Wenn heute abend der ESC live aus Baku gesendet wird, eine eigentlich (wie die EBU immer wieder gebetsmühlenartig betont) unpolitische Show, wird es dennoch einen Hinweis geben auf die Karabach-Krise, die seit Jahrzehnten die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Armenien vergiftet – und zwar ganz offiziell in den Postkarten.
Über die Postkarten vor den einzelnen Liedern ist schon viel geschrieben worden: hochglänzende Ästhetik, langweilige Werbefilmchen ohne Idee und roten Faden und vor allem ohne jeden Humor. Sie zeigen kaum Menschen, schreibt Blogger-Kollege WM, und wenn, dann sind diese so kostümiert, dass sie sofort in das naechste Ralph-Siegel-Medley springen koennten. NDR-Kollegin Helene Heise qualifiziert die Tourismuswerbung ebenfalls in deutlichen Worten ab und beleuchtet die Rolle der allmächtigen Hejdar-Aliyev-Stiftung.
Andere, ursprünglich von Brainpool produzierte Clips wurden von Ictimai ausgetauscht. Schon bei der ersten Generalprobe des ersten Semifinales am Montag abend wunderten wir uns über die seelenlosen Werbebilder, die sich sogar zu wiederholen schienen. Die allermeisten beziehen sich auf Baku in schillernden Facetten, aus den Regionen sieht man relativ wenig Bilder.
Mittlerweile ist klar, es gibt viel zu wenige Clips, manche werden am Samstag schon zum dritten Mal über den Bildschirm flimmern.
Ein Clip jedoch wird neu sein: Bei Startnummer 13 vor dem aserbaidschanischen Beitrag wird ein grüner Hügel gezeigt und GARABAGH eingeblendet. Zu wilden Karabach-Pferden und einigen wenigen Landschaftsbildern, die womöglich (wir können das nicht nachprüfen) aus dem seit 1994 nach mehrjaehrigem Krieg von Aserbaidschan abgetrennten, von Armeniern bewohnten international nicht anerkannten Landstrich stammen, werden Mugham-Musiker gezeigt. Der Clip wird mit traditioneller Musik unterlegt, die aus Karabach stammt, erfuhren wir später. Wohlweislich tauchen nicht die Ruinen von Agdam auf oder Bilder aus dem durch den Krieg stark mitgenommenen Shusha, eine für die aserbaidschnische Kultur geradezu heilige Stadt. Das heimische Publikum applaudierte natürlich in Erwartung des eigenen Beitrags.
Sabina Babayeva lieferte im Juryfinale trotz mancher leicht gekreischter Töne eine gute Vorstellung, war geradezu beseelt vom Zuspruch in der Halle. Aseris, die wir spaeter trafen, brachten uns auf die Idee, dass erst jetzt, im Zusammenspiel von Karabach in der Postkarte, dem Titel “When the music dies” und der Performance von Sabina, die auf der Buehne mehrfach wie der Fernsehturm in den Landesfarben angestrahlt wird, moeglicherweise eine für Aseris (und Armenier) klare Botschaft liegen könnte: Karabach gehört zu Aserbaidschan und “wir geben diesen Anspruch niemals auf”.
Erzfeind Armenien, das im Krieg die armenischstämmigen Einwohner Bergkarabachs unterstützt hatte, MUSS die Sendung am Samstag übertragen, um im nächsten Jahr wieder teilnehmen zu dürfen, wie Jan Ola Sand uns während der EBU-Pressekonferenz bestätigte. Da bietet es sich doch für die Regierung bzw. den staatlichen Sender Ictimai an, aus Baku eine Botschaft in die Welt zu schicken, die vor allem an Armenien gerichtet sein koennte. Denn in Aserbaidschan hat man die Provokation der Nachbarn, als Sirusho 2009 beim Verlesen der armenischen Punkte ein Bild eines Karabach-Denkmals auf ihrer Tafel hochhielt, nicht vergessen (hier ein Link zu einer Zusammenfassung der gegenseitigen Provaktionen im ESC, hier geht es speziell zu dem erwaehnten Voting-Vorfall)
Dazu passt, dass die Präsidentengattin, die Schirmherrin des ESC in Baku ist und im offiziellen Programmheft noch vor Jan Ola Sand die Besucher begrüßt, in vielen ihrer Reden das Thema Karabach herausstellt und meist darauf hinweist, dass ein Fünftel des aserbaidschanischen Territoriums (darunter auch Regionen, die nicht zum Kernland von Karabach zählen) von Armenien besetzt ist und das dies für Aserbaidschan bei einer Million an Binnenflüchtlingen nicht hinnehmbar sei und bald “peacefully” gelöst werden müsse.
Wie das Gebiet wieder eingegliedert werden soll - ob tatsächlich durch Verhandlungen (die indes seit 20 Jahren völlig erfolglos vor sich hin dümpeln) oder doch mit anderen Mitteln (Aserbaidschan hat in den letzten Jahren aufgerüstet und den Karabach-Armeniern zwischenzeitlich damit gedroht, zivile Flugzeuge anzugreifen, falls die abtrünnige Provinz es wagen wuerde, den seit 20 Jahren geschlossenen einzigen Flughafen der Region in Stepanakert wiederzueröffnen), ist letztlich offen.
Unter solchen Bedingungen wäre es für einen armenischen Interpreten wohl schwierig bis unmöglich, am Samstag auf der Bühne der Crystal Hall zu stehen und zu singen. Schon das Schwenken einer armenischen Fahne in der Halle erscheint nach dem Euroclub-Desaster (Verbot armenischer ESC-Beiträge) für unannehmbar für das Regime. Das könnte auch ein Grund für die zahlreichen im Fanblock strategisch positionierten Security-Muskelmaenner und Iceladys sein, die uns im Juryfinale unangenehm auffielen und uns die Freude am ESC verleideten.
