Stockholm Pride hatte wieder zur “Eurovision Nite” geladen – und die Erwartungen hochgesetzt (“best ever”). Leider wurden sie nicht ganz erfüllt: Wo blieben Teilnehmer des Song Contests 2011? (Wir zeigen aber ganz ausführlich mit vielen Fotos, wer da war – es gab sogar etwas Deutschsprachiges zu hören…)
In diesem Jahr hatte man – nach der verregneten Schlammschlacht im vorigen Jahr – das Pride-Gelände in die Stockholmer Innenstadt verlegt und es zentral am Kungsträdgården in der Nähe zu Oper und Grand Hotel angesiedelt sowie erstmals frei zugänglich gemacht, ganz ohne Eintritt. So strömten am späten Donnerstagnachmittag Tausende aufs Gelände, um ab 18 Uhr den ”Schlagerkvällen” (Schlagerabend), wie die Veranstaltung auch liebevoll genannt wird, zu genießen. Unter anderem waren Jenny Silver (“Something in your eyes”, oben rechts neben Sanna Nielsen) und Finnland-Schwedin Arja Saijonmaa (Foto unten) vorab angekündigt gewesen – man durfte gespannt sein, wer sonst noch kommen würde.
Vor allem vom diesjährigen Eurovision Song Contest. Die Erwartungen waren geweckt – und schließlich waren in den vergangenen Jahren auch immer aktuelle ESC-Vertreter aufgetreten. Allen voran die Sieger, 2007 etwa Marija Serifovic oder voriges Jahr Lena.
Auch in diesem Jahr war das Line-Up des Schlagerpride durchaus überzeugend, aber bisweilen doch ein wenig uninspiriert: Die vermutlich jedes Jahr auftretenden Siw Malmkvist/Towa Carson/Ann-Louise Hanson sangen mal wieder ihre alten Schlager (“Svenska flicka”, “Zum, zum, zum, lilla sommarbi”), Siw zudem ihren Beitrag zum Melodifestivalen 1988, “Det är kärlek”. Dabei schwenkte sie Erich-Böhme-gleich ihre Brille mit der rechten Hand am linken Brillenbügel.
Später sangen die drei gemeinsam noch ihren 2004-er-Hit “C’est la vie”, bei dem das Publikum auch ziemlich mitging. (“Det är kärlek” wollte die versammelte Meute gleich nochmal hören. Anders in früheren Jahren schallte “En gång till”, “Noch einmal”, aber viel seltener durchs Rund.)
Auch sonst sah man alte Bekannte: Kikki Danielsson gab sich wieder die Ehre, in pinkfarbenen Leggings mit passender Federboa und manchen Textlücken. “God morgon” (Melodifestivalen 1981) musste sie fast komplett vom Zettel ablesen, “Bra vibrationer” vom Eurovision Song Contest 1985 in Göteborg hat die Gute aber noch ganz gut intus.

