Ukraine

Rund um Kiew (5) – Die Transen im Lift

Der Auftrag war klar: Für stern.de sollte ich ein kurzes Video über die Situation von LGBT-Personen in der Ukraine produzieren. Mein Rechercheansatz im angesagten Kiewer Homo-Club war durchaus schlüssig. Zwar lernte ich so gefühlt alle Transen der Ukraine kennen. Ergiebig war er letztlich aber doch nicht.

Wie in den Vorjahren habe ich in Kiew für stern.de gearbeitet. Das mache ich mit einem festen Redakteur zusammen: Jens. Eine vorab geäußerte Wunschthematik der Redaktion war die Situation der LGBT-Community in der Ukraine, der ich mich widmen sollte. Dafür könnte man ja womöglich auch in einem entsprechenden Nightclub drehen. Nicht nur, aber auch deshalb machen sich Jens und ich gleich an unserem ersten Tag in Kiew noch abends auf den Weg in den Club Lift.

Von Co-Blogger Salman, der dort bereits gefeiert hatte, war ich darauf vorbereitet, dass der Zugang von der offiziellen Adresse aus nicht einfach zu finden sein würde. So irrten wir dann auch nachts um 1 um den Block, fanden letztlich eine offene Tür, wo zwei Wachmänner saßen, die uns mit dem Fahrstuhl in die vierte Etage schickten. Dort gab es eine weitere Kontrolle – und schon waren wir drin.

Der Club Lift – auf dem Foto oben am 7. Mai morgens um 4:10 Uhr – befindet sich in der vierten Etage des Hochhauses. Der Eingang erfolgt über das orange-farbene Haus. Auf der anderen Straßenseite gibt es ein Altbau-Ensemble (unten). 


Da es der Donnerstag in der ersten Woche war, war nur ein Teil des Clubs geöffnet. Etwa 30 Leute waren in dem quadratischen Raum versammelt, saßen an Tischen, redeten, rauchten und tranken. Der DJ spielte poppige Hits internationaler und post-sowjetischer Provenienz. Die Bar lieferte Drinks. Keine Auffälligkeiten. Bis um 2 eine Transe die Bühne betrat. Im blauen Kleid und mit einer Kette, die offenbar dem ESC-Logo nachempfunden war. Der Karaoke-Abend war eröffnet!


Neben Karaoke-Klassikern wie „It’s my life“ von Bon Jovi gab es jede Menge russisch-sprachige Titel zum Hören und zum Mitsingen. Aufgrund meiner rudimentären Russisch-Kenntnisse schloss ich dies messerscharf aus den Texten unter den Karaoke-Videos. Erstaunlich oft wurden Lieder von einer ESC-Künstlerin aufgrufen: Svetlana Loboda. Aber auch andere ESC-Veteranen wurden immer wieder gespielt – allerdings nicht mit ihren entsprechenden Wettbewerbsbeiträgen.

Titel 11884: „Revoljuzia“ von Svetlana Loboda
Titel 10024: „Postoj muschtschina“von Svetlana Loboda
Titel 10651: „Besotwetno“ von Walerij Meladse und Anastasia Prichodko

Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die moderierende Transe auch uns ansprach und um einen Gesangsbeitrag bat. So kamen wir ins Gespräch. Ich ergriff natürlich meine Chance und thematisierte das geplante LGBT-Stück. Um mit der Transe im Nachgang Kontakt aufnehmen zu können, befreundete ich mit ihr auf Facebook: Zhu Zhu. Gesungen haben wir übrigens nicht.

Recherche vor Ort

Am Sonntagabend waren wir wieder im Lift zur Stelle, das diesmal mit allen Bars und beiden Dancefloors geöffnet war. Quasi als erste fiel uns Zhu Zhu um den Hals. In einen der Räume begann zu späterer Stunde eine Transenshow mit uns unbekannten Interpretinnen (Aufmacherfoto).

ESC-Videos auch von weniger erfolgreichen Beiträgen liefen immer wieder ohne Ton auf den verschiedenen Monitoren im Lift.

An der Bar im Eingangsbereich kamen wir dann ins Gespräch mit der nächsten Transe. Man muss dazu sagen, dass Transen die Ausnahme unter den Gästen waren und wir auch eigentlich keine besondere Vorliebe für sie haben. Aber manchmal fügt es sich halt – gerade auch wenn man über sie noch berichten will. Die jetzige Transe hatte ihre Managerin mit dabei, die deutlich besser Englisch sprach als sie selbst.

