Kroatien

Sommer-Special 2012 – Auf hoher See! – Teil 4: Jugoslawische Huldigung

1989 gewann ein Land namens Jugoslawien den Eurovision Song Contest. Es war so ziemlich die letzte Chance, denn in den Jahren darauf wurde aus Jugoslawien eine Vielzahl kleiner und kleinster Staaten, die uns immer wieder mit außergewöhnlichen ESC-Beiträgen erfreuen. Als Jugoslawien noch Jugoslawien war, gab es auch schon schöne Lieder. Eines davon passt hervorragend zu unserem diesjährigen Sommer-Special. (Foto: Blogger OLiver)

Vor sehr langer Zeit, 1963, sang ein junger Mann namens Vice Vukov beim Grand Prix in London ein Lied namens “Brodovi” – zu deutsch “Schiffe”. Vukov kam aus Kroatien und trat somit auch als Vertreter dieses Landesteils an.

In meiner Nachbarschaft sind Schiffe Menschen.
Sie lachen, weinen, lieben.
In meiner Nachbarschaft sind Schiffe Prominente
und die Lieblingsspielzeuge wilder Jungen.

Schiffe -

Ohne euch sind alle Häfen traurig.
Ohne euch sind alle Rivieren verlassen.
Ohne euch sterben alle Möwen.

Während der Mond die Nacht an euren Masten durchtrennt
entzünde ich ein glückbringendes Feuer für eure Reisen.

Schiffe -

Lieben erwarten euch, Fenster erwarten euch.
Ohne euch müssen Gitarren sterben.

Diese Huldigung hat es in sich. Man hat das Gefühl, der Bestand der Welt hinge primär von Schiffen ab. Vielleicht tut er das ja auch, genauso wie von Eisenbahnen, Toilettenpapier oder dem Eurovision Song Contest.

Die Jugoslawen spielen das ronatische Element des Verkehrsmittels voll und ganz aus und verknüpfen ihre elegischen Worte mit einer nicht weniger bedeutungsschwangeren Melodie, die Vice Vukov etwas verträumt und gleichzeitig punktgenau mit viel Pomade im Haar, tenoraler Attitüde und einem definitiven Schlusston vortrug.

YouTube Preview ImageVice huldigt vor Segelkulisse

So ganz mit dem Wind schwammen die jugoslawischen Schiffe beim Grand Prix dann aber nicht: “Brodovi” sammelte in London ganze drei Punkte, zwei aus Spanien und einen aus Frankreich, das bedeutete am Ende Platz 11 von 16.

Das mäßige Ergebnis hielt Vice aber nicht davon ab, zwei Jahre später wieder beim ESC aufzutauchen, um dort sogar mit nur zwei Punkten 12. zu werden. Unabhängig vom ESC war Vice Vukov in den 60er Jahren in Jugoslawien eine ganz große Nummer und hatte unter anderem Erfolge mit serbokroatischen Fassungen von Freddy-Quinn-Hits. Der Sänger fiel jedoch zu Beginn der 70er Jahre bei den sozialistischen Machthabern aufgrund seiner pro-kroatischen Gesinnung in Ungnade. Er ging für ein paar Jahre nach Frankreich und kehrte 1976 in sein Heimatland zurück. Seine Karriere war aber vorbei und er musste auf die kroatische Unabhängigkeit warten, um musikalisch wieder Fuß zu fassen. Das gelang erst ab Mitte der 80er Jahre in den Zeiten erster Veränderungen in Jugoslawien. Nachdem er in den 90ern – dann in Kroatien - wieder ganz nach oben gekommen war, zog es Vukov auch in die Politik. Als Mitglied der sozialdemokratischen Partei Jugoslawiens zog er zunächst ins kroatische Parlament ein.

Im Jahre 2005 zog er sich bei einem Sturz eine schwere Kopfverletzung zu, von der er sich nie wieder erholte. Er starb im Jahre 2008. Mit “Brodovi” hinterlässt er ein markantes Beispiel für den klassischen ESC-Sound der 60er.

Demnächst reisen wieder etwas weiter nach Westen – Portugal steht auf dem Programm.

Die bisherigen Folgen unserer Sommer-Special-Seereise.

Folge 1: Griechisches Glück

Folge 2: Spanische Forderung

Folge 3: Estnische Bildsprache

ESC-News, Grand-Prix-Historie, Rückblick: 2012 Baku, SERIEN, Videoclips, WM weiß mehr
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