Ohnehin waren schwedische Künstler deutlich in der Überzahl – keine große Überraschung, aber wohl doch noch mit einem höheren Prozentanteil als bei früheren “Schlagerkväller”. Dabei gab es neben bekannten Gesichtern wie eben Kikki oder Arja – von uns liebevoll “Arja Samowar” genannt (“Vad du än trodde så trodde du fel”) - auch manche Überraschung.
Evan etwa, alias Pontus Hagberg, der 2006 mit “Under your spell” beim Melodifestivalen angetreten war. Er singt zwar immer noch ein wenig wie Kermit der Frosch, sieht aber immer noch blendend aus:
Vor allem aber boten die Veranstalter ein paar (bei den schwedischen Mello-Fans bis heute unvergessene) Stars früherer Jahre auf, die ich bis dato nicht einmal kannte. Kerstin Dahlberg etwa, die 1983 der damals jungen Carola (“Främling”) unterlegen war. Kerstin sang im Original-Kostüm von 1983 ihr Lied “Här är min sång till dig” – neu für mich, aber ganz annehmbar.
Annehmbarer jedenfalls als der gruselige Pontus Platin, der sein 1979er-MF-Lied “Nattens sång” zum Besten gab. Er wirkte auf uns wie aus einem bizarren David-Lynch-Movie entstiegen…
Ebenfalls schon etwas länger her ist der Melodifestivalen-Auftritt von Fredrik Willstrand: 1986 sang er dort “Fem i tolv” und nun sang er es auf der Bühne im “Kungsan”, wie die Stockholmer das Gelände zwischen Oper und Hamngatan kurz nennen. Nett, aber nicht wirklich großartig bejubelt.
Ebenfalls nur etwas bessere Lückenfüller waren Elysion (“Golden Star”, MF 2006, 1. Bild unten) und Thomas Lewing (“Tjuvarnas natt”, MF 1984, 2. Bild). Etwas mehr Applaus bekamen dafür Sara Löfgren, die wieder ihre tätowierten Arme zeigte (“Som stormen, MF 2004), und Mathias Holmgren (“Långt bortom tid och rum”, MF 2005).
Was allerdings erfreute, war die Begleitung: Ein richtiges kleines Orchester hatten die Veranstalter aufgefahren, mit Streichern, Blechbläsern, E-Gitarrist, Keyboarder, Schlagzeuger und mit Anders Berglund als Dirigent. Der sollte ESC-Fans bekannt sein, schließlich hat er 14 Mal beim Song Contest für Schweden dirigiert, u.a. beim Sieg von Carola 1991.
Abgesehen von den drei älteren “Damen vom Grill” sowie Kikki (und, mit leichten Abstrichen, Lotta Engberg – Foto) konnte man den Eindruck gewinnen: je weniger Zeit seit dem MF-Auftritt vergangen, desto mehr Applaus.
Belege für die These gefällig? Ganz einfach: großer Jubel für die von mir zärtlich “Samba-Tonne” betitelte Anna Book (MF 2007), die später nochmal wieder kam und dann noch ihren 1986er-Hit “ABC” präsentierte.
Oder die bereits vor wenigen Tagen hier auf dem PRINZ-Blog erwähnte Molly(g) Sandén, die ihre kitschige Ballade von 2009, “Så vill stjärnorna”, sang.
Die mehrfach auftretende Pernilla Wahlgren (optisch war die Riesenschleife – an die Holländerin Maribelle, 1984, erinnernd – nicht ganz der Dernier Cri) sang leider nicht ihren Hit von 2010, “Jag vill om du vågar”. Darüber hätte ich mich mehr gefreut, doch auch “Piccadilly Circus” und “Tvillingsjäl” entschädigten.

Sehr schön auch, dass der Moderator des Abends, der Schauspieler Björn Kjellman, ganz offensichtlich seinen Spaß hatte und sich als extrem textsicher in Sachen ESC erwies. Immer wieder sang er zwischendurch ESC-Songs an, passend etwa zur Nationalität des nachfolgenden Künstlers. Selbst schwierigere finnische Lieder stellten keine Hürde dar… Und natürlich sang Kjellman am Abend auch sein eigenes Melodifestivalen-Lied “Älskar du livet” von 2006.
Erwartet wurde dazu ohnehin schon vorab der eine oder andere Act des diesjährigen Mello-Line-Ups. Entsprechend bejubelt wurde etwa “Mr. Gay Sweden 2010″, Simon Forsberg, der seine Liebesschnulze von 2011, “Tid att andas”, vortrug.
Gewaltigen Applaus ernteten auch Shirley’s Angels mit ihrem Popknaller “I thought it was forever”. Wie beim MF 2011 wirbelten vor allem Vera Prada und Jessica Marberger wieder ihre langen Mähnen, während Shirley Clamp ihre Röhre zum Vibrieren brachte.
Später am Abend kam Shirley Clamp solo nochmal wieder und sang gemeinsam mit dem Publikum ihren Hit “Min kärlek” von 2004 – nachdem sie der verdutzten Zuschauerschaft ganz offenherzig ihre nun mit “Vera” und “Jessica” beschrifteten… ähm…. ihr beschriftetes Dekolleté präsentiert hatte. (Ganz offenherzig eben doch nicht…)

