Finnland

Zum Tode von Seija Simola: Ein Abschied in Bescheidenheit

Sie bat 1978 darum, der Liebe eine Chance zu geben, aber nur die Norweger verstanden ihre Worte. Die Chance für eine jahrzehntelange Karriere war Seija Simola jedoch nicht vergönnt. So ist es nicht verwunderlich, dass erst elf Tage nach ihrem Tod die Medien der finnischen Künstlerin huldigen. Dabei zählte sie, die durch ihre Bescheidenheit auffiel, in den sechziger und siebziger Jahren zu den großen Hoffnungsträgern des nördlichen Landes.

Es ist manchmal ganz gut, wenn man in einem internationalen Unternehmen arbeitet. Durch meine sehr junge finnische Kollegin wurde ich auf einen Artikel in einer finnischen Zeitung aufmerksam, aus der für mich nur der Name Seija Simola hervorging. Sie übersetzte mir die Zeilen und stellte dabei fest, dass die mittlerweile in Finnland vergessene Sängerin gestorben sei.

Geboren unter dem Namen Seija Saara Maria am 25. September 1944 in Helsinki als Tochter von Urpo Simola und der Turnerin Anita Lappalainen begann Seija Anfang der sechziger Jahre zunächst in Formationen ihre musikalische Karriere. Mit 18 Jahren sang sie in der Leo Lindblom Band. 1966 kam dann ihre erste Single auf dem Markt unter dem Titel „Kun hämärtää“.

Der große Durchbruch gelang ihr dann 1969, als sie Coverversionen von italienischen Liedern aufnahm unter den Titeln „Sulle silmäni annan“, „Rakkaus kasvoista kasvoihin“ und „Kun aika on“.

YouTube Preview ImageSeija Simola – Sulle silmäni annan

„Kun aika on“ wurde Jahrzehnte später mit ihrer Stimme wieder populär, als er in einer Werbeserie auftauchte.

YouTube Preview ImageSeija Simola – Kun aika on Werbung mit ihrer Stimme

Die siebziger Jahre gehörten dann zu ihren erfolgreichsten Jahren. Seija Simola sang unter anderem Coverversionen von ABBAs „Waterloo“ und „Fernando“, wozu sie selbst die Texte schrieb. Zudem brachte sie „Don’t cry for me Argentina“ auf Finnisch heraus, was unter dem Titel „Et itkeä saa Argentina“ ein großer Erfolg wurde.

Doch dann kam die Eurovision 1978. Dreimal hatte Seija Simola schon einen Versuch unternommen. 1972 wurde sie am 29. Januar mit dem Titel „Kaukainen laulu“ in einer Postkartenabstimmung mit 5.072 Stück Vierte von Acht.

Ein Jahr später durfte sie am 3. Februar zum Teil dann auf Englisch singen und eine Expertenjury setzte Seija Simola & Paradise mit 65 Punkten auf Platz 2 von 12 Teilnehmern. Nur vier Punkte trennten ihr Lied „One, Two, Three“ und Marion Rung, die mit „Tom tom tom“ nach Luxemburg fuhr, um dort den erfolgreichen 6. Platz zu belegen, was bis 2006 auch die beste Platzierung der Finnen bleiben sollte.

YouTube Preview ImageSeija Simola & Paradise – One, Two, Three

7 regionale Juries durften am 22. Februar 1977 ihre Entscheidung treffen, wer Finnland in London vertreten sollte. Seija Simola startete mit dem Titel „Yötön yö“ und landete damit mit 190 Punkten auf den letzten und neunten Platz.

YouTube Preview ImageSeija Simola – Yötön yö

Ihre Stunde sollte am 11. Februar 1978 schlagen. Im TV-Studio der YLE in Tampere starteten 7 hoffnungsvolle Künstler. Neben Seija standen auch Katri Helena (Eurovision 1979, 1993) und Anneli Saaristo (Eurovision 1989) auf der Bühne. Zusammen mit Reijo Karvonen, der selbst auch ein Lied im Rennen hatte, verfasste Seija den Text für ihr Lied „Anna rakkaudelle tilaisuus“ und durfte den nationalen Wettbewerb eröffnen. Zum Schluss gab es insgesamt 271 Punkte und die Fahrkarte nach Paris, wobei nur drei der fünf regionalen Juries sie vorne sahen.

