom Umherirren backstage auf der Suche nach Peter Urban. Und das Ganze live on air!

Bisher in „Rund um Kiew“ erschienen:
(1) Auf dem Wege nach Odessa (Jan)
(2) Im Golden Circle und in der Fan Zone (Marc und BennyBenny)
(3) Network ESC, Teil 1 (diverse Blogger)
(4) Deutsche Delegation Deluxe (BennyBenny)
(5) Die Transen im Lift (Douze Points)
(6) Hetzjagd durch die Hauptstadt (OLiver und Peter)
(7) Überleben zu kleinen Preisen in Kiew (Tjabe)
(8) Die Qual der Wahl im Bloggerleben (Salman)
(9) Reise nach Tschernobyl (OLiver)
(10) Network ESC, Teil 2 (diverse Blogger)
(11) Hinter den Kulissen der PRINZ-Blog-Social-Media (BennyBenny)
(12) DJ’s in Not: Und sie wollen doch nur spielen (DJ Ohrmeister)
(13) Stadtführungen mit Olga (Salman)
(14) Wenn Fanmedien Fanmedien interviewen (OLiver)
(15) Moldovan Eurovision Party (Marc)

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