Mazedonien

Verhöre in Skopje: Polizei untersucht Skopjefest-Votingskandal

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Fängt ja gut an, die neue Saison. Kaum ist der erste Song gewählt, gibt es schon einen handfesten Skandal. In Skopje hat die Polizei eine Untersuchung wegen des Verdachtes auf Bestechung eingeleitet. Das Televoting des Skopjefests soll manipuliert gewesen sein. Die mazedonische Regierung sah sich zu einer Stellungnahme gezwungen.

Am Mittwoch Abend hatte Danijel Kajmakoski das Skopjefest gewonnen. Er gewann mit klarem Vorsprung das Televoting und wurde Zweiter bei den erstmals eingesetzten europäischen Jurys. Die mazedonische Presse berichtet heute von einer umfangreichen Polizeiaktion mit Verhaftungen und Verhören bezüglich des Skopjefest. Offenbar wurden in vielen Lokalen Skopjes Prepaid-Karten verteilt und ein Power-Telefonvoting organisiert.

Verhört wurden nun diverse Produzenten der beteiligten Songs. Selbst die Telefongesellschaft, die das Voting organisiert hat, steht unter Verdacht. In einer Erklärung des mazedonischen Fernsehen ist von vier Verdächtigen die Rede, denen man die Bildung einer kriminellen Vereinigung und Betrug vorwirft. Es soll dabei um die ersten drei Plätze im Televoting gehen. Während des 30-minütigen Televotings wurden insgesamt 11.686 Stimmen gezählt.

Zur Erinnerung: Danijel Kajmakoski hatte mit großen Vorsprung (3.597 Stimmen) das Televoting gewonnen, auf Rang 2 lag eher überraschend Egi (2.688 Stimmen) und Juryfavoritin Tamara Todevska landete auf Rang 3 (781 Stimmen). Sollte die Manipulation auf einen oder mehrere dieser Künstler oder sein/ihr Team zurückgehen, ist wohl eine Disqualifikation unumgänglich.

Die mazedonische Regierung hat sich bereits in den Skandal eingeschaltet. Der Vize-Minister für öffentliche Angelegenheiten, Ivo Kotevski, begrüßte, dass man umgehend nach dem Ende des Skopjefest gehandelt habe.

Bildschirmfoto 2014-11-13 um 21.49.14Der Minister informiert die Öffentlichkeit über den Skandal

Die Verdächtigen werden als vier Männer zwischen 26 und 56 Jahren beschrieben und sollen Produzent, Autor und Komponisten eines Beitrags des Skopjefests sein. Es ist derzeit nicht klar, zu welchem Beitrag sie gehören. Mazedonische ESC-Fans vermuten, dass die Stimmenzahl für die Televoting-Zweitplatzierte Egi nicht erklärbar sei. Andere Stimmen gehen davon aus, dass die kompletten ersten drei Televoting-Plätze gekauft worden sind.

Insgesamt soll die mazedonische Polizei 2.500 SIM-Karten sichergestellt haben. 14 Menschen sollen zum Powervoting angestiftet worden sein. Obwohl das Televoting über 30 Minuten lief – eine vergleichsweise lange Zeit im europäischen Vergleich – wurden weniger als 12.000 Stimmen verzeichnet. Nicht ungewöhnlich, im letzten ESC verfehlte Mazedonien im Semifinal das Mindestquorum und das Televoting wurde gar annulliert. Angesichts der geringen Beteiligung erscheint ein Sabotageversuch effektiv und vergleichsweise leicht umsetzbar. Der Minister sprach davon, dass auch ein Mitarbeiter der Telefonfirma, die das Voting organisiert hat, in den Skandal verwickelt sein soll.

