Mazedonien

Zu viel politischer Subtext? Mazedonien tauscht “Imperija” aus

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Das mazedonische Fernsehen MKRTV hat auf die Welle der Kritik im eigenen Land (und in den Nachbarländern) reagiert und wird den kürzlich vorgestellten ESC-Beitrag “Imperija” zurückziehen. Esma und Lozano werden in Malmö ein anderes Lied singen. Dies soll nun von einer anderen ESC-Interpretin des Landes komponiert werden.

Schon wenige Tage nach der Präsentation war das “Imperija”-Video auf Youtube gesperrt. MKRTV hatte erklärt, man sei nicht damit einverstanden, wie Mazedonien dort präsentiert werde, habe aber nichts mit der Sperrung (und auch nicht mit der Veröffentlichung!) des Videos zu tun gehabt. Änderungen im Arrangement und im Text wurden zunächst als ein völlig normales Vorgehen angekündigt. Hinter den Kulissen muss es wohl mächtig geknallt haben, Vlatko Lozanoski alias Lozano soll bereits mit seinem Ausstieg aus dem Projekt ESC gedroht haben.

Die negativen Reaktionen der Öffentlichkeit entzündeten sich daran, dass der Folk-Pop Titel “Imperija” für viele Mazedonier (und auch Bulgaren und Griechen) mit einem speziellen politischen Subtext versehen ist, der für Westeuropäer nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Auch mit der EBU soll direkt nach der Präsentation ein Austausch der MKRTV-Verantwortlichen stattgefunden haben. Die Interpreten wurden offenbar von der kritischen Rezeption überrascht und sagten ihren geplanten Auftritt beim bulgarischen Finale (Liveblog hier) ab.

Im Clip zu “Imperija” (Imperium) posieren Esma und Lozano vor diversen herrschaftlichen Gebäuden, die mit dem umstrittenen Stadtplanungsprojekt “Skopje 2014” in Verbindung gebracht werden. Dabei geht es um den Bau von Museen, Regierungsgebäuden und zahlreichen Monumenten historisch bedeutsamer Figuren wie etwa Alexander der Große. Etwa 20 Gebäude und 40 Statuen sollen errichtet werden. Die Kosten werden auf 80 bis 500 Millionen Euro geschätzt. Die Opposition kritisiert das Projekt als “nationalistischer historischer Kitsch”.

Ein besonderen Geschmack erhält die Affäre, wenn man weiß, dass der Liedtitel auf Esma Redzepovas Wunsch von “Obsesija” (Besessenheit) zu “Imperija” (Imperium) geändert wurde. Ob damit ein besonderer politischer Herrschaftsanspruch verbunden gewesen sein mag, scheint etwas weit hergeholt. Fakt ist aber, Esma sitzt als Abgeordnete der konservativen Regierungspartei VMRO-DPMNE im Stadtrat von Skopje und muss daher als regierungstreue Unterstützerin von “Skopje 2014″ gelten.

Bei den griechischen Nachbarn erregte insbesondere die im Video gezeigte Reiterstatue auf einem Platz in Skopje erhebliches Aufsehen (Fotos). Obwohl offiziell nicht so benannt, ist allen klar, das hier Alexander der Große dargestellt werden soll – eine historische Figur, die die Griechen als rein griechisches Erbgut betrachten.

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Mit Griechenland ist Mazedonien seit seiner Unabhängigkeit 1991 in einen bizarr anmutenden Namensstreit verwickelt. Griechenland beansprucht die Bezeichnung “Mazedonien” bzw. “Makedonien” allein für seinen nördlichen Landesteil und wirft den nördlichen Nachbarn vor, man wolle unter Umständen Gebietsansprüche erheben und sich gewissermaßen mit fremden historischen Federn schmücken.

