Schweiz

ZiBBZ im PRINZ-Blog-Interview: „Auf der ESC-Bühne wollen wir eine Einheit sein“

ZiBBZ machen schon seit zehn Jahren gemeinsam Musik, haben viele Livegigs gespielt – „unsere Erfahrung hilft uns sicher, aber wir werden trotzdem nervös sein“, sagt Sängerin Co im Interview mit dem PRINZ Blog. Co und ihr jüngerer Bruder Stee haben uns vor der London Eurovision Party verraten, was sie für ihre Performance in Lissabon planen (Spoiler: Die Pyramiden aus dem Vorentscheid bleiben wohl in der Schweiz). Die beiden sympathischen Schweizer haben uns ihr ESC-Ziel genannt – und erklärt, warum für sie schon die Teilnahme ein Gewinn ist.

PRINZ-Blog: Stee und Co, erzählt mal: Wie ist euer ESC-Song „Stones“ entstanden?

Stee: Wir hatten erst im September 2017 ein neues Album rausgebracht, aber es hieß, für Eurovision müsse es ein ganz neuer Song sein. Wir haben dann also an einem Songwriting-Camp der Suisa mitgemacht, das ist sozusagen die GEMA der Schweiz. Da waren etwa 30 Leute dabei – Producers, Songwriter, Künstler. Dort haben wir mit einer kanadischen Songwriterin, Laurell Barker, an zwei Tagen zwei verschiedene Songs geschrieben, einer davon „Stones“. Am Anfang waren wir gar nicht sicher, ob wir den Song selber aufnehmen.

Co: Wir dachten zwischendurch: Vielleicht geben wir den Song einem anderen Künstler.

Stee: Aber dann hat er uns doch so gut gefallen, dass wir gesagt haben: Den nehmen wir selber auf.

Der Song hat ja eine Botschaft, es geht um Bullying. War euch das wichtig, dass gerade für den ESC das Lied nicht einfach nur ein klassisches Liebeslied mit „Ich liebe dich“-Botschaft sein sollte?

Co: Ja, auf jeden Fall. Wenn man schon die Möglichkeit hat, auf so einer großen Bühne zu stehen, dann soll man diese Chance auch nutzen, um die Welt wenigstens ein bisschen besser zu machen. Klar, ich bin nicht Mutter Teresa, die Hunderte Kinder rettet, aber ich finde schon, dass man als Artist auf dieser Bühne eine Verantwortung hat. Wenn ich Leuten eine gute Message rüberbringen kann, die in der Welt zumindest ein bisschen was verändert, dann sollte man das auch machen.

YouTube Preview ImageZiBBZ – Stones (Official Video)

Habt ihr persönlich Erfahrung mit Bullying gemacht?

Co: Ja, klar. In der Schule hat das sicher jeder mal erlebt.

Stee: Ja, das kennt bestimmt jeder.

Co: Ich war halt auch immer die große Schwester für Stee und meine Schwester. Ich war immer die Beschützerin, und es hat mich immer gestört, wenn jemand einen anderen belästigt oder gemobbt hat. Es gibt ja verschiedene Formen von Bullying: erstens Face-to-face bullying, zweitens Cyberbullying – das ist noch feiger. Und es tut auch sehr weh, was viele vergessen, wenn sie etwas Fieses ins Netz schreiben. Die denken nicht daran, dass da auf der anderen Seite ein Mensch sitzt, der das liest und den ganzen Tag dann mit sich herumträgt. Und der dann womöglich glaubt, dass das stimmt, was über ihn geschrieben steht. Und drittens gibt es das Selbstbullying…

Stee: Das ist eigentlich die schlimmste Form des Bullying, weil man sich selbst abwertet.

Co: So einen gewissen Grad von Selbstzweifel kenne ich aber natürlich auch.

Jetzt schreiben die Leute im Netz natürlich auch nicht nur Nettes über „Stones“, sondern manche sicher auch, dass das Lied miserabel sei oder deine Stimme scheiße…

Co: Das ist aber etwas anderes. Es ist klar, dass ein Lied nicht jedem gefällt. Damit musst du als Artist umgehen können.

Ihr lebt seit etwa sechs Jahren in Los Angeles. Das ist nicht nur räumlich, sondern auch gedanklich sehr weit weg vom Eurovision Song Contest. Wie seid ihr trotzdem darauf gekommen, da mitmachen zu wollen?

Stee: Wir waren immer mit einem Fuß in der Schweiz. Wir hatten im Schweizer Fernsehen eine Reality-Soap über unser Leben in L.A. Und wir sind immer wieder auch zu Touren und Gigs in die Schweiz gekommen. Wir sind immer hin und her gereist, wir waren also nie wirklich komplett weg aus Europa.