Bildschirmfoto 2014-11-13 um 21.50.01 Bildschirmfoto 2014-11-13 um 21.49.47Sichergestelltes Beweismaterial (Screenshot aus einem Bericht des mazedonischen Fernsehens)

Die Untersuchung läuft derzeit noch und macht landesweit Schlagzeilen. Zur Stunde ist noch unklar, ob und inwieweit das Ergebnis des Skopjefests korrigiert werden muss. Das Festival war in seiner langen Geschichte seit 1968 mehrfach wegen instransparenter Entscheidungen unter Korruptionsverdacht.

Wir spielen es mal durch: Würde Danijels Televoting-Resultat annulliert, dann gewinnt Tamara. Ist Egi die Schuldige, dann müsste ebenfalls Tamara gewinnen, denn dann hätten wir einen Gleichstand zwischen Danijel und Tamara. Bei Gleichstand entschied in Mazedonien in der Vergangenheit das bessere Juryergebnis. Würde man die ersten drei Televoting-Plätze eliminieren, dann könnte man Viktoria Loba, die Televoting-Vierte (ohne Punkte in der Jury) oder Dimitar Andonovski (dann bestes kombiniertes Ergebnis) nominieren. Oder man lässt es besser gleich bleiben und ruft Kaliopi zu Hilfe…

Hier ist also das letzte Wort noch nicht gesprochen. In den Fanforen Mazedoniens wird allerdings schon spekuliert, dass Danijel sehr beliebt ist bei der Jugend des Landes und man ihn nicht so einfach abservieren könne, ohne dass Unruhen ausbrächen. Zumal Tamara wohl zögern könnte, nachzurücken. “Sie würde von den hysterischen Fangirls des X Factor Siegers gekillt”, schrieb ein Skopioter ESC-Fan bei escforum. Danijel Kajmakoski hat mittlerweile erste Interviewtermine abgesagt und reagierte heute eher gereizt auf die Fragen einer Reporterin am Flughafen.

Fazit: Mazedonien macht es sich selbst schwer. Wer hätte gedacht, dass man die peinlichen Vorgänge um das zurückgezogene “Imperija” vor 2 Jahren noch steigern könnte. Anders als 2013 bleibt nun aber viel Zeit für eine mögliche neue Lösung für Wien. Das ist der Vorteil eines frühen Vorentscheidungstermins. Man könnte glatt noch ein komplett neues Festival organisieren… Wir sind gespannt, wie es in Skopje weitergeht und bleiben dran.

Das Ergebnis von gestern:

YouTube Preview ImagePlatz 1: Danijel Kajmakoski - Lisja esenski

YouTube Preview ImagePlatz 2: Tamara Todevska - Brod što tone 

YouTube Preview ImagePlatz 3: Egi – Da te ne sakam

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16 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Jorge

    13.11.2014 | 22:06

    Tja, bei Mazedonien muss man wirklich mit Allem rechnen!
    Aber irgendwie bewundere ich ja die Balkanländer, wenn man sich so um’s Ticket zum ESC reisst. Hatten wir ja zuletzt 2005 mit Gracia.

  2. Jorge

    13.11.2014 | 22:09

    PS: Vorschlag für ein Blog-Lesergame “Die größten ESC-Skandalsongs.”

  3. Florian W

    13.11.2014 | 22:23

    Ich hoffe nicht, dass es zu so einem Skandal kommt, aber es ist bei Mazedonien und Weißrussland immer Komplikationen.

    Für wen würde der Skandal gut/schlecht ausgehen?

  4. OLiver

    13.11.2014 | 22:25

    Es gab auch schon Skandale, die zum Rückzug des Landes vom ESC geführt haben. Serbien-Montenegro etwa verzichtete 2006 auf die Teilnahme, nachdem es mächtig gekracht hatte in der Vorentscheidung wegen nachweislicher Votingabsprachen der montenegrinischen Juroren.

