Niederlande

Sandra Reemer im Interview: „Die Musikkarriere raubte mir meine Kindheit und Jugend“

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Die charismatische Sängerin und Moderatorin Sandra Reemer vertrat die Niederlande insgesamt drei Mal beim ESC. 1972 in Edinburgh belegte sie als Sandra & Andres zusammen mit Dries Holten und dem Schlager „Als het om de fiefde“ den 4. Platz. Als Sandra Reemer belegte sie in den Haag 1976 mit „The Party is over“ den 9. Platz und 1979 reichte es als Xandra in Jerusalem mit dem Song „Coloroado“ zu Platz 12. Beim Eurovision Weekend begeisterte sie das Berliner Publikum mit vielen ESC Evergreens. Vor dem Konzert traf sie sich mit den PrinzBloggern Marc und DouzePoints zum Interview.

PrinzBlog: Hallo Sandra, herzlich willkommen in Berlin.

Sandra Reemer: Dankeschön. Mir gefällt Dein T-Shirt. Was steht denn da drauf?

PrinzBlog: Da geht es um die Grunge-Ära. Ich ziehe es gerne an, weil ich damit schöne Erinnerungen an meine Schulzeit verbinde. „Smells like Teen Spirit“ und „Come as you are“ höre ich heute noch gerne.

Sandra Reemer: Ja, Kurt Cobain prägte eine ganze Generation. Er schrieb großartige Lyrics. Aber er lebte auch in seinem ganz eigenen Universum und das machte es mir schwer ihm zu folgen. Er hatte einige Ups & Downs zu meistern – mit einem traurigen Ende.

2016 Eurovision Weekend - Sandra Reemer4_Marc

PrinzBlog: Hast Du Dich in Deiner langen Musikkarriere auch schon mal in Deinem eigenen Universum verloren?

Sandra Reemer: Gute Frage. Wenn Du dreimal am Song Contest teilnimmst und auf der immer auf der Erfolgswelle schwimmst, dann merkst Du das gar nicht. Wenn ich aber heute auf meine Karriere zurück blicke, dann muss ich zugeben, ich habe damals in einer Bubble (Blase) gelebt.

PrinzBlog: Erzähle uns von Deiner Bubble.

Sandra Reemer: Das Musikbusiness ist wie ein Spiel und ich habe zu 1000% mitgespielt. Ich war wie gefangen in dieser Blase und habe dadurch mein inneres Gleichgewicht verloren.

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PrinzBlog: Hast Du gegengesteuert? Wie hast Du Deine innere Balance wiedergefunden?

Sandra Reemer: Das war eine sehr schmerzhafte Erfahrung und ich habe 10 Jahre dafür benötigt. Zuerst musste ich alle Höhen und Tiefen durchleben, die eine Musikkarriere so mit sich bringt. Und glaube mir, die „Downs“ können einen Menschen sehr frustrieren und große Schmerzen verursachen.  Ich habe mir vorgenommen, alleine dagegen zu kämpfen und habe angefangen Selbsthilfe-Bücher zu lesen und habe mich so nach und nach besser kennengelernt. Das war eine große Herausforderung und ich musste mir Fragen stellen, die unangenehm sind.

PrinzBlog: Hast Du Dir auch professionelle Hilfe geholt?

Sandra Reemer: Erst viel später habe ich mir auch Coaches genommen. Rückblickend muss ich sagen, diese Unterstützung hätte ich mir vielleicht gleich holen sollen, dann hätte ich den Prozess der Selbstfindung sicher einige Jahre schneller vollzogen. Aber heute weiss ich, dass ich diese Tiefs wichtig waren um mich besser kennenzulernen. Heute kann ich deshalb viel besser mit Tiefschlägen umgehen und habe aus Fehlern gelernt.

Eurovision Weekend Berlin 2016 Sandra Reemer live

PrinzBlog: Kann Dich heute nichts mehr umhauen?

Sandra Reemer: Ich fühle mich heute wirklich stark mit der Lebenserfahrung, die ich sammeln durfte. Ich glaube, so schnell haut mich kein Tief mehr um.

PrinzBlog: Möchtest Du Deine Erfahrungen nicht vielleicht an jüngere Menschen z.B im Showbiz weitergeben? Oder hast Du Dir mal überlegt ein Buch zu schreiben?

Sandra Reemer: Ja, gerne sogar. Ich habe vor ein paar Jahren tatsächlich schon Vorträge zu diesem Thema gehalten. Das war in Holland nicht ganz einfach, denn ich wollte wirklich helfen. Und wenn Du den Leuten bei der inneren Balance helfen möchtest, dann musst Du Dinge zu Ihnen sagen, die überhaupt nicht angenehm sind und die Sie vielleicht gar nicht hören wollen.

Eurovision Weekend Berlin 2016 Sandra Reemer and the crowd

PrinzBlog: Du hast auch eine ganze Zeit lang nicht mehr gesungen.