Co: Klar, die USA machen am ESC nicht mit. Aber man darf nicht vergessen: L.A. ist ein Melting Pot mit Leuten aus der ganzen Welt, auch ganz vielen Europäern – und die kennen alle den Song Contest natürlich.

Im Gegensatz zu euren amerikanischen Freunden, vermute ich. Wie habt ihr denen erzählt, wo ihr da im Mai mitmacht?

Stee: Wir haben ihnen gesagt, das sind die „Olympics of Music“ in Europa, „without America – sorry“. Aber sobald man den Amerikanern sagt, dass der ESC mehr Zuschauer hat als der Superbowl, dann hören sie hin und fragen nach.

Ihr seid ja Geschwister. Wie ist da die Zusammenarbeit, wenn man sich so gut kennt? Fehlt da manchmal neuer Input eines Unbekannten, der einen neu kreativ befruchtet?

Stee: Einerseits wissen wir natürlich genau, wo der andere seine Knöpfe hat, die man drücken muss für eine bestimmte Reaktion – oder welche man besser nicht drückt, um Stress und Streit zu vermeiden. Wir haben ganz gut gelernt, miteinander umzugehen. Andererseits arbeiten wir auch meistens mit jemandem Dritten zusammen, vor allem beim Schreiben, im kreativen Prozess. Da arbeiten wir fast nie nur zu zweit. Das stimuliert dann die Kreativität. Und wenn wir nicht weiterkommen oder unterschiedlicher Meinung sind, gibt es einen Dritten, der sich einschalten kann. Bei „Stones“ hat das wunderbar funktioniert.

Co: Wir arbeiten ja schon zehn Jahre zusammen. Über einen so langen Zeitraum lernt man in einer Arbeitspartnerschaft den anderen natürlich sehr gut kennen – egal, ob das nun der Bruder bzw. die Schwester ist oder jemand außerhalb der Familie. Und das ist nicht nur negativ. Du weißt genau, wie der andere tickt, was den anderen stört, wo man nachhelfen muss. Es gibt auch Sachen, die er kann, aber ich nicht, und umgekehrt.

Zum Beispiel?

Stee: Ich bin überhaupt kein Organisator, ich bin eher der Chaot. Co ist dagegen sehr organisiert. Ich bin dafür sehr kreativ, zum Beispiel wenn es neue Ideen für ein Video braucht.

Co: Und er ist technisch sehr gut. Er produziert die Songs, er editiert unsere Videos… auch so kleine selbstgedrehte Videos auf dem Handy, aus denen macht er schnell coole Videos, die man posten kann. Er macht auch grafisch ganz viel. Er ist sehr vielfältig. Und er kann alle Instrumente spielen.

Stee: Und sie macht die ganze Kommunikation, Social Media und so. Das überlasse ich lieber ihr.

Habt ihr eine solche Arbeitsteilung auch beim Liederschreiben – der eine steuert eher die Komposition bei, der andere eher den Text?

Stee: Ja, oft schreibe ich die Musik und Co den Text. Es kommt aber auch vor, dass sie mit einer Melodie im Kopf ankommt oder mit einer Songidee – und ich schraube dann weiter dran herum.

Übt man in einer solchen Arbeitspartnerschaft anders Kritik, weil es eben der eigene Bruder bzw. die eigene Schwester ist – anders, als wenn es kein Familienmitglied wäre?

Co: Man ist wahrscheinlich direkter und sagt schneller mal ein möglicherweise auch heftiges Wort. Man verletzt schneller. Aber wenn Kritik von außen kommt, dann verteidigen wir uns auch gegenseitig. Also wenn jemand Stee zum Beispiel anfährt.

Co, du hast vorhin gesagt, dass ihr schon sehr lange zusammen Musik macht. Ihr habt sehr viel Liveerfahrung, als Duo, aber auch mit den Schweizer Stars Bligg und Gölä. Hilft euch das jetzt für den ESC, werdet ihr relaxter in Lissabon sein?

Co: Relaxter? Das glaube ich nicht. Auf so einer großen Bühne haben wir ja auch noch nie gespielt. 24.000 Leute war bisher das größte, glaube ich, in der Thuner Arena. Und wir reden beim ESC nicht nur von den Leuten in der Halle… dazu kommen Millionen von Zuschauern daheim. So eine riesige TV-Show wie den ESC haben wir natürlich noch nie gemacht, außerdem ist ein Fernsehauftritt etwas anderes als ein Konzert. Unsere Erfahrung hilft uns sicher, aber wir werden trotzdem nervös sein.