Das kritisierte Video zu “Imperija” ist bei Youtube gesperrt, auf anderen Portalen noch zu sehen

Mazedonien änderte in den 90er Jahren einige tatsächlich missverständliche Passagen in seiner Verfassung und auch die Landesfahne, die den ebenfalls von den Hellenen als nationales Symbol eingestuften sechzehnzackigen Stern von Vergina zeigte, wurde in das heute bekannte Sonnensymbol geändert. Beim Landesnamen blieb man allerdings, schließlich hieß die Republik auch innerhalb von Tito’s Jugoslawien stets Mazedonien.

Bis heute blockiert Griechenland die Aufnahme Mazedoniens in die Nato, auch die Integration in die EU kommt aus diesem Grund nicht voran. In der UN ist Mazedonien daher als “The Former Yugoslav Republic of Macedonia” unter dem Buchstaben T für “The” einsortiert. Diese Bezeichnung gilt international – so auch beim Eurovision Song Contest, wo sie als “FYR Macedonia” abgekürzt wird, weil man sonst die Breite der Punktewand sprengen würde. Bilateral erkennt jedoch mittlerweile fast die ganze Welt (außer Westeuropa, Südafrika, Australien, Mexiko) Mazedonien unter seinem offiziellen Namen “Republic of Macedonia” an. Sehr zum Ärger Athens.

Auf dem Tisch liegen mittlerweile diverse Namens-Vorschläge mit einem Zusatz wie Vardar-Mazedonien (Vardar ist der größte Fluß des Landes und im Königreich Jugoslawien in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts hieß die Provinz schon einmal “Vardar”), Ober-Mazedonien oder Mazedonien (Skopje). Doch die fast 20-jährigen Verhandlungen sind im 100. Jahr der Aufteilung des alten Kulturgebietes Mazedoniens auf Griechenland, Serbien und Bulgarien immer noch nicht zu einem Abschluss gekommen. (Wir Blogger fänden “Kaliopistan” ja auch nicht schlecht…)

Auch Bulgarien dürfte über den Eindruck, Politik und Musik zu vermischen, nicht erfreut sein, einige der für die Statuen vorgesehenen Helden werden nämlich auch vom östlichen Nachbarland beansprucht. Die bulgarische Zeitung Sofia Globe berichtete, der Text des Refrains von “Imperija” vor dem Hintergrund gespannter nachbarschaftlicher Beziehungen erinnere an den von Bulgarien stets bestrittenen früheren Großmachtstatus Mazedoniens:

Imperium, Imperium
Musik regiert auf der Welt
Imperium, Imperium
Die stärkste Kraft auf der Erde

Bulgarien hat die Nachbarrepublik 1991 zwar als erstes Land der Erde als unabhängig anerkannt, betrachtet die Mazedonier allerdings als Angehörige der bulgarischen Kulturnation (die Sprachen liegen nicht allzu weit auseinander).

Das mazedonische Fernsehen in Skopje hat jedenfalls auf diese heranrollende Problemwelle schnell reagiert und wird “Imperija” nicht nur verändern, sondern gleich komplett austauschen. Auf den Videoclip scheint man offensichtlich keinen Einfluss genommen zu haben, wie es hieß, wurde er von der privaten Produktionsgesellschaft Exit B umgesetzt.

Das Ganze wirft jedenfalls kein gutes Licht auf den TV-Sender, der offenbar die Problematik unterschätzt hat und das Material mehr oder weniger unbesehen bis zur TV-Präsentation Ende Februar durchgewunken hat. Immerhin ist Esma Redzepova eine der bekanntesten und renommierten Künstlerinnen des Landes, die nicht nur für ihre lange Musikkarriere, sondern auch für ihr humanitäres Engagement – sie adoptierte 48 (!) Kinder - geschätzt und geliebt wird.

Der neue Song muss bis zur Deadline am 18. März vorliegen. Der mazedonische ESC-Delegationsleiter Ljupco Markovski sagte der Lokalpresse, man nehme die Kritik aus dem Inland (!) sehr ernst und habe sich daher zum Songtausch entschieden. Für das neue Lied wurde Elena Risteska, die 2006 mit Platz 12 das beste mazedonische ESC-Resultat erzielte, als Autorin verpflichtet. Mit ihr soll ein Team um Hit-Produzent Darko Dimotrov, Lazar Cvetkovski und Simenon Atanasov den neuen Song verfassen. Dimitrov war damals bereits für “Ninanajna” verantwortlich.