  5. Paul

    13.11.2014 | 23:15

    Ich weiß nicht, was ihr an Da te ne sakam so unspektakulär findet…
    Von den schon auf YT hochgeladenen Liedern finde ich Egis Lied eindeutig am besten. Nunja, Geschmäcker sind halt verschieden. Zu hoffen bleibt dennoch, dass Danijel und Tamara beide geschummelt haben. Denn so würde Egi mit beiden Höchstwertungen gewinnen und ich wäre vollkommen zufrieden.

  6. BB

    13.11.2014 | 23:25

    Ohhh ein lichtblick für Tamara ! das währe einfach fair (meine Ansicht) der song von Tamara hat einfach die größten Internationalen Chancen ! er ist Eurovision Tauglicher und wir haben ja gesehen dass auch ruhige und zurückgenommene Songs Chancen haben (z.B. Common Linnets oder Carl Espen) ich glaube es währe die besste Wahl ^¬^

  7. Kontrapunkt

    13.11.2014 | 23:38

    Die sollen auf den Willen des Publikums hören und es ganz bleiben lassen. Das kommt dabei heraus, wenn man sich das Ergebnis einer Abstimmung so zurecht interpretiert, wie man es gerne haben will.

  8. Nico

    14.11.2014 | 04:46

    Sie haben sich doch gar nicht dem Willen des Volkes widersetzt… Insgesamt waren doch mehr Leute für ESC als gegen… Die Für-Antworten waren halt nur gesplitet…

  9. ESCFrank

    14.11.2014 | 09:22

    U.a. eine Grund warum ich diese Länder beim ESC als verzichtbar ansehe.

  10. Pascal

    14.11.2014 | 14:36

    ESCFrank: Diese Länder verzichtbar ? Ich weiß zwar nicht wie viele und in welchem ausmaß du Länder meinst z.B ohne die Osteuropäischen Länder, denn wäre der ESC ganz schön langweilig und würde wahrscheinlich am meisten von Schweden gewinnen werden. Denn die meisten osteuropäischen Länder sind mit mehr Elan dabei als die meisten westeuropäischen Länder.

  11. alkibernd

    14.11.2014 | 15:34

    Ich möchte nur daran erinnern, dass der erste VE-Skandal schon 1957 in Holland inszeniert wurde. Es klappte zwar noch nicht so gut, dass Manipulieren wollte schließlich erst einmal geübt sein (die Pfuscherin wurde Letzte), aber immerhin: der Holländer hats erfunden

  12. Nico

    14.11.2014 | 17:15

    da stimme ich Pascal zu: Dann wäre vermutlich noch mehr auf Englisch als es eh schon ist… und alle Songs sind austauschbar… so gibt es immerhin noch welche wo man teilweise den kulturellen Background heraushört und das finde ich macht, den ESC irgendwie aus, fürmich zumindest.

  13. DerMoment1608

    14.11.2014 | 23:53

    Ich sehe das ähnlich wie Pascal. Außerdem könnten müssten wir uns dann auch gleich selbst mit eliminieren, ich sage nur Gracia…

  14. DerMoment1608

    14.11.2014 | 23:55

    [Ein Modalverb kann gestrichen werden...]

  15. ESCFrank

    15.11.2014 | 11:19

    Ich meine hier keinesfalls pauschal alle Länder “Osteuropas”. Aber schon merkwürdig, dass die Fürsprecher sofort selber in diese Richtung gehen….das nur nebenbei.

    Es gibt einfach immer die selben Kanditaten, bei denen es zu Ungereimtheiten oder Mogeleien kommt. Bin überzeugt, dass sich dies auch beim ESC-Voting fortsetzt. Daher für mich verzichtbar.

  16. melody

    16.11.2014 | 15:27

    Leider ist sowas schon Normalität geworden. Aber das passiert nicht nur in Südosteuropa. Estland und Portugal in diesem Jahr sind mal mindestens zwei weitere Beispiele für äußerst merkwürdige Abstimmungsergebnisse. Besonders Suzy für Portugal kann nicht mit rechten Dingen abgelaufen sein.

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