Wird euer Auftritt beim ESC so ähnlich sein wie beim Schweizer Vorentscheid, mit den beiden dreieckigen Pyramiden auf der Bühne?

ZiBBZ beim Schweizer Vorentscheid

Stee: Nein, in Lissabon wird das anders sein. Wir wollen mehr eine Einheit sein. Beim Vorentscheid sind wir uns ein bisschen zu entfernt gewesen, mit diesem Bühnenbild. Das war eine lustige Idee für diesen Gig, aber beim ESC wollen wir stärker interagieren, zusammenspielen. Und das Ganze stärker zentrieren, also auf das Wesentliche – die Musik – fokussieren, nicht zu viel drumherum.

Wie würdet ihr euren Musikstil und im besonderen auch „Stones“ bezeichnen – oder findet ihr solche Schubladen generell blöd?

Co: Das ist heutzutage immer schwierig. Was ist Pop, was ist EDM, was ist Rock? Das geht doch alles ineinander über.

Stee: Ja, das mischt sich alles… Wir nennen das, was wir machen, Indie-Pop.

Co: Aber was früher Pop-Rock war, heißt heute Indie-Pop. Schlussendlich ist das ja alles Pop – populäre Musik.

Stee: Wir haben aber durch Co’s Stimme auch bluesige, soulige Einflüsse – dann ist ein bisschen Rock dabei, und von der Produktion her decken wir auch die elektronische Seite ab.

Eine schöne Mischung im Grunde, die „Stones“ im ESC-Umfeld so speziell macht – und die Stimme sticht natürlich auch heraus.

Stee: Danke. Das ist auch wichtig beim ESC, dass ein gewisser Wiedererkennungswert da ist.

Beim Song Contest war die Schweiz in den letzten Jahren nicht so erfolgreich. Spürt ihr in der Schweiz einen gewissen Druck auf euch, dass das mit „Stones“ nun besser werden muss?

Co: Uns ist natürlich bewusst, dass die Schweiz nicht zu den führenden ESC-Ländern der vergangenen Jahre gehört. Aber man darf nicht vergessen, es gab immer wieder Schweizer Acts, die doch ins Finale gekommen sind. Unser Ziel ist: Wir wollen sicher ins Finale kommen, und wenn wir in die Top 10 kommen, wäre das ein Riesenkracher für uns.

Stee: Ja, das wäre cool. Es ist in jedem Fall eine Super-Erfahrung, egal, was am Ende dabei herauskommt. Aber natürlich haben wir schon so unsere Ziele.

Co: Letztlich kann man Kunst eigentlich nicht bewerten, finde ich. Es kommt nur darauf an, was am Ende den Leuten besser gefällt.

Eine reine Geschmackssache.

Co: Genau. Es gibt dann vielleicht tausend Leute, die finden das eine besser, und tausend, die finden das andere besser. Aber das ist keine wirkliche Bewertung von Kunst. Aber allein dadurch dass wir auf dieser Bühne stehen, tun sich Türen auf zu Fans, die sonst unsere Musik vielleicht nie gehört hätten – und damit haben wir eigentlich schon gewonnen.

Habt ihr Kontakt mit Künstlern, die in den letzten Jahren für die Schweiz beim ESC waren? Habt ihr euch Tipps geben lassen?

Stee: Wir kennen natürlich einzelne Acts. Anna Rossinelli kennen wir gut…

Die war 2011 ja im Finale.

Stee: Genau, die war super.

Co: Die Lovebugs kennen wir.

Stee: Wir kennen sogar den DJ Bobo. Timebelle, die im letzten Jahr dabei waren, haben uns gesagt: Genießt es einfach!

Co: … weil es schnell vorbei sein wird. Das haben wir uns auch als Ziel gesetzt. Weißt du, wir können entweder uns jetzt voll den Stress machen oder jeden Tag aufstehen und feststellen, was für ein großes Glück wir haben, auf dieser Riesen-Bühne stehen zu dürfen und in dieser Eurovision Community zu sein. Die Zeit wird so schnell vorbei gehen, wir sollten das genießen, so gut wir können. Denn später werden auch wieder Zeiten kommen, in denen man denken wird: „Ach, hätten wir nur wieder mal so eine Chance“.

Dann wünschen wir euch viel Erfolg – und vor allem viel Spaß in Lissabon!