Die akkreditierten Journalisten und Besuchern des ESC finden im Übrigen bei den Informationstischen in den großen Hotels neben Infos zu Baku auch Hochglanzprospekte zu Shusha und Karabach. Dass man, wenn man die Region tatsächlich besuchen möchte (Einreise nur über Armenien möglich, die Grenzlinie Karabachs zu Aserbaidschan ist stark vermint und voller Militär), mit einen Stempel der international nicht anerkannten Karabach-Republik im Pass nicht mehr nach Aserbaidschan einreisen darf, wird jedoch nicht mitgeteilt.



























26.05.2012 | 13:16
Ich habe eigentlich erwartet, dass da “Azerbaijan – Land of Fire” eingeblendet wird, aber nein, es muss ja Karabach sein. Dass Aserbaidschan den unpolitischen ESC so dermaßen politisieren darf, ist unfassbar.
Ich finde die Filmchen ganz nett. Man sieht etwas vom Land, aber vor jedem zweiten Lied wird der Jungfrauenturm (“Qiz Qalasi”) gezeigt und immer wieder die Innenstadt von Baku. Das erinnert stark an das letzte Jahr, als jeder Berliner Spielplatz gezeigt, aber das Mittelrheintal ausgelassen wurde. Die Aseri hätten gerne mal mehr von Nachitschewan oder dem Nordwesten des Landes (rund um Giandscha und Tovuz an der armenischen Grenze) bringen können.
26.05.2012 | 13:21
@deutscheland: Nachitschewan wird in der Postkarte zu Spanien gezeigt, wenn ich das richtig erinnere. Qazax oder Agstafa (der an Armenien grenzende Nordwesten) ist mir nicht aufgefallen…
26.05.2012 | 17:46
Wer hat die Möglichkeit und die Macht, der EBU beständig auf die Füße zu treten?
30.05.2012 | 06:00
ich glaube ihr seit gegen aserbaidschan. tut mir leid aber es klingt hier so.
31.05.2012 | 11:02
Hier ein Auszug meines Berichtes- Wie politisch ist der ESC? Jede Medaille hat zwei Seiten:
“Ein Beispiel für die Sensibilität dieses Themas sei hier genannt. Jeden Abend legen DJ’s unterschiedlicher Nationalitäten im Euroclub auf, um für gute Stimmung bei Fans, Journalisten und einheimischen Besuchern zu sorgen. Bereits in der ersten Veranstaltungswoche legte ein deutscher DJ unter anderem eine Remixversion eines armenischen Beitrages aus den Vorjahren auf. Direkt im Anschluss wurde er vom Betreiber des Euroclubs gerügt und seine weiteren geplanten Auftritte abgesagt. Die Regierung in Baku hat allen Teilnehmern, Journalisten und Fans Meinungsfreiheit zugesagt und genau wie die EBU immer wieder versichert, der Eurovision Song Contest ist eine reine Musikveranstaltung. Doch Musik scheint nicht gleich Musik zu sein, zu mindestens nicht, wenn sie aus Armenien stammt! Und hier wird der Zwiespalt im Kleinen ganz deutlich. Sollte die internationale Besucherschar mit Rücksicht auf die Gefühle des Gastgeberlandes das Thema Armenien ausklammern und damit auch auf Armeniens Eurovisionsmusik verzichten? Oder erst recht signalisieren, dass Armenien ein vollwertiges Mitglied der Eurovisionsfamilie ist? Und zuletzt sei die Frage gestattet, wie würde es sich verhalten, wenn Armenien den Eurovision Song Contest zukünftig gewinnt und Gastgeber sein wird? Wird dort alles ganz anders sein?”
09.06.2012 | 18:44
AZ ♥
Lieber Alex,nun muss ich dir mal echt die Meinung geigen.
Armenien wollte nicht beim ESC antreten,sowie Georgien(♥) es 2009 nicht in Russland wollte.
Aserbaidschan hat allen Fans,Bürgern,etc. (Meinungs-)Freiheit gegeben
und du brauchst hier garnicht AZ runtermachen!
Karabach ist und bleibt Azerbaidschans!
Ihr habt denen doch schon genug angetan!
Azerbaidschan:Land of Fire,Land of Love,Land of Art,Land of Musik,
Land of Friends,LAND OF KARABACH!!!
WE LOVE AZERBAIDSCHAN!!!
09.06.2012 | 18:45
:)
Sorry,ich raste immer schnell aus.
Wollte ich nicht.
10.06.2012 | 11:01
Armenien <3
“Aserbaidschan hat allen Fans,Bürgern,etc. (Meinungs-)Freiheit gegeben”
Oh mann, Aserbaidschan, du bist so ein geiler Komiker. Bülent Ceylan, Paul Panzer und andere können nach Hause fahren. xD
Einige Prinz-Blogger sind in Aserbaidschan in Schwierigkeiten geraten. Ein DJ, der für den Prinz-Blog schreibt, hat richtig einen auf den Sack gekriegt, nur weil er armenische Musik gespielt hat. Also ich weiß nicht, ob man da von Freiheit sprechen sollte.
Und WARUM durfte Armenien nicht mitmachen ??? Ich glaube, einer von euch hat doch einen armenischen Soldaten abgeknallt oder wie war das nochmal?