Deutschland

Rund um Kiew (20): Die ESC-Bubble aus dem Blickwinkel unseres Fotografen

Wie denkt Volli, der absolut kein Fan von ESC-Musik ist, nach sieben Jahren Vor-Ort-Support der Blogger über die ESC-Bubble und ihre Bewohner? Mit dem Interview unseres treuen Fotografen schließen wir die Serie „Rund um Kiew“ ab.

PrinzBlog: Fast zwei Wochen Kiew – was hat Dich persönlich am meisten beeindruckt?

Volli: Beeindruckend fand ich die unglaubliche Gastfreundschaft der Ukrainer, die Herzlichkeit, die einem als Besucher entgegengebracht wurde. Ich habe eine sehr positive, fast eine Aufbruchstimmung in der Stadt wahrgenommen. Was für mich persönlich auch immer wichtig ist, dass das Kulinarische stimmt. Wie gut wir essen konnten, fand ich überraschend, die neue Generation der Ostküche hat mich begeistert.


Wie waren die Arbeitsbedingungen vor Ort?

Volli: Unsere Blogger-WG lag perfekt im Zentrum direkt am Maidan, besser ging’s nicht. Wir waren eigentlich immer da, wo etwas los war. Mit der Metro und mit UBER, das ich zum ersten Mal genutzt habe, konnten wir uns prima in der Stadt bewegen (bis auf das eine Mal). In der Halle war für mich alles in Ordnung. Diesmal war alles etwas kleiner skaliert als etwa in Kopenhagen. Es gab aber WLAN in der Halle, was sonst eher selten und sehr von Vorteil ist. Dann müssen die Bilder nämlich nicht mit USB-Sticks von der Halle zum Bloggertisch transportiert werden, sondern ich kann sie noch in der Halle direkt in unser System einspeisen. Eine Steckdose zum Aufladen des Rechners konnte ich auch nutzen, weil ich mich mit den Technikern arrangiert hatte. Steckdosen in der Halle für Fotografen gab es sonst, soweit ich mich erinnern kann, nur in Düsseldorf.

Was hat Dich persönlich musikalisch am meisten begeistert?

Volli: Ich kenne oftmals außer dem deutschen Beitrag keinen einzigen Beitrag, wenn ich zum ESC mit den Bloggern anreise. Diesmal war das anders, ich hatte einiges schon mal gehört, wenn auch nicht richtig bewusst, weil ich ja erstmals auf den Preview-Konzerten in Amsterdam und in London fotografiert hatte. Privat höre ich eigentlich querbeet alles außer ESC. Wirklich gut finde ich eigentlich nur ein paar ältere Songs aus den 60ern und in diesem Jahr allenfalls Portugal und Norwegen. Am ehesten gefallen mir beim ESC noch Songs mit Folkloreelementen, die dann in der Regel im Semifinale ausscheiden. Mit dem typischen ESC-Lied kann ich gar nichts anfangen.

Volli in London bei Eurovision in Concert mit Martina Bárta.

Du bist also kein ESC-Fan. Wie blickst Du auf die ESC Bubble und ihre Bewohner?

Volli: 2011 in Düsseldorf bei meinem ersten ESC war es wirklich ein Schock, eine Grenzerfahrung. Ich war ja damals ja noch ganz allein zum Fotografieren da, und das Team war noch viel kleiner. Es waren mehr Proben und alles kam mir viel langwieriger vor. Ich hatte praktisch gar keine Verschnaufpausen und war ständig unter Strom. Mittlerweile ist der Probenplan ja gestrafft worden, was mir entgegenkommt und ich teile mir mit Peter die Fototermine auf. Proben und Pressekonferenzen finden ja zeitgleich statt. Die Blogger sind auch viel professioneller in der Planung der Probenwochen geworden. Der Begriff Bubble trift es gut, weil dort ein eingeschworener Kreis anzutreffen ist, gewissermaßen ein Special Interest Biotop. Aber nach mittlerweile sieben Jahren kenne ich natürlich viele Leute, es tauchen ja immer wieder die gleichen in der Bubble auf.

Volli mit BennyBenny (links) und Tjabe (rechts)

Viele Blogger vor Ort sind keine gelernten Journalisten, daher handwerklich auch unterschiedlich professionell in ihrer Arbeit. Wie ist das bei den Fotografen?

Volli: Es gibt da zwei Gruppen – einmal die Fanjournalisten, die mehr Fan als Journalist sind und Bilder machen. Sie sind meistens von ihrer Ausstattung und auch ihrem Verhalten schnell als Amateure identifiziert, etwa weil sie ein Dreibein-Stativ aufbauen und damit wahnsinnig viel Platz belegen, zwischendurch das Handy herauskramen und es hochhalten, um zu filmen, mitten in die Linse eines anderen Fotografen. So was kommt eigentlich ständig vor. Ich nehme mir mittlerweile immer einen Tritt mit, damit ich über die Köpfe fotografieren kann, falls die erste Reihe besetzt ist. Die andere Gruppe sind die Pool- und Agenturfotografen, die genau wissen wie es läuft und wie man sich bei einem solchen Event professionell verhält. Die kommen aber immer erst am Ende zu den letzten Proben.

Wie ist das Verhältnis der Fotografen untereinander, gibt es Hauen und Stechen um die besten Plätze?