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14 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Rainer1

    13.04.2018 | 11:47

    Nettes interview, danke.
    Leider werden sie in der schweiz nicht viele sehen. Am gleichen tag zur selben zeit ist das eishockey-wm-spiel schweiz tschechien. Der esc wird wohl auf srf-info abgeschoben.

  2. Meckie

    13.04.2018 | 12:48

    Nun, sie werden sicher am Dienstag um 23:10 schon wieder ihre Koffer packen.

  3. Mariposa

    13.04.2018 | 14:39

    Ja, leider – nur gibt es im ersten Semi kaum Haßlieder, auf die ich es dann abladen kann. Vielleicht noch Aserbaidschan…..

  4. Thomas

    13.04.2018 | 14:50

    Supersymphatisches Interview,
    danke dafür!
    Drücke Ihnen die Daumen dass sie es ins Finale schaffen, die Nummer ist viel besser als dieser Wettquoten-Käse ;-)

  5. sunny42

    13.04.2018 | 17:28

    Drücke die Daumen und hoffe das sie das Finale erreichen auch wenn die Sterne noch schlecht stehen abgerechnet wird am Tag der Entscheidung im 1 Semifinale viel Glück Schweiz

  6. Jorge

    13.04.2018 | 17:48

    Bei vielen ESC-Acts kommt ja wie bei Zibbs „lebe in NY, LA, London ..“
    Das impliziert ja immer, man würde sich in der grossen Szene bewegen. Hmm, ich frage mich, wieviele gescheiterte Existenzen, Tellerwäscher, Sozialsiedlungs- oder Immigrantenviertelbewohner darunter sind. Sind ja nicht selten die interessanteren Geschichten als die aus dem big musicscene-biz.

  7. Jorge

    13.04.2018 | 18:02

    Das Lavieren um die Frage nach dem Musikstil („Was ist Pop, was ist EDM, was ist Rock? Das geht doch alles ineinander über.“), zeigt das Problem dieser Bands, die nach allem und irgendwie wohlgefällig klingen wollen: Sie wissen nicht, wofür sie stehen und schrecken vor eine Schublade zurück. Es gäbe da schon einige Gimmicks sich einzusortieren. Dabei reicht es doch ein/zwei Elemente aufzuzählen, die sich in den meisten ihrer Songs wiederfinden sollen, in welcher Szene man sich wohlfühlt und welchem Publikum das gefallen soll. Stee nimmt wenigstens noch Bezug darauf, bleibt aber sehr vage aka beliebig. Schade.

  8. 4porcelli

    13.04.2018 | 18:50

    @Jorge „lebt in NY/LA/London“, idealerweise mit Erwähnung von Schauspielschule, heißt meistens “ Papi zahlt.“

  9. Jorge

    13.04.2018 | 18:54

    @4porcelli: Korrekt, kennen wir ja. ;-)
    Aber bei Griechen, Rumänen, Albanern läuft das vielleicht anders, da muss man sich evtl. durch die Verwandtschaft oder Clan durchschlafen.

  10. 4porcelli

    13.04.2018 | 19:30

    @Jorge – das klingt wieder wie eine Drehbuch-Idee – „Balkan family conneXXXions“ oder so. Jetzt kommen wahrscheinlich gleich frenetische Kommentare, dass wir einerseits rassistisch, andererseits schwuftig sind.

  11. melodifestivalenfan

    13.04.2018 | 19:51

    @Jorge 18:02 Uhr
    Genau das ist es, was ich bei meinem Kommentar zum Songcheck mit der Rätselhaftigkeit ausdrücken wollte. Du hast es wiedermal genauer getroffen. Das Lavieren zwischen den Stilen ist vermutlich genau das Problem im Songaufbau selbst. Deshalb kommt der Titel nicht so an, wie man es den Beiden eigentlich wünscht. Richtiger Rock wäre besser gewesen.

  12. Jorge

    13.04.2018 | 21:24

    @melodifestivalenfan: Danke. Ich hatte die Songchecks SUI/AUT weitgehend ausgespart, es also nicht gelesen, weil mir das zu stressig zu werden drohte (und ich an dem Tag anderes vorhatte). :-)

  13. Jorge

    13.04.2018 | 21:37

    P.S.: Ich bin einfach der Meinung, dass Bands die tagtäglich mit ihrer Musik zu tun haben, den eigenen Stil auch mit 10 Wörtern erklären können sollten.

  14. Rainer1

    13.04.2018 | 21:56

    Das tönt ja, als ob es fest abgesteckte grenzen gibt. Das ist rock…..bumm…..das ist pop….bumm….das ist schlager…….. Glaub ich nicht. Und wenn ja, wer bestimmt diese grenzen? Die echo-jury?

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