Nicht fehlen durfte natürlich die im MF-Finale schmerzlich vermisste Jenny Silver, die umjubelt ihre ABBA-Kopie Nummer “Something in your eyes” präsentierte.
Gespannt war man den ganzen Abend über zudem, ob Lars-Åke Wilhelmsson alias Babsan kommen würde. Schließlich hatte das Boulevardblatt “Aftonbladet” just am Tag der Veranstaltung geschrieben, Babsan habe dem Pridefestival den Rücken gekehrt, weil sie am Vortag ein wenig unsanft von einem Security-Bediensteten behandelt worden sei. Das Blatt zitierte Babsan mit den Worten: “Die können ihre Scheiß-Schwulenwoche alleine feiern.” Zugleich aber hielt sich die Dame mit dem violetten Haarschopf das Hintertürchen offen, sie komme höchstens, wenn sich die Pride-Organisatoren öffentlich entschuldigen würden. Ob das passiert ist – keine Ahnung. Aber natürlich betrat am Abend Babsan die Bühne und sang ihren MF-2011-Titel “Ge mig en spanjor”. Diiiiiiiiiiiva!
Definitiv eines der Highlights des Abends war allerdings Schlagerprinzessin Sanna Nielsen, die zunächst im Mello-Dress von 2011 “I’m in love” sang. Großer Jubel! Später kam sie wieder und rührte im schwarzen Kleidchen sicherlich nicht nur mich mit “Empty room” wieder einmal zu Tränen.

Neben den vielen Schweden durften aber auch ein paar ausländische Gäste nicht fehlen. Schmerzlich vermisst wurden allerdings die ganz großen Namen, insbesondere aus diesem Jahr. Norwegen war zwar vertreten, aber eben nicht von Stella Mwangi, sondern “nur” von Velvet Inc. (“Tricky”) Die vier Damen waren 2009 beim norwegischen Vorentscheid Alexander Rybak unterlegen.
Aus Dänemark waren nicht etwa A Friend In London angereist, sondern Bryan Rice, Vorentscheidungs-Zweiter von 2010. Allerdings war es nett, sein “Breathing” noch einmal zu hören.
Den langen Abend (man begann um 18 Uhr und damit schon eine halbe Stunde früher als angekündigt) eröffneten allerdings D’Nash. Die spanische Boyband sang zunächst eine spanische Version von “Amanda” – die Thomas-G:son-Nummer war im Melodifestivalen 2007 von Jimmy Jansson gesungen worden. Später kehrten Basti, Mikel und Javi nochmal auf die Bühne zurück, schließlich fehlte D’Nashs ESC-Beitrag von 2007, “I love you mi vida”, noch.

Die beiden größten Überraschungen des Abends waren aber mit Sicherheit zwei alte ESC-Teilnehmer, die im Jahr 1989 in Lausanne gegeneinander angetreten waren: zum einen die inzwischen zur Fast-Mittdreißigerin gereifte Nathalie Pâque, die damals elfjährig für Frankreich “J’ai volé la vie” sang. Jetzt also mit 34 in Stockholm. Zum anderen der mittlerweile glatzköpfige Österreicher Thomas Forstner (hinter mir fragten sich schwedische Besucher, was denn mit der einstigen blonden Mähne passiert ist…). Toll, zwischendurch sogar etwas Deutsches auf der Bühne zu hören. Forstner sang natürlich nur “Ein Lied” von 1989, über seinen 0-Punkte-Flop “Venedig im Regen” deckte er den Mantel des Schweigens (wir danken!).