Volli: Ja, das ist schon ein gewisses Gerangel in der Halle, aber man kennt sich ja nun. Da arrangiert man sich, es ist auch recht freundschaftlich-kollegial, man leiht sich schon  auch mal Material aus und unterstützt einander. Wenn ich der EBU einen Vorschlag machen dürfte, würde ich getrennte Bereiche für Fotografen und Videoflmer einrichten, das wäre dann für alle einfacher. Beim Red Carpet wollte die EBU übrigens, dass alle die Künstler vor einer Wand fotografieren, dann haben natürlich auch alle am Ende fast die gleichen Bilder. Das hat uns nicht gefallen, daher haben wir die Künstler bereits auf dem Weg dorthin für Bilder animiert. Das ist eigentlich gegen die Vorgaben, hat aber ganz gut geklappt.

Du hast Kiew auch für eigene Projekte genutzt, welche besonderen Fotomotive bot Dir der Aufenthalt?

Volli: Ich mache mir schon im Vorfeld Gedanken, was am Ort des ESCs für mich von Interesse ist. Hier war mir klar, dass ich unbedingt Tschernobyl und die Villa des vertriebenen Oligarchen Janukovich ansehen wollte. In Baku sind wir ja auch mal in die Outskits gefahren (und wurden dann von der Polizei abtransportiert und verhört). Tschernobyl war sehr ergiebig, die Villa jedoch nicht, weil wir leider nicht hinein konnten. Ansonsten ist es eher ein Schauen und Finden in der Stadt. Ich habe aus den ESC-Erfahrungen und meinen Bildern auch schon eigenständige Projekte umgesetzt, etwa den Bildband „Der grosse Preis“. In meiner Sammlung zu verschiedenen Reisen „Wo waren Sie, Herr Renner?“ sind auch einige Bilder aus den ESC-Stationen der letzten Jahre abgebildet. Mit Tschernobyl kann ich mir durchaus etwas Ähnliches vorstellen, aber da habe ich noch keinen konkreten Plan.

Vor der Tour: Volli mit Jan und OLiver

Zeigst Du uns einige Deiner Bilder aus Kiew, die außerhalb der ESC Bubbe entstanden sind?

Volli: Aber gern.


Dankeschön, was machst Du eigentlich konkret in Deinem Berufsleben?

Volli: Ich bin selbstständig, fotografiere für eigene Kunstprojekte und habe ansonsten Jobs als Auftragsfotograf. Da bin ich nicht spezalisiert, mache aber in erster Linie Reportagen über Hotels, Restaurants und Weingüter. Im Prinzip bin ich da meist im Bereich Genuss, Leben & Wohnen unterwegs. Ich fotografiere aber auch gern mal Hochzeiten.

Du bist auch Teilzeit-Model und warst in einem Musikvideo zu sehen?

Volli: Das Modeln passiert eher so nebenbei, nur ein paar Mal im Jahr. Ein Freund von mir ein Video für Madeline Juno gedreht. Da war ich mit im Team, aber nicht im Video. Wir haben gemeinsam ein intensives Wochenende im einem Ferienhaus verbracht. Das war vor Ihrem Auftritt im deutschen Vorentscheid 2014. Vermutlich sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich im Tchibo-Werbespot mit Helene Fischer einmal als Fake-Kamermann im Bild bin, allerdings nicht wirklich erkennbar. Ansonsten war das letzte, was ich gemacht habe, für wirkaufendeinauto.de. Da sitze ich mit meiner Fake-Familie im Auto und fahre durch Berlin.

YouTube Preview ImageArbeiten mit Helene – welcher Schattenmann ist Volli?

Inwieweit hat Dich der ESC bereichert?

Volli: Ich habe schon eine Entwicklung durchgemacht und bin über die Jahre hinweg näher an den ESC herangerückt, auch wenn das immer noch nicht meine Musik ist. Aber ich verstehe die Fans und die Mechanismen hinter den Kulissen des ESCs und des Blogs jetzt viel besser. Der Job vor Ort kann total anstrengend sein, das gilt natürlich auch für die Blogger. An manchen Tagen werden Hunderte von Whatsapps auf unserem internen Kommunikationskanal ausgetauscht und da muss ich schon genau schauen, ob dort konkrete Anweisungen für mich drin stehen oder zum Beispiel nur ein bestimmtes Kleid diskutiert wurde (grinst). Der Job macht mir aber natürlich auch sehr viel Spaß!

Vielen Dank lieber Volli, bis zum nächsten Mal in Lissabon!

 

Damit endet unsere Serie. In „Rund um Kiew“ erschienen:

(1) Auf dem Wege nach Odessa (Jan)
(2) Im Golden Circle und in der Fan Zone (Marc und BennyBenny)
(3) Network ESC, Teil 1 (diverse Blogger)
(4) Deutsche Delegation Deluxe (BennyBenny)
(5) Die Transen im Lift (Douze Points)
(6) Hetzjagd durch die Hauptstadt (OLiver und Peter)
(7) Überleben zu kleinen Preisen in Kiew (Tjabe)
(8) Die Qual der Wahl im Bloggerleben (Salman)
(9) Reise nach Tschernobyl (OLiver)
(10) Network ESC, Teil 2 (diverse Blogger)
(11) Hinter den Kulissen der PRINZ-Blog-Social-Media (BennyBenny)
(12) DJ’s in Not: Und sie wollen doch nur spielen (DJ Ohrmeister)
(13) Stadtführungen mit Olga (Salman)
(14) Wenn Fanmedien Fanmedien interviewen (OLiver)
(15) Moldovan Eurovision Party (Marc)
(16) Gedenkstätte im Regen (Matthias)
(17) Facebook-Live-Irrlauf zu Peter Urban (Douze Points)
(18) Unsere schönsten Momente, Teil 1 (diverse Blogger)
(19) Unsere schönsten Momente, Teil 2 (diverse Blogger)

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