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Nightlife

> Alexander Otto


Fruchtbares Saatgut

Das war schon ein beeindruckender Anblick: Zehn nach acht und der MUZclub ist schon zur Hälfte gefüllt. Menschen mit Vorfreude in den Gesichtern begrüßen sich, andere rauchen geschwind noch eine Zigarette. Jeder will da rein, und zwar möglichst schnell. Was treibt die Nürnberger an einem Mittwoch so zahlreich in einem Club, dass sehr viel später ein Schild mit der Aufschrift “Ausverkauft” an die Tür gehängt werden muss? Ungarn. Nürnberger. Eine Familie. The Great Bertholinis.

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Der zur Zeit wohl prickelndste und populärste Nürnberg-Export seit den Glanztagen der Robos kehrt im Rahmen der Tour zum Album “Planting a tree next to a book” für ein Heimspiel der großen weiten Welt den Rücken zu. Und es wird ein fulminanter Erfolg werden, wie sich im Laufe des Abends herausstellen wird. Das Oktett The Great Bertholinis ist ein Phänomen. Begonnen als Ernie’s Tale und wiedererfunden als pseudo-ungarische Artistenfamilie, entpuppt sich die Band nun als, nun ja, Gulaschkanone des Pop. Als Plattensee der Melodik. Als Magyaren der Vielfalt. Genug ge-ungart, außer an den Namen (“Oskar, sing du das nächste Lied”) ist während der Show keinerlei Hungarophilie zu erkennen. Und ganz ehrlich: Das ist gut so. Die Band konzentriert sich vollends auf das abwechslungsreiche Spiel ihrer hybriden Pop-Nummern. Aufgesetzte Balkan-Masken haben da keinen Platz mehr.
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Schon der Opener “Whispering Fools” zeigt, wohin die Reise geht: Dem Osten wird allenfalls noch einmal fröhlich zugewunken, der Blick geht gen Westen, die Route führt über Liverpool und das Homestudio von Brian Wilson direkt ins Zentrum des Pop-Universums. Und das ist der perfekt inszenierte Song. Davon haben die bärtigen Männer eine Menge in petto. Spielerisch auf höchstem Niveau und mit dem nötigen Spieltrieb ausgestattet, glänzen Oskar und Todor in zweistimmigen Passagen, während der Bläsersatz messerscharfe und butterweiche Akzente scheinbar mühelos setzt. Das großartige “The Waltz & The Failure” oder das feingliedrige “Farewell Goodbye” unterstreichen die tiefe Qualität des aktuellen Albums und die spielerische Klasse der Band. Der übervolle  brodelt zwar nicht gerade vor Stimmung, aber das Wohlwollen der gebannten Zuhörer ist schier greifbar. Dieser Band wird der Erfolg gegönnt. Schließlich sind wir alle Bertholinis, mehr oder weniger.
Bei “For the years” ist es dann vorbei mit dem reinen Zuhören und Zusehen. Die Musik wird spürbar, Gänsehaut erklimmt die Arme, ein warmer Strom fließt vom Nacken bis hinunter zu den Zehen. Wenn in einigen Jahren die Bertholinis ein Abschiedskonzert vor tausenden Fans geben, wird der Satz “Thank you for the years” vermutlich zum längsten Repitativ der jüngeren Musikgeschichte. Eine Passsage mit Hypnose-Charakter, pathetisch, klangvoll, entwaffnend, überwältigend – Pop in reinster und schönster Form. Zugegebenermaßen gibt es während des Konzertes auch einige weniger überragende Passagen. Da sist allerdings normal, wenn die Band ihren Schwerpunkt auf Komposition und Melodik legt. Langweilig wird es bei den Bertholinis schon alleine der Instrumentierung wegen nie. Als gegen Ende des Konzertes das ebenso zarte wie verspielte “Time Machine” erklingt, wähnt sich der Hörer nicht etwa in einer solchen. The Great Bertholinis gelingt ein seltenes Kunststück: Sie sind retro und zeitlos zugleich. Immer gültig und doch seltsam entrückt. Ein Lebensbaum wie er geschrieben steht.

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  2. Mrz 15, 2009: Großartig: The Great Bertholinis - Planting A Tree Next To A Book | CrazyKaro's kleine Blogwelt