Schweden

Schweden beim ESC: Das Schicksal des Strebers

Nano Melodifestivalen

Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen. Klassenbeste können ein Lied davon singen. So wie Schweden, das sich in den letzten Jahren zum ESC-Besten entwickelt hat. Dennoch: Ob Top-5-Platzierung oder kommerzieller Hit – alles Schwedische wird, gerade von vielen „Hardcore-Fans“, schlechtgeredet. Dabei wäre Dankbarkeit durchaus angezeigt.

Nano (Aufmacherfoto, Foto: Jessica Gow/TT) hatte am letzten Samstag noch nicht seine letzte Note gesungen, da waren sie schon wieder da: die Plagiatsvorwürfe. „Ist doch eh alles bei aktuell erfolgreichen Acts abgekupfert! So kann ja jeder beim ESC Erfolg haben!“ Nein, das kann er nicht. Wenn es so einfach wäre: Warum machen es dann die anderen nicht? Weil sie sich lieber mit C-Ware blamieren? Weil sie weitere 30 Jahre auf ihren ersten ESC-Sieg warten wollen? Ganz sicher nicht.

Schweden – das wird nicht zuletzt im Hinblick auf den deutschen Vorentscheid deutlich – hat eine funktionierende und prosperierende Musikwirtschaft, die national und international reüssiert. Während sich Deutschland für seinen Vorentscheid in diesem Jahr lieber gar nicht erst auf nationale Liedschreiber verlassen wollte, sind alle 28 Beiträge des Melodifestivalen auf schwedischem Mist gewachsen. Diese 28 – oder zumindest einer von denen – müssen es in Kiew reißen. Und vermutlich werden sie es auch, wenn die schwedischen TV-Zuschauer zusammen mit den internationalen Jurys weiter ein so gutes Händchen bei der Kür des Siegers beweisen wie in den letzten Jahren (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Dass Schweden der weltweit drittgrößte Musikproduzent ist, ist keine Selbstverständlichkeit. Sonst wäre es das gleichgroße Österreich auch. Der schwedische Staat fördert die Musikausbildung, es gibt passende Strukturen und eine Medienindustrie, die bereits ist, nationalen Newcomern eine Chance zu geben. Und die schwedischen Künstler und Songschreiber haben Lust auf die Welt. Ja sie brauchen sie, weil ihr nationaler Markt zu klein wäre, um eine solche künstlerische Vielfalt zu finanzieren. Wenn in Deutschland ein mäßig begabter Sänger mit einem einzigen mäßigen Radiohit für einen viertelstündigen Auftritt bei einem Firmenevent einen Betrag weit jenseits der 20.000 Euro aufruft, kann es ihm (aus finanzieller Sicht) völlig egal sein, dass seine Musik international nicht kompatibel ist.

In Schweden sind solche Gagen utopisch. Nicht zuletzt deshalb schielen die meisten schwedischen Komponisten, die sich am Melodifestivalen beteiligen, selbstverständlich auf den internationalen Markt. Und sie haben damit Erfahrung. Sie wissen, was ankommt. Genau solche Songs reichen sie auch für den ESC ein. Dass manche Titel dann international erfolgreichen Hits ähneln, ist dabei nur logisch. Denn wenn jedes Lied ein alleinstehendes, originäres Meisterwerk sein sollte, könnten Spotify & Co. ihren Musikkatalog auf 0,1% der aktuellen Titelzahl reduzieren. Mindestens.

Ob „1944“, „Sound of Silence“ oder „You Are The Only One“ – sie alle haben ihre musikalischen Brüder und Schwestern, die schon vorher da waren. Diese wurden aber vorher nicht populär. Und das hat vermutlich denselben Grund, weshalb auch die (vermeintlichen) Originale der Top 3 des letzten ESC-Jahrgangs nicht dauerhaft bei der breiten Masse erfolgreich waren. Sie haben – mal abgesehen von „Sound of Silence“ – einfach nicht das, was es braucht. „If I Were Sorry“ hingegen hat(te) es und wurde deshalb der kommerziell erfolgreichste Titel des letzten ESC-Jahrgangs. Und es ist durchaus denkbar, dass auch in diesem Jahr der kommerziell erfolgreichste ESC-Song aus Schweden kommt. Who knows?

Die Reaktion von vielen Fans darauf: „Schon wieder Schweden! Und schon wieder mit einem Plagiat!“ Doch anstatt sich über den (aktuell) ESC-Klassenbesten zu echauffieren, sollten sich die ESC-Fans freuen, dass mit den schwedischen Beiträgen die musikalische Relevanz des Wettbewerbs unterstrichen wird. Hätte es letztes Jahr nicht „If I Were Sorry“ gegeben, wäre kein 2016er-Beitrag über viele Monate im Radio gespielt worden und hätte Menschen und Musikredakteure daran erinnert, dass es den ESC gibt und dieser gut ist für Hits. Sollte man als Fan dafür nicht dankbar sein?

Ein weiteres Argument, das die Schweden-Hasser (kein schönes Wort und sicher auch übertrieben, hier aber schön griffig) bringen, ist die „Schwedisierung des ESC“. „Müssen die denn überall ihre Lieder einreichen? Ist es wünschenswert, dass ein Viertel der Länder mit schwedischen Produktionen beim ESC antreten? Wo bleibt da die Vielfalt?“ Gegenfrage: Ist der ESC in den letzten Jahren musikalisch weniger vielfältig geworden? Und liegt das wirklich an den von Schweden verfassten Beiträgen? Wohl kaum. Denn die Schweden verstehen ihr musikalisches Handwerk und können mehr als „Schweden-Schlager“. Offenbar eine ganze Menge mehr.

Was Schweden bei ESC-Fans erlebt, ähnelt damit dem Schicksal des typischen Strebers bzw. Klassenbesten: Er kann es niemandem recht machen. Greift er Schwächeren unter die Arme, ist es nicht recht. Macht er es nicht und kümmert sich nur um sich, gilt er als arrogant. Wenn er mal eine schlechte Note schreibt, ist die Schadenfreude der anderen umso größer. Und nach der Schule erwartet ihn Klassenhaue.

Für Streber endet derartiges Mobbing mit dem Ende der Schule. Beim ESC gibt es – hoffentlich – nie ein Ende. Deshalb muss(te) sich Schweden ein dickes Fell zulegen und darauf fokussieren, dass es da punktet, wo es wirklich zählt: bei den TV-Zuschauern und den Musiknutzern, also der breiten Masse jenseits der Fan-Bubble.

Vielleicht wäre es für die missgünstigen Fans aber auch an der Zeit, das Mobbing einzustellen. Das ist nämlich nicht nur schlecht für die Aura. Es bringt einen selbst auch keinen Meter voran.

ESC-News