Daumen runter hieß es – zumindest aus unserer Sicht – hingegen beim Auftritt von Kate Ryan. Die Belgierin sang, mit der Sonnenbrille offenbar die probende Dana International (“Puck die Stubenfliege”) nachahmend, zunächst eine eher schreckliche Remix-Version ihren ESC-Songs “Je t’adore” und brach dann noch das ungeschriebene Schlagerkväll-Gesetz, keine Reklame für die aktuelle Single zu machen – sie sang noch einen Hit, dessen Titel ich erfolgreich verdrängt habe (zwischendrin stimmte sie sogar 10 Sekunden lang Madonnas “Like a prayer” an…) Man war froh, als es vorbei war.
Freude herrschte hingegen bei den PRINZ-Blog-Vertretern, als Moderator Björn Kjellman zunächst “Making your mind up” anstimmte und somit einleitete zu einem britischen Act – und was für einem: Schnuckel Josh Dubovie war da! Viel Applaus gab’s natürlich für “That sounds good to me”, danach wechselte Josh die Musikrichtung und gab noch ein Stück aus dem Musical “Beauty and the Beast” zum Besten. Ein gelungener Auftritt!

Dann gab’s auch noch was aus der polnischen Vorentscheidung – allerdings denn doch eine Art Heimspiel. Man Meadow kommen schließlich aus Schweden, waren aber nie beim Mello (von Christer Björkman stets abgewiesen??!?) Die beiden G:son-Nummern der polnischen VEs 2008 und 2009, “Viva la musica” und “Love is gonna get you”, hätten aber perfekt in jedes Mello gepasst. Klar, dass das schwedische (und großteils schwule) Publikum im “Kungsan” begeistert war.

Je später aber der Abend wurde, desto mehr wuchsen nicht nur bei mir die Erwartungen – und dann auch die Enttäuschungen. Kjellman sang einen norwegischen ESC-Titel an – und es kam eben nicht Stella, sondern Velvet Inc. Zwischendurch schlich sich Lotta Engberg nochmal auf die Bühne und sang “Juliette och Jonathan” (schön, aber man wartete so langsam auf richtige Knaller…)
Der Blick auf die Uhr verriet, es ging langsam auf 23 Uhr zu. Wo blieben nur die Highlights? Etwa Schwedens ESC-Drittplatzierter Eric Saade? Oder noch mancher Düsseldorfer Act – Getter Jaani vielleicht, oder Paradise Oskar, oder Kati Wolf? Nicht mal Daria Kinzer? Nun gut, die Sieger 2011 würden ja noch kommen – so wie die Sieger in den Vorjahren auch. Schließlich ist “Running scared” eine schwedische Produktion. Man wartete vergebens, Ell(e) und Nikki gaben sich nicht die Ehre.
Darum ging der lange Abend überraschend flach zu Ende – die Steigerung zum absoluten Höhepunkt fehlte und plötzlich bat Björn Kjellman alle Artisten auf die Bühne und man sang wie in früheren Jahren gemeinsam den ABBA-Klassiker “Waterloo”.
So blieb am Ende ein bisschen getrübte Freude. Wie Wasser, das man in den Wein gegossen hatte. Sanna war toll, Thomas Forstner eine freudige Überraschung, auch Nathalie Pâque war prima. Doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass manches fehlte – neben Düsseldorfer ESC-Teilnehmern (dabei war ich extra in mein schönes lilafarbenes “Feel your heartbeat”-T-Shirt geschlüpft) auch noch der eine oder andere Finalist des diesjährigen Melodifestivalen. The Moniker etwa, Danny oder Sara Varga.
Alles in allem war es aber ein netter Schlagerabend, über fünf Stunden (inklusive zwei Pausen) bei schönstem Wetter. Offiziell sollen 15.000 Zuschauer da gewesen sein – wir halten das für etwas hochgegriffen, würden aber doch auf ein paar Tausend schätzen.





































09.08.2011 | 16:06
Wieso ist es ok, wenn Josh Dubovie neben seinem ESC-Beitrag noch ein Musical-Stück singt und bei Kate Ryan nicht?
09.08.2011 | 16:43
Weil Joshi schön gesungen hat und Kate Ryan nicht.
10.08.2011 | 00:44
Weil Kate offen Werbung gemacht hat (“my new single” o.ä,), während Josh einfach noch ein Lied gesungen hat ohne “kapitalistischen” Hintergedanken.