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> Alexander Otto


Prima Leben Und Stereo I – Attitude in Stereo

Wie immer ausverkauft!Das hatten die Trashmonkeys so wahrscheinlich nicht geplant. Aber mit ihrem schönen Punkpop-Song “Attitude In Stereo” haben sie so etwas wie die inoffizielle Hymne des Festivals gespielt. Attitude bedeutet Einstellung und meint darüber hinaus noch viel mehr. Es ist eine Aussage zu allgemeinen Gemengelage, ein Statement zur Musikszene und ein Bekenntnis zum Ehrenamt. Ungefähr 300 Freiwillige haben Sebastian und seine Orga-Crew fürs Eingangbewachen, Gemüseschnippeln, Becheraufsammeln und Bandbetreuen gewinnen können. Und wie in jedem Jahr hat diese freiwillige Festivalorganisation herausragend funktioniert. Die Freisinger Jugend wirkt so freundlich, so entspannt und hilfsbereit, dass man eigentlich sofort dort hinziehen und sich am PLUS-Verein beteiligen will. Das nenne ich Attitude, und das alles auch noch in Stereo. Herzlichen Dank dafür. Das Ausverkauft-Schild ist eure Belohnung, und die habt ihr mehr als vedient. Die Stimmung der Verantwortlichen hat sich von Anfang an eins zu eins auf die Gäste, die Bands und sogar das Wetter übertragen. Man schwamm, sang und sprang, dass es nur so eine Freude war. Aber der Reihe nach:

Es ist gewiss nie ganz einfach, ein Festival zu eröffnen. Viele Leute sind noch nicht da oder noch nicht ganz bereit für die Bands. So ein Festival muss sich jeder einzelne schließlich für sich selbst erst erarbeiten. Daran gemessen war der Auftritt des Nürnberger Quintetts Sutcliffe ein echter Erfolg. SutcliffeDas Soundtrackhafte ihrer gesangsbefreiten Stücke passte hervorragend zu den Ankommens- und Begrüßungsszenarien auf dem Gelände. Der Sound war klasse und die mal ins tarantinomäßige, mal ins indieartige changierenden Songs funktionierten so gut an der Vöttinger Riviera, dass die Veranstalter überlegen sollten, Sutcliffe einen Soundtrack zum Festival einspielen zu lassen. “Nächstes Mal”, versprach Bassist Joe B. Good augenzwinkernd “spielen wir um 19 Uhr.” Hoffentlich, meine Herren, denn euer Sound würde ebenso ideal in die Abendsonne passen.Herr Hofer und Joe B. Good
Leider war das weitere Programm des Vorabends nicht annähernd so prickelnd. Ich habe wirklich nichts gegen Unsauberkeiten, Schmutz und Fahrlässigkeiten im Bandklang, aber Lampert muteten weniger wie eine schrammlige Untergrundband an als eine Band, die viel mehr sein will als sie ist. Sick City haben in Sachen Bühnensound und Tightness da schon wieder eine andere Messlatte gelegt. Nach zwei Songs allerdings langweilt der sehr glatte, sehr straighte und häufig auch sehr geklaute Disco-Pop-Mix schon gewaltig. Man muss konstatieren, dass die Zeit der Post-Wave-Zappelcombos nun endgültig vorbei ist. Offbeats ohne nähere musikalische Erläuterung holen echt niemanden mehr in den Moshpit.
Die bereits erwähnten Trashmonkeys kamen da schon besser an, nicht zuletzt wegen des permanenten Aufrufs zur Party von Sänger Andy Wolfinger. Ihr konventioneller, an Billy Talent wie Bad Religion erinnernder, Punkpop funktionierte. Nicht mehr und nicht weniger. Es gelang der Band, Spannung aufzubauen und gegen Ende immer mitreißender zu werden. Die Fans goutierten dies mit ersten Hüpfeinheiten und einer stattlichen Mitsingtirade.
Während all dies also vonstatten ging, saßen ein fast kahler und ein sehr bärtiger Engländer im Backstage herum und unterhielten sich ohne Unterlass über Politik, Kunst, Germany und andere Dinge, die ich aufgrund des Dialektes jedoch nicht ansatzweise verstanden habe. Dan Le Sac vs. Scroobius PipDan Le Sac und Scroobius Pip kamen sehr früh, blieben lange und absolvierten scheinbar mit Leichtigkeit den besten Auftritt des Wochenendes.
Schon beim Soundcheck, den der rundliche Dan Le Sac alleine bewältigte, konnte man ahnen, was gleich folgen würde: Laute, schräge, tanzbare und ultracoole Beats. Fehlte nur noch der Bart des Propheten. Scroobius Pip erschien nach den ersten paar Takten auf der Bühne und ratterte seine in schärfstem London-Englisch gehaltenen Wortkanonaden herunter als wolle er nie wieder irgendwen auf der Welt zu Wort kommen lassen. Dass er das mit einer Brillanz und Treffgenauigkeit tut, die ihn in eine Reihe mit Eminem und natürlich Mike Skinner stellt, ist bemerkenswert. Irre, genial und einfach nur umwerfend wird das Ganze in der Kombination mit Sac’s Beats, die mal stakkatohaft dahinwummern und mal als elektronischer Free Jazz den Kopf waschen. Dan Le Sac in actionWo genau der bärtige Genius jeweils seine Rhymes einsetzt, weiß wohl er nur allein. Gepasst hat es jedenfalls immer. Nicht nur der Dank Youtube allgegenwärtige 2.0-Smash-Hit “Thou shalt always kill” (ich sage nur: Thou shalt not judge a book by its cover, Thou shalt not judge lethal weapon by Danny Glover) schlug ein wie eine Predigtbombe, sondern vor allem der letzte Song “Letter From God”, der auf einem Remix des Radiohead-Songs “Planet Telex” basiert, verdeutlichte, wer in Sachen elektronischer Musik gerade die sehr tief hängenden Hosen anhat. Dem kulturellen Mega-Melting-Pop London ist in Sachen Innovation einfach nichts entgegenzusetzen. Toll, dass die PLUS-Macher ihren sonst fast ausschließlich deutschprachigen Künstlern dieses Highlight vor die Nase gesetzt haben.
Die Nacht endete mit den Auftritten von Stereo Total und Bonaparte, die ich leider nicht sehen konnte. Beteiligte berichteten am nächsten Tag von orgiatischen Szenen vor der Bühne. Kein Wunder, meine ich. Aber hey: Die sind auch nur ‘ne Band. Morgen mehr,
derfestivalreporter

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