Und das, was die Managerin erzählte, hatte es in sich: Monritta Chatschatyrjan – kurz: Diva Monroe – ist die bekannteste Transe der Ukraine. Seit 17 Jahren ist sie als diese Kunstfigur aktiv und im gesamten Land bekannt. Mein Einwand, dass Verka Serduchka doch bekannter sein müsse, wurde abgeschmettert, schließlich sei das ein heterosexueller Mann bzw. Comedian und Verka nur eine seiner Figuren. Wir verabredeten uns für den nächsten Abend zu einem Interview.

Pünktlich um 19 Uhr waren Jens und ich im Hotel Ukraina am Maidan (das Foto entstand nach dem Interview als es bereits stockdunkel war). Monroe und ihre Entourage ließen auf sich warten. Schickmachen war angesagt, schließlich wollten sie anschließend zur Israel-Party in den Euroclub. Ich hatte vielmehr noch das Prinz-Blogger-Dinner auf der Uhr. Mit divenmäßiger Verspätung begannen wir unser Interview in einem Saal in der ersten Etage des Hotels.

Leider war Monroes Englisch noch begrenzter als gedacht, ihre Ausführungen auf Russisch dafür umso umfangreicher. Wir erfuhren so viel Spannendes über sie und die Situation der LGBT-Community in der Ukraine. Ein kurzes, informatives Video konnte aus diesem Material aber bis heute nicht sinnvoll und in Bezug auf die russische Übersetzung korrekt zusammengeschnitten werden. Dennoch war der Recherche-Ansatz nicht umsonst – schließlich kenne ich jetzt alle wichtigen Transen der Ukraine!

 

In der nächsten Folge berichten OLiver und Peter von einem Blogger-Drama am Sonntag direkt vor dem Red Carpet.

Bisher in „Rund um Kiew“ erschienen:
(1): Auf dem Weg nach Odessa (Jan)
(2): Im Golden Circle und in der Fan Zone (Marc und BennyBenny)
(3): Network ESC, Teil 1 (diverse Blogger)
(4): Deutsche Delegation Deluxe (BennyBenny)

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4 Kommentare Kommentar schreiben

  1. melodifestivalenfan

    15.06.2017 | 13:28

    Und was haben wir hier von der Situation der LGBTIQ*I*- Community (und welche Buchstaben man da heutzutage noch dranbaumelt) erfahren? So ziemlich gar nichts, ausser dass die Transen auch der Ukraine, wie überall auf der Welt, „zahlreich“ vertreten sind und sich gern in den Vordergrund schieben. Repräsentativ ist das für das schwule Lebensgefühl in der Ukraine aber nicht. Dabei weiß man doch, wie homophob die Gesellschaft da ist. Auch wenn die Gesetze europäisiert wurden, ist das Schwulsein da geprägt von Angst um die eigene Unversehrtheit.

  2. Douze Points

    15.06.2017 | 16:22

    @melodifestivalen: Wir haben aus dem Interviewtermin zumindest ein paar Zitate von Kate (Katja), das ist die junge Frau mit den pinkfarbenen Haaren auf dem Foto oben, in einen Artikel einbauen können.
    http://www.stern.de/kultur/musik/eurovision-song-contest–esc-fans-haben-keine-lust-auf-kiew-7445232.html
    Ich möchte aber darauf hinweisen, dass ich beruflich in Kiew war, um von dort über den ESC zu berichten und nicht über die LGBT-Community. Wenn dieser kurze Artikel über die Transen im Lift Dein Interesse an der Thematik geweckt hat, freue ich mich zum einen und empfehle diverse andere Seiten im Netz. Außerdem stelle ich gern den Kontakt zu den Personen auf den Fotos sowie zum Vorstand von Kyiv Pride her, mit dem ich ebenfalls im Austausch war.
    Übrigens läuft gerade die Pride Week in Kiew: http://kyivpride.org/en/

  3. melodifestivalenfan

    15.06.2017 | 21:09

    @DP
    Danke für die Links. Natürlich warst du in erster Linie des ESC wegen in Kiew, nur wenn du schon über die Community in der Ukraine hier berichtest, sollte der Einblick schon etwas differenzierter sein. Aber mit deinem Kommentar zusammen passt das ja. ☺

  4. Matty

    16.06.2017 | 22:26

    Hier könnt Ihr testen, welcher ESC-Fan-Kategorie Ihr angehören könntet:

    http://www.eurovision.de/news/Test-Welcher-ESC-Fantyp-bist-du,escfantypquiz100.html

    Viel Spaß!

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