Transvisionen: Transsexuelle und Travestiestars im Eurovision Song Contest


Seit dem Sieg von Dana International 1998 vergeht kaum ein Jahr, ohne dass “Crossdresser”-Songs zum Eurovision Song Contest eingereicht werden. Zuletzt meist erfolglos. In diesem Jahr jedoch kehrt die Königin dieser Sparte (Bild: www.danainternational.co.il) zurück. Ein Überblick über die Transvisionen im ESC.

Selbstverständlich sollte man die Fachbegriffe Transsexuelle, Travestie und Transvestiten tunlichst auseinander halten. Sharon Cohen, vor 41 Jahren als Yarohn Cohen in Israel geboren und 1992 in London vom Mann zur Frau umoperiert, hat als Transsexuelle wenig mit den diversen aufgebretzelten Damendarstellern aus dem ESC-Cabaret gemeinsam, abgesehen davon, dass auch ihre Nummern insbesondere in der Gay-Szene großen Anklang finden.

In ihrem neuesten Werk, das Israel in Düsseldorf vertreten wird, besingt Dana International “Ding dong“. Nicht wenige glauben, sie bezieht sich dabei auf diejenigen Körperteile, auf die sie freiwillig verzichtet hat. Nun ja, ein Blick in den Text enthüllt, dass man darin erkennen kann, was man mag…

If you have a dream of your own
Don’t be afraid go on with your heart
Close your eyes and hear the bells
Of your soul
Ding Dong say no more
I hear silent prayer and it’s making me
High and fly I know where to go
And I’m coming now

YouTube Preview ImageIsrael 2011: Dana International – Ding dong

Das Mann-Frau-Wechselspiel hält in den Annalen der ESC-Geschichte einiges bereit, erstaunlicherweise aus Ländern, von denen man dies nicht unbedingt erwarten würde. Es begann zart in den 70er-Jahren, als Interpretinnen wie Lynsey de Paul (Großbritannien 1977) oder Tania Tsanaklidou (Griechenland 1978) in Männerkleidung auftraten und setzte sich fort in den 80er-Jahren, als erstmals ein Mann in Frauenkleidung die ESC-Bühne durchtanzte – allerdings als rein schmückendes Beiwerk in Norwegens Beitrag “Romeo” von 1986.

Mit Beginn der Televoting-Ära im ESC Ende der 90er-Jahre nahmen dann sowohl das Ausmaß an nackter Haut (siehe auch: Der Nackt-Faktor im Eurovision Song Contest) als auch die Crossdresser-Elemente zu: Männer in Röcken (zum Beispiel Island 2000) waren häufiger. Die echten Travestie-Acts mit Nightclub-Charakter folgten in den letzten 10 Jahren, nicht zuletzt auch dank dem Sieg von Dana International.

Hier unsere TTT – Trans Top Thirteen, die auch diverse nationale Vorentscheidungstitel zum Eurovision Song Contest umfassen.

13. Die Blonden Geschnürten: Queentastic
Wer immer schon mal wissen wollte, was aus Amanda Lear geworden ist, sie scheint nun in Norwegen zu leben. Denn dort nahm sie 2006 gemeinsam mit ihrer geklonten Zwillingsschwester (manche meinen, es war die Begum) an der dortigen Vorentscheidung teil. Als Duo “Queentastic” in geschnürten Miedern. Nun ja, das Make-Up erwies sich am Ende dicker als die stimmlichen und kompositorischen Qualitäten von “Absolutely Fabulous” und die Damen unterlagen zurecht der echten Blondine Christine Gulbrandsen.

YouTube Preview ImageNorwegen (VE) 2006: Queentastic − Absolutely fabulous

12. Die Verwandelte: Marie N
Vielen ist heute unerklärlich, wie ein derart blasses Liedchen tatsächlich den Eurovision Song Contest gewinnen konnte. Es muss wohl an der virtuos durchchoreographierten und optisch für damalige Verhältnisse opulenten Dance-Performance sowie an der vorletzten Startnummer gelegen haben, dass Lettland zu seinem einzigen ESC-Sieg kam. Marie N wählte ein Crossdresser-Thema und tanzte zunächst männlich behütet mit einer rassigen Femme fatale, bevor sie sich dank fachkundiger Assistenz in eine sexy Barbie verwandelte.

YouTube Preview ImageLettand 2002: Marie N − I wanna

11. Der Albtraum: Lisa Stokes
Als fleischgewordener Albtraum in Rosa auf ihrem Press(e)foto, grüßte sie in ihrer kurzen Videobotschaft aus dem Yumbo-Centrum in Playa del Ingles, einer europaweit bekannten Tiefgarage, in der sich unter anderem das schwule Nachtleben konzentriert. Im Video geizt Madame Stokes mit musikalischen, nicht jedoch mit körperlichen Reizen. In Spaniens skandalumwitterter Internet-Vor-Vorentscheidung “Destino Oslo” 2010 belegte ihr fetter Disco-Stampfer einen der hinterletzten Plätze.