Im gleichen Jahr bewarb sie sich auch für die Intervision, einem Wettbewerb, an dem Finnland regelmäßig teilnahm und den Marion Rung einmal gewann. Mit ihrem Lied „Pieni hymy“ holte sie jedoch nur 228 Punkte auf Platz 3.

YouTube Preview ImageSeija Simola – Pieni hymy

In Paris erwarteten Seija Simola gleich 19 Konkurrenten. Nie war die Teilnehmerzahl bis dahin größer. Als viertes hinter den sehr bekannten Quartett Ricchi e Poveri aus Italien und vor den vier der Gruppe Gemini aus Portugal trug Seija ihre Liebeshymne vor. Man erinnert sich gern an die Fahrstuhlfahrt hinter den Kulissen sowie die Begrüßung durch die vorhergehenden Kandidaten. Erst 2003 gab es wieder solche Bilder.

YouTube Preview ImageSeija Simola – Anna rakkaudelle tilaisuus

Bei der Punktevergabe sah es zunächst ganz gut aus. Norwegen als zweite Jury gab 2 Punkte für den finnischen Beitrag. Aber danach folgte dann gähnende Leere. Kein anderes Land hatte Finnland mehr in den TopTen. Am Ende blieb ein 18. Platz, den man sich mit der Türkei teilte. Nur die Norweger waren schlechter mit null Punkten.

Riesenenttäuschung für die Finnen, denn es lieferte ihnen das schlechteste Ergebnis in den siebziger Jahren. Auf Seijas Karriere wirkte sich das schlechte Abschneiden aus. Der Verkauf ihrer Platten ging zurück und auch Konzertanfragen wurden rarer.

Sie blieb der Musik jedoch treu, aber 1984 erschien ihr letzter Hit. Mit „Ei rakastaa voi tämän enempää“ schloss sich ihre Singlekarriere und nur noch Alben kamen in all den späteren Jahren auf den Markt.

YouTube Preview ImageSeija Simola – Ei rakastaa voi tämän enempää

Seija Simola zog sich mehr und mehr aus dem Showgeschäft zurück. Ihrem Empfinden nach hatte das Publikum sie nie gemocht, was die Presse aber ihrer Bescheidenheit zuschreibt. In späteren Jahren war es ihr ganz genehm, nicht mehr auf der Straße erkannt zu werden.

2011 endete ihre musikalische Laufbahn tragisch. Bei einer Halsaderoperation wurden ihre Stimmbänder verletzt, wodurch sie nicht mehr singen konnte.

Zweimal war sie verheiratet. Aus der ersten Ehe stammt ihre Tochter Taina Franzén und in zweiter Ehe war sie seit 1969 mit dem Musiker Pekka Hartonen verbunden, aus der 1975 ein Sohn namens Nico hervorging. Nico Hartonen spielt seit 2001 in der Metalband Godsplague.

Ihre Tochter und ihr zweiter Ex-Mann haben den Tod von Seija Simola bestätigt. Auch wenn die Sängerin schon jahrzehntelang in der Versenkung verschwunden war, werden ihre Fans gern an ihre Lieder zurückdenken.

Für mich war „Anna rakkaudelle tilaisuus“ der erste Song in finnischer Sprache. Der Eurovision Song Contest 1978 in Paris stellt die Grundsteinlegung für meine eurovisionäre Begeisterung dar. Nach Jean Vallée aus Belgien ist Seija Simola nun die zweite, die aus meinem Debütjahr gestorben ist. Aber es bleiben die Erinnerungen an eine Künstlerin, die in ihrer Bescheidenheit die Musikwelt bereichert hat.

YouTube Preview ImageSeija Simola – La Maritza

Aktuell, ESC-News, Videoclips

3 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Meikel

    01.09.2017 | 08:30

    Vielleicht könnte man in diesem Zusammenhang auch daran erinnern das vor ein paar Tagen eine deutsche Grand-Prix-Legende gestorben ist. Margot Hielscher im stattlichen Alter von 97. Die letzte große Diva Deutschlands.
    Ich hätte es gut gefunden wenn du auch ihr, immerhin die Miss Jukebox 1958, einen Nachruf gewidmet hättest. Aber vielleicht hattest du ja gerade keine zwei Groschen für ihre Musik..

  2. Meikel

    01.09.2017 | 08:36

    Sorry – habe mich gerade vertan. Ihr hattet natürlich einen Nachruf.

  3. Matty

    01.09.2017 | 09:46

    Rauhan rauhassa – Ruhe in Frieden!

Kommentar schreiben