Österreich

Wiener G’schichten (1): Teuflische Tombola

PrinzBlogger in Wien

Wenn acht Blogger zwei Wochen in der ESC-Bubble verbringen, passiert so einiges, was mangels Zeit nicht gleich auf den Blog kommt. Im Nachgang lassen wir nun die ereignisreichen Probenwochen Revue passieren und schildern unterhaltsame, aufregende und skurrile Aspekte in unserer Serie „Wiener G’schichten“. OLiver macht den Anfang mit einem Bericht zur plötzlichen Räumung der Pressefächer (Pidgeon Holes) und den Folgen.

Samstag, 23. Mai – der Tag des große ESC Finals in Wien. Das Pressezentrum in der Stadthalle füllt sich wie an den vorangegangenen Tagen rasch. Anders als in der ersten Probenwoche reichen die offiziell gut 500 Plätze nun nicht mehr aus. Wir sind seit 10 Uhr Morgens vor Ort, um wie üblich einen günstig gelegenen Tisch zu ergattern (freie Sicht zur großen Leinwand und in der Nähe des Durchgangs zum Raum der Pressekonferenz). Kurz nachdem die letzte Generalprobe gegen 18 Uhr vorbei ist, entsteht plötzlich so etwas wie Unruhe im Pressezentrum. Es liegt etwas in der Luft, im Nachhinein würde ich sagen, in etwa so, wie wenn Katzen ein Erdbeben wittern…

ESC Wien Pressezentrum 5

Ich trete in den Vorraum des Pressezentrums, wo sich der einzige offizielle Ausgang und die (angesichts der Menge an akkreditierten Personen) recht übersichtlich bemessenen Toiletten befinden. Hier sind neben einem allgemeinen Infodesk für die Presse quer über die gesamte Länge der Halle auch die Pidgeon Holes, also die Pressefächer, installiert. Sie werden gut bewacht von vielen freundlichen Volunteers. Jetzt aber ist der Gang voll und es liegt eine Mischung aus freudiger Erwartung und unverholener Gier in der Luft.

Ich ahne, was das zu bedeuten hat und stelle mich ans Ende der Schlange. Dort treffe ich auf das halbe Präsidium der OGAE Germany und frage zwanglos: „Was ist denn hier los, gibt es etwas umsonst?“

ESC Wien Pressezentrum 4

Und genauso ist es – man hat sich offensichtlich kurzfristig entschlossen, die Pressefächer aufzulösen, das heißt, den bis dato nicht abgeholten Inhalt (Pressematerial und Promo-CDs) großflächig unter den zufällig gerade anwesenden Personen zu verteilen. Da wir derartige Materialien gerne als Preise für Lesergames und Tippspiele an unsere Leser verlosen, hatte ich mich bereits zuvor nach den übrig bleibenden Materialien erkundigt.

Hieß es in der ersten Woche noch: „Das ist eine gute Frage, wir haben keine Ahnung“, wurde mir noch am Vortag gesagt „Wir werden die CDs morgen unter den Fans, also den F-Akkreditierten verteilen“. Eine gute Idee, diese haben nämlich kein Pidgeon Hole und (eigentlich) auch keinen Zugang zu den Arbeitsplätzen im Pressezentrum (eine Vorschrift die angesichts der baulichen Voraussetzungen in der Wiener Stadthalle in diesem Jahr offensichtlich nicht so eng gesehen wurde).

Wenn man so etwas nicht plant, entsteht automatisch Chaos. In der Vergangenheit gab es mehrfach apokalyptische Szenen um das für viele Fans so wertvolle Pressematerial. In Baku 2012 etwa wurde in der Finalnacht gegen 3 Uhr früh alles, was sich noch in den Fächern befand, auf einmal auf den Tresen gekippt. Was folgte war unbeschreiblich (Arche Noah meets Schlussverkauf). Das Pressedesk sah danach aus wie nach einem Bombenanschlag.

Pressetasche ESCDer Inhalt der ESC-Pressetasche zu Beginn der Probenwochen, noch ohne CDs, aber mit Hartwurst, ESC-Briefmarke und Feuchtigkeitsmasken – Gaben der Wiener ESC-Sponsoren

Nun also ein geregeltes Verfahren. Aber wieso stehen in der Reihe auch P-Akkreditierte, wenn es doch hieß „Nur für Fans“? Offensichtlich muss es jetzt schnell gehen und jeder, der gerade da ist, bekommt eine Nummer. Man darf nicht selbst in die Lostrommel greifen, die Damen von Desk drücken jedem eine Nummer in die Hand. Damit kann man dann den Inhalt des jeweiligen Pressefachs in Empfang nehmen. Natürlich stellen sich Fans wie Presse gleich mehrfach an und ergattern mehrere Nummern (schnell die Frisur verändern, die Brille abnehmen, das Shirt ausziehen und schon sieht man anders aus…)

Da wir das Pressematerial für Leseraktionen wie das ESC-Tippspiel und andere Lesergames sammeln, funke ich rasch noch zwei Bloggerkollegen an, damit wir diese Chance nutzen. Die Ausbeute ist dabei ganz unterschiedlich. Manche erhalten nur Papierkram und einen (in diesem Zusammenhang) traurigen Sticker von Edurne, andere bekommen einen „Time to shine“-Einkaufsbeutel mit 7 verschiedenen CDs. Und manchmal auch noch mehr.

