Schwulenfeindliche Attacke gegen Website ESCtoday

Ein Schatten hat sich in Baku über das bislang fröhliche Eurovision-Fest gelegt: Aggressive Schwulenhasser haben zugeschlagen. “Nur” online, aber das ist schlimm genug.

Bisher unbekannte Hacker haben die Website der international bekannten ESC-News-Website esctoday.com gekapert und zerstört sowie einen schwulenfeindlichen Text in Azeri darauf veröffentlicht. Das haben die Macher der inzwischen nicht mehr erreichbaren Website auf ihrem Facebook-Profil mitgeteilt. Die Kollegen der seit vielen Jahren existierenden Website haben den Text der Hacker und das von diesen ebenfalls gepostete martialische Bild eines Kriegers veröffentlicht, der aus dem All heranrasende Meteoriten von der aserbaidschanischen Flagge abhalten soll.

Der Text lautet übersetzt (laut ESCtoday) wie folgt: “Was bringen Schwule nach Aserbaidschan? Was wird in aserbaidschanischen Familien nach der Gay Parade passieren? Es gibt keinen Platz für unmoralische Schwule in Aserbaidschan. Verlasst unser Land. Kein Platz in Aserbaidschan für Schwule, die aussehen wie Tiere.”

Auf dem Bild steht ein weiterer Satz in Azeri, der so viel bedeutet wie “Es gibt keinen Platz für das Böse in diesem Land – wir malen Blau zu rotem Blut.” Die Website von ESCtoday ist seit dem heutigen Donnerstag nicht mehr erreichbar.

Noch ist völlig unklar, woher der gemeine, feige Angriff kommt.

Spekuliert wird natürlich heftig. Nicht komplett auszuschließen ist sicherlich auch, dass die Attacke gar nicht direkt aus Aserbaidschan kommt. Eine mögliche Spur könnte auch in den Iran führen: Dort haben Schwulenhasser den ESC im nördlichen Nachbarland schon ins Visier genommen. Laut der Website gaystarnews.com gab es in zwei iranischen Städten am 11. Mai Antischwulen-Demos, die Bezug nahmen auf den Eurovision Song Contest in Baku.

Es gab zuvor Gerüchte, dass es während der ESC-Woche eine Gay Parade in Baku geben könnte (darauf spielt auch der Text auf der gehackten ESCtoday-Site an). Daraufhin gab es laut gaystarnews.com wütende Reaktionen im Iran: Offizielle und religiöse Führer hätten Aserbaidschan vorgeworfen, eine “abscheuliche” Party und eine Parade für “Perverse” zu erlauben. Es soll auch anti-aserbaidschanische Demos vor der aserbaidschanischen Botschaft im Iran gegeben haben.

Offenbar formierte sich aber auch Gegenprotest vor der iranischen Botschaft in Baku, wo Demonstranten riefen, der Iran solle sich nicht in die inneraserbaidschanischen Angelegenheiten einmischen. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind angespannt.

Ob der gewählte Termin Zufall ist? Heute, am 17. Mai, wird seit ein paar Tagen der Internationale Tag gegen Homophobie begangen.

Die Kollegen von ESCtoday lassen sich jedoch nicht unterkriegen: “Wir lassen uns nicht stoppen!!! WIR WERDEN ZURÜCK SEIN” lautet ihre klare Botschaft.

Fans in Europa sind geschockt über diese widerliche Sache und drücken auf Facebook ihr Bedauern aus, aber auch ihre Solidarität mit den ESCtoday-Machern. Gemeinsam mit anderen sagen auch wir: Hold on, be strong! Ein völkerverbindendes Musikfest hat keinen Platz für hasserfüllte engstirnige Menschen.

Nach ESCtoday ist offenbar auch eurovision.az gehackt – die Seite ist zumindest nicht erreichbar. Hoffen wir, dass es bei diesen Online-Angriffen bleibt.

UPDATE 17.05.2012, 14:15 Uhr: PRINZ ESC-Blog hat das bei der EBU angefragte Statement zu dem Vorfall bekommen. Hier ist es zu lesen.

Wir bleiben an der Geschichte dran! 

ESC-News, Rückblick: 2012 Baku

14 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Klaus Berg

    17.05.2012 | 12:43

    Gibt es Reaktionen der Offiziellen, ich denke da insbesondere an Sietse Bakker, vor Ort?

