Nachdem wir in den letzten Wochen die eurovisionären Welt- bzw. Europameere durchquert haben und dabei auf allerlei Melancholie, Weltschmerz und gottseidank auch ein bisschen Fröhlichkeit gestoßen sind, kommen wir nun ENDLICH nach Italien. Kein Land lieferte beim ESC so eindeutig klischeehafte und gleichzeitig unverkrampfte Meermusik und war damit so erfolgreich wie der Stiefel. Manchmal ist Erfolg so einfach. (Foto: Blogger OLiver)
1987 war es, als ein außergewöhnliches Männerduo für die Appeninhalbinsel an den Start ging. Der eine der beiden, Umberto Tozzi, zeichnete Ende der 70er Jahre für mindestens zwei Welthits verantwortlich. “Ti amo” und “Gloria” wurden seinerzeit in unzähligen Sprachen und von unzähligen Künstlern – auch ESC-Teilnehmern (siehe hier oder hier) – gecovert. Der andere, Raf (eigentlich Raffaele Riefoli), hatte 1983 ebenfalls einen Welthit. “Self control” gab es allerdings nur in Englisch und wirkte daher auf den ersten Blick nicht unbedingt typisch italienisch. Gekauft wurde es troztdem.
Diese beiden Herren, ein Hippie und ein Popper, taten sich also für den ESC in Brüssel zusammen und präsentiert dort eine Canzone erster Güte – “Gente die mare”.
Menschen des Meeres, die es hinter sich lassen,
gehen dorthin, wo sie mögen, sie wissen nicht wohin.
Menschn, die an Nostalgie sterben
Aber wenn sie nach einem Tag zurückkehren
sterben sie an der Sehnsucht, wieder fortzugehen.
(Menschen des Meeres)
und wenn wir an der Küste anhalten
(Menschen, die gehen)
geht unser Blick zum Horizont
(Menschen des Meeres)
Wir lassen unsere Gedanken treiben
aufgrund der Idee von zu viel Freiheit.
Auch der Text dieses Liedes gibt sich wieder ein wenig hin- und hergerissen – da scheinen Meerlieder so an sich zu haben. Melodie, Aufbau des Liedes, der softe Schaukeltakt und die eindringliche Interpretation von Tozzi / Raf könnten jedoch eindeutiger nicht sein: hier geht es um das Meer und zwar das italienische.
Die beiden geben alles und lassen uns bei ihrem Vortrag fast schon das Meersalz auf den Lippen spüren. Packend, und überzeugend besangen sie das Schicksal der Meermenschen und lieferten dabei italienische Uremotionen. Das kam an: Die Juries wählten die Italiener erstmals seit 1975 wieder in das ESC-Spitzentrio und der dritte Rang dieses Liedes stellt damit den größten Erfolg dar, den ein Meerlied jemals beim ESC erringen konnte. Allerdings gibt es noch ein weiteres Meerlied, das diesen Platz erreichte, doch darüber beim nächsten Mal meer.
Nach Johnny Logans Siegertitel “Hold me now” entwickelte sich “Gente die mare” dann auch noch zum zweitgrößten Hit des 87er Wettbewerbs und erreichte in mehreren europäischen Ländern die Top Ten. In Deutschland kam das Lied bis auf Platz 39 der Charts und so waren in jedem Jahr alle drei ESC-Medailliengewinner in den deutschen Top 40 vertreten. Das hat es seitdem auch nicht mehr gegeben!
Einen weiteren Ritterschlag (na ja…) erhielt das Lied, als es für den Soundtrack von Gerhard Polts Italo-Filmklamotte “Man spricht deutsch” ausgwählt wurde. Dort durften sie dann zwischen allerlei weiteren Italo-Heulern reüssieren und wurden auf dem Cover der Langspielplatte gut sichtbar neben Herrn Polts (gottseidank von einem Handtuch bedeckter) Hühnerbrust positioniert.
Trotz des Erfolges von “Gente di mare” gestaltete sich die Zusammenarbeit der beiden als einmalige Angelegenheit. Sowohl Tozzi als auch Raf sind in Italien immer noch mehr als ordentlich im Geschäft. Umberto Tozzi gehört dort mit seiner mittlerweile fast vierzigjährigen Karriere zu den ganz Großen (was durch regelmäßige Best-Of-Veröffentlichungen belegt wird).