Wir bedauern das ganze Tohuwabohu, den musikalisch war “Imperija” eine wirklich interessante Nummer und sind gespannt auf den nächsten Wurf aus Skopje, der hoffentlich im gleichen Genre bleibt. Dennoch scheint ein Tausch strategisch klug. Da Mazedonien im zweiten Halbfinale völlig ohne exjugoslawische Unterstützung auskommen muss, ist man auf die Punkte der übrigen Nachbarländer Griechenland, Bulgarien und Albanien dringend angewiesen. Bei anhaltend negativer Berichterstattung zu “Imperija” wäre das Finale wohl unerreichbar. Selbst Kaliopi, im vergangenen Jahr zu recht beim ESC mit Platz 13 erfolgreich, gelang die Finalqualifikation in Baku nur dank üppiger Nachbarschaftspunkte.

Unsere Liste der verhinderten ESC-Beiträge (insgesamt gibt es bereits mehr als 50) ist damit um einen weiteren aktuellen Eintrag reicher. Zuletzt hatte wie fast in jedem Jahr Weißrussland seinen Beitrag ausgetauscht.

ESC-News, ESC-Vorentscheid, Rückblick: 2013 Malmö, Videoclips

14 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Aussie

    08.03.2013 | 20:36

    Ich werde Imperija nicht vermissen!

  2. deutscheland

    08.03.2013 | 21:35

    Sexy Elena zaubert uns also ein neues Lied, mit dem die Oma und ihr Enkel das ehemalige jugoslawische Imperium vertreten werden…
    Ich werde Imperija auch nicht vermissen!

  3. OLiver

    08.03.2013 | 21:39

    Ich finde es wirklich jammerschade… und kann mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet Elena Risteska als Mit-Autorin für mehr Qualität sorgen soll. Ihr Beitrag von 2006 war doch ziemlich billig…

  4. Lars

    08.03.2013 | 21:53

    Ich bedaure sehr, dass das Lied ausgetauscht wird. Hätte es gern auf der ESC-Compilation-CD gehabt.

  5. Jorge

    08.03.2013 | 23:03

    Ein neuer Song mit Esma? Nein Danke, die gehört ebenso wie der Song nach dieser Politposse ausgetauscht. Dieser Kleinkrieg wird traditionell vom griechischen TV während der Punktevergabe mit einem “XXX” über dem Namen des Nachbarlandes fortgeführt. Einfach nur öde, diese nationalistischen Kleingeister.

  6. OLiver

    08.03.2013 | 23:21

    Wie man auf einen provokanten griechischen Reporter bezüglich des Namensstreits gleichermaßen würde- wie humorvoll reagieren kann, zeigt uns Kaliopi in diesem Clip:
    https://www.youtube.com/watch?v=oiXifhLL2dE

  7. DJ Ohrmeister

    09.03.2013 | 10:27

    Mich nervt dieser lähmende Namensstreit auch, aber ganz so einfach ist das Ganze leider auch nicht. Man stelle sich vor, es gäbe ein österreichisches Bundesland Bayern, das auf einmal aus irgendwelchen Gründen unabhängig würde, und bei den UN (EU, NATO) als “Republic of Bavaria” aufgenommen werden wollte. Ich möchte nicht wissen, wie München und Berlin darauf reagieren würden.
    Wir müssen das Thema hier nicht weiter vertiefen, ich wollte nur mal drauf hinweisen, dass man sich auch mal in die griechische Seite reinversetzen sollte. Sowas nagt eben einfach an der Volksseele. Auch wenn natürlich anzumerken ist, dass das Thema von Politikern beider Seiten in polemischer Weise ständig wieder angefacht wird, was überhaupt nicht hilfreich ist.