  2. Aussie

    17.05.2012 | 12:46

    Der Contest hat noch gar nicht richtig begonnen und doch schon jetzt einen schweren Makel erhalten! Das ist schlimm und ich bin wütend und enttäuscht und auch traurig! Wünsche den Machern von esctoday die nötige Kraft, um die Seite wieder aufzubauen! Und ich hoffe, dass alle ESC-Freunde einen friedlichen Contest feiern können!

  3. Matthias

    17.05.2012 | 12:48

    Wir sind dran, Klaus!

  4. Christian W

    17.05.2012 | 13:10

    Es hat ja nicht nur ESCToday getroffen, sondern auch die offizielle aserbaidschanische Seite, esckaz und andere escforum.net…

    Aber: Das passiert eben, wenn man der Meinung ist, den ESC in einem Land austragen zu müssen, das weder Menschen- noch Minderheitenrechte kennt und das an den Iran grenzt – und demzufolge weder geografisch noch kulturell in irgendeiner Form zu Europa gehört… Aber sonst liest man doch hier auch immer wie schön, neu und toll alles in Baku ist…

    Herrn Bakkers Reaktion kann ich mir schon vorstellen… Baku ist eine tolle, moderne Stadt und wir kümmern uns ja auch nicht um Politik… (Meint: Wir kümmern uns lediglich darum, dass das aserische Regime schön die Kohle rüberwachsen lässt…)

  5. Nousetta

    17.05.2012 | 13:32

    Frechheit! Schwule sind Menschen und keine Monster! Eine Beleidigung Tooji gegenüber…. -.-

  6. Braudel

    17.05.2012 | 13:36

    Folgt man der Leitfrage aller investigativen Journalisten “cui bono”, so wird man wohl ausschliessen dürfen, dass die Hackerangriffe von Aserbaidschan gestartet wurden. Es mag dort zwar homophobe Gruppen geben, ob diese aber, ohne Unterstützung von Fachleuten, zu solchen Hackeraktionen faktisch in der Lage wären wage ich doch zu bezweifeln. Die Indizien scheinen mir also recht deutlich auf den Iran zu verweisen, wo man ein grundsätzliches Interesse unterstellen darf eine “dekadente” westliche Veranstaltung zu attackieren, besonders wenn man dies unter azerischen Isignien durchführen kann.

  7. Christian W

    17.05.2012 | 13:44

    @ Braudel

    Wäre der ESC in Rom oder Stockholm ausgetragen worden, wäre das jedenfalls nicht passiert…

  8. deutscheland

    17.05.2012 | 13:46

    Pah! Iran… tztz
    Das kann man schon Aserbaidschan zutrauen, wenn man bedenkt, was die Regierung in den letzten zwölf Monaten so alles getan hat.

  9. Susanne

    17.05.2012 | 13:47

    @ Braudel: Genau diese Frage habe ich mir auch gestellt, ich komme zur gleichen Antwort! Auch ich denke an die Kollegen von ESC- Today!
    ” Hold on, be strong”

  10. Mayo Velvo

    17.05.2012 | 13:47

    ... was ja beinah zu erwarten wahr!

    Unfassbar… aber solche ‘Entgleisungen’ fügen sich ja nun immer mehr zu einem absehbar schwulen-feindliche Mosaik…
    … sei noch angemerkt, “… wir malen Blau zu rotem Blut”: das “Blau” bezieht sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf das russische Wort “голубой” (hellBLAU), was aber eine landläufig verbreitete Bezeichnung für ‘schwul’ ist. Was der Satz dann androht, ist ja wohl klar! :///

  11. Tamara

    17.05.2012 | 13:50

    Ich bin schockiert und traurig und hoffe, dass da nicht noch mehr nachkommt…

  12. Emalaith89

    17.05.2012 | 13:57

    Pfui!! Solche Aktionen machen mich total traurig und bestätigen alle meine Vorbehalte bezüglich des diesjährigen Gastgeberlandes!!!

  13. Matthias

    17.05.2012 | 14:00

    Danke für die Erklärung, Mayo Velvo.

    Was die Frage “cui bono” betrifft: Man sollte zumindest nicht ausschließen, dass es auch extrem konservative Kreise innerhalb Aserbaidschans gibt, die es nicht gutheißen, dass ihre Regierung solch ein Event in ihrem Land zulässt.

  14. Mirjam

    17.05.2012 | 19:18

    Furchtbar.
    Hoffentlich kommen am Ende alle wieder heil nach Hause.

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