Estland

Sommer-Special 2012 – Auf hoher See! – Teil 3: Estnische Bildsprache

In der ersten Hälfte der 90er Jahre gesellten sich allerhand neue Länder zur Grand-Prix-Famile, insbesondere vom Balkan und aus der ehemaligen Sowjetunion. Mit dabei auch der kleine Baltenstaat Estland. Das Land, zu weiten Teilen von der Ostsee umschlossen, brachte dann auch in den ersten Jahren gleich zweimal Titel ein, die unserem diesjährigen Sommerthema entsprechen – von rustikaler Ostseeidylle war dabei jedoch wenig zu spüren, vielmehr erhielt das Meer auch bei den Balten heftige methaphorische Aufgaben.

Nach dem Ausscheiden in der etwas obskuren ESC-Vorrunde des Jahres 1993 durften die Esten 1994 erstmals ran. Der ESC fand damals in Dublin statt und man fuhr gleich ein ordentliches Schlachtschiff auf: Silvi Vrait, seit den 70er Jahren ein großer Star in Estland, zeichnet sich vor allem durch musikalische Vielfalt aus: vom klassischen Chanson über  angerockten Pop bis zum leicht irren Vicky-Leandros-Cover hatte und hat sie alles im Repertoiresäckle. Zusätzlich ist sie auch ein gefragter Musicalstar in ihrer Heimat.

Für die erste ESC-Teilnahme des kleinen Landes durfte Silvi dann einen Text singen, der sich hochpoetisch gab und in dem (wenn ich es richtig verstehe), die Annährung zwischen Dame und Herr mit einer Welle des Meeres verglichen wird – “Nagu merelaine”

Ich erscheine geheimnisvoll, wie eine Welle, die den Bernstein an die Küste bringt.
Und der Geschmack der See auf meinen Lippen ist irdisch,
wenn die Bekleidung wie ein Flügel flimmert.

Ich kann wie Eis sein oder brennend heiß
und in der Nacht sogar treu wie ein Schatten.
So brachte ich mich zu dir, obwohl ich weiß,
dass ich morgen bereits ein Name auf deinen Lippen geworden sein könnte.

Musikalisch war das Ganze weniger aufregend: eine dynamische, gut zugängliche, aber auch leicht altbacken-konventionelle Popballade, die vor allem von Silvis außergewöhnliche Stimme getragen wird.

YouTube Preview ImagePoesie und Pop – Silvi Vrait debütiert für Estland.

Die estnische ESC-Premiere verlief dann auch nicht so, wie sich die Balten das vermutlich gewünscht hatten: mit nur zwei Punkten landete man abgeschlagen auf dem 24. und somit vorletzten Platz. Woran mag es gelegen haben? War die Diskrepanz zwischen anspruchsvoller Poesie und altbekanntem Schlagerpop zu groß? War Silvi Vrait, ähnlich wie Willeke Alberti aus den Niederlanden, die in Dublin nur ein Plätzchen vor ihr landete, zu spät in ihrer Karriere beim ESC aufgetreten? Auch wieder eines der Rätsel, das nie gelöst werden wird. Wie so viele andere ESC-Pleiten hat auch Silvis Song in der europaweiten Fanschaft einen großen Anhängerkreis und ihre Karriere lief in ihrem Heimatland munter weiter.

Die Esten machten ein paar Jahre Pause mit dem Thema “Meer”, um es 1998 noch einmal zu probieren. “Mere Lapsed” – “Kinder des Meeres” hieß das Lied, das vom damals 19-jährigen Koit Toome vorgetragen wurde. Auch hier wurde es wieder sehr poetisch-metaphorisch. Koit vergleicht den Aufbruch ins Erwachsenenleben und in eine Liebesbeziehung mit dem Aufbruch zu einer Seereise. Auch hübsch. Das Wort “Meer” kommt dabei im Text des Liedes gar nicht vor, aber sehr viele andere schöne maritime Begrifflichkeiten.

Wir haben unseren Eid abgelegt, den Vertrag unterschreiben, den Kai verlassen.
Unser Gepäck ist an Bord gebracht und die Segel sind gesetzt.
Der Bug ist Richtung Morgengrauen gedreht.

Schau, das Achterschiff liegt im Horizont
Sogar die letzte Stufe unseres Heimatturms
So bleibt unsere Kindheit zurück am Strand
und unsere Reise beginnt.

Mein Liebling, kannst du verstehen, dass alles um uns her neu ist,
Nun im Regen, im Wind, in der Glut der Sonne
gehören unsere Körper, unsere Seelen, unser Geist auf diesem Weg zusammen.

YouTube Preview ImageKoit ganz romantisch…

Koit Toome lieferte einen sehr stimmigen Auftritt ab – Musik, Aussage und Darbietung passten prima zusammen. Denoch war es eine eher ruhige Angelegenheit, was möglicherweise den etwas enttäuschenden 12. Platz erklärt. Enttäuschend deshalb, weil die Esten in den Jahren 96 und 97 zwei tolle Top-Ten-Platzierungen hingelegt hatten. Erfolgreich war beide Male Maarja-Liis Illus, mit der Koit übrigens auch phasenweise liiert war.

Koit Toome ließ sich davon aber nicht beirren und setzte seine Karriere in Estland tapfer weiter fort. Bereits im Jahre 1994 (Silvis Jahr!), hatte er als damals 15-jähriger mit der Band Code One große Erfolge in seiner Heimat gefeiert und daran knüpfte er nach seinem ESC-Auftritt mit zahlreichen Soloalben und vielen Hits an. Dabei zeigte er sich häufig deutlich poppiger als noch zu “Mere-Lapsed”-Zeiten. Einer seiner letzten großen Erfolge war im Jahre 2011 ein Duett mit Getter Jaani. Zusätzlich verlegte er sich aufs Musical und spielte viele Hauptrollen in Estland und bei europäischen Tourneen. Vielleicht gab es dabei ja auch schon einmal eine Zusammenarbeit mit Silvi Vrait.

Nach der Baltenpoesie geht der Blick nach vorn: der nächste Teil dieser kleinen Reihe geht nach Jugoslawien (Ja, so ein Land gab es mal). Und da gibt es dann wieder einen ganz anderen Blick auf das Thema.

Bishere Folgen der Meer-Reihe:

Folge 1: Griechisches Glück

Folge 2: Spanische Forderung

ESC-News, Grand-Prix-Historie, Rückblick: 2012 Baku, SERIEN, Videoclips, WM weiß mehr

1 Kommentar Kommentar schreiben

  1. deutscheland

    19.07.2012 | 21:37

    Silvi Vrait war damals (1994) 43 Jahre alt, kam aber rüber wie eine alte Oma, die schon die 70 weit hinter sich hat.
    Die Frau soll übrigens auch Musiklehrerin in Tallinn sein.

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