YouTube Preview ImageSpanien (VE) 2010: Lisa Stokes Love is all (nur auf Youtube zu sehen)

10. Die Klassische: DQ
Ein strahlendes Zahnpastlächeln, ein Turban, sehr viele Federn und Millionen von Pailetten. Mit den typischen Ingredienzen einer klassischen Cabaret-Nummer gelang DQ ein sensationeller Sieg in der dänischen Vorentscheidung 2007. Bis heute der einzige Titel, der es über einen Hoffnungslauf (zweite Chance) zum Eurovision Song Contest schaffte. Dort fuhr DQ mit mehrfachen Kleiderwechseln und sexy Tänzern alles auf und blieb dennoch im Semifinale stecken.

YouTube Preview ImageDänemark 2007: DQ − Drama Queen

9. Die Chaplin-Hommage – Tania Tsanaklidou
Singende Frauen in Männerkleidern sind auch Travestie – werden allerdings sehr selten auf der Eurovisionsbühne beobachtet. Marija Serivofic war 2007 bei ihrem Sieg mit “Molitva” allerdings nicht die erste Künstlein, die im “butchen” Look auftrat. Gut 30 Jahre zuvor steppte sich eine junge Griechin im Anzug durch Paris – auf den Spuren von Charlie Chaplin, der wenige Monate zuvor gestorben war.

YouTube Preview ImageGriechenland 1978: Tania Tsanaklidou − Charlie Chaplin

8. Die Majestät in Mauve: Babsan
Dame Ednas schwedische Kusine zeigte in diesem Jahr anschaulich, was man alles in 3 Minuten Songpräsentation hineinstopfen kann. Eine Showtreppe, viel Getanze und Herumgewuchte, ein witziger Film-im-Song-Trick, die unvermeidlich halbnackten Muskelmänner und viel pinker Stoff passend zum mauve-explodierten Haar halfen der sichtlich übermotivierten Babsan nicht. “Gib mir einen Spanier” blieb stimmlich dünn und erreichte das Melodifestivalen-Finale nicht.

YouTube Preview ImageSchweden (VE 2011): Babsan − Ge mig en spanjor

7. Die Fleischfarbene: Supremme de Luxe
Apropos stimmlich dünn. Die Schattenwesen der Nacht versuchen meist durch allerlei optische Leckerbissen davon abzulenken, dass sie stimmbandmäßig eher mager bestückt sind. Spaniens Hauptstadt-Transe Supremme de Luxe schmiss sich 2010 in einem David-Lynch-esken Videoclip zu „Indignidad“ (Niederträchtigkeit) in allerlei fleischfarbenen Outfits ins Rennen um das ESC-Ticket und unterhielt die Internetgemeinde blendend (siehe auch: Angriff der Party-Transen). Platz 57 unter 450 Songs reichte jedoch nicht für das spanische Finale.

YouTube Preview ImageSpanien (VE 2010) Supremme de Luxe − Indignidad

6. Sieg im Smoking: Marija Šerifović
Was musste sich die junge Serbin ob ihrer herben Ausstrahlung nicht alles anhören. “Some female beauty wouldn’t harm her. They should fix that” lautete der Rat von Charlotte Perelli (ausgerechnet!) in der skandinavischen Preview-Sendung. Das serbische Fernsehen stellte ihr eigens vier langbeinige Grazien an die Seite, damit das inbrünstige “Molitva” bei Serbiens ESC-Debüt als eigenständiger Staat optisch ansprechender rüberkam. Marija Šerifović bestand jedoch auf dem eleganten Powerlesben-Look, sang in Helsinki alles an die Wand und siegte verdient. Über ihre sexuelle Orientierung gab es nach ihren Auftritt eine Menge Spekulationen, doch darüber schweigt die ESC-Siegerin bis heute. Nun ja, da ist sie nicht die einzige ESC-Gewinnerin…

YouTube Preview ImageSerbien 2007: Marija Šerifović − Molitva

5. Die Verwirrte: Nina Morato
“Ich bin ein echter Junge” skandierte ein unzweifelhaft französisches Wesen 1994 als letzte Startnummer in Dublins Point Theatre. Direkt von TF1 nominiert, erreichte Nina Morato in historischer Männerkleidung einen guten 7. Rang für ihr innovatives Crossdresserlied, obwohl sie am Ende ihrer Präsentation ungeplant auf den Hintern fiel. Über ihre sexuelle Präferenz bestanden allerdings keine Zweifel, verbrachte sie nach Aussage eines im Hotelzimmer unter Morato wohnenden Journalisten die Probenwoche doch meist zurückgezogen (wenn auch nicht zurückhaltend) mit einem männlichen Wesen im Hotel.

