> Alexander Otto
Prima Leben Und Stereo II – Silber ist so 2006
Überrascht war ich eigentlich nicht. Als ich am frühen Nachmittag am Gelände ankam, waren nur sporadisch Menschen zu sehen. Vereinzelt lagen sie in der Sonne, verkatert dösend. Bonaparte hatten ganze Arbeit geleistet, so viel stand fest. Wer würde heute die Massen zur Ekstase treiben, fragte ich mich. Da konnte ich noch nicht ahnen, dass es ein DJ-Team sein würde, dem das gelingen sollte.
Vakzine sind künstlich hergestellte Impfstoffe. Man hätte in der trägen Hitze des Tages aber eher einen Erreger benötigt. Daher war der Auftritt der jungen Band Vaccine auch zwiespältig zu betrachten. Eine sehr gute Band um den vielseitigen Sänger Jonathan, die mit ihren melancholischen, an Muse und Radiohead erinnernden, Verzeiflungshymnen im gleißenden Licht des Nachmittags ein wenig verloren wirkte. Das Potenzial des Quartetts ist beträchtlich, ich freue mich auf ein Clubkonzert spät in der Nacht oder auf einen späteren Slot beim nächsten PLUS. Die lustigen Kommando Elefant habe ich gegen einen super Liegeplatz am Seeufer eingetauscht. Sorry, aber diese Stunde Sonnenbad musste auch mal sein. Zumal die Sushi Rockets, die legendäre DJ-Crew bestehend aus Paul und Michi, den Nachmittag in fein abgehangene Elektropop-Nummern getaucht haben. Außerdem ist es immer wieder belebend, angetrunkenen Jugendlichen dabei zuzusehen, wie sie versuchen, eine Badeinsel zum Kentern zu bringen. Es ist ihnen nicht gelungen, aber sie hatten mächtig Spaß.
A propos Spaß. Die Münchner Presse hatte in der jüngsten Vergangenheit großen Spaß daran, Ex-Crash Tokiotin und Jetzt-UhOh-Sirene Nina ordentlich zu dissen.
Ein weiteres Beispiel dafür, dass es auch in der Landeshauptstadt notorische Nörgler gibt, die omnipräsenten Künstlern, wohl aus Neid, nur zu gerne ans Bein pissen. Kennt man ja aus unserer Stadt. Dabei kann man der, sagen wir: leuchtenden, Nina wirklich einiges vorwerfen: Sie ist laut, hyperaktiv, extrem mitteilungsbedürftig und eitel. Super! Es gibt keine bessere Voraussetzung für den Posten der Frontfrau einer Band, die es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, die Talking Heads mit Cyndi Lauper zu verheiraten und den Deichkinds dieser Welt mal zu zeigen, was eine Verkleidungs-Show ist. Ihren ersten Festival-Auftritt überhaupt spielte der bunte Fünfer furios. Tobi Helmlinger trommelte wie eine Maschine, Red beharkte die Keyboards und Nina zog sich wirklich bei jedem Song um.
Das mag als aufdringlich und exaltiert interpretiert werden, verfehlt hat es seine Wirkung nicht. Die Menge tanzte und tobte, schmiss sich noch Stunden später das Konfetti auf die Köpfe und war sichtlich froh über den bunt bemalten Spaßhaufen, der nebenbei mit “Planning to tell him” einen Song mit unwiderstehlichem Hitpotenzial aufzuweisen hat. Ach ja: Und ausgesprochen wird der Name AhOh. So wie in den Comics, kurz bevor der Hauptfigur ein Tresor auf den Kopf fällt.
Der fiel mir metaphorisch gesprochen bei Manuel Normal auf den Kopf. Der Österreicher ist ein herrlicher Unterhalter. Seine Ansagen und Zwischenrufe hatten Witz und Schmäh. Seine Musik jedoch nicht. FM4-Hit hin oder her, diese auf musikalischen Perfektions-Output getrimmte Band nervte tierisch mit ihrem Mangel an Selbstironie. Muskeln zeigen alleine haut niemanden um. Vor allem nicht in übertriebener Lautstärke. Die war bei den Gods Of Blitz zwar wiedererträglicher, ihre energetische, moderne Interpretation von Rockmusik wirkte allerdings etwas blutleer. Das mag an der Erkrankung des Sängers gelegen haben und daher wollen wir nicht zu sehr ins Detail gehen und direkt zur nächsten Band kommen, die DIE Enttäuschung des Wochenendes war.
Rückblick: 2006 stürmen zwei junge Kerle in Silberoveralls die Bühne des Nachts und zwirbeln mit ihrem Elektro-Mash-up der Masse ordentlich die Haare nach hinten. Die Mediengruppe Telekommander brauste wie ein Orkan über das Festival hinweg und hinterließ eine beseelte Ödnis der Verausgabung. Aus dem Orkan ist ein laues Lüftchen geworden. Die beiden Posterboys spielten mit Band (wie früher) und ohne diesen Verkleidungs-Firlefanz (wie früher) und vergaßen dabei, dass gerade ihre abstrakte Inszenierung, dieser Zwei-Mann-Armee-Furor, einen Großteil ihrer Wirkung bedingt hat. Nun standen dort zwei junge Männer in Shirts, Gitarre und Bass umgehängt, und brauchten nicht nur über eine Stunde zum Soundcheck, sondern eine gefühlte Ewigkeit um überhaupt warm zu werden. Keine Frage, ihre Hits sind nach wie vor treffend und mitsingbar, die Schärfe und Ätze, das Nervige und Aufregende ist allerdings wie weggeblasen. Da bleibt mir nur, erneut Scroobius Pip in den Zeugenstand zu rufen: Mediengruppe: Just a Band!
Die wahre Party fand in diesem Jahr am Ufer des Weihers statt. Die Sushi Rockets liefen zur Topform auf, luden DJ Tschesena (von Manuel Normal) auf ein Gast-Set ein und feuerten die johlende Menge so dermaßen an, dass nicht wenige Jungens und Mädels mangels Platz am Ufer nackt im See tanzten. Ein Bild, dass man nie vergessen wird. Und ein toller Abschluss eines erneut gelungenen Festivals, dem lediglich der richtig dicke Brocken am Samstag Abend gefehlt hat. Manchmal sind kleine Sushi-Häppchen einfach Gold wert.
Ich freue mich jetzt auf nächstes Jahr. Vielleicht mit Deichkind? Vielleicht wieder mit Frank Spilker? Auf jeden Fall wieder mit mir.
derfestivalreporter