Raf gelangen seit dem Ende der 80er Jahre und seinem endgültigen Wechsel zum italienischprachigen Gesang zahlreiche erfolgreiche Alben. Und auch “Gente di mare” hat sich 25 Jahre nach seiner Grand-Prix-Teilnahme als ein Titel mit Bestand erwiesen, der zu den 10 bis 20 Beiträgen gehört, die auch von Menschen gekannt werden, die das Festival nur marginal verfolgen.
Letzters kann man vom zweiten italienischen Meerbeitrag nicht behaupten, dennoch trägt “Comme è ddoce ‘o mare” mindestens genauso viel Meer in sich wie “Gente di mare”.
Das Lied wurde beim Heim-ESC 1991 vorgetragen und war italienisch as can be. Es wurde von Peppino di Capri vorgetragen, der damals schon über dreißig Jahre im Geschäft war und sich mehr und mehr zu einer Art Volkssänger entwickelt hatte. Folglich sang er dann auch beim ESC im neapolitanischen Dialekt und das derart zuckersüß , dass man tatsächlich vergisst, dass Meerwasser in der Regel salzhaltig ist. Inhaltlich ist, wie bereits bei einigen unserer anderen Meerlieder eine Liebesbeziehung im Spiel, aber diesmal bedient man sich des Meeres einfach nur, um die positiven und schönen Aspekte der Liebe zu beschreiben.
Wie süß das Meer ist, wie süß du bist.
Wenn du jung bist, fühlst du dich, als würdest du singen.
Aber wie schön die Sonne ist, wenn du bei mir stehst,
wenn ich dich Schmetterling nenne.
Fliege und ich fliege mit dir.
Liebe, Sonne, Meer, Mond und Sterne -
es ist immer schön, darüber zu singen.
Nun ja – über den Text braucht man nicht mehr viele Worte verlieren, aber ähnlich wie bei “Gente di mare” ist es vor allem die musikalische Gestaltung, die das besondere meer-chenhafte Gefühl entstehen lässt – auch wenn Peppino di Capri rein optisch so gar nichts vom schmucken Seemann, Fischer oder gar Surfer hat. Das Lied schaukelt ebenfalls im 3/4 Takt vor sich hin, nimmt aber durch die schöne Melodie und den charmanten Vortrag schnell für sich ein – zumindest wenn man eine ganz leichte Ader für Kitsch hat.
“Comme è ddoce ‘o mare” wurde damals in Rom ordentlicher Siebter. Damit waren die Italiener sicher ganz zufrieden, Peppino di Capri wahrscheinlich auch. Sein Ausflug auf die ESC-Bühne war sowieso nur ein kleines Intermezzo im Frühherbst einer Karriere, die in den 60ern mit Twist- und Rock’n'Roll-Songs begonnen, in den 70er Jahren mit zwei San-Remo-Siegen (1973 und 1976) fortgeführt wurde und inzwischen in ruhigere, vor allem neapolitanische Fahrwasser gelangt ist. Auf dem Weg gelangen ihm allerlei nationale Evergreens, die beiden größten: “Roberta“( 1964) und “Champagne“(1973).
Nach soviel Meerwalzerseligkeit gibt es beim nächsten Mal die Abschiedsfolge unserer ESC-Kreuzfahrt. Passend dazu: ein maritimes Abschiedslied aus Dänemark, das beim ESC, wie bereits erwähnt, ebenfalls einen dritten Platz errang. Bem nächsten Mal werden wir sehen, warum.
Die bisherigen Folgen unserer Sommer-Special-Seereise.
Folge 3: Estnische Bildsprache
Folge 4: Jugoslawische Huldigung

























02.08.2012 | 19:37
Juhu, nächstes Mal Dänemark, welches 1957 wohl für das erste Skandälchen, was die “Choreografie” angeht, sorgte!
05.08.2012 | 19:55
Ich bin ein Mädschn aus Piräus
Ahoi… “Skibet skal sejle i nat”, worum es ja bald gehen wird, zeigt auch, wie melodisch und eingängig die dänische Sprache gesungen werden kann. Das 57er Lied hätte den dänischen Erfolg von “Dansevise” (’63) ebenfalls verdient gehabt.
30.08.2012 | 11:16
das Video erinnert mich an die meiner Vergangenheit. Ich fühle mich so alt