YouTube Preview ImageFrankreich 1994: Nina Morato − Je suis un vrai garcon

4. Die Serviceorientierten: Sestre
Manchmal sorgt ein Titel für ordentlich Wirbel und bringt eine Gesellschaft sozial voran. Als die flotten Stewardessen von Sestre 2002 sensationell aufgrund der Jurywertung knapp das slowenische Finale gewannen, kam es noch im Greenroom zu einer Prügelei mit einem unterlegenen Komponisten einer mißliebigen Konkurrentin. Später musste sich sogar das Parlament in Ljubljana damit befassen, ob “Samo ljubezen” (Nur die Liebe) würdig genug sei, die slowenischen Farben in Riga zu vertreten. Sestre blieben unbeirrt und sorgten für einen ESC-Klassiker.

YouTube Preview ImageSlowenien 2002: Sestre − Samo ljubezen

3. Die Kultige: Verka Serduchka
Und auch im tiefen Osten gibt es die Damen, die gar keine sind. Als Kunstfigur Verka, eigentlich eine Zugschaffnerin, bereits als Komiker landesweit bekannt, stürmte Andrij Danylko mit einem wüst durchgeknallten Trash-Disco-Klopper in Stützstrümpfen und mit reichlich Alufolie die Bühne. Der Text “Sieben Sieben Ailulu” war überwiegend Nonsense, dennoch sorgte die Zeile “Lasha tumbai”, laut Verka mongolisch für “vergorene Milch”, als “Russia goodbye” sogar für einen politischen Nachgeschmack. Am Ende ein Riesen Erfolg: Platz 2 in Helsinki, nur geschlagen von einer Frau in Männerkleidung: Marija Serivofic.

YouTube Preview ImageUkraine 2007: Verka Serduchka − Dancing Lasha Tumbai

2. Die Historischen: After Dark
Darauf muss man erst mal kommen, einen Melodifestivalen-Titel als Hommage an eine weltberühmte Szene aus Fellinis Kultfilm “La Dolce vita” zu gestalten. Das Travestie-Ensemble After Dark zauberte einen kompletten Trevibrunnen mitsamt darin badendem untersetztem Anita-Ekberg-Double auf die Bühne des Globen und erntete einen hochverdienten dritten Rang. Es gewann Lena Philippson, die praktisch das gleiche Kostüm wie After-Dark-Leadsänger Christer Lindarw gewählt hatte. After Dark unternahmen zudem 2007 einen erneuten Anlauf zum ESC mit einem erfrischenden Song über Masturbationstechniken.

YouTube Preview ImageSchweden (VE) 2004: After Dark − Dolve Vita

1. Die Echte: Dana International
Als das israelische Fernsehen IBA 1998 Dana International, die bereits drei Jahre zuvor in der Vorentscheidung KDAM gesungen hatte, direkt für den Eurovision Song Contest 1998 nominierte, erhob sich ein Sturm der Entrüstung in konservativen Kreisen des Landes. Eine Transsexuelle als Vertreterin Israels – undenkbar. Dana trat den religiösen Eiferern gelassen entgegen, entfachte einen riesigen Medienhype und gewann denkbar knapp in Birmingham den Eurovision Song Contest (im Guildo-Horn-Jahr). Und das obwohl sie stimmlich nicht besonders gut aufgelegt war und “Diva” einfallslos choreographiert war. Ihr Sieg im ersten echten Televoting-Jahr sorgte für dringend nötigen frischen Wind im ESC, der in den 90ern viel Staub angesetzt hatte. Wir zeigen Ihre Sieger-Performance im Papageien-Look von Gaultier:

YouTube Preview ImageIsrael 1998: Dana International − Diva

Charts & Rankings, ESC-News, Grand-Prix-Historie, Rückblick: 2011 Düsseldorf, Videoclips

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  1. Ulrich

    29.03.2011 | 19:45

    Chavera sheli

    Dana , meine liebe Freundin (Chavera sheli) das ist billige Grütze, die Disco-Huschen werden Dich lieben (tun sie sowieso) aber warum, bitte, versuchst Du es nicht mal mit einem guten Song. Ich weiss, dass Du das kannst. Anspieltipp für alle Interessierten u.a. “at muchana” und immerhin hast Du auch “Ke’ilo kan” geschrieben – grooooße Klasse.
    Wie dem auch sei.
    Es wird sicher ein Auftritt zum Hingucken und ich wünsche alle Liebe und viel Glück,
    Massal tov leDana

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