  8. deutscheland

    09.03.2013 | 11:58

    Mazedonien ist Mazedonien und nicht “FYR Macedonia” !
    Was die Pleite-Griechen denken, ist mir scheißegal! Meiner Meinung nach sollte man Mazedonien zukünftig als “Republic of Macedonia” anerkennen. Und als Kompromiss kann man sich darauf einigen, dass Mazedonien erst wieder eine “ehemalige jugoslawische Republik” ist, wenn Athen das “FYR” für 1.000.000.000.000.000 Euro zurückkauft (was wohl wenig wahrscheinlich ist, da Griechenland kein Geld hat ^^).

  9. Emalaith89

    09.03.2013 | 12:14

    Ich war kein großer Fan von “Imperija” – obwohl eine bessere Produktion schon viele Mängel behoben hätte. Mal schauen, was jetzt nachgeliefert wird… der politische Subtext ist allerdings ganz schön albern.

  10. Thomas Köhler

    09.03.2013 | 18:06

    Jedes Jahr der gleiche Mist. Können die dummen Kinder nicht endlich mal erwachsen werden?

  11. KerJoe

    10.03.2013 | 22:24

    Und ich dachte immer der Namensstreit sei gelöst:
    Mazedonien = FYROM = Former Yugoslav Republic of Macedonia
    Griechenland = FIROG = Financial Insolvent Republic of Greece

  12. Inge Periotte

    10.03.2013 | 23:32

    WIE KANN MAN NUR?!?!?! Der mit weitem Abstand beste Beitag der l´ Ex Répubilque Yougoslave de Macédoine (ich schreibe jetzt hier bewusst nicht der “mazedonische” Beitrag, um jedwedem Gewetter um politische Hoheitsansprüche vorzubeugen, das mir schon vor Jahren in anderen Foren um die Ohren geflogen ist) und die tauschen den aus! Erstmalig wäre eine Top-Ten-Platzierung in greifbare Nähe gerückt (allen Unkenrufen der vorangegangenen Beiträge zum Trotz), und die tauschen das aus – und dann drückt man die Federführung auch noch der Dame in die Hand, der man dieses unsäglich billige “Ninananaja” zu verdanken hat, das selbige auch noch im Folgejahr aufdringlich und eitel bei der Punktevergabe in die Kamera geplärrt hat.
    Dieser Jahrgang löst ein Kopschütteln nach dem anderen bei mir aus!

  13. jan

    11.03.2013 | 16:34

    Ich denke nicht, dass dieses Forum bzw dass in den Kommentaren dieser Seite über den Namen diskutiert werden soll. Ich dachte immer dass man hier über die Songs und nicht über den Namen einen Landes diskutieren soltel. Kommentare wie FIROG und Pleite Griechenland sollten hier nicht auftauchen, weil die Provokant sind. Findet Ihr nicht?

    Ich sage nur eins, wer Geschichte kennt, der hat schon die Antwort wo Mazedonien liegt!

    Liebe Grüße
    Jan

  14. Christian W

    12.03.2013 | 23:23

    FIROG und Pleitegriechen geht nicht, aber zu sagen, wer die Geschichte kennt, weiß wo Mazedonien liegt ist legitim? Sehr logisch und auch überhaupt nicht provokant…
    Ich sage zu dem Thema auch nur eins: Wer soviel Energie und Geld in einen Streit um einen Namen investiert, der muss sich auch nicht wundern, wenn das Land dann den Bach runtergeht. Mit dem Geld und der aufgewendeten Zeit hätte man bestimmt auch wunderbar das griechische Steuersystem modernisieren können, denke ich. Da hätte man in Athen heute sicherlich mehr von, als dass man anderen Ländern das Leben schwer macht, wegen ein paar lächerlicher Buchstaben. Wie Kinder, denen man im Sandkasten die Schippe klaut und mit ein Grund, warum es in Griechenland so aussieht, wie es heute aussieht.

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