Und schon wieder ist ein Jahr vergangen, der Sommer ist wieder da. Wenn ich mich nicht täusche, ist es der dritte in Folge, den wir uns mit ESC-Songs schönsommern müssen. Nachdem es an diesr Stelle 2010 um den Sommer im Allgemeinen und im letzten Jahr um die Sonne im Speziellen im Rahmen des ESC ging, wollen wir diesmal einen Blick auf eine der Hauptingredienzien im sommerlichen Klischeekatalog werfen: das Meer. In acht Folgen soll “Das Meer beim ESC” ein wenig genauer betrachtet werden und unsere kleine Europareise beginnt in einer sehr meerhaltigen Region, in Griechenland. (Foto: Blogger OLiver)
Die Hellenen betraten das eurovisionäre Parkett im Jahre 1974, ungefähr 20 Minuten vor Abba. Zu dieser Zeit lag die Militärdiktatur in Griechenland in den letzten Zügen.
Sicherlich schwierige Zeiten, von denen aber bei der Eurovisionspremiere nichts zu spüren war. Der Song strotzte vor Fröhlichkeit, flotten Bouzoukiklängen und einem unwiderstehlichen La La La-Mitsing-Refrain. “Krasi, Thalasa ke t’agori mu” trug auch gleich die zentralen Dinge im Titel, die zum griechischen Dolce Vita dazuzugehören scheinen: Wein, das Meer und ein kleiner Liebhaber. Passt also wunderbar als Einstieg für unser diesjähriges Sommerspecial.
In den Gassen singen die Kinder, ich komme heraus auf den Balkon
Der Mond wirft goldenes Licht auf die Straße, ich komme heraus und ertrinke darin.
Aber ich bin zufrieden, zufrieden, zufrieden damit
etwas Wein, das Meer und einen Freund zu haben,
etwas Wein, das Meer und einen Freund zu haben.
So einfach ist es also, einen griechischen Sommerschlager zu erstellen, auch wenn kritisch angemerkt werden muss, dass die Kinder vielleicht nicht mehr nachts bei Mondenschein in den Straßen singen sollten….
Vorgetragen wurde das Lied in Brighton von Marinella, einer der ganz großen griechischen Sängerinnen der letzten 50 Jahre.
Bei ihrem Eurovisionsauftritt konnte sie bereits auf eine fast zwanzigjährige Karriere zurückblicken und so zeigte sich in ihrem frischen Vortrag auch sehr viel Erfahrung und Routine. Ein kleiner Gimmick war auch schon dabei: Der Schellenkranz – wo kommt der so plötzlich her? (3’23)
Das griechische Eurovisions-Entrée war nur bedingt erfolgreich. Marinella landete mit 7 Punkten auf dem 11. Platz, dennoch ist das Lied eine Art Evergreen in Griechenland und wird gern mal von der einen oder anderen oder noch anderen ESC-Teilnehmer intoniert.
Marinella zeigte im Verlauf ihrer Karriere im Gegensatz zu anderen Griechinnen in Europa nur sporadisch Präsenz, in ihrer Heimat war sie aber immer ganz weit oben. Ein Höhepunkt: ihr Auftritt bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele in Athen im Jahre 2004 – dort präsentierte sie dann der ganzen Welt ihre griechische Seele:
Gleiche Frisur aber deutlich blonder – Marinella mit 66.
In den folgenden 20 Jahren waren die Griechen häufig, aber nicht immer beim ESC dabei, gefielen mal mehr und mal weniger und präsentierten ein Sammelsurium an Themen und Songs.
1994 griff man dann nochmal zum Thema “Meer”. Es ging um eine Umseglung der griechischen Inseln in einem Trehandiri-Boot.Diesmal gab es keinen La La La-, sondern einen Diri Diri Diri-Refrain. Ansonsten war es wieder die Aufgabe des Meeres, Frohsinn und Glückseligkeit auszulösen:
Diri Diri Diri Diri Diri Diri Di
Im Trehandiri, das Meer, du und ich
Diri Diri Diri Diri Diri Diri Di
Schau in meine Augen und sing es auch.
Grün ist die Farbe des Meeres
und deine Lippen sind rot wie Feuer
die Liebe war wunderbar
wir lachten hier unten und über uns lachte die Sonne.
Kostas Bigalis hieß der damals 41jährige Interpet des Liedes in Dublin. Nachdem er 1983 mit dem Projekt Big Alice und dem Song “I miss you” einen Riesenhit gelandet hatte, war er in seiner Heimat recht gut im Geschäft. Zur Unterstütztung nahm er einen Backgroundchor mit dem klangvollen Namen “The Sea Lovers” nach Dublin mit. Das Ergebnis war jedoch wieder nur mäßig: Platz 14 von 25 Teilnehmern. Vielleicht wirkte sein sommerliches Meerlied im Kontext der vielen getragenen Balladen des Jahrgangs einfach ein wenig zu simpel.
Kostas gab sich aber nicht geschlagen und komponierte zwei Jahre später für Mariana Efstratiou den griechischen ESC Song (landete aber wieder nur auf Platz 14) und war im Jahre 2005 für einen der Vorentscheidungssongs für Helena Paparizou verantwortlich. Das celinedionesque “The light in your soul” wurde zwar kurzfristig wegen Vorveröffentlichung disqualifiziert, entwickelte sich aber später dennoch zum Hit.
Und noch einmal spielte das Meer bei einem griechischen Beitrag eine kleine Rolle. Für den ESC 1998 wurde eine Band formiert, die sich schlicht Thalassa, zu deutsch Meer nannten. Ihr Titel “Mia Krifti Evesthisia” (“Eine versteckte Empfindsamkeit”) hatte aber mit unserem diesjährigen Sommerthema so gar nichts zu tun. Song und Auftritt kamen in Birmingham überhaupt nicht an. Griechenland erhielt 12 Punkte, alle aus einem Land, und in den Chroniken wird der damit erzielte 20. Platz als die schlechteste Griechenplatzierung überhaupt notiert. Die Band Thalassa versank nach dem Festival dann auch umgehend im Thalassa oder anderswo.
Die Griechen und das Meer – beim ESC eine nur sehr bedingte Erfolgsgeschichte. In der nächsten Folge werden wir sehen, was die Spanier zum Thema beigetragen haben.



























13.07.2012 | 17:03
“Krasi, Thalasa ke t’agori mu” ist wirklich schön.