Das Fatale: die Alles-muss-raus-Aktion wurde offenbar nur mündlich durch die Volunteers am Samstag Nachmittag in der Halle angekündigt. Man ging offenbar davon aus, dass die akkreditierten Pessevertreter am Finaltag tagsüber auch in der Halle arbeiten. In Wirklichkeit nutzten aber viele als Presse akkreditierte Fans den Tag, um Sightseeing in Wien zu machen. Sie wurden eiskalt von der Aktion erwischt und standen (die Aktion war in 30 Minuten vorbei) um 19 Uhr vor einem ratzeputz leergefegten Pressedesk. Wer sein Fach am Vorabend nicht geleert hatte, hatte Pech. Und die erst am Samstag Vormittag verteilten russischen und rumänischen CDs waren dann eben auch weg…

Wir hörten später von einer besonders tragischen Geschichte: Ein mutmaßlich als Presse getarnter Fan hatte offenbar gedacht, sein Pressefach sei ein Schließfach und sein ESC-Finalticket dort deponiert. Das war natürlich nur zwei Stunden vor Beginn des Finals auch über die Tombola verlost und verschwunden. Ob ihm dann doch noch ein irgendwie gearteter Eintritt in die Halle gelang, entzieht sich unserer Kenntnis.

ESC Wien Pressezentrum 2

Die PrinzBlogger geben wie üblich alle Materialien, die sie nicht brauchen und die womöglich doppelt sind ab, daraus stellen wir dann die Fanpakete für die Gewinner des Tippspiels zusammen. Als wir nach einer sehr langen Nacht gegen 3.30 Uhr aus dem Pressezentrum geworfen wurden (diese Umstände werden auch noch einen eigenen Artikel im Rahmen dieser Serie hergeben), habe ich noch keine Ahnung, wie umfangreich unsere Sammlung ist. Da die österreichischen Organisatoren vorab schon jede Menge Extras (unter anderem eine Kühltasche) ausgegeben haben, ist es auf jeden Fall mehr als in den vergangenen Jahren.

Um 5 Uhr in der Blogger-WG angekommen, wo die Kollegen mir schon einen Haufen an Promo-Material errichtet haben, wird mir plötzlich klar, dass es ein dickes logistisches Problem gibt. In Malmö und Kopenhagen hatten wir immer einen Kollegen (Fotograf Volli), der mit dem Auto angereist kam. Am letzten Tag konnte man dann bequem jedwedes Übergepäck (Promo-Material, Schmutzwäsche, kleinere skandinavische Designmöbel) in Vollis Auto stopfen, dass dann aussah wie ein Umzugscontainer.

Top 20 Malmö Abreise 2

Diesmal sind aber alle per Flugzeug in die ESC-Stadt gekommen und ich hatte schon auf dem Hinflug das Maximalgewicht ausgetestet. Jeztzt muss schnell eine Lösung her, denn gegen Mittag müssen wir die Blogger-WG verlassen. Ich finde also noch im Morgengrauen heraus, dass es Sonntags genau ein geöffnetes Postamt in Wien gibt – in der Innenstadt. Vier Stunden später nach kurzem unruhigen Schlaf habe ich meinen dschungelgängigen bereits gepackten Überseematchsack wieder entleert und mit sämtlichen Promo-Materialien vollgestopft. Um 9 Uhr nach einer Taxifahrt wanke ich in ein fast menschenleeres Postgebäude.

Auf dem Postamt in Wien 1
Dort erwerbe ich zunächst ein Packset im XXL-Format und scheitere beinahe daran, es aufzubauen (scheint in Österreich irgendwie anders zu funktionieren). Sodann presse ich mit letzter Kraft CDs, Autogrammkarten, USB-Sticks, Schokolade mit Ambers Konterfei, Wurst (sowohl CDs als auch echte Wurst) und allerlei Unterlagen in das Paket. Aber irgendwie ist der Karton störrisch und die Makemakes fallen immer wieder raus. Um ein Haar lande ich mit dem Paket auf dem Boden (Schlagzeile in der österreichischen Boulevardpresse: „Null Punkte: Deutscher Blogger im Hauptpostamt von österreichischem ESC-Promomaterial erschlagen“).