Sandra Reemer: Ja, das stimmt. Über 5 Jahre lang. Aber gerade auch bei diesen Vorträgen haben die Leute immer gefragt: „Frau Reemer. Wieso singen sie nicht mehr? Wie würden Sie so gerne wieder singen hören“. Da habe ich gemerkt, meine Aufgabe ist es den Leuten zu helfen UND zu singen. Damit mache ich die Leute glücklich und mich selbst auch.

PrinzBlog: Deshalb sind wir auch heute hier in Berlin und wir freuen uns schon auf Deine drei ESC Hits. Und vielleicht überraschst Du uns ja auch mit einem deutschen Song – Du hattest ja einige Auftritte in der ZDF Hitparade.

Sandra Reemer: Ja, das singen macht mir auch wirklich wieder Spaß. Lasst euch überraschen. Ich habe euch viel ESC Musik mitgebracht.

YouTube Preview ImageESC 1972: Sandra & Andres – Was soll ich tun? (Deutsche Version aus ZDF Hitparade)

YouTube Preview ImageESC 1976: Sandra Reemer – The party’s over

YouTube Preview ImageESC 1979: Xandra – Colorado

PrinzBlog: Rückblickend auf Dein Leben, welche Ereignisse haben Dich besonders geprägt?

Sandra Reemer: Ich kam schon mit 11 Jahren ins Musikbusiness. Das raubte mir Teile meiner Kindheit und meine gesamte Jugend. Das habe damals natürlich nicht realisiert. Außerdem schaffte ich es immer wieder, mit Kollegen in Kontakt zu kommen, die nicht gut für mich waren. Ich zog sie fast magisch an. Ich war jahrelang ein richtiger Dickkopf und wollte mir auch von Niemandem etwas sagen lassen und dachte, ich weiss alles und kann alles. Das hielt an bis ich ungefähr 40 Jahre alt war, unglaublich, oder?

2016 Eurovision Weekend - Sandra Reemer3

PrinzBlog: Wie sortierst Du Deine drei ESC Teilnahmen in Dein Leben ein?

Sandra Reemer: Wir haben jetzt viel über negative Dinge geredet, aber meine 3 ESC Songs und die Teilnahmen gehören definitiv zu den guten Entscheidungen, die ich getroffen habe. Außerdem habe ich die Welt bereist und gesehen. Das kann mir niemand mehr nehmen. Ich habe sogar in Japan und Malaysia gesungen und zum Teil kennen mich die Leute dort heute noch. Es ist verrückt, von wo überall aus der Welt ich manchmal noch Fanpost erhalte.

Eurovision Weekend Berlin 2016 EWB Sandra Reemer

PrinzBlog: Du bist doch auch in Indonesien geboren.

Sandra Reemer: Ja, Indonesien war damals eine holländische Kolonie. Mein Großvater mütterlicherseits kam aus Holland und war blond und blauäugig und verliebte sich in eine Japanerin. Mein Großvater väterlichseits verliebte sich in eine Chinesin. Ihr seht, ich bin ein richtiger Mix aus verschiedenen Kulturen.

PrinzBlog: Hast Du auch in Indonesien gelebt?

Sandra Reemer: Ja, aber wir hatten einen holländischen Pass. Deshalb waren wir bei der einheimischen Bevölkerung und beim indonesischen Präsidenten auch nicht gut angesehen. Da waren wir die ungeliebten Kolonialherren – und das ist noch untertrieben. Wir waren die Feinde der Einheimischen und mussten fliehen. Ich war damals gerade 7 Jahre alt.

Laura Pinski mit Sandra Reemer, Zoë und Ester Hart

Laura Pinski mit Sandra Reemer, Zoë und Ester Hart

PrinzBlog: Wie ging es weiter?

Sandra Reemer: Wir sind dann nach Holland geflohen, was für mich frustrierend war. Denn auch dort wurden wir schräg angeschaut. Wir waren dunkelhäutig und kamen aus Indonesien. Auch als Kind spürst Du das, wenn Du „anders“ bist  oder nicht willkommen bist.

PrinzBlog: Wie hast Du es in Holland so schnell ins Rampenlicht geschafft?

Sandra Reemer: Zuerst hatte ich als Kind 2 Jahre lang schreckliches Heimweh nach Indonesien. Um mich aufzuheitern, durfte ich mir zu meinem 10. Geburtstag etwas wünschen. Ich entschied mich für eine Gitarre. Da meine Eltern arm waren, hat mein Vater mir eine Gitarre selbst gebastelt. Ich fing an zu singen und nahm an ersten Talentwettbewerben in der Nachbarschaft teil und wurde entdeckt – mit 11 Jahren. Der Rest ist Geschichte …

PrinzBlog: Liebe Sandra, vielen Dank für diese spannende Reise durch Dein Leben. Wir wünschen Dir viel Freude bei Deinem Auftritt vor dem Berliner ESC Publikum. Alles Gute für Dich.

Social Media: Website von Sandra Reemer

Eurovision Weekend Berlin 2016 EWB Sandra Reemer

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1 Kommentar Kommentar schreiben

  1. Matty

    25.08.2016 | 08:35

    Sandra hat sich kaum verändert und ist immer noch eine attraktive Frau!

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