Auf dem Postamt in WienAuf dem Postamt in Wien 2

Schließlich habe ich alles zusammengepresst und schleppe das Monstrum zur Waage. Am einzig besetzten Schalter hat sich mittlerweile ein Tourist eingefunden, der den Postbeamten auf die „gestrige Schande“ anspricht. In breitestem Sächsisch regt sich der ältere Herr nicht etwa über die null Punkte für Ann Sophie auf, sondern darüber, dass der Gastgeber für die teure Show keine Punkte bekommen hat, auch nicht aus Deutschland. Der Postbeamte antwortet in breitestem Wienerisch, da müsse man sich doch nicht weiter wundern, das sei eben schon immer so bei diesem Bewerb. Leider bekomme ich den loriotwürdigen Dialog nicht mehr zusammen, weil ich zu diesem Zeitpunkt mit einer besonders störrischen Rolle Klebeband versuche, das sich verhängnisvoll wölbende Paket zusätzlich abzusichern.

Ich frage mich, ob ich wohl haftbar bin, wenn sich während des Transports der Inhalt aus Promo-CDs, Schuhcremedöschen, Pfefferminzpastillen, Dauerwurst und moldawischem Salzgebäck zu einer gärenden Masse verbindet, in irgendeinem Logistikcenter der Post explodiert und die scharfen Nadeln der Edurne-Sticker unschuldige Fachkräfte verletzen? Sollte ich besser „Achtung Zerbrechlich“ oder „Achtung Gefahrgut“ drauf schreiben? Die Waage zeigt ein unfassbares Gewicht an. „Das macht 39 Euro“, sagt der Postbeamte und klärt mich darüber auf, dass das Paket versichert sei bis 800 Euro.

Auf dem Postamt in Wien 4

Doch alles geht gut: Das Paket braucht schließlich sechs Tage und kommt wohlbehalten in Gänze (mit zusätzlichen Klebestreifen) in Hamburg an. Die PrinzBlog-Tippspiel-Aktion ist somit gerettet. Noch in dieser Woche werden die Pakete für die 6 Leser und Leserinnen, die auf den ersten drei Plätzen (zwei erste, vier dritte) landeten gepackt und verschickt.

Achtung: Leserin hannahkesc hat sich leider bisher nicht auf unsere Gewinnbenachrichtigung gemeldet und uns keine Adresse übermittelt. Diesen Preis bewahren wir noch zwei Wochen auf, dann geht der Inhalt in den Preispool für das laufende und das nächste Lesergame über.

 

Vorschau: In der nächsten Folge der Wiener G’schichten schildert Bloggerkollege Douze Points, wie Ann Sophie in der österreichischen Boulevardpresse ungerechtfertigterweise zur Zicke wurde und was ein von ihm persönlich angeregter Pressebericht damit zu tun hatte…

Aktuell, ESC-News, Lesergame

5 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Nico

    04.06.2015 | 04:02

    Coole Geschichte und coole Idee diese Lese-Reihe! Ich freu mich schon auf den nächsten Teil… hatte in Wien auch in einer Zeitung davon gelesen, wie Ann-Sophie als Zicke dargestellt wurde und mich bereits gewundert, was dahintersteckt…

  2. Alessandro

    04.06.2015 | 08:10

    @Ann Sophie wurde als Zicke dargestellt?
    Okay das erklärt nun so einiges… am Mittwochs vor’m Finale habe ich im Hotel ORF 1 laufen lassen und dort wurde dann behauptet, dass Ann Sophie am betrefflichen Tag nicht auf dem Rathausplatz vor den Fans auftreten wollte und deshalt Australien eingesprungen sei.
    Mal davon abgesehen, dass Australien schon vorher eingeplant war, Ann Sophie Absage war ja krankheitsbedingt, aber das wurde natürlich mit keiner Silbe erwähnt…
    Der Beitrag lief so in ca. 2. Stunden 2 Mal auf ORF 1…so kann man das arme Mädel auch leicht als Zicke präsentieren…

  3. Horst

    04.06.2015 | 08:20

    Anmerkung: da ich am Samstag auch als akkreditierter Fan am Samstag vor Ort war vielleicht noch soviel. Die Bekanntgabe, das um 18.00 Uhr die Pressefächer aufgelöst werden, wurde mehrmals auf allen im Pressezentrum aufgestellten Monitoren angezeigt, bereits ab 13.00 Uhr als die Generalprobe startete. Zusätzlich gingen die Volunteers durch die Reihen und informierten mündlich über die Auflösung.

  4. mary

    04.06.2015 | 09:24

    ad „zicke“: vergesst besagte zeitung, es handelt sich um die „österreich“, das ist eines der gratis-schundblätter hierzulande. ist nur reinste papierverschwendung!

  5. Jorge

    04.06.2015 | 10:06

    „Ein mutmaßlich als Presse getarnter Fan“ – sehr schön :-)

    Paketklebeband ist eben doch unglaublich stabil – nur durch Montageband zu toppen. Ich hätte bei Kenntnis einen zuverlässigen, ortsansässigen Kurier mit ausreichend Freigepäck vermitteln können – so ein Pech. ;-)

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